Terminal

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Gegengabe“

In Gesellschaft vieler mir unbekannter Leute bereite ich mich auf eine Reise (oder die Auswanderung?) in ein fernes, schwer erreichbares Land vor; überall in der Runde wird gepackt, geräumt, disponiert – man trennt Notwendiges von Entbehrlichem; ich nehme die Sache mit der Ruhe, lege Kleider und Schuhwerk zusammen, bündle gebrauchte und neue Notizhefte mit einem fleischfarbnen Gummiband; zwischen Hosen und Jacken häuft sich allmählich doch auch nutzloser Kram an; im Hotel, wo wir alle untergebracht sind, reinige ich das Schuhpaar, das ich auf der Reise tragen will, statt der Bürste bekomme ich aber ein scharfes Messer in die Hand; ich versuche, den Dreck von den Schuhen zu kratzen, wobei ich das dunkelgrüne Wildleder zerschneide und die Schuhe also unbrauchbar mache; begebe mich zurück in die Halle zu den übrigen Ausreisewilligen; da sitzt nun auch Omri Ronen, der seine Tochter zum Terminal begleiten will, er hält mehrere A4-Blätter einer Handschrift von Hitler dicht vorm Gesicht, über seine Schulter kann ich erkennen, dass Napoleon statt i-Punkten jedesmal ein kleines, aber schwungvoll gezeichnetes rotes Herz gesetzt hat; plötzlich wird klar, dass wir zeitlich schon sehr knapp dran sind und sofort zum Flughafen aufbrechen müssen; ich habe noch nicht mal alles gepackt, habe noch keinen Koffer für meinen Kleiderhaufen, in den ich auch ein paar Dutzend Blätter Schreibpapier und Xeroxkopien gesteckt habe; wir brechen auf, draussen Schnee, wir benutzen schwere Militärfahrräder; das Gepäck hat man schon weggebracht, wir treffen um ein Weniges zu spät am Flughafen ein, der Jumbo hat bereits abgehoben, wir erkundigen uns nach dem nächsten Flug; Omri liest weiter in den Schriften Hitlers oder auch Napoleons, und ich frage mich, wo nun das neue Leben beginnen soll; wir radeln im Schneegestöber in die Stadt zurück, es ist spät in der Nacht; die erste Chance, ruft mir Omri lachend zu, haben wir verpasst; die letzte auch, denke ich noch, während mein Vorderrad in die Strassenbahnschiene rutscht und sich verklemmt und der Flug ins Ungewisse endlich, jetzt, beginnt.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

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purer Tran für Indianer. – Ruth und Rita und Renate! rennt er? rate! turnt er an der Tanne? ritt er Putte? nur die Tante retten! ruht der Penner? nippt er an der Rippe?

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

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