Der rhetorische Auftakt so mancher Volks- und Kindermärchen war für mich einst gleichbedeutend mit „Vorhang auf!“ oder „Sesam öffne dich!“ und er verband sich immer auch mit der Kasperlefrage: „Seid ihr alle da?“ So etwas wie ein variabler Zauberspruch.
Dennoch war „Es war einmal…“ etwas anderes, Besonderes. Ich glaubte zwei unterschiedliche Lesarten darin zu erkennen. Die Formel hielt ja nicht bloss fest, dass „es“ einst (in der Vergangenheit) gewesen ist, sie konnte auch bedeuten, dass „es“ nur gerade einmal (also ein einziges Mal) irgendwann stattgefunden hat. Dass „es“ einerseits immer schon vergangen sein sollte, dass „es“ anderseits − je nach Betonung − absolut einmalig war, liess es für mich zum Faszinosum werden: Etwas doch eigentlich Verlorenes, nie wieder Auffindbares und nie zu Wiederholendes, zudem etwas Einzigartiges wenigstens in Worten noch einmal aufleben zu lassen − das war das lockende Versprechen. Und ist es nicht so, dass man dieses Versprechen für sich selbst wahrzumachen versucht, wenn man im Rückblick und in Rückbesinnung auf die eigene Vergangenheit zu berichten, zu bezeugen beginnt, was einmal „wahr“ gewesen ist; wie man gelebt, was man erfahren hat?
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Die frühesten Erinnerungen sind naturgemäss auch die ältesten, und gerade diese sind mir am präzisesten im Gedächtnis geblieben, während gleichzeitig ihr Zusammenhang, ihre Abfolge und auch ihre Bedeutung sich weitgehend verunklärt haben. Verunklärt, gleichzeitig wohl auch durchwirkt von späteren Träumen, erweitert durch bildhafte Assoziationen, durch Leseeindrücke usf.
Ich weiss nicht, ob man das solcherart verallgemeinern darf, ich kann nur sagen, dass es in meinem Fall so ist, so geworden ist; dass ich demzufolge meine Kindheit nicht in chronologischer Kontinuität rapportieren, sie lediglich punktuell − in zeitlich unverbundenen Episoden − vergegenwärtigen könnte.
Eine Autobiographie, Memoiren oder sonstige Selbsterlebensprosa zu schreiben, ist weder vom Stoff, noch von der literarischen Form her mein Interesse, schon gar nicht mein Projekt. Wozu … für wen denn nachschreiben, was man erlebt hat! Und dies im Wissen, dass Erlebtes (und speziell: Erlittenes) sprachlich ohnehin nicht adäquat zu fassen ist, also in jedem Fall, ob zum Positiven, ob zum Negativen hin, verfälscht wird. Auch das Eigenste entgeht der Verfremdung nicht.
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Wirklich „wahr“, wirklich „originell“ kann doch nur Erfundenes sein. Der Lebensgang des Odysseus, des Aeneas, des Ritters von der Traurigen Gestalt wird, als literarische Fiktion, der „Wirklichkeit“ des Lebens eher gerecht als dessen dokumentarische Aufarbeitung. Im Fremden, Andern kommt Eigenes oftmals authentischer zur Erscheinung.
Wenn ich aber, statt mein Leben mit all seinen Verästelungen und Gegenläufigkeiten erzählerisch in die Linearität zu zwingen, sondierend vorgehe und mich − eher nach Zufall denn nach Chronologie − auf einzelne Momente, Impressionen, Aha!-Effekte konzentriere, gelingt es vielleicht besser, Selbsterlebtes sprachlich (nicht unbedingt literarisch) auf den Punkt zu bringen. Minuten, Sekunden intensiver sinnlicher Wahrnehmung, auf solche Weise möglichst präzis gefasst, können eine Person, ein Leben, gar eine Epoche glaubwürdiger vergegenwärtigen als jede episch angelegte Panoramafahrt.
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„Es war einmal…“ bedeutet mithin in Bezug auf das eigene Leben nichts anderes als „ich erinnere mich“ (Erinnerung hier und jetzt an einstmals dort). Dabei schwindet die Dringlichkeit, mit der im Märchen das Gewesene in seiner Totalität, seiner Einzigartigkeit und selbst in seiner Bedeutung behauptet wird. Im Unterschied dazu bleibt das, woran allein „ich“ in einer bestimmten Situation mich erinnern kann, ganz und gar subjektiv, unverbindlich, ohne freilich deshalb uninteressant zu sein: Auch wenn derartige Erinnerungsmomente mehrheitlich nicht dokumentiert werden können, sind sie als Lebenszeugnisse, obwohl verfremdet und fragmentiert, verlässlicher als alte Photoalben oder nachträgliche Aussagen Dritter.
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Ein paar solch subjektiver Momentaufnahmen, die sich bei mir zu bleibenden Momenten verdichtet haben und die ich jederzeit abrufen kann, halte ich hier und späterhin als private Endnoten − Infantilia − in zufälliger Unordnung fest, ohne Rücksicht also auf den kalendarischen Verlauf meiner Vita.
Doch wie weit zurück kann ich mich denn überhaupt erinnern? Ich weiss ja nicht einmal, welche meiner vielen Kindheitserinnerungen die erste, ursprünglichste ist!
Es muss wohl eine Erinnerung an meine Mutter sein, eine Erinnerung aus der späten Kriegszeit, in die hinein ich im Luftschutzkeller des Basler Frauenspitals geboren wurde … geboren worden sein soll unterm Gewummer deutscher Bomber, unterm Wimmern all der werdenden Mütter.
Ich muss … ich dürfte ungefähr drei Jahre alt gewesen sein, längst gewöhnt an die ständige Nähe der Mutter, die ständige, kriegsbedingte Abwesenheit des Vaters, als ich die Aussenwelt entdeckte … als ich entdeckte, dass es um mich herum und mir gegenüber etwas gab, das anders war, das etwas anderes war als meine Mutter, etwas Fremdes, wenn auch immer und überall Gegenwärtiges, das nicht auf mich zukam, nicht von mir wegging, das einfach als meine Umgebung da war, fraglos gegeben − „die Welt“, „meine Welt“, für die ich erst viel später den sprachlichen Ausdruck fand.
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Jene fremde, vorbegriffliche Welt stand lange Zeit unbemerkt als klotziger Kasten in der Küche auf einem Abstelltisch, bis sie mich einst, als ich vom Teller aufsah, mit einem grossen grünen Auge eindringlich anblickte, so eindringlich, dass ich mich von ihr betrachtet fühlte, obwohl ich damals natürlich auch dafür noch nicht das entsprechende Wort hatte.
Da war also einerseits dieser grün glühende Blick, der mich freundlich fixierte, und anderseits war da, gleichzeitig, immer auch eine fremde Stimme oder eine ferne Musik, die ich sehen konnte … die ich zu sehen glaubte in Form des vor den Kasten gespannten, leicht schwingenden, leicht bebenden beigebraunen Stoffs. − Es dauerte noch eine Weile, bis ich begriff, was es mit dem einäugigen vibrierenden Gerät auf sich hatte; bis ich begriff, dass es sich um einen Radioapparat handelte, der wie damals üblich sein grünes Auge (konkret: eine Leuchtröhre, die die optimale Sendereinstellung bestätigte) aufscheinen liess, sobald er eingeschaltet wurde: Allmählich wurde das Grünlicht heller, bei der Sendersuche flackerte es, nach dem Ausschalten verglomm es ganz langsam. Mehr als das Gerät selbst beeindruckten mich zu Beginn dessen ruhiger intensiver Blick und seine Fähigkeit, mit verschiedenen Stimmen zu reden oder gar Melodien hervorzubringen. Der Radioempfänger war, magisch aufgeladen, meine erste Blackbox.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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