Ich hab immer gern vom Bettrand her oder über den Tisch vorgelesen, immer ungern, anderseits, bei öffentlichen Auftritten.
Nicht nur, dass die Ritualisierung literarischer Lesungen (mit stereotyper Einführung, geprobter Rezitation, kopflosem Applaus, gelenkter Diskussion, Stehapéritif mit Billigwein und Billigkonfekt) mich stört, störend − unangemessen − finde ich auch meine Position als Autor, der sich dem Publikum gegenüberstellt, sich ihm entgegenstellt, um möglichst fehlerfrei vorzutragen, was er selbst geschrieben hat und was ihn, in vielen Fällen, überhaupt nicht mehr interessiert.
Ich bedaure derweil Kollegen, die aus Honorargründen Lesereisen absolvieren müssen und oft wochenlang unterwegs sind. Für mich ganz und gar unvorstellbar, unzumutbar: Zu wiederholten Malen eigene Texte vom Blatt zu lesen und sich dafür auch noch beklatschen lassen müssen. − Etwas besser komme ich mit der Situation zurecht, seitdem ich mich auf Lesungen bewusst nicht mehr vorbereite, nur einfach zwei, drei Bücher einpacke, die ich erst auf dem Notenständer oder am Stehpult mal da, mal dort aufschlage, um sofort mit der Lektüre zu beginnen.
Da bin ich dann nicht selten überrascht von dem, was mich in meinen eigenen Texten erwartet, muss mich deshalb ernsthaft darauf konzentrieren, beim Lesen immer gleich um ein paar Wörter vorauseilen, um mir den anstehenden Satz vorstellen zu können, was wohl insgesamt, so vermute ich, den Eindruck aufkommen lässt, der Text entstehe überhaupt erst beim Vorlesen. In dieser Situation nimmt sich die Lesung für das Publikum vermutlich wie eine Suchbewegung aus − statt den fertigen Text freudlos, vielleicht angestrengt unterhaltsam, bestenfalls mit kumpelhafter Intonation zu rezitieren, stelle ich ihn, gleichsam, noch einmal her. (Darauf hat mich, vor Zeiten − mir selbst war’s nicht bewusst − Heinz Schafroth aufmerksam gemacht.)
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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