2017-12-04

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Nie ist mir, soweit ich mich erinnern kann, irgendetwas unheimlich vorgekommen. „Vorkommen“ meine ich hier im Verständnis von erscheinen. Zwar mochte ich, als Kind schon, Geistergeschichten, in solchen Geschichten fühlte ich mich, ohne jeden Schauder, heimisch. Wäre mir draussen in der Wirklichkeit ein Geist, ein Gespenst, ein Ungeheuer, ein Wiedergänger oder gar ein Engel erschienen − es wäre mir, dessen bin ich mir noch heute sicher, keineswegs unheimlich vorgekommen.
Denn nicht das Abnorme, Abweichende wirkte unheimlich auf mich, vielmehr, umgekehrt, das Gewöhnliche, das unversehens in besonderem Licht, in ungewohnter Perspektive sich zeigt. So, vor allem andern, der Mensch als unauffälliger Normalverbraucher, der Mensch „wie du und ich“.
Aus meiner Armeedienstzeit ist mir eine entsprechende Erscheinung im Gedächtnis geblieben. Als Sanitätssoldat hatte ich während einer Nachtübung zusammen mit einem halben Dutzend Kameraden auf einer Waldlichtung eine tiefe Grube auszuheben. Darin sollten Medikamente, Verbandmaterial, chirurgisches Besteck und ein schmaler Operationstisch untergebracht werden. Die Arbeiten fanden, bei nahezu vollem Mond, unter dem Kommando eines Feldarztes statt, der darauf bestand, es müsse alles genau so „supponiert“ werden wie im Ernstfall.
Alles musste von Hand − mit Spaten, Hacke, Schaufel − bewerkstelligt werden, da wir uns sonst, unweit hinter der Front, durch Motorenlärm verraten hätten, verraten an den „überall im Wald lauernden Feind“. Seit Stunden schon hatten wir uns in die schwierige Erde gegraben, als einer der Kameraden unwillkürlich aufschrie:
„Da!“
Ich sah mich sofort um, sah am Rand der vom Mond leicht erhellten Lichtung eine menschliche, wohl männliche Gestalt, aufrecht, reglos zwischen den Bäumen stehend − ein Mensch, also ein Feind. Wir erstarrten allesamt, hielten unsre Schreie zurück, fürchteten einen eigens simulierten Überfall, der wohl zu dem Nachtmanöver gehörte.
Aber nein! Der Horror dauerte nur zweieinhalb Sekunden, dann löste sich die Gestalt mit einer raschen eleganten Bewegung aus ihrer Starre − es war, auch auf Distanz sofort erkennbar, ein grosses Reh, das wir in der vagen Beleuchtung für den Feind gehalten hatten, mit seinem schmalen gereckten Kopf, den abfallenden Schultern, den leicht eingeknickten Beinen.
Hier hatte das Unheimliche konkrete Gestalt angenommen als ein Wesen, das tatsächlich der Feind hätte sein können, hätten wir’s nicht irrtümlich für einen Menschen gehalten.
Unheimlich, denke ich, wird es dort, wo etwas Nichtmenschliches sich als Mensch zu erkennen gibt, wo ein Mensch nur dem Anschein nach als solcher auftritt, in Wirklichkeit aber ein Tier ist, eine Vogelscheuche, ein Strauch, ein Wegweiser oder auch eine Maschine. Je mehr die interaktiven Roboter (in der Alltagswelt, in der Krankenoder Altenpflege, im militärischen Einsatz usf.) menschliche Statur und Physiognomie annehmen, desto unheimlicher ist ihre Anmutung.
Das Unheimliche erwächst also dort, wo eine bloss menschenähnliche Gestalt als ein tatsächlich menschliches Wesen verkannt wird; was wiederum bedeutet, dass es ein Unheimliches in Wirklichkeit nicht gibt. Von daher, vermute ich, meine Gleichgültigkeit angesichts von Spuk und Trug; und auch − doch das ist ein anderes Feld − mein totales Desinteresse an sogenannten Erscheinungen, Visionen, Wundern.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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