2018-06-14

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Bei perfektem Sommerwetter − moderate Wärme, leichte Brise, leicht verschleiertes Licht − verbringe ich einen Teil des Nachmittags auf meiner Liege am Rand der hochgewachsenen Magerwiese. Die Liege, ein zweiteiliges geflochtenes Möbel aus dem ehemaligen Sanatorium von Sainte-Croix, habe ich so aufgestellt, dass ich von ihr aus einen Grossteil des Parks überblicken kann. Der Blick, geführt von einer minimalen Kopfbewegung, reicht vom hüfthohen Gras an meiner Seite über die wogende, rot und violett gepunktete Wiese bis zum alten gemischten Baumbestand, der die Anlage zum Haus hin abschliesst. Unterschiedlich hohe … unterschiedlich füllige Laub- und Nadelbäume schmiegen sich ineinander, sie bieten sich in vielfältigem Grün dar, der leichte Wind mischt die von Hell bis Dunkel reichende Palette immer wieder neu auf … in ständig sich verändernder Zusammensetzung − ein bald kräftiges, bald kaum merkliches Wogen von Blatt- und Nadelgrün, von mattem und glänzendem Grün, von gross- und kleinräumiger Bewegung, von Hin und Her, Auf und Ab. Insgesamt ein Wirklichkeits-, ein Wahrnehmungsausschnitt, der lauter unwiederholbare Momente zu kurzfristiger Dauer vereint, ein Phänomen, dem mit wissenschaftlich-technischen Mitteln nicht beizukommen ist − es kann weder vermessen werden, noch lässt es sich vorausbestimmen oder nachträglich auf eine Formel zurückführen.
Was hier und jetzt vor mir habe und wie ich es wahrnehme, ist allein meine Sache, findet gewissermassen eigens für mich statt, ist aber auch immer schon vorbei, wenn es mir als sinnliche Wahrnehmung bewusst wird. Kommen nun, wie bei der Wiese, noch die Insekten dazu, die Schmetterlinge, Bienen, Mücken, die über und zwischen den im Bodenwind sich wiegenden Gräsern und Blumen in der Schwebe sind, so wird die schlichte Szenerie noch unfassbarer − es gibt keine Physik, keine Physiologie, kein irgendwie geartetes Messgerät, das diese Wiese in diesem Augenblick auch bloss annähernd zu erfassen vermöchte. So wie physikalisch-mathematische Strömungslehren auch nur − bestenfalls − „die Strömung“ als solche und „Strömungen im allgemeinen“ formelhaft fest-halten. − Das pulsierende Überströmen meiner Gartenquelle oder die wehenden Grünströme im bewegten Laub, die ich von Moment zu Moment in stets veränderter Form wahrnehme, sind keiner Lehre erreichbar, durch keine Lehre erklärbar, und da auch niemand sonst sie genau so wahrnimmt wie ich, finden sie eigentlich allein für mich statt, und zwar noch jedes Mal als Premiere!
Gilt aber nicht ein Gleiches auch für mich … für mich als Person? Zwar kann ich physisch und psychisch vermessen werden, man kann meinen körperlichen und geistigen Status (Grundumsatz, Blutdruck, Sehschärfe, IQ, Gedächtniskraft, Reaktionsfähigkeit usf.) feststellen, allenfalls erklären und ihn mit Bezugnahme auf die jeweils geltende gesundheitliche oder mentale Normalität verändern. Meine aktuelle Befindlichkeit insgesamt wird damit allerdings nicht erfasst, denn diese betrifft nur mich selbst, gilt allein für mich als Individuum, wird einzig von mir − unter Millionen anderer − hier und jetzt so erfahren.
Wissenschaftlich bin ich nur als „Typ“ oder als „Fall“ von Interesse, und nur als solcher kann ich annäherungsweise erfasst werden.
Der unverwechselbare, nicht substituierbare Einzelne, der ich bin, bleibt davon unberührt. Soll man das als beängstigend oder als befreiend empfinden?
Empfinden!

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Flöten

(Foeten in Öl flehten: Flöhe töten!)

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Gegengabe

0:00
0:00