Pferdeleben

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Vom Dorfrand erstreckt sich, unmittelbar an den Friedhof anschliessend, eine weitläufige Wiesenfläche westwärts. Aus dieser Fläche ist eine Pferdeweide in der Grösse eines halben Fussballfelds mit weissen Plastikbändern ausgegrenzt. Zwei hagere, blassbraun gefleckte Schimmelstuten stehen seit Jahren, wer weiss wozu und für wen, auf dem zertrampelten Gelände herum. Als Unterstand dient ihnen eine angerostete Wellblechbaracke, an deren Ecken je ein Fresssack mit sprödem Heu angebracht ist.
Ich komme hier auf meinen Waldgängen häufig vorbei, bleibe jedesmal kurz stehen, sehe vom Weg hinüber zum Weideplatz, wo die beiden Pferde zu allen Jahreszeiten mit gesenkter Schnauze, gesenktem Schwanz, reglosen Flanken und gespitzten Ohren auf der fast kahlen Erde zugange sind. Sobald ich in der Ferne anhalte, heben sie die schweren Köpfe, wenden sich mir sehr allmählich zu, schauen aus eingefallenen Augenhöhlen eine Weile herüber, um sich dann erneut der Erde zuzuwenden.
Was ist das für eine Existenz? Worin besteht sie für diese Tiere? Was fühlen sie ausser der Schwerkraft, der Hitze, der Helligkeit, ihrem Hunger und ihrer Langeweile?
Und ich?
Als was, als wen nehmen sie mich wahr? Wieso überhaupt heben sie ihre Häupter, wenn ich am Waldrand erscheine? Furcht, Neugier, Interesse?
Als schön … als anrührend schön empfinde ich den Anblick der unschönen Stuten noch jedesmal – sie beschweren, genau so wie ich, die Erde, müssen sich aber nichts erklären und nichts beweisen, stehen einfach da, zupfen da und dort ein paar Gräser aus dem matschigen Grund oder stachliges Heu aus einem der Säcke. Dass sie keine Fragen, schon gar keine Antworten haben, ist für sie kein Defizit – sie sind so sehr sie selbst, dass sie keinerlei Erwartung, keine Hoffnung und kein bisschen Hoffnung haben müssen.
Das schwindende Bedürfnis, nach aussen zu treten, hat vermutlich auch damit zu tun, dass ich mich mit der Unergiebigkeit meiner Machenschaften allmählich abfinde und mir sage, dass ich die rasch knapper werdende Restzeit lieber in meiner Bibliothek und in meinem Wald verbringe, lieber lesend und reflektierend als schuftend und publizierend.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Kobold

Bock tobt und tollt, lockt mit Lob und Gold.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Gegengabe

0:00
0:00