…
Als ich Trakls Erscheinung zum ersten Mal wahrnahm, im photographischen Abbild, Erinnerungspose, den walzigen Körper leicht vorgeneigt, eine Strickmütze schief über dem rechten Ohr, und verbindliches Lächeln neben seinen Begleitern, erschrak ich auf eine unglaubliche Weise: nicht zuerst, daß es diese Gestalt war, sondern überhaupt eine, überhaupt eine Leibhaftigkeit. – Dann auch, daß es diese war. – du sollst dir kein Bild machen; ich hatte keines, nur seine Gedichte, und die blieben im Wechsel fast zweier Jahrzehnte Offenbarungen einer Feuergottheit: niederfahrende Flamme in Finsternissen; lodernder Dornbusch; Föhn und Fackel; düsterer Glanz aus Höllentiefen; mitunter die Milde von Abendröten, und noch unter den Krusten des Verdrängens die weiterschwelende Glut einer Lava, die unvermutet in Bruchstellen droht.
Ich brauchte kein Bild, und ich wehrte es, da es mir aufgedrängt wurde, wie übrigens auch biographische Einzelheiten, so lange ab, bis ich schmerzhaft zu begreifen begann, daß ein Dichter auch ein Mensch ist, und nicht nur ein Mund.
Diese Erkenntnis, die mir übrigens noch nicht lange zuteil ist, fordert eine Summe von Erfahrung, und eben von ihr möchte ich erzählen.
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Vorbemerkung
Am Anfang dieser zweihundert Seiten stand ein Auftrag des Verlags Philipp Reclam jun. zu Leipzig; er trug mir, nachdem ich schon vor Jahren für ihn eine Auswahl der Dichtungen Georg Trakls besorgt, nunmehr deren Gesamtherausgabe an, und zu so einem Unterfangen gehört ja bei uns unabdingbar ein Nachwort. Ich willigte ein und dachte an zwanzig, der Verlag an vierzig Seiten; es wuchs sich aus. Dem Einwand des überraschten Verlegers, daß ein Nachwort von zweihundert Seiten in keinem recht glücklichen Verhältnis zu den achtzig Seiten des Dichtungstextes stehe, konnte ich mich nicht verschließen, und so einigten wir uns auf Auszüge.
Daß der gekürzten Fassung des indes ja gedruckten Nachworts baldmöglichst die unverkürzte folge, stand für mich dabei außer Zweifel. Da ist sie nun, doch nun fehlt ihr wieder ihr ursprünglicher Bezug und Ort, und ich habe nicht mehr die Kraft gefunden, den Charakter des Nachworts zu tilgen: Diese zweihundert Seiten umzuschreiben hätte bedeutet, sie neu zu schreiben, und dazu war ich zu erschöpft.
So möge denn der freundliche Leser vor allem die nunmehr befremdliche Apostrophierung als „Leser“ in Kauf nehmen: „Der Leser wird…“ – „Der Leser hat sicher…“ – „Dem Leser wird nicht entgangen sein…“ – es ist damit der Leser Trakls gemeint. So mache er aus meiner Not seine Tugend und lese tatsächlich das Werk Trakls, zumindest jene der Gedichte, auf die mein Bericht immer wieder zurückgreift.
Franz Fühmann, Vorwort
Menschheit vor Feuerschlünden
aufgestellt…
Das Werk des frühexpressionistischen österreichischen Lyrikers Georg Trakl (1887–1914) war im Mai 1945 wie ein Feuerstrom in Franz Fühmanns Bewußtsein getreten: ein zufällig erworbener Gedichtband; das letzte Gespräch mit dem Vater, der Trakl kurz vor dessen tragischem Ende begegnet war, ohne von Größe und Not dieses Dichtung gewordenen unlebbaren Lebens etwas zu ahnen; der Aufbruch des jungen Soldaten, der schon Gedichte schrieb, ins Ende des zweiten Weltkriegs, in Kriegsgefangenschaft und Neubeginn vorm Höllenlicht der Öfen von Auschwitz, vor dem sich Fühmanns radikaler Bruch mit allem vergangenen vollzog. – Doch die Flammengestalt Traklscher Dichtung wirkte weiter, wenn auch lange Zeit nicht wahrgenommen oder gar zurückgedrängt, und so wurde erst ein Auftrag zur Herausgabe und Kommentierung von Trakls Gesamtwerk zum Anlaß, dieses Wirken bewußt zu machen und mitzuteilen – als Erfahrung mit Dichtung, in der sich nun freilich ein Leben rundet, mit allen Widersprüchen und Brüchen. Statt des geplanten Nachworts entstand in mehrjähriger Arbeit ein faszinierender Text ganz eigener Gestalt (am vorgegebenen Ort nur als Torso zu veröffentlichen): ein weitausgreifender autobiographischer Essay, in dem Franz Fühmann die ästhetische Summe aller seiner bisherigen Bemühungen zieht, Wesen und Wirkung von Dichtung zu bestimmen und erlebbar zu machen, über die genaueste Interpretation ausgewählter Gedichte Trakls wie über die Darstellung dessen, was ihm mit diesen Versen geschah. Auf dem spannungsreichen Wechsel von erzählenden und von erörternden Passagen, die Wege zur Gewinnung eines Gedichts zeigen wollen, ohne je Anspruch auf ausschließliche Gültigkeit zu erheben, beruht nicht zuletzt die Ausstrahlungskraft des Essays; auch abgelöst vom Werk Trakls vermag er so dem noch ungeübten Leser von Gedichten den Zugang zu jener modernen Lyrik (oder Lyrik der Moderne) zu erleichtern, die sich herkömmlichem Verstehen-Wollen entzieht.
„Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht“ ist aber vor allem ein Buch Fühmanns über Fühmann, ein Buch der Selbstfindung, des Nachdenkens über Wandlungen, an dessen Ende die Erkenntnis steht: „Ich hatte das Werden eines Menschen bislang als ein Nacheinander, wenn auch in seiner Entfaltung gesehen; nun… begriff ich, daß dies Werden auch ein zugleich ist: Du verlierst nichts von dem, was du einmal warst, und bist gewesen, was du erst wirst.“
Hinstorff Verlag, Klappentext, 1982
Gedanken zu Fühmanns Trakl-Essay
Drei Schichten erkennen wir in diesem großen Essay: die Interpretation der Traklschen Dichtung, die Reflexion über das Wesen der Kunst und die Darstellung von Fühmanns ganz persönlichem Verhältnis zu dem expressionistischen Lyriker, die zugleich eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Entwicklungsgang ist. Die drei Schichten sind nicht analytisch voneinander geschieden, sondern durchdringen einander ständig und bilden ein höchst kunstvolles Ganzes, das wiederum in enger Beziehung zu anderen theoretischen, epischen und autobiographischen Werken des Autors steht. Wenn der Essay auch nicht gerade (wie der Klappentext bemerkt) als „ästhetische Summe aller seiner bisherigen Bemühungen“ anzusehen ist – das Spektrum der Fühmannschen Überlegungen ist breiter, als daß es an Hand eines einzigen modernen Dichters zusammengefaßt werden könnte –, so doch als ein Dokument, das, entstanden am Übergang von den 70er zu den 80er Jahren und am Ende des sechsten Lebensjahrzehnts des Autors, auf gültige und charakteristische Weise Themen und Motive früherer Werke aufnimmt, geschichtliche Entscheidungen an den Erfahrungen der Gegenwart überprüft und zum Schaffen in einem neuen Jahrzehnt überleitet.
Der Essay ist zunächst einmal ein gewichtiger Beitrag zum Verständnis Georg Trakls. Der österreichische Lyriker, der zu seinen Lebzeiten (1887–1914) nur von wenigen geschätzt wurde – darunter allerdings, und dies wiegt vieles auf, von Karl Kraus! –, ist inzwischen längst in seiner dichterischen und literaturgeschichtlichen Bedeutung erkannt worden. Es gibt eine historisch-kritische Ausgabe, eine Schriftenreihe „Trakl-Studien“ und monographische Spezialuntersuchungen (bis hin zu Indices, Konkordanzen und einem Handbuch in der Sammlung Metzler). Dennoch ist er in unserem Lande noch nicht so bekannt, wie es seinem Range entspricht, und Fühmanns Beschäftigung mit Georg Trakl dient nicht unwesentlich dazu, uns mit dessen Werk vertraut zu machen und es behutsam zu würdigen. Nachdem er bereits im Jahre 1975 eine Auswahl von Gedichten in Reclams Universal-Bibliothek vorgelegt hatte, zu der Stephan Hermlin das Nachwort schrieb, gab er 1981, abermals im Reclam-Verlag, eine umfangreiche Ausgabe Gedichte. Dramenfragmente. Briefe heraus. Ihr Nachwort, das auf zwanzig bis vierzig Seiten geplant war, hat sich allerdings – analog der Entstehungsgeschichte des Prometheus-Romans – auf über zweihundert Seiten ausgeweitet und ist folglich als eigenständiges Buch erschienen. Für die Ausgabe wurde eine Kurzfassung unter dem Titel Gedanken zu Georg Trakls Gedicht hergestellt, in der die Aufgabe, an den Dichter heranzuführen, den Vorrang gegenüber den anderen Aspekten des Gesamt-Essays hat.
Das Leben Georg Trakls, wie es aus Briefen und aus Erinnerungen von Bekannten erschlossen worden ist, wird von Fühmann in eindrucksvoller, oft stichpunktartig verknappter Erzählung als ein „nicht lebbares Leben“ in den Jahren vor 1914 und in den ersten Monaten des Krieges beschrieben. Demütigend und banal verlief es, abhängig von Drogen und Alkohol, von ständigem beruflichem Mißerfolg und Unbeholfenheit in fast allen Belangen des Daseins geprägt, bis der Dichter ihm, die barbarischen Anforderungen des Krieges nicht länger ertragend, selbst ein Ende setzte. Dieses Leben aber, das dem „gesunden Menschenverstand“ nichts als ein Gegenstand des Spottes war, ist nicht einfach mit Scheitern gleichzustellen, sondern war der Preis für eine Dichtung, die zu einer Zeit, als die bürgerliche Welt sich noch heil und sicher fühlte und der deutsche Kaiser eine herrliche Zukunft versprach, von der Brüchigkeit dieser Ordnung wußte und ihr in düsteren Metaphern Ausdruck gab. („Herbst“ und „Abend“ sind bevorzugte Worte.) „Offenbarungen einer Feuergottheit: niederfahrende Flamme in Finsternissen; lodernder Dornbusch; Föhn und Fackel; düsterer Glanz aus Höllentiefen; mitunter die Milde von Abendröten, und noch unter den Krusten des Verdrängens die weiterschwelende Glut einer Lava, die unvermutet in Bruchstellen droht“ – so charakterisiert Fühmann die Traklschen Gedichte, die er im Grunde als ein einziges, sich ständig variierendes Gedicht empfindet. Er kann deshalb auf die Interpretation einer Vielzahl von Werken bewußt verzichten und sich auf die intensive Beschäftigung vor allem mit den folgenden fünf Gedichten beschränken, aus denen einzelne Verse für den Essay geradezu leitmotivische Funktionen haben: „Untergang“ („Unter Dornenbogen / O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht“), „Psalm“ – ein Werk, das, entgegen den alttestamentlichen Vorbildern, dem Allgemeinbewußtsein seiner Zeit nicht ent-, sondern widersprach –, das für die Auseinandersetzung mit der Dekadenzproblematik paradigmatische Sonett „Verfall“, „Menschheit“ (diesem Gedicht ist der Titel des Buches entnommen: Menschheit vor Feuerschlünden aufgestellt) und schließlich die nach einer Schlacht des ersten Weltkrieges benannte, Analogien zu Karl Kraus’ monumentalem Drama Die letzten Tage der Menschheit aufweisende Endzeit-Dichtung „Grodek“ mit dem bitteren Vers:
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung
Bei der Interpretation dieser Gedichte läßt Fühmann nicht nur die Bindung des österreichischen Lyrikers an die salzburgische Landschaft und an geistige Traditionen seiner Heimat, sondern auch – ähnlich wie Georg Maurer in seinen Essays aus den fünfziger und sechziger Jahren und ganz und gar im Unterschied zu dem unbewußt schaffenden Trakl als ein poeta doctus höchsten Grades – vielfältige weltliterarische Beziehungen deutlich werden: Anklänge an biblisches und antikes Gedankengut, die Rezeption Arthur Rimbauds und die Wirkung auf Vítězslav Nezval.
Die Traklsche Dichtung dient Fühmann zugleich zum Nachdenken über das Wesen der Kunst, namentlich der Poesie, überhaupt. Wie bereits in dem Essay „Das mythische Element in der Literatur“ geht es ihm zunächst um die Unterscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft, für die er geradezu „zwei in den Grundelementen gleichlautende und dennoch, wesensverschiedene Sprachen“ annimmt. Während etwa die Adjektive „rot“ und „gelb“ in der Wissenschaftssprache als eindeutige „Wörter“, nämlich als Namen für die Netzhauteindrücke bestimmter elektromagnetischer Wellen, angesehen werden könnten, seien sie in der Sprache der Dichtung „ambivalente, trotz jeweils klarer Begriffsbestimmung nie ausschöpfbare Worte“:
„rot“ – das ist der Name für den Netzhauteindruck einer Frequenz von 4 x 1014 Hertz; und „rot“ sagt eine Einheit von Leben und Tod.
Das dichterische Wort ist für Fühmann dialektisch par excellence, ist nicht anders als eine Einheit von Gegensätzen zu fassen:
Keinem, der sich mit Trakl beschäftigt, kann dessen Vorliebe für Farben entgehen, und mancher Interpret verweist dabei auf den Umstand, daß die Farben bei Trakl Empfindungen gegensätzlicher Art ausdrücken wie erzeugen: Weiß ist die Farbe des Schnees, aber auch die des Verschimmelns, Gelb die des Goldhaften, aber auch des Kotigen, Grün ist das Mailaub, aber auch die Verwesung, und „grün“ sagt also Hoffnung wie Angst.
Aus diesem dialektischen Charakter des dichterischen Wortes, der seinerseits wieder in der „widersprüchliche(n) Einheit der menschlichen Erfahrung“ wurzelt (dem konstituierenden Faktor für das „mythische“ Element in der Literatur, wie es in dem früheren Aufsatz hieß) – aus diesem dialektischen Charakter also erklärt sich das Geheimnisvolle, im Unterschied zu einem lösbaren Rätsel rational niemals voll Erschließbare eines Gedichtes, – und Fühmanns eigene Deutungen der Traklschen Lyrik wollen auch nicht als definitive Erkenntnisse, sondern als Versuche einer Annäherung, als ein Weiten und Schärfen unseres Bewußtseins begriffen werden.
Auf diesem dialektischen Charakter des dichterischen Wortes, der „Verschränkung von phantastisch Genauem und Unausschöpfbarem zu einzigartig neuer Gestalt“ beruht aber auch die Verallgemeinerungsfähigkeit einer künstlerischen Aussage, ja, ihre antizipierende Kraft. „Grodek“ bezieht sich nicht nur auf die einzelne Schlacht des ersten Weltkrieges, sondern gilt ebensosehr für Troja wie für Auschwitz; und das Gedicht „Untergang“, das, 1913 geschrieben, in einer Zeit äußerlicher Sicherheit die Gefährdung der bürgerlichen Gesellschaft ahnte, deutet voraus auf die Niederlage des faschistischen Deutschlands – nicht im Sinne einer direkten Vorwegnahme, wohl aber, insofern es späterer existentieller Erfahrung auf erschütternde Weise zugänglich ist:
In welche Verwirrung war ich gestürzt? Wohl hatte ich, eben über diesem Gedicht, für die Ewigkeit eines Moments begriffen, daß der Krieg für uns verloren war, aber gleich jeder früheren Ahnung war dies Begreifen noch unterhalb des Bewußtseins in den Wahn eines Dennoch-Siegs umgeschlagen, Automatik verzweifelten Selbstbetrugs, der mir nun jäh im Vers Vors Gesicht trat: „blinde Zeiger gen Mitternacht“. Es war mir, als ob Trakls Gedicht als ein Ich wider mich zu streiten anhübe und ich sähe, gelähmt von Betroffenheit und dies Gelähmtsein doch schon als Befreitheit genießend, dem Kampf mit traumhafter Gelassenheit zu: „Unter Eichen schaukeln wir auf einem silbernen Kahn.“ – Unter Eichen schaukelten die Gehenkten, auch in unserem stillen Tal.
Die Fühmannschen Gedanken über das Wesen der Literatur, gewonnen nicht nur aus der Beschäftigung mit der Traklschen, sondern mit der modernen Lyrik überhaupt, vorbereitet in früheren Arbeiten zur Romantik und in Beobachtungen an Matthias Claudius, Jean Paul, James Joyce und anderen Dichtern und bestätigt nicht zuletzt durch die Werke des Schriftstellers selbst, sollten dennoch nicht undifferenziert auf die gesamte Problematik von Kunst und Wissenschaft übertragen werden. Die Gegenüberstellung von begrifflich eindeutig bestimmten „Wörtern“ und unausschöpfbar vieldimensionalen „Worten“ kann, so treffend sie den Sachverhalt selbst wiedergibt, in einem literarischen Kontext leicht dazu verführen, die theoretische Analyse im Verhältnis zur dichterischen Gestaltung zu gering einzuschätzen – und sie läßt außer acht, daß die Dialektik integrierendes Moment zwar nicht des einzelnen Wortes, wohl aber aller Aussagen und Urteile der „Wissenschaftssprache“ ist. Die Wissenschaft weist – auch wenn ihre notwendigerweise unanschaulichen Abstraktionen der emotionalen Identifizierung nicht zugänglich sind – ebenso sehr wie die Kunst sowohl in sich widersprüchliche wie allgemeine, übergreifende Tendenzen in allen Erscheinungen der Wirklichkeit nach, – ja, Fühmanns eigene Überlegungen wären undenkbar ohne das Studium philosophischer Schriften von Hegel, Marx und Lenin. Andererseits ist die Koinzidenz der Gegensätze zwar ein Charakteristikum der Worte, nicht aber in jedem Fall auch der Werke der Literatur. Während etwa die Geschichtswissenschaft ein sorgfältiges Abwägen progressiver und regressiver Momente gestattet und auch bedeutende Leistungen der Vergangenheit in ihrem sozialen Zusammenhang und in ihrer inneren Widersprüchlichkeit zeigt, zielt die Kunst oft auf eine sinnlich-konkrete Verlebendigung großer Grundlinien, die, wenn man sie auf einen theoretischen Kern reduzieren wollte, sogar einseitig wirkten. Die Kunst-Bestimmung des Trakl-Essays ist in hohem Maße an der Lyrik entwickelt, in der das Geheimnisvolle, Inkommensurable eine überragende Rolle spielt, und sie spiegelt auf ganz entschiedene Weise die Wandlung von Fühmanns eigener, stark mit reflektorischen Elementen durchsetzter Prosa wider: Hatte er zum Beispiel im Hölzernen Pferd noch streng zwischen der „bösen“ Götterwelt des Trojanische Krieges und den menschenfreundlichen Göttern unterschieden, die die Heimkehr des Odysseus beförderten, so läßt der Prometheus-Roman die unlösbare Verquickung von progressiv-rationalen und konservativ-demagogischen Zügen in der Genealogie der olympischen Macht, ja, sogar die historische Begrenztheit der prometheischen Emanzipationsbestrebungen sichtbar werden, und die vier Mythen-Adaptationen „Der Geliebte der Morgenröte“, „Hera und Zeus“, „Marsyas“ und „Das Netz des Hephaistos“ sind gleichnishafte Modelle „objektiver widerspruchsvoller Prozesse des Menschheitsaußens wie Menscheninnen“. Nicht minder legitim als diese Differenzierung aber ist – um im stofflichen Bereich der genannten Fühmannschen Werke zu bleiben – die Verwendung antiker Motive entweder zur Entwicklung menschheits-geschichtlicher Perspektivvorstellungen oder zu einer schonungslosen Abrechnung mit den negativen Zügen in der „Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft“, für die in der neueren DDR-Literatur insbesondere die Dramatik exemplarisch ist.
Breiten Raum widmet Fühmann dem Vorwurf der Dekadenz, den man – ausdrücklich oder nicht – bisweilen gegen die Dichtung Georg Trakls erhoben hat. Er weist die unreflektierte Verwendung dieses Begriffes überhaupt in zweifacher Hinsicht zurück: Einmal setze er eine vorhergehende intakte Ordnung voraus, eine „heile Welt“, als welche man die höchst ambivalente bürgerliche Gesellschaft selbst in ihrer Aufstiegs- und Blütephase wohl schwerlich bezeichnen könne; zum anderen werde auch im Besingen des Verfalls Humanes sichtbar, echte Verzweiflung, kritische Auseinandersetzung und die – wenn auch noch nicht beantwortete – Frage nach Anderen zu dieser verfallenden Welt. Fühmanns Essay ist gleichermaßen der Ausdruck eines gewachsenen, vielschichtiger gewordenen Literaturverständnisses unserer Gesellschaft wie auch selbst ein Beitrag zur Erweiterung unseres Blickfeldes. Mochte in den ersten Jahren des sozialistischen Aufbaus, als es galt, die Überreste faschistischen Gedankengutes zu beseitigen und die Anschläge westlicher Ideologen auf unsere neue Kultur zurückzuweisen, ein Geschichtsbild angemessen gewesen sein, das die Vielfalt künstlerischer Erscheinungen auf einen ideologischen Grundgegensatz reduzierte – Fühmann selbst weist auf die historische Legitimität dieser Phase hin –, so ist mit der Festigung und Entwicklung der sozialistischen Ordnung die Voraussetzung geschaffen, uns des ganzen Reichtums der kulturellen Überlieferung bewußt zu werden und die humanen Werte auch einer Dichtung zu erkennen, welche die Kräfte, die zu der Überwindung einer Krise beitragen, noch nicht namhaft zu machen vermag.
Fühmann bekennt sich deshalb nachdrücklich zum Recht auf schonungslose Offenheit über das Leben seines Autors – über dessen Drogen- und Trunksucht oder die Liebe zu seiner Schwester Grete –; er weiß, daß der Leser nur dann den Exempelcharakter eines schöpferischen Lebens im Guten wie im Bösen anzunehmen fähig ist und daraus Nutzen für sich selbst ziehen kann, wenn er die ganze Wahrheit weiß. Folglich bietet Fühmann in seinen beiden Trakl-Editionen auch keine gereinigte, also manipulierte Auswahl, sondern einen Teil, der für das Ganze steht.
Die Menschheit, will sie sich konstituieren, muß lernen, den Menschen zu begreifen, den Menschen ganz und den ganzen Menschen, und ,ganz‘ heißt nun einmal nicht ,halb‘.
Vielleicht wird manchmal etwas vorschnell von Besonderheiten dieses Lyrikers auf allgemeine Wesensmerkmale eines Schriftstellers geschlossen (nicht die Unlebbarkeit eines Lebens, sondern die hohe Sensibilität, das außergewöhnliche Problembewußtsein dürfte ein generelles Kennzeichen dichterischer Existenz sein); andererseits scheut Fühmann nicht davor zurück, auch eine Gefahr der Traklschen Gedichte zu benennen: nämlich die Tendenz zur Selbstbemitleidung, die den Leser befallen mag, wenn er sich, ohne seinen eigenen Standort in kritischer Kausalanalyse zu reflektieren, mit der Untergangsstimmung dieser Lyrik uneingeschränkt zu identifizieren versucht.
Die Interpretation der Traklschen Lyrik und die theoretisch verallgemeinernden Aussagen über Wesensmerkmale der Kunst, die in ähnlicher Weise auch in einer wissenschaftlichen, streng auf objektive Sachverhalte zielenden Untersuchung möglich wären, sind – und dies charakterisiert den Essay als hervorragendes Beispiel einer dichterischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand – untrennbar verbunden mit der subjektiven Haltung des Autors, seiner emotionalen Betroffenheit. Fühmann schreibt nicht eine Trakl-Biographie, sondern erzählt seine Erfahrungen mit Trakls Gedicht – selbst das Studium der Sekundärliteratur wird zum persönlichen Erlebnis. Der Schriftsteller anerkennt nicht nur allgemein, daß ein Gedicht mehr als ein Abbild der Wirklichkeit ist, daß es die Aktivität des betroffenen Lesers erfordert, ja, daß die existentielle Nachvollziehbarkeit, das Betroffensein des Subjekts infolge gemeinsamer individueller und sozialer Erfahrung sogar das Hauptkriterium für ein gutes Gedicht ist – hierin befindet er sich im Einklang mit der neueren literaturwissenschaftlichen Forschung, die die historisch-genetische Analyse eines Kunstwerks, also dessen Beziehungen zur gesellschaftlichen Umwelt und zum Leben des Autors, immer stärker durch eine historisch-funktionale Betrachtungsweise ergänzt, die die Wirkung des Werkes als eines seiner konstituierenden Momente begreift –; Fühmann kann zugleich seine eigene Erschütterung zu einem Thema seines Buches machen.
Am Beginn seiner Begegnung mit der Traklschen Dichtung standen einige Zufälle: der Kauf eines antiquarischen Buches kurz vor Kriegsende, die Tatsache, daß der „weiße Weiher“ des „Untergang“-Gedichtes mit dem eigenen traumhaften See-Erlebnis des jungen Lesers korrespondierte, schließlich auch, daß Fühmanns Vater Trakl persönlich gekannt hatte. Wahrscheinlich aber – überlegt der Autor – wäre auch ohne diese zufälligen Anlässe seine Entwicklung im wesentlichen nicht anders verlaufen, wäre er früher oder später auf Trakl gestoßen. Wir haben bereits angeführt, wie „Untergang“ den Dichter Anfang Mai 1945 begreifen ließ, daß der Krieg verloren war; die Beziehung ist aber noch enger, konstituiert geradezu eine Motivverwandtschaft der Werke beider Autoren:
es hat, dann, nicht mehr lange gedauert, ebendies unser Verblendetsein als das Wesen jener Blindheit zu erkennen und tief erschauernd einzusehen, daß wir tatsächlich, blinde Zeiger, mit verzweifelter Kraft gen Mitternacht geklommen.
Es ist die Situation des antiken Oidipus, der, in Schein und Verblendung befangen, infolge eines ungeheuren Fehlverhaltens, das nicht als individuell-moralische Schuld, sondern als Nicht-Einsicht in die gesellschaftlich-objektiven Grundlagen seiner Existenz zu charakterisieren ist, von einem illusionären Gipfel in Schändlichkeit und Elend stürzt, jene Situation, die in der letzten und reifsten der Fühmannschen Weltkriegserzählungen beschworen ist, im Grunde aber auch schon hinter seinen früheren Novellen stand und auf die auch im vorliegenden Essay mehrfach angespielt wird. Der Zug in die Gefangenschaft wird mit den Trakl-Worten „Dämmerung und Verfall“ gekennzeichnet; Verse dieses Autors begleiten den komplizierten und widerspruchsvollen Prozeß des Neubeginns; die Lyrik Georg Trakls, die Fühmann betroffen machte, auch als er sie aus ideologischen Gründen ablehnen zu müssen glaubte, ließ ihn tiefer über das Problem der Dekadenz nachdenken – mehr noch: die Auseinandersetzung mit diesem Problem, wie sie oben skizziert wurde, ist zugleich eine Auseinandersetzung Fühmanns mit Phasen seiner eigenen Entwicklung –; und schließlich ist auch die Geschichte seiner Trakl-Editionen ein Beitrag zum Selbstverständnis des sozialistischen Schriftstellers.
Der Essay „Vor Feuerschlünden“ ist in all diesen höchst persönlichen Ausführungen über seinen eigentlichen Gegenstand hinaus ein Werk aus der Reihe jener für Fühmann charakteristischen schonungslosen Selbstanalysen, wie sie bereits in seinen frühen Novellen anklangen, wie sie in den als „Studien zur bürgerlichen Gesellschaft“ bezeichneten Geschichten des Bandes Der Jongleur im Kino oder Die Insel der Träume und besonders in dem Reisetagebuch Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens zum Ausdruck kamen. Das frühe Verfallensein an die nationalsozialistische Ideologie und die intellektuelle Wandlung nach 1945, die zunächst noch mehr vom Glauben als von der Einsicht bestimmt war, werden ebenso reflektiert wie krisenhafte persönliche Gefährdungen in den fünfziger und sechziger Jahren.
Der Wahrheit nachsinnen –
Viel Schmerz!
Diese Worte aus dem Gedicht „Im Schnee“ hat Fühmann als Titel seiner jüngsten Trakl-Edition gewählt, und diese Worte prägen auch nachhaltig den Gedankengang seines Essays. Fühmann macht es sich nicht leicht, Gewißheit über sich selbst und über den gesellschaftlich-politischen Wandlungsprozeß nach dem zweiten Weltkrieg zu erlangen. Unangetastet bleibt sein Bekenntnis zu jenen Menschen, die „das Andere zu Auschwitz“ verkörpern (mit dem Begriff „Das Andere“, der dem Kapitel „Die Endlichkeit“ aus der Hegelschen „Logik“ entstammt, bezeichnet Fühmann das gesetzmäßig und notwendig Neue gegenüber einem beschränkten und überholten Zustand, das seinerseits wiederum nicht ein Absolutes und Definitives, sondern Glied eines unendlichen, von dialektischen Widersprüchen bestimmten Prozesses ist); aber während in den Jahren unmittelbar nach der Befreiung „das Andere“ zu der verachteten bürgerlich-kapitalistischen Welt in linearer Verklärung erscheinen und simplifizierend als Lösung aller Widersprüche angesehen werden konnte – eine Vorstellung, die für eine bestimmte Zeit historisch verständlich war, keineswegs aber den philosophischen Intentionen von Marx, Engels und Lenin entsprach –, wurde Fühmann sich später zunehmend der tatsächlichen Kompliziertheit der Lage (der „Mühen der Ebenen“, wie Brecht sagt) bewußt, erkannte er neben der Diskontinuität der Wandlung die Kontinuität der sich Wandelnden und begriff auch die nachrevolutionäre Geschichte der Arbeiterbewegung als einen Prozeß schmerzvoller Wahrheitssuche. Die kritische Sicht auf die gesamte Wirklichkeit und damit auch auf das Neue ist kein Relikt bürgerlicher Ideologie (deren Sache, namentlich im imperialistischen Stadium, war Kritik ganz und gar nicht!), sondern dient vielmehr der vertieften Erkenntnis und Gestaltung der Gegenwart. Fühmanns „Nachsinnen über die Wahrheit“ ist selbstverständlich nicht frei von Irrtümern und Mißdeutbarkeit, und die sozialen Erfahrungen, die er reflektiert, werden in dieser Art gewiß nicht von allen Zeitgenossen geteilt – aber es gehört zum Wesen einer dichterischen Weltsicht, der eigenen Subjektivität Ausdruck zu geben und dabei auch gewisse Einseitigkeiten in Kauf zu nehmen, die in der wissenschaftlichen Abstraktion durch ein subtiles Abwägen historisch differenzierter Tendenzen sofort, im künstlerischen Bild aber erst durch das Gesamtensemble der zeitgenössischen Kultur aufgehoben werden. „Nicht die Wahrheit“, sagt Lessing, „in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen.“ Der Trakl-Essay mit seinen drei Aspekten der Werkinterpretation, der Poetologie und der Selbstbesinnung ist ein charakteristisches Zeugnis dichterischen Ringens um die Wahrheit an der Schwelle der achtziger Jahre.
Volker Riedel, Sinn und Form, Heft 1, Januar/Februar 1983
„Schreiben ist doch im Grunde die Erfahrung des Scheiterns“
(…)
Klaus Antes: Herr Fühmann, ihr großes Thema, so haben Sie es schon wiederholt gesagt, ist die Sie quälend beschäftigende Frage: Was ist mir geschehen, was habe ich erfahren, was ist mein Weg? Mehr als zwanzig Jahre lang haben Sie mit dieser Fragestellung an ihrem Trakl-Buch gearbeitet. Was hat Sie zu Trakl geführt, ausgerechnet zu Trakl, warum hat gerade dieser Dichter Sie so sehr interessiert?
Franz Fühmann: Ja, also, ich hab nicht zwanzig Jahre daran gearbeitet, sondern in dem Buch sind zwanzig Jahre Erfahrung mit Trakls Gedichten verarbeitet. Gearbeitet habe ich an diesem Buch dennoch mehrere Jahre, das ist schon richtig.
Wie ich dazu gekommen bin? Ich hatte Genesungsurlaub, kam aus dem Lazarett. Was an und für sich schon Wahnsinn ist, so einen Schein gekriegt zu haben. Jeder Feldgendarm, wäre ich einem in die Hände gefallen, hätte mich am nächsten Baum aufgehängt. Aber ich hatte diesen Schein – und überhaupt keinen Begriff von der Gefahr, in der ich schwebte. Ich war zu Hause, der letzte Abend, der Urlaub ist abgelaufen, dann kam der Marschbefehl, es war – glaube ich – der 5. Mai 1945. Ich saß am Abend zu Hause und las ein Buch mit Gedichten, die mich tief bewegten und erschütterten; in einer Weise, wie das Dichtung vordem noch nie bei mir bewirkt hatte. Da fühlte ich wirklich den Boden unter den Füßen beben, das war eine existentielle Erschütterung: Das waren Gedichte von Georg Trakl!
Und plötzlich fragte mich mein Vater, der mir gegenübersaß und in einem pharmazeutischen Fachbuch herumstöberte (wir tranken eine Flasche Wein zusammen), nach meiner Lektüre. Er nahm mir das Buch aus der Hand, zeigte sich erstaunt – und es stellte sich dann heraus, daß mein Vater ein Stubenkamerad von Trakl gewesen ist, derselbe Jahrgang. Und Trakl war ja auch Militärapotheker gewesen. Sie waren zusammen im Felde – und mein Vater hatte Trakl als Stubengenossen immer nur den „spinnerten Schorschel“ genannt. Er wußte nicht, daß er ein bedeutender Dichter geworden ist; er hatte ihn schlicht für einen Wahnsinnigen gehalten und nie etwas von den Umständen seines Todes erfahren.
Und mein Vater begann, mir mehr vom „spinnerten Schorschel“ zu erzählen, wie sie ihn gequält und gehänselt haben. Das war das letzte Gespräch im übrigen, das ich mit meinem Vater hatte.
Mit Trakl im Kopf geriet ich später in die Kriegsgefangenschaft. Später hörte ich Vorträge über die marxistische Kultur- und Literaturtheorie. Trakl stand hier plötzlich vor mir als Inbegriff der Dekadenz, als Gegenpol zum sozialistischen Realismus. Trakl, das war der absolute Tiefpunkt, der Teufel. Trakl, mein Erschütterer.
Und so kam es nun zu einem zwanzig Jahre lang währenden Kampf, in dem ich natürlich nicht Tag für Tag stand, der aber an gewissen Brennpunkten in der öffentlichen Kultur- und Literaturdebatte immer wieder aufbrach. Es war ein Kampf zwischen der Poesie und – ich formuliere es einmal schonend – falsch verstandener Ideologie; ein Kampf, den die Poesie gewonnen hat.
Antes: Ist es möglich, dem Verständnis von Dichtung – wie Sie es mit Trakls Dichtung versucht haben – durch eine so intensive Auseinandersetzung wirklich näher zu kommen? Sie haben sich das abschließend im Sturz des Engels doch auch gefragt.
Fühmann: Im Sturz des Engels habe ich notiert: „Wir wollen es hoffen und fürchten zugleich, daß sie in dem Maß, daß wir ihr nahten, sich uns auch entzogen hat. Die erste Begegnung ist zumeist die innigste, aber sie ist unwiederholbar; sie zwingt uns, das Gedicht verstehen zu wollen, um es ganz als das unsere zu haben, doch je mehr wir von einer Dichtung verstehen um so strahlender, ein dunkles Feuer, tritt ihr unerhellbares Geheimnis hervor.“ Ja, so ist es wohl. Es bleibt immer noch alles zu sagen. Schreiben ist qualvoll. Schreiben ist doch im Grunde die Erfahrung des Scheiterns… Mit dem Rücken an der Wand.
die horen, Heft 128, Winter 1982
Franz Fühmanns Trakl-Essay Vor Feuerschlünden
Der aufmerksame Fühmann-Leser war auf dieses Buch längst eingestellt. Bereits in seinem „Brief an den Minister für Kultur“ vom 1. März 1964, in dem Franz Fühmann erstmals öffentlich die Bedingtheit seiner Möglichkeiten und seines schriftstellerischen Wegs erörterte, hatte er Georg Trakl als einen der bedeutenden Expressionisten genannt, die wir nicht „dem Feind“ überlassen dürften und deretwegen er forderte:
Wir sollten uns… mit wichtigen Persönlichkeiten, Werken und Entdeckungen der spätbürgerlichen… Kultur ernsthaft wissenschaftlich auseinandersetzen, anstatt sie mit billigen Sentenzen abzutun.
Anfangs der siebziger Jahre bekannte er im Interview mit Josef-Hermann Sauter:
… ein großes, tiefgreifendes Erlebnis war Trakl, den ich erst in den letzten Kriegswochen kennenlernte, das war für mich eine echte Erschütterung gewesen, da wurde viel bewegt.
Das kurz danach entstandene Buch 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens (1973) nahm zwar nirgends ausdrücklich auf Georg Trakl Bezug, diskutierte aber Selbstverständnis und Wirklichkeitsverhältnis, Geschichtserfahrung und Literaturauffassung Fühmanns mit neuartiger Offenheit, behandelte Themen wie Tabu und Schema, Selbstzensur und Ehrlichkeit, fixierte wichtige Maximen für die eigene Arbeit, diente ganz offensichtlich der Vorbereitung auf Künftiges. Daneben lief schon die Besorgung der Trakl-Auswahl für Reclams Universal-Bibliothek, erst 1975 (mit Verzug) erschienen und ohne das anfangs geplante Nachwort von Fühmann, für den hier Stephan Hermlin einsprang. Gegen Ende der siebziger Jahre, in deren Verlauf seine Essayistik eindrucksvoll wuchs und reifte, schrieb Fühmann dann schließlich seinen Trakl-Essay, der zunächst als Nachwort einer umfangreichen Werkausgabe bei Reclam gedacht war, für diesen Zweck aber beschnitten werden und ein Eigenleben als selbständiges Buch bekommen mußte: Von diesem Buch, das der Rostocker Hinstorff Verlag 1982 vorlegte, soll hier gesprochen werden. Denn es ist nicht nur ein Werk von seltener Ausstrahlungskraft, sondern vereinigt in sich bei aller Eigenständigkeit bezeichnende Tendenzen der jüngeren DDR-Literatur: es bereichert den seit Jahrzehnten andauernden Schriftsteller-Dialog über Wesenheiten und Möglichkeiten der Literatur, es folgt dem ausgeprägten Zug zum Authentischen, zu bekennendem Lebensbericht und öffentlicher Beichte, es kritisiert frühere Stadien eigenen Denkens und Handelns, scheut nicht die unerwartete Entdeckung, führt menschliche Gewissenhaftigkeit vor und fordert sie heraus.
In einer Vorbemerkung erklärt der Autor, er habe am Ende nicht mehr die Kraft gefunden, seinem Essay für die Separatausgabe den Nachwort-Charakter zu nehmen. Eine notwendige Entschuldigung? Mir scheint, hier täuscht sich Fühmann über die weite Entfernung seiner Arbeit von allem, was man sonst als Nachwort zu Werkausgaben kennt. Zweifellos hat er den ursprünglichen Auftrag des Verlags nie aus dem Sinn verloren, ihn vielmehr nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt. Unbestreitbar leistet er mit seinem Essay sehr vieles, was man vom Verfasser eines solchen Nachworts erwartet: Er führt den Leser in die Lebenswirklichkeit Georg Trakls ein, unterbreitet ihm wichtige Selbstzeugnisse des österreichischen Expressionisten, zitiert zeitgenössische Dokumente zur Person, greift Ergebnisse der Trakl-Forschung auf und weist unangemessene Deutungen der bürgerlichen Sekundärliteratur zurück. Er unternimmt weitläufige Detailuntersuchungen, wortgeschichtliche Exkurse, statistische Beobachtungen an Trakls Lyrik. Er demonstriert an exemplarischen Gedichten stilistische Eigenarten und charakteristische Verfahren des Dichters Trakl, verdeutlicht sie durch Vergleiche mit Texten von Liliencron bis Georg Heym, informiert selbstverständlich auch über die große Bedeutung Rimbauds für den nachgeborenen Österreicher. Das alles aber geschieht weitab vom üblichen: im Rahmen eines autobiographisch-bekenntnishaften Essays und nach dessen eigenen Gesetzen. Nicht nur, daß dieser vieles andere enthält, was vom gewohnten Nachwort einer Werksammlung nicht erwartet wird. Das unerwartete Zusätzliche erweist sich durchaus nicht als eine bloße Zutat, die sich entbehren ließe; nein, es ist nichts Geringeres als die unverzichtbare Bedingung des Ganzen, seines Inhalts wie seiner Form. Der Untertitel des Buches gibt in aller Kürze tatsächlich denkbar genaue Auskunft über seine Anlage und Ausführung: Es handelt zuerst und zuletzt von Franz Fühmann selbst, weil eben von seiner „Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht“.
Ist der Essay dann aber, so könnte nun leicht gefragt werden; nicht doch dem ursprünglichen Auftrag wie dem eigentlichen Gegenstand unangemessen? Nein: gerade durch das Darbieten der eigenen Erfahrung mit Trakls Lyrik vermag Fühmann als überzeugender Mittler zu wirken zwischen seinem Leser und dem dunklen Dichter aus Salzburg. Indem er vorführt, wie Trakl ihm selber wichtig, vertraut und unentbehrlich wurde, hilft er auch dem Leser am allerbesten, sich eigene Wege zum gleichen Poeten und dessen Dichtung zu bahnen. Das klingt allerdings sehr schlicht und geradezu behaglich, bedarf also schnellstens der Korrektur; denn so einfach der besagte Grundgestus des Buches auch sein mag, so kompliziert und spannungsreich ist, seine Ausführung (ohne darüber den einleuchtenden Charakter zu verlieren). Mit dem persönlichen Verhältnis zu Trakls Gedicht und Gestalt stehen für Franz Fühmann brennende Fragen seiner moralischen und dichterischen Existenz zur Debatte, und so ist der Trakl-Essay unbeschadet seiner dienenden Absicht eine Selbstdarstellung seines Verfassers.
Wie das übereingeht, zeigt ein Blick auf die Struktur des Essays. Seine acht Kapitel ungleicher Länge enthalten allesamt autobiographische Aussagen in grundsätzlich chronologischer Folge, freilich nicht als zusammenhängende epische Mitteilung. Jedem der acht Kapitel sind aber auch Aussagen über die Dichtung bzw. die Persönlichkeit Trakls zugeordnet; manche davon wachsen organisch aus dem autobiographischen Material heraus, andere werden einfach in den Gedankenfluß des Essayisten hineingezogen, der ja das Ganze gleichsam vor den Augen des Lesers verfertigt. Der Essay ist ein Prozeß in mehrfacher Hinsicht: zum einen als sukzessive Darstellung des Trakl-Lesers Fühmann an verschiedenen Punkten seiner Lebensbahn von der ersten Begegnung in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs bis zur Gegenwart mit der Erledigung des Verlags-Auftrags, zum anderen als der im Schreibvorgang verwirklichte Versuch, den erreichten Stand des eigenen Trakl-Verständnisses durch die entschieden kritische und selbstkritische Abrechnung mit allen früheren Behinderungen dieses Verständnisses als ein produktives Angebot an den Leser heranzubringen. Die eigenartige geistige Spannung des Buches ergibt sich aber nicht einfach aus dieser Mehrschichtigkeit, sondern vor allem daraus, daß die Trakl-Aneignung Fühmanns ein von schweren Konflikten begleitetes Ringen und nicht etwa eine sanft gleitende Annäherung an Georg Trakl oder ein allmähliches Eintauchen in die Welt jenes Dichters ist.
Formelhaft und doch mit Worten Fühmanns ausgedrückt, steht im Zentrum des Essays der Konflikt zwischen Dichtung und Doktrin, der Konflikt zwischen der unwiederstehlichen Anziehungskraft und poetischen Evidenz Traklscher Lyrik auf der einen und dem als verbindlich genommenen, als absolutes Verdikt gegen Trakl verstandenen Dekadenz-Begriff, wie er noch im Kulturpolitischen Wörterbuch gefaßt ist, auf der anderen Seite. Daß sich dieser Konflikt aufbaut und zu einem existentiellen Problem für den Autor wird, hat Voraussetzungen, die der Essay vollkommen verständlich macht. Dem in der Nazi-Ideologie befangenen Soldaten Fühmann, der noch in den letzten Kriegstagen auf den deutschen Endsieg hoffen zu können glaubt, vermittelt die Lyrik Trakls die deutliche Ahnung vom wirklichen Ausgang des Krieges, und so wird ihm die Entdeckung dieses Dichters zur Sternstunde, dessen Dichtung zum kostbarsten, tief im Innersten wirkenden Eigentum. Die Zeit der Kriegsgefangenschaft im Kaukasus bekräftigt das insofern, als Verse von Trakl dort als gültiger Ausdruck eigenen Lebensgefühls erfahren werden. Die Kriegsgefangenschaft aber leitet zugleich einen Prozeß ein, in dessen raschem Verlauf Fühmann einen entschiedenen Klassenwechsel zu vollziehen trachtet. Er lernt sich als Sozialisten begreifen und übernimmt dabei Denkmuster, die seine andauernde Liebe zu Georg Trakls Dichtung als ein Zeichen bekämpfenswerter Verhaftung im Alten, als auszurottenden Rest seines früheren Ichs erscheinen läßt. Aber weder gelingt es ihm, auf diese Liebe zu verzichten, sie rational aufzuheben, noch vermag er seine Trakl-Texte zu vernichten. Es bildet sich und bleibt ein tiefer Riß zwischen Denken und Fühlen, der so quälend wird, daß verzweifelte Versuche der Verdrängung zum Alkoholismus führen, zum bedrohlichen Persönlichkeitsverlust, der ihn schließlich zum Patienten einer psychiatrischen Klinik werden läßt. Von hier aus gesehen, ist der Trakl-Essay die bewundernswerte Bewältigung einer tiefen Krise oder zumindest ein zwingender Beweis ihrer Bewältigung; ein Akt der Selbstbefreiung, Selbstreinigung, Selbstfindung, den vollzogen zu wissen ein jeder begrüßen muß, der den Menschen Fühmann und seine Bedeutung für die Literatur des sozialistischen Deutschland kennt. Wieweit bedeutet nun aber Franz Fühmanns jüngstes Buch einen Beitrag zu eben dieser Literatur, die sich besonders heute, unter den Bedingungen des schweren Kampfes gegen die durch imperialistischen Rüstungswahn ungemein verschärfte Kriegsgefahr, als dem Menschen in unserem Lande hilfreich zu bewähren hat? Eine derart große Frage darf gestellt, aber keinesfalls leichtfertig beantwortet werden. Niemand sollte aus dem Essay herauslesen, der Autor entziehe sich seiner politischen Verantwortung als Schriftsteller der Deutschen Demokratischen Republik, wenn er seine Erfahrung mit Georg Trakl unbeschönigt mitteilt und dabei kritische Wertungen von Tatsachen unseres Lebens und von Erscheinungen aus der Geschichte des Sozialismus vorbringt. Fühmanns leidenschaftlicher Einsatz für die Anerkennung Trakls als eines großen Dichters bliebe ohne die scharfe Abgrenzung von dogmatischen Fehlurteilen samt deren Prämissen inkonsequent und entbehrte dann auch seiner Überzeugungskraft. Doch wie der Autor nicht auf Kritisches verzichten mag, um produktiv sein zu können, es darf sich der Leser auch nicht auf einen unkritischen Nachvollzug des Essays einstellen, wenn dessen Produktivität voll wirksam werden soll. (Übrigens setzt das Buch den kritisch mitarbeitenden Leser voraus und verfolgt nicht das Ziel, zu überreden.) Ich selbst muß z.B. den Eindruck festhalten, daß Fühmann dazu neigt, die aus einem Stichwort Stephan Hermlins, entwickelte Formel „unlebbares Leben“, die zunächst nur auf Trakls Existenz bezogen ist, mehr und mehr als allgemeingültig zu nehmen. Ich muß, einigermaßen befremdet, feststellen: Fühmann bezweifelt entschieden, daß „der Kinder blasser Todesreigen“ (eine Trakl-Metapher, die er ins Soziale zurücktransportiert) jemals aufhören werde. Ich kann nicht davon absehen, daß der Essay einen fatalistischen Zug erhält, wenn sein Autor die Determiniertheit des individuellen Daseins mit auffälligem Nachdruck herauskehrt und aus dem Baudelaire-Wort, die Poesie wirke wie das Verhängnis, einen Leitgedanken macht: „Doch auch der Alltag wirkt so.“ Ich erschrecke, wenn ich lese, daß Fühmann jenes gegen den Gedanken dichterischer Teilnahme an der Weltveränderung gesetzte Diktum von Gottfried Benn annimmt, der Dichter sehe dem Elend der Welt zu. Und unter welchem Horizont der Autor die heutige Welt sieht, wird mir von vornherein deutlich spürbar, da er das aktuelle Menetekel seines Titels aus dem Trakl-Vers gewinnt:
Menschheit vor Feuerschlünden aufgestellt…
Kann ich aber aus all dem schließen, daß Fühmanns Buch desorientierend und entmutigend wirken muß? Das schiene mir abwegig und unzulässig. Sein Thema ist nicht die Zukunft der Menschheit und nicht die Frage ihrer Garantien. Der Verfasser ist ein Dichter, kein Politiker. Sein Buch ist ein notwendiges Kunstwerk, das von der eigenen Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht handelt und durch die eindringliche Behandlung dieses Gegenstandes etwas sehr Hilfreiches leistet: Es vermittelt dem empfänglichen Leser eine stark anregende Vorstellung davon, daß und wie es dem Menschen möglich ist, noch mit schwersten Belastungen und ärgsten Gefährdungen fertig zu werden. Der von diesem Buch vorgetragene und mit ihm eingelöste Anspruch an den Menschen ist nach meiner Überzeugung im sozialistischen Humanismus restlos aufzuheben. Und auch ohne ausdrückliches und bedingungsloses Bekenntnis zur heutigen Politik der Deutschen Demokratischen Republik und trotz seines – mit Respekt gesagt – weltanschaulichen Eigensinns zeugt Fühmanns Buch vor aller Welt unmißverständlich für die Gesellschaft, in der er lebt und arbeitet.
Ich vermöchte das nicht mit solcher Entschiedenheit zu verfechten, wenn ich nicht durch immer neues Lesen immer tiefer erlebt und begriffen hätte, daß es nichts anderes als die ungemein hohe Moral des Autors ist, die den kräftigen Kern des Buches ausmacht, es durch und durch prägt und alle seine anderen Qualitäten erst eigentlich hervorbringt. Diese Moral besteht für mich nicht einfach in der unerhörten Offenheit und Ehrlichkeit, die allein schon bewundernswert genug ist und an berühmte Beispiele der Weltliteratur erinnert. Dazu gehört auch das Pflichtgefühl gegenüber dem erniedrigten und beleidigten, verfemten und verkannten Dichter Trakl. Dazu gehören Fühmanns Aufmerksamkeit, Bescheidenheit und Sensibilität gegenüber dem Leser. Vor allem anderen aber gehört dazu die unerbittliche Strenge der Selbstanalyse, die den Autor noch vor der geringsten Versuchung bewahrt, das eigene Bild zu beschönigen und anderen ungebührliche Anteile der Schuld an erlittenen Leiden und bösen Nöten zuzuweisen. Wenigstens einer von vielen menschlich großen Sätzen aus Fühmanns Buch stehe hier als Beleg:
Der Konflikt zwischen Dichtung und Doktrin war unvermeidlich; beide waren in mir verwurzelt, und beide nahm ich existentiell. Es war mir ernst mit der Doktrin, hinter der ich noch durch die verzerrtesten Züge das Gesicht: der Befreier von Auschwitz sah, und es war mir ernst mit der Dichtung, in der ich jenes Andere ahnte, das den Menschen auch nach Auschwitz nicht aufgab, weil es immer das Andere zu Auschwitz ist.
Manches Wichtige, wünschte ich wenigstens, ist damit schon gesagt oder immerhin angedeutet. Vieles aber, allzu vieles, bliebe noch herauszustellen und anzumerken. Authentizität, das Wort hat durch häufigen Gebrauch leider stark gelitten, kann als ein hervorstechendes Merkmal des Fühmannschen Essays gelten. Schließt das ein, daß er im vollen Sinne des Wortes eine Kunstleistung ist? Franz Fühmann erweist sich hier, und ich meine: gerade hier, als ein wirklicher Meister. Sein Essay ist vielschichtig, erfaßt vielerlei Material, darunter manches spröde, und dennoch präsentiert er sich als eine Einheit, als ein Ganzes. Dazu tragen souverän eingesetzte Leitmotive von großer Integrationskraft wesentlich bei: wichtige Verse und Worte Trakls; die ins Philosophische greifende Formel „unlebbares Leben“; das bedeutungsträchtige Wort Auschwitz, das neben seinem weiten politisch-historischen Horizont aus früheren Arbeiten Fühmanns einen besonderen autobiographisch-bekenntnishaften Sinn mitbringt; das vom Dozenten der Antifa-Schule mitgegebene strikte „tertium non datur“; das sich wandelnde Bild des Vaters Fühmann; vor allem aber das von Trakl übernommene Engel-Motiv, als lebensbegleitende Vision des Autors in ergreifenden Wandlungen gestaltet. Der Essay ist ein geschlossenes Werk, das sich doch offenhält, nicht nur im Sinne anspruchsvoll-einladender Zugänglichkeit, sondern auch durch anregendes Hinausweisen über sich selbst. Die Kunstform des Tagebuchs hatte dem Autor von 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens Raum zur experimentellen Entfaltung, zu vielfältiger Selbsterprobung gewährt und zugleich den sicheren formalen Rahmen dafür geboten. Hier nun mußte Fühmann dem disparaten Material mit erheblicher synthetisierender Kraft beikommen, mußte er das Ineinander von Eigenem und Fremdem, das Miteinander von Erzählen, Vorweisen und Reflektieren auf bislang nicht gekannte Weise als einen Ablauf organisieren. Die sprachliche Eleganz und Evidenz des Buches bestätigt das Gelingen.
Schlechthin rühmenswert ist das Vorführen des eigenen Umgangs mit dem Gedicht, dem Vers, dem Wort Trakls. Nicht daß hier jede Einzelheit unanfechtbar wäre. Die tiefsinnige Erklärung der Traklschen Vorliebe für substantivierte Adjektive sächlichen Geschlechts zum Beispiel? geht an der Tatsache vorbei, daß sein Dichter diese auffällige Eigenart bereits bei Hölderlin voll entwickelt vorgefunden hat (wo übrigens auch schon das Wortbildungsmuster „Lieblingin“ vorgegeben war). Aber Franz Fühmanns suchend-bewegliches, nachdenklich-selbstkritisches, entdeckend-erkennendes und mitreißend-erlebendes Lesen des Georg Trakl ist, einmal als Darbietungsprinzip und dann als verwirklichte Möglichkeit, eine wunderbar werbende Alternative zum trockenen Kommentar bzw. zum zünftigen Germanisten-Aufsatz der doch immer unter dem Zwang steht, objektiv zu sein und Fertiges zu servieren. Indem Fühmann mit seiner Belesenheit und theoretischen Bildung das eigene intensive Bemühen um Trakls Gedichte vorführt, teilt er natürlich auch viel von seinem Dichtungsverständnis mit und liefert dem Leser dadurch zusätzlich reichen Stoff zum Nachdenken. Was Wunder, daß aller platter Rationalismus abgewiesen, die enge Frage nach der Abbildtreue verworfen, der Dichtung ihr kardinales Recht auf das Geheimnis zugesprochen wird. (Dabei will Fühmann keineswegs auf Idealismus hinaus; das offenbart sich besonders deutlich, wenn er, am Ende spontan materialistisch beschreibt, wie er das Salzburg aus der Traklschen Dichtung 1977 als Besucher der Stadt in der Realität wiederfindet.) Manche Fühmannschen Sätze zum Thema Dichtung kristallisieren sich jedoch zu Sentenzen, die aus ihrem Kontext unversehens hinausstreben, wie allgemeingültige Definitionen erscheinen möchten und dabei durch Einseitigkeit zur Diskussion reizen. Die wiederholt aufgestellte These, Gedichte seien eine andere Art Träume, trifft auf das reife Trakl-Gedicht ganz sicher zu, schon nicht mehr aber gilt es für die „Urworte“ Goethes (die gelegentlich vollständig zitiert werden) und am allerwenigsten für jene antifaschistische Lyrik Brechts, die immerhin punktuell berührt wird. (Oder habe ich einen zu pedantischen Begriff vom Traum?) Und die Überlegung, daß Trakls Gesamtwerk, aber vielleicht auch alle Dichtung „der weltweiten Moderne ein einziges großes Gedichtganzes darstellt, die Summe unserer Epoche, darin die Menschheit gezwungen ist, sich als Menschheit zu konstituieren, und eine Brüderschaft der Dichtung und Kunst geht ihr voran“?
Franz Fühmann behauptet hier nichts, sondern fragt; aber diese Frage kann dem aufmerksamen Leser nicht als beiläufiger Einfall gelten, verweist sie doch zu deutlich auf Grundvorstellungen dieses Dichters, die seinen Essay weithin durchwirken. „Literatur geht in Ideologie nicht völlig auf“, hatte er in seinem Beitrag zum VII. Schriftstellerkongreß der DDR formuliert. Wer den Trakl-Essay im vollen Bewußtsein der Tatsache liest, daß Literatur (und deutschsprachige zumal) heute, ob sie will oder nicht und über welche Vermittlungen auch immer, unweigerlich in heftige ideologische Kämpfe integriert ist, der wird vermuten müssen, daß der Autor inzwischen über seinen fast zehnjährigen Satz weit hinausgegangen ist. Zwar sieht er in der Rückschau auf seine Erfahrungen mit Trakls Gedicht selbstverständlich die nazistische Verblendung des früheren Ichs mit aller erdenklichen Schärfe, zwar markiert er auch hart die aus seiner forcierten Hinwendung zu untief gefaßten marxistischen Lehren folgende ideologische Befangenheit gegenüber dem geliebten Dichter. Aber die dritte Möglichkeit, wie der Essay als Ganzes sie positiv vorführt, beruht samt ihren starken Reizen und ihrer oben gewürdigten Ausstrahlungskraft auf einer kühnen Vereinfachung komplizierter Realität. Fühmanns Essay bietet ein Modell voraussetzungslosen Lesens. Ich vereinfache nun selbst, um in aller Kürze zu verdeutlichen: Franz Fühmann setzt sich Georg Trakl gegenüber, als gehe Literatur an Ideologie völlig vorbei und als gehe Ideologie völlig an Literatur vorbei. Der Essayist behauptet und bewährt sich gegenüber Trakl sozusagen als ein utopischer Leser. Er liest nicht aus der politisch-weltanschaulichen Sicht der revolutionären Arbeiterklasse, deren Standpunkt zu erreichen er wegen seiner (mangelnden) Erfahrung im Grunde nicht für möglich hält. Er liest aber selbstverständlich erst recht nicht aus der Sicht kapitalistischer Bürgerlichkeit, mit der er schaudernd für immer gebrochen haben will. Also begegnet uns plötzlich eines der Leitmotive aus dem Buch: Gibt es denn ein Drittes? Wenn ich recht sehe, so entwirft sich der Dichter des Trakl-Essays die ihm wünschenswerte dritte Position, die sich von den politischen und sozialen Grundtatsachen der Gegenwart poetisch (in den Grenzen des Buches) emanzipiert, den Standpunkt einer ungeteilten Menschheit, deren mögliche Brüderlichkeit durch das sie betreffende Dichterwort Wirklichkeit wird. Eine solche Utopie, die mich mit ihrer humanen Intention tief anrührt, kann freilich in unserer Ideologie nicht aufgehen, und sie geht, was schwerer wiegt, eben in der Wirklichkeit der gegenwärtigen Welt nicht auf.
Diesen Versuch kritischen Verstehens auszusprechen, dazu forderte mich die Offenheit und Ehrlichkeit des Trakl-Essays heraus, für die dem Autor wohl auch ein solcher Dank gebührt. Glättendes Lob, wie es ihm bisher von unserer Kritik zuteil wurde, wird ihm nicht gerecht.
Hans Richter, 1983, aus Hans Richter: Werke und Wege. Mitteldeutscher Verlag, 1984
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Rulo Melchert: Der Trakl-Essay von Franz Fühmann bei Reclam und Hinstorff
Sonntag, 12. 9. 1982
Hans-Peter Klausenitzer: Zwischen Dichtung und Doktrin
Deutschland Archiv, Heft 11, 1982
Hans-Georg Werner: Franz Fühmann: Vor Feuerschlünden
Weimarer Beiträge, 1/1983
Vor Feuerschlünden: Triumph und Tod
Leicht hat es sich Franz Fühmann nie gemacht – und leicht ist sein Leben wohl auch nie gewesen. Von Jugend an war er massiven familiären und politischen Zwängen ausgesetzt. Als er sich in späteren Jahren zumindest von dem ideologischen Druck befreien konnte, tauschte er ihn ein gegen die selbstauferlegte Verpflichtung zu unnachsichtiger Wahrhaftigkeit. Doch sein aufreibender, kräftezehrender Weg endete im literarischen Triumph. Mit dem autobiografisch-poetologischen Essay „Vor Feuerschlünden“, seinem kurz vor Erkrankung und Tod erschienenen letzten großen Buch, gelang es Fühmann, alle wesentlichen Linien seines Werks virtuos zu vereinen: die Scham über die eigene Vergangenheit, die Suche nach einer neuen, modernen Konzeption für seine Lyrik, den forschenden Umgang mit mythischen Motiven und nicht zuletzt die immer energischer werdende Kritik am realen Sozialismus. Freilich fand auch in diesem Essay sein Lebensthema – das unablässige Nachdenken über den persönlichen Werdegang – noch immer nicht seinen Abschluss. Fühmann konnte und wollte ihn nicht mehr finden, war er sich doch mittlerweile darüber klar geworden, dass die Trauerarbeit an der eigenen Biographie eine andauernde, unablässig fordernde Aufgabe darstellt, die den Einzelnen dazu zwingt, sein Verhältnis zur gesellschaftlichen Umwelt immer wieder aufs Neue zu überprüfen und zu revidieren. Doch formuliert Fühmann diese Erkenntnis hier mit noch größerer Klarheit und Präzision als zuvor und erreichte so mit dem Ende seines Lebenswerks auch dessen Höhepunkt.
Vor Feuerschlünden erschien in der Bundesrepublik unter dem Titel Der Sturz des Engels und wurde wenige Monate nach seinem Erscheinen gleich zweimal öffentlich gefeiert: Fühmann erhielt für das Buch sowohl die Auszeichnung des SWF-Literaturmagazins als auch den Münchner Geschwister-Scholl-Preis. Diese zweite Ehrung zählt zwar nicht zu den prominentesten Literaturpreisen der Bundesrepublik, doch hatte gerade sie für Fühmann eine ganz außerordentliche Bedeutung – trägt sie doch den Namen junger Widerstandskämpfer, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind. Dass man ihm, dem ehemaligen „verwilderten Nazijungen“, diese Auszeichnung zusprach, war für ihn mehr als eine Anerkennung seiner schriftstellerischen Fähigkeiten. Er musste sie zugleich als eine Würdigung seines lebenslangen Ringens um eine tiefgreifende Läuterung seiner Person empfinden. „Ich will Ihnen das Geständnis machen“, sagte er in seiner Rede bei der Entgegennahme der Auszeichnung, „daß mich […] Schrecken ankam, als ich begriff, mir sei ein Preis zugesprochen, der den Namen von Hans und Sophie Scholl trägt. Gewiß, am Anfang ist die Freude gestanden, ungläubige Freude, sich versichernde Freude, und schließlich ein Augenblick reinen Glücks, doch dann ist das Erschrecken hinzugetreten, die Unzulänglichkeit meiner Leistung an der Unbedingtheit zu messen, die mit diesen Namen verbunden ist. Und ich muß meine Arbeit daran messen, wenn ich wage, diesen Preis anzunehmen, meine vorliegende wie meine künftige Arbeit, ich muß alles mein Künftiges daran messen, das Künftige meines Tuns und Lassens, und da wird dies Erschrecken Sorge. […] Meine Damen und Herren, ich nehme den Geschwister-Scholl-Preis […] dankbar, beglückt und erschrocken entgegen. Ich hätte nie zu träumen gewagt, daß mir dieser Preis verliehen werden könnte. Ich kann mir für mich keinen schöneren denken. Ich übe einen harten Beruf aus, Momente des Glücks sind darin selten, sie stehen sehr nahe dem Unerlaubten; dieser Zuspruch hat mich glücklich gemacht.“1
Bemerkenswert ist, dass Fühmann auch dieses Buch, das später sein Meisterwerk werden sollte, zunächst als eine Gelegenheitsarbeit, als eine freiwillig übernommene Pflichtübung begann. Sein zentrales Interesse galt nach wie vor der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit und der Wandlung, die er in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft vollzogen hatte. Mit beidem war er keineswegs fertig, weder als Mensch noch als Schriftsteller. Als er in seinem ungarischen Reisetagebuch Zweiundzwanzig Tage die Bilanz seiner vergangenen literarischen Anstrengungen zog, war ein Unterton von Verzagtheit und Verzweiflung nicht zu überhören:
Meine vergeblichen Versuche (waren es überhaupt Versuche, war es nicht vorerst nur ein Wunsch, ein Verlangen, ein Ziel), das zu beschreiben, was man Wandlung nennt! Sie ist die Erfahrung meines Lebens, sie ist seit zwanzig Jahren mein Thema, aber sie ist es eigentlich noch immer als Vorsatz, geleistet habe ich dazu bestenfalls Vorarbeiten! Ich habe das vorher geschildert, ein wenig das Nachher, aber der entscheidende Prozeß, eben der der Wandlung, ist literarisch nicht bewältigt.2
Immer dringlicher legte er sich daraufhin in den siebziger Jahren die Frage vor, wie er damals fast übergangslos von einem fanatischen Hitler-Anhänger zu einem treuen Gefolgsmann Stalins hatte werden können. Doch fand er nicht den richtigen Ansatz, nicht die rechte poetische Form, seine Erlebnisse angemessen umzusetzen. Bis sich dann, wie schon bei der Arbeit an den Zweiundzwanzig Tagen, die unwillkürlich aufbrechenden Erinnerungen gegen alle schriftstellerischen Pläne und handwerklichen Bedenklichkeiten durchsetzten. Vom Leipziger Reclam Verlag aufgefordert, ein kurzes Nachwort zu der ersten vollständigen Edition der Werke und Briefe Georg Trakls in der DDR zu schreiben, brachte Fühmann den fast dreihundert Seiten umfassenden Essay „Vor Feuerschlünden“ zu Papier.
Sein Ausgangspunkt ist so simpel wie verblüffend. „Gedichte sind eine andere Art Träume“,3 schreibt Fühmann auf einer der ersten Seiten, und schlägt damit das Leitmotiv an, mit dem er immer wieder die verschiedenen Textschichten des Buches verklammert: zum einen die grundsätzlichen Überlegungen zur modernen Lyrik und ihrem Verhältnis zum Sozialistischen Realismus, zum anderen die Interpretationen zu einigen ausgewählten Versen Georg Trakls, und schließlich die Erinnerungen an ganz persönliche, intime Erfahrungen im Umgang mit dessen Poesie. Nebenbei: Fühmann war keineswegs der Erste, der Parallelen zwischen Trakls Lyrik und der Natur der Träume entdeckte. Rainer Maria Rilke schrieb wenige Wochen nach dem Tod Trakls an Ludwig von Ficker, einen Freund und Förderer des Verstorbenen:
Inzwischen habe ich den Sebastian im Traum bekommen und viel darin gelesen: ergriffen, staunend, ahnend und ratlos; denn man begreift bald, daß die Bedingungen dieses Auftönens und Hinklingens unwiederbringlich einzige waren, wie die Umstände, aus denen eben ein Traum kommen mag.4
Da Fühmann Rilke häufig als einen der lyrischen Leitsterne seiner Jugend bezeichnet hat und auch in Vor Feuerschlünden betont, wie lange und intensiv er sich mit Rilkes Werk beschäftigt habe,5 darf man wohl vermuten, dass er diese vielzitierten Sätze über Trakl kannte. Für seine Anfangsbehauptung hätte sich Fühmann außer dem – wieder einmal – auf Sigmund Freud als Gewährsmann berufen können, und er tut dies auch indirekt, wenn er in einer der letzten Zeilen über die gemeinsame „Lüge“ von Dichtung und Traum nachdenkt:
[…] nein, ,Lüge‘ nicht, es fehlt das präzise Wort. Vielleicht: Widerspruch einer Wunscherfüllung, die ein Gedicht, wie ein Traum, ist und doch auch nicht ist.6
Die Erkenntnis, dass der Traum eine psychische „Wunscherfüllung“ sei, dürfte zwar bereits sehr alt sein, doch auf den wissenschaftlichen Begriff wurde sie von Freud gebracht, der auch schon früh auf Ähnlichkeiten zwischen der Produktionsweise eines Lyrikers und einem bestimmten Teil der Traumarbeit, nämlich der Traumverdichtung, hinwies. Die Worte werden, schrieb er, „vom Traum überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren“, die durch „Zerlegung und Zusammensetzung der Silben“ einer „wahre[n] Silbenchemie“7 ausgesetzt seien. „Man kann sich vorstellen“, heißt es an anderer Stelle, „daß ein gutes Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welche die gesonderten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen Ausdruck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise, durch passende sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sich geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen feststeht, wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdrucksmöglichkeiten des anderen einwirken, und dies vielleicht von vorneherein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters.“8 Während Freud hier nur einen Aspekt des Traumes mit der Tätigkeit des „Reimeschmiedens“9 vergleicht, setzt er in der später erschienenen Studie „Der Dichter und das Phantasieren“ Tagträume und literarische Phantasieprodukte ausdrücklich einander gleich: Hinter jedem von ihnen verberge sich letztlich nichts anderes als „eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit“. Zwar gestand er zu, „daß sehr viele dichterische Schöpfungen sich von dem Vorbilde des naiven Tagtraumes weit entfernt halten“, vermutete aber, „daß auch die extremsten Abweichungen durch eine lückenlose Reihe von Übergängen mit diesem Modelle in Beziehung gesetzt werden können“.10
Fühmann ist hier vorsichtiger. Er betont nicht nur die Gemeinsamkeiten zwischen der Lyrik – vor allem der Lyrik der Moderne – und dem Traum, sondern er stellt auch die Differenzen deutlich heraus:
Gedichte sind eine andere Art Träume, doch während ein fremder Traum uns meist langweilt, wiewohl er den Träumer aufgewühlt hat […], vermag das Gedicht eines Fremden uns so zu bewegen, daß wir, auch wenn es uns dunkel bleibt, es als unser Eigenes empfinden, ja mehr: daß wir durch dieses Gedicht überhaupt erst ein Teil Eigenes gewahren: auch dies ist ein Unseres! oder: aber das ist ja das Unsre, wir haben es nur nicht gewußt, äußerstenfalls konnten wir es ahnen!11
Zugleich aber setzt Fühmann damit die Gedanken Freuds auch fort. Ebenso wie die Träume, die uns gelegentlich Nachrichten aus unserem Unbewussten zuspielen, steht – so folgert er – die Poesie in einem besonderen Verhältnis zu versteckten Winkeln unserer Seele: Die Begegnung mit großer Lyrik kann also eine zuvor stumme, stumm gehaltene Saite in unserem Inneren zum Schwingen bringen und auf diese Weise zum Anlass für eine überraschende, beunruhigende Selbstverunsicherung werden. Er geht sogar so weit, die literarische Qualität eines Gedichts vor allem nach eben jener Kraft zu bemessen, mit der es unsere Gefühlswelt erschüttert. Gelingt es den Versen, das Unbewusste des Lesers anzusprechen, verdrängte Neigungen, Sehnsüchte oder Beunruhigungen ins Bewusstsein zu holen, wird er den Gründen für diese unerwarteten Empfindungen nachgehen. Das aber wird ihn nicht nur in eine immer innigere Auseinandersetzung mit dem Gedicht treiben, sondern ihn – stellt er sich dieser Aufgabe aufrichtig und entschlossen genug – letztlich mit verborgenen Seiten der eigenen Psyche konfrontieren.
Diese Poetik entfernt sich konsequent von dem traditionellen Literaturverständnis nicht nur des sozialistischen Realismus:
Unsere Vorstellung vom Dichtungsverstehen ist so stark durch Abbildtheorien geprägt, daß die in unser Poesie-Erleben hineinwirken: Je mehr uns ein Gedicht ergreift, um so dringender versuchen wir ein rationales Nachvollziehen, genauer: ein Auflösen im Nur-Rationalen durch Zurückführen des als Abbild Gefaßten auf das unterstellte Urbild, und das Rationalmachen wäre dann das Benennen von Übereinstimmungen wie Nicht-Übereinstimmungen von Sekundärem und Primärem, und der Grund dafür, und der Konsequenzen daraus. – Wir stellen dazu das Gedicht in die Natur oder in die historische Zeit seines Entstehens, und falls wir dort oder in einem Kunstwerk, das unsern Dichter belegbar beeinflußt hat […], keine äußere Entsprechung finden, suchen wir sie im Vorsatz des Autors, seinem erschließ- und objektivierbar gewähnten Bewußtsein. Unser Betroffensein lassen wir außer acht, und dabei ist doch gerade es das objektive Kriterium, nach dem wir so verzweifelt suchen, jenes Element, das ein Gedicht über sein rein formal bestimmtes, schon vom bloßen Anblick her erkenn- und diagnostizierbares Dasein als spezifisch poetisches Genre […] hinaus zum Gedicht als Kunstwerk erhebt […].12
Fühmann führt als Beleg für diese Thesen nicht mehr und nicht weniger an als eigene lebensverändernde Erfahrungen an: In den letzten Kriegstagen las er während eines Heimaturlaubes Georg Trakls Lyrikband Sebastian im Traum – und die wenigen Zeilen des Gedichtes „Untergang“ erfassten ihn mit einer noch nie erlebten Macht. Sie forderten nicht, wie Rilkes berühmte Schlusszeile, „Du mußt dein Leben ändern“ – sie änderten es. Sie rührten an dunkle Ahnungen, an lang und mühevoll Verdrängtes und machten ihn so zu einem anderen. Er hatte, obwohl er getreu der deutschen Propaganda weiterhin an den „Endsieg“ glauben wollte, „über diesem Gedicht, für die Ewigkeit eines Moments begriffen, daß der Krieg für uns verloren war“. Mehr noch: Er spürte mit einem Mal Regungen, die den sorgsam gehegten Überzeugungen seiner Jugend widersprachen, die sein Selbst- und Weltbild ins Wanken brachten, ohne dass er wusste, was an ihre Stelle treten konnte.
Es war mir, als ob Trakls Gedicht als ein Ich wider mich zu streiten anhübe und ich sähe, gelähmt von Betroffenheit und dies Gelähmtsein doch schon als Befreitheit genießend, dem Kampf mit traumhafter Gelassenheit zu […].13
Dass Fühmann diesen Kampf zugleich als Gefahr empfunden, aber auch genossen hat, lässt aufhorchen. Sein ambivalenter Gemütszustand ähnelt deutlich jenen Reaktionen, die sich einstellen, wenn Verdrängtes aus dem Unbewussten allmählich ins Bewusstsein eindringt: Freud beschreibt diesen Prozess ebenfalls als einen „Kampf“ zwischen dem „Auftrieb“ des Verdrängten – das nichts so dringend verlange, „als über die ihm gesetzten Grenzen ins Ich und bis zum Bewußtsein vorzudringen“ – und dem vom Ich ausgehenden „Verdrängungswiderstand“,14 der sich jenem Drang widersetze. In welchem Maße Fühmann durch seine erstaunliche Leseerfahrung erschüttert und aufgerüttelt wurde, lässt sich an einer lapidaren Bemerkung ablesen: Hätte man ihn, so schreibt er, auf dem Weg in die sowjetische Gefangenschaft – also nach der endgültigen Niederlage Deutschlands, nach dem Verlust der Freiheit und angesichts einer höchst ungewissen Zukunft – gefragt, „welches das bestimmende Ereignis meiner letzten Jahre gewesen“ sei, so hätte er „ohne Zögern geantwortet: die Bekanntschaft mit Georg Trakls Gedicht“.15
Es gehört zur Tragik von Fühmanns Leben, dass es ihm nicht vergönnt war, diesen noch recht frühen Irritationen ungestört nachzuspüren. Die historische Situation gab ihm keine Gelegenheit zu Ruhe und Besinnung. In Not und Beschränkung des Arbeitslagers, das ihn im Kaukasus erwartete, wurde die Lyrik Trakls für ihn nicht zur Triebfeder für eine radikale Selbstprüfung, sondern zum Fluchtpunkt außerhalb seiner entbehrungsreichen, von außen bestimmten Wirklichkeit, auf den er sich während seiner allabendlichen Produktion eigener Gedichte wieder und wieder zurückzog. Ein fast schon planmäßig zelebrierter Rückzug aus der Realität, der deutlich genug an das Verhalten des kindlichen Helden in der Erzählung „Mein letzter Flug“ erinnert: Als dieser irrtümlich ein Foto vom „FÜHRER“ zurückweist und damit aufgebrachtes Protestgeschrei seiner Eltern erregt, versucht er aus der spannungsgeladenen Situation in die Welt seiner Tagträume zu entkommen – und rennt daraufhin buchstäblich in sein Unglück. Im Gegensatz zu dieser Kindheitsgeschichte hebt Fühmann in Vor Feuerschlünden allerdings hervor, in welchem Maße eine erste intuitive Erkenntnis oder auch Selbsterkenntnis über große Zeiträume hinweg unbemerkt im Unbewussten fortwirken könne:
Ich habe sie [die eigene Schuld als Nationalsozialist] lange nicht sehen wollen; ich war auf der Flucht vor mir selbst, so war sie ganz innen, und ich suchte nach aller Schuld außer mir. – Ich hungerte und fror ja, wie trug ich da Schuld? – Es war so jämmerlich wie jammervoll. […] Ich wollte nichts von Auschwitz wahrhaben, ich wollte von einer Schuld nichts hören; ich vergrub mich in Selbstmitleid und Jammer und sagte mir Trakls Verse her, doch sagt man sich denn so ganz ohne Folgen: Es ist ein Weinberg, verbrannt und schwarz mit Löchern voll Spinnen. / Es ist ein Raum, den sie mit Milch getüncht haben? – Im Bewußtsein wurden keine Fragen laut, wer denn den Weinberg verbrannt, die Kammer getüncht, die Milch geschändet, aber das heißt doch nicht, daß nichts so fragte. – Was für Spinnen hausten in meinem Herzen? – Ich wollte mich nicht an mein Vergangnes, ich wollte mich an die Gedichte Trakls erinnern, doch wer weiß, was die Erinnerung will? Was sucht sie sich aus, was drängt sie zurück, was prüft sie, was bereitet sie vor? […] Die Verse, die mir ins Gedächtnis kamen, gaben gewiß meinem Jammer Nahrung, doch sie stachelten auch ein Andres, das gegen mich für mich zu streiten begann. – Ins Bewußtsein drang nichts, doch was beweist das?16
Auch nach der Rückkehr aus dem Kriegsgefangenenlager gab es für Fühmann keine Gelegenheit, behutsam an der beunruhigenden Erfahrung seiner ersten Trakl-Lektüre anzuknüpfen. Detailliert erzählt er, mit welchem demagogischen Geschick die Ausbilder der Antifa-Schule bei Riga den gerade erst überwundenen Nazidünkel ihrer Schüler sofort wieder durch ein neues, starres politisches Wertesystem ersetzten: Sie tauschten die alten Glaubenssätze lediglich gegen andere aus und ließen bei dieser Gehirnwäsche die versteckten faschistischen Prägungen ihrer Schützlinge – die blinde Autoritätshörigkeit und sture Intoleranz, den ideologischen Rigorismus samt Kompromissunfähigkeit – nicht nur unberührt, sondern pflegten und förderten sie, um sie sich zunutze zu machen. Statt ihre Zöglinge zu intellektueller Unabhängigkeit zu führen, also erstmals in ihrem Leben zur Selbstkontrolle anzuhalten, richteten sie deren lange verinnerlichte Sehnsucht nach Leitfiguren kurzerhand auf ein anderes Vorbild, auf Stalin, aus. Zugleich verdammten sie die geringste Abweichung von der vorgegebenen Linie als Häresie, als das Böse schlechthin, als Rückfall in den gerade abgelegten Nationalsozialismus: „Unser endlich gefundener Weg war ja das Andre zu unserm verfluchten Vergangenen“, beschreibt Fühmann die simplen Argumentationsmuster, auf die er seinerzeit eingeschworen wurde, „also mußte – und das schien uns schlüssig – alles Andere zu diesem Andern immer nur jenes Alte sein, von dem auch geistig uns zu befreien unser drängendster Wille war. […] Dieses völlig duale Weltbild (das, überflüssig es zu betonen, die Lehren, auf die es sich berief, in unverdienter Weise verzerrte) war hierin ein Kontre-Stück zu der Weltsicht, die ehedem unser Denken beherrschte, doch es gab sich als der völlige Bruch mit dem Alten, und der einzig mögliche Bruch noch dazu […]. Die Bruchstellen traten schroff hervor; Kontinua blieben lange unbemerkt, sie schienen das Undenkbare schlechthin, doch Kontinuität liegt ja schon in der Person: Der sich da wandelt, bleibt auch er selbst […].“17
Fühmann lässt keinen Zweifel daran, dass er und seine Kameraden nach der jahrelangen nationalsozialistischen Indoktrination eine gründliche Umerziehung nötig hatten. Doch der Lehrplan der Antifa-Schule wurde ausschließlich von politischen Begriffen bestimmt und verengte so den Blickwinkel der Schüler auf ihre eigene Jugend, anstatt ihn zu erweitern. Sie wurden nicht dazu angehalten, im Einzelnen mit ihren Erlebnissen der zurückliegenden Jahre ins Gericht zu gehen, sondern sie pauschal nach ideologischen Kriterien abzuurteilen. Hatten sie den endgültigen Bruch mit der Vergangenheit erst einmal vollzogen, fragte niemand mehr nach möglichen unbewussten Verhaltensmustern, die sie aus ihrer martialischen Kindheit mitbrachten: So wurde das Ausmaß der Verdrängungen eher noch vergrößert als verringert, weshalb sich die psychischen Spannungen für die ehemaligen Hitlersoldaten gelegentlich bis zum Unerträglichen steigerten:
War der Sprung einmal getan, und das hieß: war die Einsicht in die Verwerflichkeit dessen gegeben, was da verkürzt ,das Alte‘ hieß, war keine Entwicklung mehr möglich denn der, dies ,Alte‘, soweit es unvermittelt sich zeigte, konsequent in der eigenen Sphäre zu tilgen, und die letzte Konsequenz galt dem eigenen Leib. Ich sehe meinen Pritschennachbarn zur Früh am Latrinenbalken hängen, ein Schild um den Hals: ICH WAR EIN KRIEGSVERBRECHER […].18
Wie lange Fühmann im Bann dieser totalitären Denkstrukturen stand, lässt sich an seiner Lyrik und Prosa der fünfziger und sechziger Jahre ablesen. Wie umfassend er sich dann aber durch seine literarische Erinnerungsarbeit von diesen Scheuklappen befreit hat, macht die leidenschaftliche Genauigkeit deutlich, mit der er seine naive Glaubensbereitschaft nun selbst analysierte. Zu dieser Befreiung trugen die Gedichte Georg Trakls auf eine zunächst paradox erscheinende Weise bei: Dessen Werk sprach allen Dogmen des Sozialistischen Realismus Hohn und wurde folglich von den Dozenten der Antifa-Schule – und später auch von den Kulturfunktionären der DDR – strikt abgelehnt, ja als herausragendes Beispiel dekadenter Literatur verurteilt. Ohne kritische Distanz übernahm Fühmann üblicherweise die Grundsätze seiner Lehrer – doch diesem Verdikt vermochte er nicht zu folgen. Er war nach wie vor von Trakls Lyrik besessen. Auch wenn er in den ersten Nachkriegsjahren gehorsam allen Anweisungen seiner Partei folgte, Trakls Verse und Bilder hatten sich in sein Bewusstsein eingegraben und ließen ihn nicht mehr frei. Lange Zeit versuchte er sie insgeheim auszunehmen von der vulgärmarxistischen Literaturbetrachtung, auf die man ihn eingeschworen hatte. Er las sie wie ein Süchtiger in „einer traumhaften Entrückung“,19 ohne den Ursachen für ihre Ausstrahlungskraft nachzuspüren, er genoss das „süße, uneingestandene Trotzdem eines Gefallenfindens an etwas, das mir zu mißfallen hatte“.20
Doch gehörte Fühmann zu den Menschen, die mit solchen permanenten Unaufrichtigkeiten auf Dauer nicht leben können. Der Widerspruch zwischen seinem intuitiven Enthusiasmus für Trakls Gedichte und der gläubig akzeptierten Ideologie wurde für ihn mit der Zeit immer unerträglicher. Ein Widerspruch, der paradigmatisch war für eine Fülle von notdürftig unterdrückten Bedenken, die Fühmann immer wieder verspürte, sobald er die Realität der DDR an ihren Idealen zu messen wagte:
Kritisch mit meiner Vergangenheit beschäftigt, nahm ich kaum wahr, wie ich meiner Gegenwart auswich, was durchaus keine notwendige Folge eines Befassens mit dem Gestern sein mußte –: Ich projizierte eine verheißene Zukunft auf mein Alltagsbewußtsein und begriff dies als Heute: Glück der Ferne leuchtend nah! Und zugleich begann ich zu trinken und schrieb nachts dann Fragen ins Tagebuch, die ich am Morgen beschämt wieder löschte, da ich sie als Keime von Zweifeln empfand, Unglauben an die Kraft der neuen Gesellschaft, als das wahrhaft Neue auch der Erfüller der Ideale zu sein, die ins Leben zu bringen sie verheißen, in deren Namen sie Opfer verlangte und die sie um so eifernder als schon erfüllt dekretierte, je krasser der Alltag ihnen widersprach: Die wahre Erfüllung war schon gegeben, und wenn die Wirklichkeit sich mit ihr nicht deckte, widerspiegelte, wer diesen Kontrast konstatierte, nicht die Wirklichkeit, sondern falsches Bewußtsein: Er sah das ,Wahre‘ nicht als ,wahrhaft‘, sondern nur als nicht wirklich, und so sahen es ja auch die Feinde des Neuen. – Es war kompliziert, und doch ,ganz einfach‘, auch eine Lieblingswendung jener Zeit. – Die wahre Realität lag dem nach in der Zukunft; sie ins Heute zu melden wurde Auftrag der Dichter […].21
Fühmann wollte sich jede Skepsis gegenüber dem realen Sozialismus verbieten, doch so konsequent er auch die Augen vor der Wirklichkeit schloss, zumindest die Erinnerung an Trakts Lyrik konnte er nicht aus dem Gedächtnis löschen. Immer wieder zogen die Gedichte ihn mit ungebrochener Kraft an und trieben ihn damit in Opposition zu der staatlich verordneten Literaturtheorie. Der Konflikt zwischen Dichtung und Doktrin war unausweichlich und verwandelte sein literarisches Gewissen in einen Kampfplatz.
Um den Konflikt in einem Kraftakt zu entscheiden, nahm Fühmann sogar Anlauf, seine Trakl-Bücher zu verbrennen. Es war – wie er es selbst nannte – ein verzweifelter „Selbstgewinnungsversuch.“22 Er bemühte sich, endgültig aus seinem Leben zu verbannen, was im Widerspruch zu seinem ideologischen Glaubensbekenntnis stand, um so ein ausgeglichenes, in sich ruhendes Bewusstsein zu gewinnen. Aber das Unternehmen misslang, nicht zuletzt weil er sich zu gut daran erinnerte, dass es Trakls Gedichte waren, die zuerst seinen nationalsozialistischen „Wahn erschüttert[en], daß den deutschen Waffen der Endsieg gehöre“.23 Sein innerer Zwiespalt lebte also fort, stellte ihm den lang verleugneten Dissens mit der sozialistischen Obrigkeit immer deutlicher vor Augen und führte ihn schließlich bis an den Rand der Selbstzerstörung.
Kurz nach der entscheidenden Krise von 1968 war es dann wiederum die Lyrik Trakls, die ihm Gelegenheit gab, einen ersten Schritt in Richtung einer zunächst nur poetologischen, aber bald auch politischen Emanzipation zu tun: Fühmann sollte für den Reclam Verlag in Leipzig eine kleine Auswahl aus dem Werk des Dichters zusammenstellen und gab sich zunächst alle Mühe, keine Gedichte in den Band aufzunehmen, die bei den Kulturfunktionären seines Landes Anstoß erregen könnten. Zudem versuchte er sogar mit allerlei interpretatorischen Winkelzügen die Texte „auf eine Linie zur sozialistischen Literatur hin zu bringen“.24 Doch nach langem Zögern nahm er auch einige der „dekadenten“ Gedichte in seine Auswahl auf und verzichtete auf verharmlosende ideologische Deutungen. Sicher, das war kein bedeutender Einspruch gegen die staatliche Kulturpolitik, ja es wurde vorerst noch nicht einmal ein öffentlicher, denn der geplante Trakl-Band durfte – ebendieser Zusammenstellung wegen – erst Jahre später gedruckt werden. Aber der schwer erkämpfte Entschluss eröffnete Fühmann einen anderen, ungeahnten Zugang zu Trakls Lyrik:
Erst da, in der völligen Hingabe, da ich nicht mehr las, um so zu verstehen, wie ich ein Verständnis bislang verstanden: als Vermittlung zu etwas schon Festgelegtem, das ein Gedicht nur bestätigen solle –, erst als ich ohne Voraussetzung las außer der, Trakl für mich zu haben, verstand ich ihn, da ich ihn wieder erfuhr. […] nun las ich wieder mit jenem Schauer des Begreifens der eigenen Sache, des Erfahrens: Tua res agitur. […] Ein jäher Riß; etwas Neues begann. – Plötzlich verstand ich Trakls Sprache; plötzlich verstand ich Trakls Bilder, und plötzlich verstand ich den nicht mehr, der ich soeben noch gewesen: Dämmerung und Verfall; was war da verfallen; was dämmerte hinab, und was herauf?25
Endlich, nachdem sich Fühmann von der lange geduldeten politischen Bevormundung frei gemacht hat, konnte er die Schwermut, die Verzweiflung und Todessehnsucht in Trakls Versen bewusst akzeptieren. Mehr noch: Er erkannte, dass es gerade die poetischen Beschwörungsformeln von Dämmerung und Verfall waren, die ihn zeitlebens an diesen Gedichten so faszinierten – und er begriff diese Faszination als einen Hinweis auf verdrängte Bewusstseinsanteile. Wie sonst nur durch Träume meldete sich in seinem Enthusiasmus für diese Lyrik ein unterdrückter Zug seiner selbst zu Wort. Er konnte sich nicht von diesen Gedichten lösen, weil sie an versteckte Bereiche seiner Seele rührten, weil sie – ohne dass ihm das zuvor klar gewesen war – von ihm sprachen: Tua res agitur. Mit dieser Einsicht aber gewann er auch zum ersten Mal die Kraft, sich zu jenen Empfindungen zu bekennen, die bereits aus seinen ersten, noch weitgehend naiv geschriebenen Gedichten spricht: Melancholie und Untergangserwartung, Verlorenheit und Trauer:
Die Götter haben die Sterne aus den alten Bahnen gerissen,
und aus den Löchern im Firmament fällt schneeweiß der Tod.
Meine Sehnsucht bäumt sich noch einmal auf und loht,
dann umfängt auch sie der Tod mit kalten und weißen Küssen;
–
Nächtlicher nie noch die Nacht.
Banger noch keine Stunde.
Eine blutende Wunde
wird unser kleines Herz.26
Hier nun schließt sich der Kreis: Fühmann lebte von Jugend an unter dem Regime diktatorischer Staaten, die in der Literatur wie im Leben größten Wert legten auf Begriffe wie Gesundheit, Optimismus, Heldentum oder Sauberkeit. Zu blinder Autoritätshörigkeit erzogen, unterwarf er sich fraglos diesen Idealen und schob alle melancholischen Anwandlungen beiseite. Schwächen zu zeigen, Unbehagen oder Entmutigung, galt ihm als Charakterfehler, ob er nun im nationalsozialistischen oder realsozialistischen Deutschland lebte. Stattdessen verschrieb er sich – zumindest bewusst – einem Kult der Stärke und des Aufbaus, der Selbstverleugnung und des grenzenlosen Fortschritts. „Wie das Feuer schmecke und rieche und brenne“, schreibt Fühmann in einer bezeichnenden Kindheitserinnerung, „trat mir voll in die Sinne der Einbildungskraft, als ich mich darauf vorbereitete, durch das Feuer zu springen, Mutprobe am Lagerfeuer […]. Ich wußte, daß man diesen Sprung, bei dem schon mancher verunglückt sein sollte, morgen nacht von mir fordern werde, bei der Aufnahme in den Sudetendeutschen Turnverein, und ich fürchtete bis zum letzten Moment, über eine Wurzel zu stolpern und der Länge nach in die Glut zu schlagen, aber ich hatte schon gelernt, daß es deutsch war, sich selbst zu überwinden, seine Angst, alles das, was man den ,inneren Schweinehund‘ nannte, und so sprang ich gleich den Kameraden durchs Feuer und fühlte mich von den Flammen geweiht. Ich war nun kein Mensch mehr wie irgendein andrer […], ich war ein Deutscher, der durch das Feuer gesprungen, und ich fühlte ein tiefes Recht, diese anderen verachten und gegebenenfalls auch zertreten zu dürfen.“27
Sicherlich lässt sich durch solche frühen Erfahrungen, die in der Antifa-Schule auf fatale Weise bestätigt und bestärkt wurden, nicht vollständig erklären, weshalb Fühmann tatsächlich seine gesellschaftlich unerwünschten Seelenregungen so lange und konsequent zurückdrängte. Wohl aber darf man annehmen, dass die politischen Gegebenheiten diese Bereitschaft unterstützten, wenn nicht gar auslösten. Erst nach jahrzehntelanger Trauerarbeit mit schriftstellerischen Mitteln konnte er sich allmählich Klarheit über den ausgegrenzten Bereich der eigenen Persönlichkeit verschaffen. Das Buch Vor Feuerschlünden – und darin darf man wohl eine Quelle seiner besonderen Ausstrahlungskraft sehen – erzählt, wie er jenen unbekannten, unbewussten Teil seiner selbst, ausgelöst durch Literatur und mit Hilfe von Literatur, wiedergewinnt. Der Leser hat teil an einem lange Zeit aussichtslos erscheinenden, oft qualvollen, aber letztlich doch erfolgreichen „Selbstgewinnungsversuch“, der sich – angetrieben von der hartnäckigen, unerschütterlichen Leidenschaft für Trakls Lyrik – schließlich gegen scheinbar übermächtige soziale und ideologische Widerstände durchsetzt.
Zudem vermochte sich Fühmann jetzt endlich einzugestehen, dass sein Werdegang, seine Wandlung kein endgültiger, unumkehrbarer Prozess sein konnte. Statt die Prägungen seiner Jugendjahre weiterhin streng nach moralischen Gesichtspunkten unterscheiden zu wollen, begriff er nunmehr ihre ambivalente Natur: dass sie ihn nicht nur zum fanatischen Hitler- oder Stalin-Anhänger hatten werden lassen, sondern ihn ebenso zu dem fanatisch nach der Wahrheit suchenden Schriftsteller machten, der er war. Sein steter Drang nach Läuterung hatte ihn keineswegs zu einem gänzlich anderen verwandelt, er verlieh den gleichen Anlagen lediglich ein anderes Gesicht. Kein unwiderruflicher Fortschritt trennte ihn vom Rückfall in vergangene Fehler, von der Regression in die überwunden geglaubte ideologische Engstirnigkeit, sondern allein seine kritisch durchlebten Erfahrungen, seine ständig wache Selbstkontrolle:
[…] es war die Erkenntnis des eigenen Geheimnisses, das in jedermanns Kindheit begraben ruht. […] Geheimnis bleibt Geheimnis, auch jedem das eigne, und in seinem dunkel aufglühenden Licht heißt Anderswerden: Unvereinbares so sich vereinend, daß es als Person unteilbar ist. […] Ich hatte das Werden eines Menschen bislang als ein Nacheinander, wenn auch in seiner Entfaltung, gesehen; nun […] begriff ich, daß dies Werden auch ein Zugleich ist: Du verlierst nichts von dem, was du einmal warst, und bist gewesen, was du einst wirst.28
Franz Fühmanns Vor Feuerschlünden ist mehr als eine Confessio, mehr als das radikale Bekenntnisbuch eines Dichters über den langen und schweren Weg zu sich selbst. Es ist zugleich das Fazit, die triumphale Bilanz seines Kampfes um Wandlung, die ihm nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Mensch neue Möglichkeiten eröffnete. Wie vielleicht kein anderer deutschsprachiger Autor seiner Generation hat er Trauerarbeit an der eigenen Vergangenheit und der seines Landes geleistet. Er ist darüber sowohl zu einem weithin respektierten, unverwechselbaren Erzähler und Essayisten geworden als auch zu einem selbstbewussten, aufgeklärten Sozialisten.
„Um die Seele eines Dichters zu durchschauen“, so hatte Fühmann von Baudelaire gelernt, „muß man in seinem Werk diejenigen Worte aufsuchen, die am häufigsten vorkommen. Das Wort verrät, wovon er besessen ist.“29 In ihrer Trauerrede zur Beerdigung Fühmanns zählte Christa Wolf deshalb die Worte auf, die sie für seine wesentlichen hielt:
Es sind dies: Wandlung. Wahrheit. Wahrhaftigkeit. Ernst. Würde. Sie alle stehen, wie selbstverständlich in einem Werk, das von einem zentralen Widerspruch her geschaffen ist, zueinander in Beziehung; ihre Antriebskraft, ihre Richtung und ihren Inhalt aber bekommen sie von dem Wort Wandlung, das Thema, in das Fühmann sich ,eingeschmolzen‘ weiß: seinem unausgesetzten, inständigen Versuch, sich wandelnd und den Prozeß dieser Wandlung beschreibend, sich dem Verhängnis zu stellen, ein Generationsgenosse und, bis zu einem gewissen Grad (so schränke ich ein, nicht er!), Teilhaber jenes mörderischen Wahndenkens gewesen zu sein, das Auschwitz hervorbrachte.30
Uwe Wittstock, aus Uwe Wittstock: Franz Fühmann – Wandlung ohne Ende. Eine Biografie, Hinstorff Verlag, 2021
Worte, Wörter, Wandlungen
– Widerspruchseinheiten aus Franz Fühmanns Zettelkästen. –
Es ist so gewiß als wunderbar, daß Wahrheit und Irrtum aus einer Quelle entstehen; deswegen man oft dem Irrtum nicht schaden darf, weil man zugleich der Wahrheit schadet. (Goethe: Maximen und Reflexionen, Nr. 310, zitiert in Franz Fühmanns Zettelkästen zum Stichwort ,Dialeckdich‘)
Lebensweg
Will man ein Leitmotiv in Franz Fühmanns Biographie und Werk benennen, drängt sich das der Wandlung auf. Uwe Kolbe sagte 2009:
In der deutschen Literatur nach Wolfgang Borchert, in jener der Generation Fühmanns, deren männliche Angehörige „für Führer, Volk, Vaterland“ an die Front gingen, hat kaum einer so radikal und präzise ausgesagt, wie er geworden und vor allem, wie er anders geworden ist.
Am 15. Januar 1922 in Rokytnice/Rochlitz (Tschechien) geboren und in einem katholisch-konservativen Milieu erzogen, wandte sich Fühmann als junger Mann dem Sudetenfaschismus zu. Gleich zu Kriegsbeginn 1939 meldete er sich zum Militärdienst, wurde aber zunächst, da erst siebzehn Jahre alt, zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Ab 1941 erlebte er den Krieg als Funker an der Ostfront und in Griechenland. 1945 geriet er in sowjetische Gefangenschaft und wurde im Zuge der Umerziehung mit den Verbrechen des NS-Regimes konfrontiert. Schließlich kam er auf eine „Antifa-Schule“ und wurde 1949 in die DDR entlassen, um als Kulturfunktionär der NDPD am Aufbau des neuen Staates mitzuwirken. Nach den Irrwegen des Katholizismus und Faschismus hatte er im Sozialismus seinen Leitstern gefunden: das „wahrhaft Wahre“ schien bereits in Reichweite. Doch sein Weg als Sozialist wurde zunehmend zur schmerzhaften Wahrheitssuche. Gerade sein Idealismus schärfte den Blick für die realexistierenden Mißstände und gab ihm den Mut, uneingelöste Versprechen einzuklagen, etwa die Möglichkeit zur freien Selbstentfaltung und einen Humanismus, der der Mannigfaltigkeit menschlicher Erfahrung gerecht wird.
In der Aufbruchszeit der fünfziger Jahre fand der unersättliche Leser zunehmend zu seiner eigenen literarischen Sprache. Nach außen hin war seine Lyrik und Kurzprosa zunächst der Agitprop und dem sozialistischen Realismus verpflichtet. Doch für die Schublade schrieb er Düsteres und Haderndes im Stil der tabuisierten „dekadenten Literatur“, vor allem der beklemmenden Lyrik Georg Trakls, die ihn schon im Krieg begleitet und erste „Risse“ in der heilen Welt ideologischer Verblendung hatte aufbrechen lassen. Im Widerstreit zwischen Affirmation und Zweifel entstand eine unverwechselbare Stimme – poetisch, empfindsam und messerscharf analytisch.
Zugleich setzte er sich für jene Literatur ein, die den geltenden Normen nicht entsprach. 1956 machte Fühmann als Leiter des Arbeitsgebiets Kulturpolitik der NDPD parteiintern den Vorschlag, die Veröffentlichung großer, noch als „dekadent“ verpönter Autoren der Moderne – Kafka, Benn, Joyce, Proust, Sartre, Eliot, Nietzsche – endlich auch in der DDR voranzutreiben. Dieser, wie er es unverblümt ausdrückte, „Schritt in das 20. Jahrhundert“ sollte jedoch erst Jahrzehnte später auch nur denkbar werden. Fühmann scheiterte mit seinem Vorhaben und schied aus seiner kulturpolitischen Funktion aus, was ihm jedoch den Raum eröffnete, sich immer erfolgreicher als freier Schriftsteller zu betätigen. Mit dem Erzählzyklus Das Judenauto (1962) legte er eine Abrechnung mit der eigenen NS-Vergangenheit vor, die ihresgleichen sucht. Scharfsichtig und sprachlich virtuos schildert er den Weg von faschistischer Verblendung über Desillusionierung bis hin zur Erlösung durch sozialistische Ideale. Einzige Schwäche des Werkes ist das plumpe Happy-End, von dem sich Fühmann bald wieder distanzierte – der Wandlungsprozeß, den er im Judenauto voreilig für abgeschlossen erklärt hatte, war noch längst nicht zu Ende.
Nicht nur für Fühmann stellte das Scheitern des „Prager Frühlings“ 1968 einen traumatischen Wendepunkt dar – aber die zerschmetterten Hoffnungen gingen ihm, der sich stets um Austausch mit seiner tschechischen Heimat bemühte, besonders nahe. Die politische Sinnkrise steht im Mittelpunkt seines 1973 erschienenen Tagebuchs einer Ungarn-Reise Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens, das Beobachtungen, Gedanken- und Traumscherben auf einzigartige Weise verwebt. Fühmann hatte sich zu jenem Zeitpunkt längst eine wichtige Stellung im literarischen Establishment der DDR erarbeitet, unter anderem im Vorstand des Deutschen Schriftstellerverbands. Diese privilegierte Position und seine Beziehungen nutzte er, um sich für künstlerische Freiheit einzusetzen und verfolgte Kollegen zu unterstützen. 1976 gehörte er zu den Verfassern des offenen Protestbriefs gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und sah sich danach zunehmend Repressalien und Bespitzelung ausgesetzt. Dennoch konnte er weiter veröffentlichen, genoß auch in der Bundesrepublik hohes Ansehen und bemühte sich unermüdlich um die Förderung nonkonformistischer, vor allem junger Talente. Als er 1984 an Krebs starb, hinterließ er mit seinem Testament ein Vermächtnis an erschütternd hellsichtigen Sätzen:
Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten. (…) Ich grüße alle jungen Kollegen, die sich als obersten Wert ihres Schreibens die Wahrheit erwählt haben.
Literarisches Bergwerk
Mit seinem Schaffen sprengte Fühmann nicht nur ideologische, sondern auch literarische Grenzen. Sein Werk ist auch deshalb so faszinierend, weil es in keine Schublade paßt – doch damit fällt es für die Nachwelt allzu leicht durch das Raster. Fühmann war in fast jedem erdenklichen Genre zu Hause, ob Kurzprosa, Essayistik, Hörspiel, Kinderbuch, Libretto oder Filmszenario – allein am Roman ist er gescheitert. Das Romanfragment, das er hinterließ, heißt im Untertitel sogar „Bericht eines Scheiterns“: „Das Bergwerk“, sein ehrgeizigstes Projekt, wuchs sich während seines letzten Lebensjahrzehnts zu einem Ungetüm aus, das er nicht mehr bewältigen konnte. In seiner Unabgeschlossenheit (1993 unter dem Titel Im Berg veröffentlicht) steht es für Fühmanns Schaffen, wie kein sauber abgeschlossenes Narrativ dies gekonnt hätte: eine stillgelegte Grube, unauslotbare Tiefe, die Faszination verzweigter Gänge, die unter Tage weit entfernte Räume und Zeiten miteinander verbinden.
Fühmanns Genie lag darin, Stoffe bis in ihre Tiefenschichten „aufzuspellen“ und neu zu verknüpfen, scheinbar Unvereinbares zu vereinen oder die Paradoxien des scheinbar Schlüssigen aufzudecken. Stets wollte er der Ganzheit der widersprüchlichen Realität gerecht werden. Daher das vorprogrammierte Scheitern, das ihm zur Leiterfahrung wurde, qualvoll und schöpferisch zugleich.
Daher aber auch seine großartige Leistung gerade in der Form des offenen Versuchs – beim Essay. Sein eigentliches Opus magnum ist das 1982 veröffentlichte Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht, ein Langessay, der aus dem ausufernden Nachwort zu einer Trakl-Auswahl hervorgegangen war, die 1981 endlich erscheinen durfte. Vor Feuerschlünden macht das harte, doch euphorisierende Ringen um Wahrheit und freien Ausdruck erfahrbar, bezeugt Fühmanns Einsatz für das Werk anderer und spiegelt Grundsatzkonflikte wider, die ihm schließlich eine neue – letzte – Lebensbilanz abnötigen. Der im Judenauto schon einmal beschriebene Weg wird neu erzählt, das zuvor Verdrängte tritt zu Tage: etwa die verstörende Figur Georg Trakls. Als Dichter eines „unlebbaren Lebens“ treibt er Fühmann zur Aufdeckung eigener und fremder Abgründe an. Zugleich schonungslos und empathisch erweitert dieser den holzschnittartigen Humanismus des sozialistischen Dogmas um die „Nachricht vom Menschen. (…) Das Menschliche, das ist der Mensch ganz: in seinen Siegen und Triumphen wie in seinen Nöten und Niederlagen, in seinen Anfechtungen und Besessenheiten, in Glanz und Kot, in Zwängen und Freiheit, in dem, worin er ein Zeichen der Würde, wie in dem, darin uns vor ihm schaudert!“
Worte und Wörter
Durch Fühmanns Werk ziehen sich leitmotivisch einzelne Begriffe, eine Tendenz, die in Vor Feuerschlünden besonders ausgeprägt ist. Das Buch beginnt mit einer aufschlußreichen Reflexion über das Wort an sich:
Die deutsche Sprache ist so hellsichtig gewesen, dem Substantiv ,Wort‘ zwei Pluralformen zukommen zu lassen: ,Worte‘ und ,Wörter‘, und wir beabsichtigen die Konsequenz, hier nicht den Fall eines zweifachen Plurals anzunehmen, sondern schon den zweier verschiedener, wenn auch gleichlautender Singulare, weshalb wir fortan den Begriffsausdruck ,Wort‘ zu der Mehrzahl ,Worte‘ dem Bereich der Dichtung zuweisen wollen, streng im Unterschied zu einem Singular ,Wort‘ mit dem Plural ,Wörter‘, der für uns das Wort als Instrument des wissenschaftlichen Zugriffs bezeichnet. (…) Diese Konsequenz aber bedeutet nichts anderes, als zwei in den Grundelementen gleichlautende und dennoch wesensverschiedene Sprachen anzunehmen, eine Sprache der Wissenschaft und eine der Dichtung (…) ,Rot‘ – das ist der Name für den Netzhauteindruck einer Frequenz von 4•1014 Hertz; und ,rot‘ sagt eine Einheit von Leben und Tod.
Fühmanns Auslotung dieses Unterschieds führt in schwindelerregende Tiefen – was zunächst als Haarspalterei erscheint, wird zu einer Art Kernspaltung. Im dichterischen Wort wird eine Kraft ausgemacht, die in der Vereinigung gegensätzlicher Energien besteht. Diese „Widerspruchseinheit“ steht für eine komplexe Realität, der mit den „ganz einfachen“ Wahrheiten des politischen Dogmas nicht beizukommen ist. Denn, so gibt Fühmann zu verstehen, auch die Sprache der Politik speist sich aus Wörtern – aus vermeintlich wissenschaftlich eindeutigen Begriffen also, die zu leeren Hülsen geworden sind, lebensfern und menschenfeindlich. Dagegen stellen sich die Worte der Poesie als eine im tieferen Sinne humane Sprache dar, die dem „ganzen Menschen“ mit all seinem widersprüchlichen Potential gerecht wird. Das poetische Wort führt zusammen, was das politische Wort trennt.
Wortkästchen
Wir fassen Worte nicht durch Wörter, wiewohl wir es immer wieder versuchen, weil immer wieder versuchen müssen, wollen wir sie als Gegenstand analysierenden Denkens nehmen. (…) Wie also jene Entsprechung zu ,Begriff‘ benennen: ,Beladung‘? ,Inhalt‘? ,Feld‘? ,Bedeutung‘?
Durch ein einfaches Hilfsmittel bekam Fühmann Worte zu fassen: Er legte Karteien an. In seiner Arbeits- und Nachlaßbibliothek, die in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin aufbewahrt wird, liegen fünf Zettelkästen, die unter Dutzenden von Schlagwörtern eigene Notizen sowie Zitate aus seiner weitschweifenden Lektüre versammeln. Jene damals gängige Datenverarbeitungstechnik mag heute antiquiert, ja befremdlich anmuten. Oder wie eine geradezu avantgardistische künstlerische Strategie – so exotisch, so auratisch wirkt inzwischen das Analoge. Das Suchen und Ordnen von Informationen, heute durch vorgegebene digitale Muster bestimmt, erfolgt bei Fühmann mittels selbstentwickelter Algorithmen, trägt buchstäblich eine persönliche Handschrift und offenbart feine Nuancen seiner Denkprozesse. Er denkt in diesen Kästen wie so oft über das Denken nach, reflektiert über das Reflektieren – und zugleich wird das Steril-Analytische spielerisch konterkariert; was sich allein an einer Auflistung seiner Schlagwörter erkennen läßt:
Abgründe, Abnormes, Absurdes, Akademie, Anders, Alltag, Angst, Antisemitismus, Arbeit, Aufklärung, Ausscheidungen, Außen/Innen, Autoritärismus, Bergwerk, Bewußtsein, Bösegut, Böse Böse/Gut, Gut-Böse, Böse + Gut, Bürokratie, Demokratie/Diktatur, Denken, Deutsches Wesen, Dialeckdich, Dialektik, Dick, Dogma, Dogmatik, Ehe, Entfremdung, Erfahrung, Erinnern, Erinnerung, Erotik, Er: oh Tick!, Ethik, Farben, Faschismus, Feudalsystem, Fortschritt, Freiheit, Freyheit, Freimaurer, Gammler, Geheimnis, Generationsproblem, Genie, Glauben, Glück, Grauen, Heile Welt, Heuchelei, Ich, Ideal, Ideologie, Intelligenz, Internat, Kinder, Kindheit, Kitsch, Kultur, Landschaft, Lied, Literatur, Lidderadur, Lüderlatur, Liederadur, Logik, Macht, Macht + Geist, Macht + Kunst, M8, Märchen, Manipulation, Marx, Masochism, Meer, Mensch, Möhntsch, Menschheit, Menschl. Natur, Militär, Mythos, Nackt, Nationalismus, Optimismus, Österreich, Parteilichkeit, Patriotismus, Perversität, Philosophie, Physiognomik, Pilze, Poesie, Poe: sieh!, PO-äh-sieh!, Polemik, Porno, Positiv, Präzision, Prägung, Preussen, Prozesse, Psychoanalyse, Psychologien, Rübezahl, Rußland, Russisches Wesen, Sadism, Saatismus, Sah dies’m, Sah dies Mus, Saat iß Muß!, Sanatorium, Satire, Scham, Schicksal, Schriftsteller, Schuld, Sexualethik, Sozialismus, Soz. Realismus, Spiegel, Spieltheorie, Spießbürger, Spießertum, Sport, SU, Suicid, Tabu, Teufel, Toleranz, Totalitarismus, Traum, Trotzdem, Tyrannocid, Übergang, Übersetzen, Übersetzung, Untertan, Vergessen, Wahnsinn, Wahrheit, war heut, Wandlung, Weltuntergang, Werden, Widerspruch, Zensur, Zweifel.
In solch exzentrischer Sammlung werden Wörter zu Worten, Begriffe zu Feldern, die eine Fülle von Inhalten und Assoziationen umfassen. Wie eingegebene Begriffe in Internet-Suchmaschinen zeichnen sie ein Profil des Suchenden mit seinen Obsessionen, Wünschen, Ängsten. Da es sich aber um Worte handelt – nicht etwa um Wörter, also um rein algorithmisch erfaßbare Datenpunkte –, dominiert das Rätselhafte-Schillernde. Schon beim Sichten der Begriffe beschleicht einen ein voyeuristisches Gefühl – bei dem man sich immer wieder ertappt fühlt, weil Fühmann derart lebendig aus den Kärtchen spricht und den Vorgang ironisch kommentiert. Stichwörter werden zu Kalauern und Bildrätseln verfremdet – Spielereien, die gerade bei Schlüssel- und Reizbegriffen auftreten. Häufen sich die Kärtchen zu einem bestimmten Begriff, leben die Überschriften auf. Tabubegriffe werden im Witz gebannt, hochtrabende Abstrakta und ideologische Worthülsen persifliert. Oder Fühmann macht sich über seine Sammelschrulle selbst lustig. Die Worte gehen gewissermaßen mit ihm durch. Die Kartei voller Buntstiftgekritzel ist zugleich Verkörperung und Parodie des Ordnungswahns. Die Worte nimmt er todernst – aber nicht bierernst. Er zieht sie ins Absurde, auch dadurch werden sie neu „beladen“ (Fühmanns eigensinniges Wort) und belebt.
Solche „Techniken“ durchziehen auch Fühmanns veröffentlichtes Werk, so etwa in seiner Beschäftigung mit konkreter Poesie (unter anderem bei Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens) oder in den Sprachspielen seiner Kinderbücher (Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel). Bei den Kärtchen treten sie weniger als wohlüberlegte Strategien denn als spontane Einfälle in Erscheinung. Das macht sie gleichzeitig so typisch für Fühmann, dem es stets darum ging, das Unbewußte, Assoziative, (Tag)träumerische zur Geltung kommen zu lassen. In seiner Werkstatt arbeitete er gern bildnerisch als Ergänzung – oder Vorstufe? – zum Geschriebenen. So legte er zu mehreren Projekten großformatige Collagen an, und in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin gibt es eine Mappe mit Zeichnungen, die quasi im Spiegelverhältnis zu den Spielereien der Kärtchen stehen. Bei diesen werden Worte bildhaft verfremdet; bei den Zeichnungen wird abstraktes Gekritzel rorschachartig zu einem Bild ergänzt und mit einem Titel oder Satz versehen. Zwei Assoziationsprozesse zeichnen sich ab: vom Wort zum Bild oder vom Bild zu Worten.
Zensur
Das Bildhafte kann die Botschaft des Wortes unterstreichen: das Z der Zensur als brutale Durchstreichung oder Zensur als enger Kasten. Auf den ersten Blick Ein-, auf den zweiten Mehrdeutigkeit: Die Zensur streicht sich selbst durch oder sperrt sich selbst ein.
Ein Bild, oder auch nur das Schriftbild, kann die Botschaft verschlüsseln, das nicht Sagbare sagen. Das S als SS-Rune deutet auf Fühmanns heikelste Erkenntnis hin: die Gemeinsamkeiten rechter und linker Diktaturen.
Zugleich verweisen solche Bildrätsel unverkennbar auf die Notwendigkeit der Verschlüsselung, die Realität der Zensur schlechthin. Diese wird ebenfalls mit einem Bild verschlüsselt: Zehns-⏱️, Zens-⏱️.
Im Kalauer kann auch ein tieferer Sinn stecken. Wie ist das Zen der Zensur zu verstehen? Zen’s Ohr, Zens-Uhr – stellt sich die Zensur als ein philosophisches Problem, eine mit buddhistischer Abgeklärtheit hinzunehmende Herausforderung dar?
Auch die Uhr ist bei Fühmann ein Schlüsselbild:
das Klimmen blinder Zeiger, und der Ort der Begegnung: Mitternacht.
Mitternacht als Schicksalsmoment, Kippunkt, Kairos.
Bösegut
Die Worte „gut“ und „böse“ treten in der Kartei fast ausschließlich als Begriffspaar, ja als Kompositum auf: Bösegut. Gerade im materiellen Zusammenhang, als Kärtchen in einer Kartei, führt das Stichwort eindrücklich vor Augen, daß Gegensätze stets zusammengedacht und als Einheit einsortiert werden. So wird der Zwang zum dualistischen Denken verdeutlicht, dessen Gefahr sich bei diesem Stichwort zeigt: Das Schwarzweißdenken über Gut und Böse führt gerade zu deren fataler Verquickung. In Vor Feuerschlünden sinnt Fühmann über seine Indoktrinierung in der stalinistischen Antifa-Schule nach und zieht den brisanten Schluß:
Dieses völlig duale Weltbild (…) war hierin ein Kontre-Stück zu der Weltsicht, die ehedem unser Denken beherrschte.
Dialektik ist bei Fühmann kein Lippenbekenntnis. Er fragt nach den Spannungen des Dualismus – ob im Weltbild, im Begriffspaar oder in der Widerspruchseinheit eines Wortes – und nach der Möglichkeit von deren konstruktiver Entfaltung im Sinne eines „dritten Wegs“ oder der „ausgeschlossenen Mitte“. Mit den Bild-Spielen der Kärtchen wird der Raum in der Mitte eines jeden Wortes ausgelotet. Tertium datur.
Wandlung
In diesem Stichwort drückt sich das dialektisch-schöpferische Potential der Widersprüche aus, die jedes Leben prägen. Der dem katholischen Internat Entflohene wendet sich dem Faschismus zu, der siegesgewisse junge Faschist verfällt dem mahnenden Georg Trakl, der zerknirschte Kriegsgefangene wird durch den Sozialismus geläutert, der überzeugte Sozialist wächst aus dem Korsett des Dogmas heraus. Dialektisch betrachtet: Aus These und Antithese geht Neues hervor, und daraus wiederum Neues. Aber selbst diese Formel ist wohl zu einfach. Dialeckdich. Wandlung ist kein geradliniger Prozeß. Sie ist nicht mit „Fortschritt“ gleichzusetzen. „Fortschritt“ wird in der Kartei durch den Kakao gezogen: Ford schritt, Fortschritt geht in Forschtritt. Dem Wort wachsen gar forsche Vorwärtspfeile – die aber gleich wieder nach hinten zeigen oder sich ewig im Kreis drehen.
Das Stichwort Wandlung bekennt sich gleich zum schillernden Farbwechsel oder geht mittendrin ins Altgriechische über. Es bildet Schlenker und Schnörkel, zieht Spiralen, schlägt Bögen. Eine feste Wand weicht einer schwammigen Lunge. Daß alles sich wandeln muß, darauf ist Verlaß. Aber wie und worin – das entzieht sich der Kontrolle.
Polyphone Wahrheitssuche
Fühmann schrieb gegen die Kontrollsucht an, gegen eine linksautoritäre Kulturpolitik, deren menschlicher Anspruch durch den Druck des antifaschistischen Kampfes und des kalten Krieges deformiert worden war. Damit arbeitete er eine Zerrissenheit auf, an der seine gesamte Generation litt. Zugleich beleuchtet er für heutige Leser die historische Dimension gegenwärtiger Debatten, da Worte erneut ins Zentrum politischer Auseinandersetzungen geraten sind. Fragen, die jetzt im Feuilleton hitzig debattiert werden, stellte Fühmann bereits mit unübertroffener Eloquenz. Kann oder soll die Literatur eine Vorbildfunktion besitzen? Kann oder soll sie „Auswege“ aufzeigen? Was „darf“ literarisch ausgesprochen werden, wie, und von wem? „Darf“ die Politik die Sprache lenken oder zügeln? Mit welcher Sprache – politisch oder poetisch – kann man menschliche Abgründe ausleuchten? Läßt sich das Gute – oder das Böse? – mit entsprechender Sprache herbeireden?
Heute entzünden sich die erbittertsten Kämpfe an einzelnen Worten, gar an Pronomina, Suffixen oder Sternchen. Wer darin bloße Spitzfindigkeit sieht, kann durch Fühmann einen frischen Blick gewinnen. Sprachkontroversen sind nicht etwa deshalb so vertrackt, weil sie sich um triviale Scheinfragen drehen, sondern im Gegenteil, weil sie an tiefe Mysterien rühren. Zugleich warnt Fühmann vor plumpen Klärungsversuchen oder vor dem Heilsversprechen neuer Sprachformeln, die allzu leicht zum dogmatischen Regelwerk erstarren. Das Paradoxon der normativen Sprachkritik: Wenn wir die ungeheure Macht der Sprache begreifen, wenn wir am eigenen Leib erleben, wie sie für oder gegen uns arbeiten kann, ist es naheliegend, sie lenken zu wollen. Doch wenn wir glauben, die Sprache rational und kalkulierbar lenken zu können, verkennen wir, daß ihre Macht gerade in ihrer ambivalenten Eigendynamik liegt.
Wenn politische Polarisierung als allumfassend erlebt wird, dann wird einzelnen Worten die ganze Last des dualistischen Kampfes aufgebürdet, sie gelten nunmehr als Heils- oder Unheilsbringer. Indem Fühmann nach der inneren Spannung eines jeden Wortes fragt, erkundet er das Potential der Sprache, sich solchen Festschreibungen und Instrumentalisierungen zu widersetzen. Einen „Ausweg“ aus unseren Dilemmata zeigt er nicht; denn diesen muß jeder selbst suchen. Vielmehr macht er vor, wie man ungelöste Widersprüche fruchtbar und sogar befreiend werden lassen kann. Weit davon entfernt, Pessimismus zu verbreiten, verspricht seine Vision, uns von der Zermürbung durch festgefahrene Sprachkämpfe zu befreien, und schafft Raum für das spannungsreiche Zusammenspiel polyphoner Wahrheitssuche.
Isabel Fargo Cole, Sinn und Form, Heft 1, 2022
Isabel Cole über Franz Fühmann und seine Ausführungen zu Trakl – Erfahrung mit Fühmanns Gedicht Vor Feuerschlünden: Übersetzungsprobleme Teil 1
IN RICHTUNG DER ERSATZTEILE
Nach Franz Fühmann
Sie waren zwei Rassehähne,
die hurtig die Hennen betraten.
Jetzt sind es zwei Wasserhähne –
das hat mir ein Klempner verraten.
Der zaubert: ein Laien-Magier,
und hatte Ersatzteile nötig –
da ging er kurz vor die Tür
und sagte: „Wartet, euch löt ich!“
Und zauberte, simsalabimm,
zwei Wasserhähne, die er ins Klo
montierte den Gebrüdern Grimm.
Das war die PGH aber froh.
Kurt Bartsch
MÜNDIG
Die Tränen der Plattform,
ehe sie verlaufen,
reden mit mir: wie die Meinung
mich reute.
Ruhe, Ruhe, zur Ruh
spricht die Buche mir zu.
Ja, lallt die Pappel?
Was verficht denn die Fichte?
Fingerhut? Füchse? Nichts
sagen Birken. Zum Ahorn! was
ist eine Ahorns-Antwort?
Und was lispelte die Linde?
Tränen und Berg und Tal.
Ehe sie verlaufen,
die Tränen der Plattform
reden mit mir wie die Leute.
Dezember 1981
Für Franz Fühmann
Elke Erb
Uwe Wittstock: Kindheitsmuster, Herkunftsmonster. Eine Lange Nacht über Christa Wolf und Franz Fühmann und ihre deutsche Vergangenheit
Vajswerk Häutungen Franz Fühmanns. Eine Spurensuche
Alexander Cammann: Aus Feuerschlünden, Die Zeit, 29.12.2021
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Hans Richter: Ein verlorener Sohn Böhmens
Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 1992
Zum 95. Geburtstag des Autors:
Walter G. Goes: Versuche über Literatur
Ostseezeitung Rügen, 14.1.2017
Zum 100. Geburtstag des Autors:
Alexander Cammann: Aus Feuerschlünden
Die Zeit, 29.12.2021
Cornelia Geißler: Annett Gröschner, welche Bedeutung hat Franz Fühmann für Ihr Schreiben?
Berliner Zeitung, 2.1.2021
Roland Berbig: Franz Fühmann – Lebens- und Schreibblätter (1922–1984)
„Staunendes Begreifenwollen“. Autor:innen über ihr Verhältnis zu Franz Fühmann
„Dem Menschen das Ertragen der Wahrheit zutrauen“. Ausgewählte Texte Fühmanns. Mit Corinna Harfouch
Fundsache Original – Franz Fühmann zum 100. Geburtstag. Isabel Fargo Cole, Anja Kampmann und Roland Berbig. Moderation: Matthias Weichelt.
Franz Fühmann zum 100. Geburtstag | Wie tief hinab reicht das Erinnern?. Lesung & Gespräch mit dem Ingo Schulze und Uwe Wittstock
Franz Fühmann – Haltepunkte in Märkisch Buchholz
Franz Fühmann – Rebell im Schatten Film von Simone Unger
Fakten und Vermutungen zum Autor + Filou + Instagram + KLG + IMDb + Kalliope + Archiv 1 & 2 + Internet Archive + IZA
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + deutsche FOTOTHEK + IMAGO + Keystone-SDA
Gedenkartikel: Uwe Wittstock, Max Walter Schulz, Christa Wolf, Ulrike Almut Sandig, Dietmar Riemann, Christian Klötzer, Wieland Förster, Ursula Püschel, Günter Deicke
„Dieser Text ist verschwunden.“









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