Provinzielle Nachbarschaften (II) 

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Die Tochter des Gemeindepfarrers − in der hiesigen Klosterkirche wird protestantisch gepredigt − gehört zu den raren Poliopatienten, die es heute noch gibt. Die Jugendkrankheit hat sie schwer gezeichnet; inkorrekt, aber zutreffend müsste man sie als Krüppel bezeichnen. Was zuerst an ihr auffällt, sind allerdings die grossen, strahlenden, stets sorgfältig geschminkten veilchenblauen Augen, die sie auf ihr Gegenüber richtet, gleichgültig, ob es sich dabei um einen zufälligen Passanten wie mich handelt oder … oder um einen Hund, einen Baum, einen Wolkenzug.
Soviel Schönheit, verschwendet an alle; verschwendet ins All.
Die nun schon erwachsene Frau ist auf der Strasse nur ganz selten anzutreffen. Neulich sah ich sie auf dem steilen Weg zur Post, ging langsam hinter ihr her und war, wie noch jedesmal, verblüfft von der ungewöhnlichen Behendigkeit, ja Eleganz, mit der sie ihren versehrten Körper gegen die Schwerkraft fortbewegte.
Die vielfältigen Verformungen und Verwachsungen zwingen sie zu schlenkernden, weit ausholenden Bewegungen, ihr leichter Gang gleicht einem unangestrengten Flattern, es ist ein Gehen, gleichsam, im Hocken, sieht aus, als bewegte sie sich ein paar Zentimeter über dem Kopfsteinpflaster. Von daher, womöglich, der Anschein des Engelhaften trotz schlimmer Invalidität.
Denn bei jedem Schritt schnellt ihr rechtes Knie waagrecht nach aussen, fast gleichzeitig zieht sie das schlaffe linke Bein nach, und um das Gleichgewicht zu wahren, wirft sie einen ihrer Arme (der andre ist lahm geblieben) wie eine Tänzerin locker in die Luft, lässt ihn aber sofort wieder auf ihre tiefsitzenden Hüften fallen. Den Kopf hält sie dabei unverwandt aufrecht, der Blick bleibt nach vorn gerichtet.
Géraldine S. dürfte Anfang Zwanzig sein. Fast jeden Tag fährt sie mit ihrem eigens umgebauten und für sie ausgerüsteten Smartmobil zur Technischen Hochschule in Lausanne, wo sie seit zweieinhalb Jahren studiert. Im dortigen Departement für künstliche Intelligenz und Robotik hat sie vor kurzem, ausgestattet mit lauter Bestnoten, ihre Arbeit als Forschungsassistentin aufgenommen.
Soviel Schönheit, soviel Gelingen bei soviel Abweichung vom prekären Glück aller Normalität!

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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