Erst als Toter (Gestorbener) werde ich wirklich verschieden sein; einer von endlos Vielen und doch ganz anders als sie alle.
Wieso, wozu denn aber, seit jeher, die stereotypen Rituale und Vorstellungen zum Tod als Ereignis! Wozu die Totenwachen, Totenklagen, Abdankungen, Leichenmahle, Nekrologe?
Und später dann die Todestage, zu Jubiläen aufgewertet; Wiederbelebungsversuche.
Das Grabmal, der Friedhof − noch immer werden diese Stätten hochgehalten. Die Stele, der aufrechte Stein − das Ragen in eitlem und trotzigem Gegenzug zum Liegen (Bestattung) der Toten.
Keiner will verschwunden und vergessen sein, auch nicht wer an ein jenseitiges Fortleben glaubt.
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(Niemand wird mir einst nachtrauern, viele, die meisten werden erleichtert, womöglich froh sein im Fall meines Verscheidens; was aber nicht allein mich betrifft [wie denn!], da jeder Überlebende, auch wenn er den Tod des andern noch so sehr betrauert und beklagt, sich in seiner Vertikalität als Sieger fühlt − eine Art von Schadenfreude, ein weithin unterschätztes schäbiges Gefühl.
Nach aussen die korrekte Klage, innerlich das gemeine Kichern.
Die hohe Ritualisierung von Totenfeiern und Ahnenkulten hat wohl nicht zuletzt die Funktion, diese offenkundig ganz natürliche, völlig menschliche Niedertracht zu verschleiern, das stets drohende Kichern vorab durch die Stereotypie des Klagens und Trauerns zu verschleiern.)
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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