Lyrik gegen Fresspakete
Gottfried Benns Comeback im Nachkrieg
Teil 5 siehe hier …
Gottfried Benns «Statische Gedichte» erschienen im Frühjahr 1948 beim Arche Verlag in Zürich und ein Jahr danach (um zwei Texte erweitert) als Lizenzausgabe beim Limes Verlag in Wiesbaden, der damit auch die weitere Betreuung des Autors sowie die Publikation neuer Einzelwerke übernahm. – Die in konventionellem Design sorgsam gestaltete Broschüre enthält auf 80 Seiten 44 Gedichte (darunter acht Nachdrucke aus dem Jahr 1936) in der vom Autor festgelegten Abfolge. Die Erstauflage erschien in 3’000 Exemplaren, die Lizenzausgabe in 2’000 Exemplaren; bis 1968 (8. Auflage) wurden 17’000 Exemplare verkauft – die «Statischen Gedichte» waren nicht nur zu einem weithin gefragten Geschenkbuch geworden, sondern auch zum Gegenstand der universitären Benn-Forschung.
Der Autor selbst ist mit diesem schmalen Lyrikband nach langer Absenz ein zweites Mal in den Literaturbetrieb eingetreten; er wurde dafür, allen politischen Vorbehalten zum Trotz, vielfach gefeiert und nun auch international respektvoll wahrgenommen. Mit den «Statischen Gedichten» und weiteren, bis zu seinem Tod (1956) in rascher Folge publizierten Werken konnte sich Gottfried Benn endlich als freier Autor behaupten und seine Berliner Arztpraxis definitiv aufgeben (1953). In seinen letzten Lebensjahren avancierte er, zunehmend gequält von Krankheit, Depressionen und Altersbeschwerden, zu einem einflussreichen Dichtungstheoretiker («Essays», 1951; «Probleme der Lyrik», 1951; «Altern als Problem für Künstler», 1954) und bestätigte nach wie vor seine Formstärke als Lyriker («Destillationen», 1953; «Aprèslude», 1955).
Doch nie ist Benn in seiner Nachkriegsdichtung explizit auf die grossen Themen und Forderungen der seinerzeitigen – zeitbedingten – deutschen Literatur eingegangen. «Kann keine Trauer sein» – so hat er ein Gedicht aus seinem Todesjahr betitelt; darin die Zeilen: «… alles Gerümpel jetzt oder garnicht mehr vorhanden, | unbestimmbar, wesenlos | im schmerzlos-ewigen Zerfall.» – Die generelle Klage über Verluste, Zerstörung, Unrecht, Schuld unter dem NS-Regime war seine Sache nicht, auch nicht die literarische Aufarbeitung und Bewältigung eigener Irrungen oder Verstrickungen, schon gar nicht die Mahnung vor einer möglichen Wiederkehr der deutschen und der globalen Katastrophe. Denn für ihn war die Welt- und Menschheitskatastophe permanente Realität; Niedergang und Untergang empfand er als einen durchaus normalen Prozess, so unaufhaltsam wie gewaltig; Nachspiel zu einstiger Grösse und Pracht, prächtig und gross auch im Scheitern; Jammer und Jubel zugleich: «Sonnabendrosenstunde».
Zu pathetisch? Rilkes Pathos hallt in den «Statischen Gedichten» nach, Celans, auch Bachmanns und Meisters Pathos kündigt sich in ihnen an; Verse wie diese (aus «Abschied», 1941) stehen dafür:
Ein letzter Tag –: spätglühend, weite Räume,
ein Wasser führt dich zu entrücktem Ziel,
ein hohes Licht umströmt die alten Bäume
und schafft im Schatten sich ein Widerspiel,
von Früchten nichts, aus Ähren keine Krone
und auch nach Ernten hat er nicht gefragt –,
er spielt sein Spiel, und fühlt sein Licht und ohne
Erinnern nieder – alles ist gesagt.
Dennoch kam Benn ein Jahrzehnt danach (in «Doppelleben») erneut auf diesen «letzten Tag» zurück mit dem definitiven Verdikt: «Der bisherige Mensch ist zu Ende, Biologie, Soziologie, Familie, Theologie, alles verfallen und ausgelaugt, alles Prothesenträger.» Das liest sich wie ein Vorspruch zu den aktuellen Endzeit- und Untergangsdebatten.
© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten







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