Wo bleibt die Zensur?
Der russische «Zeitschriftensaal» als literarischer Freiraum
Teil 4 siehe hier …
Ein zeitgenössisches – ein der Zeit gemässes – Originalgedicht aus dem jüngsten Heft der Petersburger Zeitschrift «Newa» (H. 4, 2023) will ich hier zumindest auszugsweise anführen als Beleg dafür, wie offen mit dichterischen Mitteln auf das gegenwärtige gesellschaftspolitische Malaise reagiert wird, also noch immer reagiert werden kann. Verfasser des Gedichts ist der namhafte Lyriker und Staatspreisträger Wladimir Rezepter, der neuerdings mit stark religiös imprägnierten, formal konventionellen Gedichten von sich reden macht. Die nachfolgenden (im russischen Original gereimten) Verse lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig; dass sie die Zensur unbeschadet passiert haben, ist ebenso erstaunlich wie ermutigend:
… Ja, lügen kommt nicht infrage. Ich werde alles offen sagen.
Du hast dich herabgelassen, lügst aus Gewohnheit.
Was aber wird aus dem, der lügt und lügt?..
Ist es bloss Schauspielerei oder umgekehrt –
menschliche Verkommenheit, Verderben, Tod?..
Ich bin es leid, dich so zu sehen.
Geh zum Spiegel: es lügen deine Lippen und Worte,
gestützt auf lügenhaftes Recht.
P.S. vom 24.11.2025
Sämtliche seit 2022 erschienene Materialien sind auf der Webseite nun rückwirkend gesperrt worden, und es gibt keinen Zugriff mehr auf aktuelle literarische und publizistische Periodica. Als Begründung dafür wird eingeblendet:
Das ist wohl nichts anderes als ein massiver Übergriff behördlicher Zensur: Russland verliert damit seine wichtigste (umfangreichste, vielseitigste) literarische Plattform.
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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