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Durch Qualm und Dunkel jäh einbrechendes Feuer, das war mein erstes Erfahren Trakls: „Unter Dornenbogen / O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.“ Und in solcher Erhellung ein Plakat, das damals an allen Brandmauern klebte: Auf graufinsterem, schlierigem Grund ein Stahlhelmprofil, einer verborgenen Sonne entgegenblickend, und unter der Geste jenes Griffs, die besagt, man binde den Sturmriemen fester, der beschwörende Anruf an die Betrachter: DIE STUNDE VOR TAGESANBRUCH IST IMMER DIE DUNKELSTE. Nun sah ich jählings: Gen Mitternacht. Es war am dritten oder vierten Mai 1945, also kurz vor der Kapitulation der Wehrmacht, und eine Verkettung von Zufällen hatte bewirkt, daß ich, dreiundzwanzigjähriger Soldat, aus dem Lazarett entlassen und noch an einem Stock humpelnd, mich ein paar Tage ungeschoren in meinem Vaterhaus aufhielt, zu einem Genesungsurlaub, mit amtlichem Schein, samt einem Marschbefehl nach Dresden, das irgendwo in Asche lag. Vermutlich auch in Feindesland: Amerikaner und Russen hatten sich an der Elbe vereinigt; Berlin war gefallen, Breslau gesprengt, Köln zertrümmert, Hamburg verbrannt, aber: DIE STUNDE VOR TAGESANBRUCH IST IMMER DIE DUNKELSTE, und wir, im geistigen Niemandsland eines Wahnes, der nichts mehr hoffte und alles glaubte, flüsterten von den Wunderwaffen, die ganze Armeen vernichten würden, und schlugen die Vernichtungsschlachten am Wirtshaustisch, in Lachen Bier, und Fingerspuren von Schnaps, und Markierungslinien aus Wurstpellen, denn bei uns, in den Tälern des böhmischen Riesengebirges, gab es noch Bier, und Schnaps, und belegte Brote, und die nächtliche Stille wurde nur vom Gegröl der heimwärts schwankenden Sieger über Yankee und Iwan unterbrochen. Mitunter, bei vagen Geräuschen, verhielten wir lauschend, ob schon die Explosionen der neuen Granaten das Morgenrot dem Osten entrissen, doch die Nacht blieb still. In der Früh würde ich aufbrechen müssen, und nun saß ich, wie stets nach dem Abendbrot, mit meinem Vater in dessen Arbeitszimmer, jeder in eine Lektüre vertieft, er in Handschriften phantastischer Rezepturen, von denen er den rettenden Aufschwung seiner kleinen Pharmazie erträumte (ein Giftköder für streunendes Raubzeug zum Beispiel, der beim Zerbeißen in den Zähnen festkleben würde und also nicht ausgespien werden konnte; oder ein wunderbares Verjüngungsmittel in Zäpfchenform; oder grüne Kräuter, die, als Tee genossen, nachts liebliche Träume brächten) −: er also in einer olivbraunen, mit Husarenschnüren verzierten Samtjoppe vor seinen magischen Entwürfen, und ich, schon halb in Uniform, über einem Buch Gedichte, das ich auf der Reise vom Lazarett in einem Antiquariat erworben hatte, einem schmalen Band in großen Lettern, mit blaßblauen Titeln über den Blöcken der Verse, und einer von Lorbeer zerbrochenen Leier auf grauem Einband, und durch die Nacht hinter dem Fenster und dem Auge brach dies Wetterleuchten:
Über den weißen Weiher
Sind die wilden Vögel fortgezogen.
Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.
Über unsere Gräber
Beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht.
Unter Eichen schaukeln wir auf einem silbernen Kahn.
Immer klingen die weißen Mauern der Stadt.
Unter Dornenbogen
O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.
Es bedurfte nicht der Überschrift: „Untergang“, um zu erfahren, was dieses Gedicht da aussprach. Es war unser Untergang. – Ich hatte Gedichte nie anders gelesen, als daß die Bilder, die sie sagten, mir leibhaftig vor die Augen traten (ich hatte gar keine Vorstellung, daß man Verse anders lesen könne), und also sah ich den Weiher, und ich sah meinen Waldsee, den meines Herzens, der ebenso ein Stück Erdoberfläche mit angebbaren geographischen Koordinaten wie der heimlichste Winkel meiner Seele war, doch der Wald war nun nichts als verschwommene Schwärze, und der See, der in meinen Erinnerungsträumen stets den mondhaften Glanz von Silber besessen, war nun weiß in jenem entsetzlichen Sinn, daß er nichts spiegelte, so wie Kalk nichts spiegelt, kein Ufer, keinen Baum, nicht einmal einen Himmel, nur Tünche, darunter sich kein Kräuseln mehr regt. Und dennoch mein Weiher, seine einzige Form. Als ich diesem See begegnet war: als Achtjähriger, auf einer Ferienreise, der elterlichen Obhut beim Spaziergang entlaufen und plötzlich im fremden Wald verirrt, war der See von der Farbe des Erschauerns gewesen, das er erzeugte, von dem Geheimnis eines Zauberortes, den man mit keinem teilen wird. Ein solches Erlebnis wird Jedem gewährt; es kommt nur darauf an, es nicht zu verschmähen. Dieser Ort kann eine Höhle sein, eine Holunderlaube, oder ein Felsspalt, oder auch nur eine Zimmerecke in einer besonderen Beleuchtung, ein Stück Bürgersteig über einem Gully, ein Kellerfenster, ein Berg, ein Feldrain, ein Streifen Asphalt – bei mir war es tatsächlich ein See gewesen, und in seiner unergründlichen Tiefe blieb die rasende Lust des Entlaufenseins als Inbegriff aller möglichen Zukunft geborgen, so wie die Möglichkeit aller Macht in Aladins Lampe geborgen liegt. Und nun erfuhr ich, daß diese Fülle dahin war, in ihr Gegenstück des Entleerten verwandelt: Der See von Grund auf mit Kalk gefüllt; in der Luft noch das Rauschen der fortfliegenden Vögel; Wald und Himmel in raschem Verdämmern, und von unseren Sternen brach eisiger Wind. Unsere Sterne, das waren die, die unseren Siegen geleuchtet hatten, kein besonderes Sternbild wie der Orion oder die Krone, sondern ihre Gesamtheit zur besonderen Stunde, eben der des Sieges, die wir so wiederkehren wähnten wie ein Morgen, der immer wieder anbricht, und nun war auch diese Stunde für immer dahin; unsere Sterne nur mehr Löcher im Weltraum; Kälte brach nieder, und wiewohl es Mai war, erkannte ich das Weiß des Weihers als jenes Weiß, wie es im Gesicht des Kameraden erschien, der neben mir durch den Schneesturm stapfte, jenes Weiß als Bote erfrorenen Lebens, bei dessen Anblick es einem durch den Sinn schießt, ob man nicht selbst schon dieses Zeichen trägt. Der Tod; und plötzlich trat die Kälte ins Zimmer; ein Anhauch, und ich wußte den Weiher vorm Fenster, und für den Moment eines Augenblicks begriff ich, ohne es noch zu fassen, daß der Krieg verloren war.
Keinem, der sich mit Trakl beschäftigt, kann dessen Vorliebe für Farben entgehen, und mancher Interpret verweist dabei auf den Umstand, daß die Farben bei Trakl Empfindungen gegensätzlicher Art ausdrücken wie erzeugen: Weiß ist die Farbe des Schnees, aber auch die des Moders, gelb die des Goldhaften, aber auch des Kotigen, grün ist das Mailaub, aber auch die Verwesung, und also, abstrakter, Hoffnung wie Angst. Wir werden Gelegenheit nehmen, diese Beobachtungen an Trakls Gedicht zu verallgemeinern und die Einheit von Gegensätzen als das Wesen des dichterischen Wortes überhaupt zu erklären, auch als Wesen so unscheinbarer Gebilde wie „und“ oder „ach“. Die deutsche Sprache ist so hellsichtig gewesen, dem Substantiv „Wort“ zwei Pluralformen zukommen zu lassen: „Worte“ und «Wörter“, und wir beabsichtigen die Konsequenz, hier nicht den Fall eines zweifachen Plurals anzunehmen, sondern schon den zweier verschiedener, wenn auch gleichlautender Singulare, weshalb wir fortan den Begriffsausdruck „Wort“ zu der Mehrzahl „Worte“ dem Bereich der Dichtung zuweisen wollen, streng im Unterschied zu einem Singular „Wort“ mit dem Plural „Wörter“, der für uns das Wort als Instrument des wissenschaftlichen Zugriffs bezeichnet. Wir folgen damit dem Beispiel Schillers, der seine Ankündigung: „Drei Worte nenn’ ich euch, inhaltsschwer“ nicht auf Worte im Sinn geprägter Gedanken, sondern auf die einfachen Lexeme „frei“, „Tugend“ und „Gott“ bezogen hat. Diese Konsequenz aber bedeutet nichts anderes, als zwei in den Grundelementen gleichlautende und dennoch wesensverschiedene Sprachen anzunehmen, eine Sprache der Wissenschaft und eine der Dichtung, zwei Sprachen, die in den identisch erscheinenden Bausteinen derart voneinander verschieden sind, daß etwa die Adjektive „rot“ und „gelb“ in der Wissenschaftssprache als eindeutige Wörter, nämlich als Namen für die Netzhauteindrücke bestimmter elektromagnetischer Wellen, in der Sprache der Dichtung hingegen als ambivalente, trotz jeweils klarer Begriffsbestimmung nie ausschöpfbare Worte anzusehen sind. „Rot“ – das ist der Name für den Netzhauteindruck einer Frequenz von 4 • 1014 Hertz; und „rot“ sagt eine Einheit von Leben und Tod.
Der Widerspruch als Wort und im Wort zeugt den Widerspruch im Leser: Warum sollte das Weißsein des Weihers denn auf das Weiß des Kalks und des Frosts festgelegt werden, da man es doch genausogut als das Weiß einer Milde interpretieren könnte, als das Weiß von Schäfchenwolken und Buschwindröschen, und den Weiher als in einem Grenzbereich, halb in der grausamen Wirklichkeit, und halb im Traumland der Ohnmacht gelegen, dahin die wilden Vögel gezogen sind? Gewiß kann man diesen Weiher durchaus auch so sehen, und das beste Zeugnis für die Möglichkeit verschiedener Sichten liefert Trakl selbst. Dieses Gedicht ist die fünfte Fassung eines Mühens, dessen vier vorhergehende erhalten sind und folgende Wandlung des Weiherkomplexes zeigen:
Erste Fassung: „Umschlungen tauchen wir in blaue Wasser;“
Zweite Fassung: „Weht uns die Kühle blauer Wasser an;“
Dritte Fassung: „Weht uns das Antlitz steinerner Wasser an;“
Vierte Fassung: „Unter den dunklen Bogen unserer Schwermut
Spielen am Abend die Schatten verstorbener Engel.
Über den weißen Weiher
Sind die wilden Vögel fortgezogen;“
welche dritte und vierte Zeile dann die endgültige Formgebung als Beginn des Gesamtgedichts übernimmt. Aber wie wir das Weiß des Weihers auch auffassen mögen – ist das Ergebnis der verschiedenen Betrachtungsmöglichkeiten nicht stets dasselbe: Eine letzte Hoffnungslosigkeit? und ist die nicht deshalb so unabweislich, weil das Weiß der einen wie der anderen Sicht jeweils beide Deutungen einschließt: den Weiher als ein erfrorenes Holdes, oder das Holde als unrettbar vom Frost bedroht? Der Vers Trakls vereint beide Möglichkeiten (und das Wort „weiß“ vereint sie schon) dergestalt, daß er der Sprung zwischen beiden ist, der Umschlag des Einen ins Andre innerhalb der Einheit eines poetischen Bildes, das hochgenaue Wort für eine Bewegung, die einen Kosmos in sich birgt. Was man Trakl mitunter vorgeworfen hat, oder was man als „Not des Sagens“ zu entschuldigen bereit war, nämlich das Verwenden gegensätzlicher Adjektive in den verschiedenen Fassungen seiner Gedichte, so daß er, um ein drastisches Beispiel zu wählen, in einer ersten Fassung des „Helian“ vom „Purpur seiner heiligen Tage“, in einer zweiten hingegen vom „Purpur seiner verruchten Tage“ spricht – diese seine vermeintliche Schwäche ist seine Stärke, der traumsichere Gebrauch des dichterischen Wortes, des Wortes im Sinn eines Plurals „Worte“, dessen Wesen die widersprüchliche Einheit menschlicher Erfahrung ist.
Und wem es verdächtig zu sein scheint, daß unsere Interpretation so genau auf einen späteren Augenblick paßt, daß der Eindruck entstehen kann, als sei dies Gedicht nicht 1913 von Georg Trakl, sondern zweiunddreißig oder gar vierundsechzig Jahre später von seinem Interpreten geschrieben, der möge zusehen, wie er dem Einwand begegnet, es sehe aus, als habe sich die Geschichte selbst nach Trakls Dichtung gerichtet. Ganz zweifellos hat sie das insofern, als Trakl ja das Kommende aussprach: den Untergang einer Welt, die sich unerschütterbar fühlt und im Glauben dieser Unerschütterbarkeit handelt, wiewohl schon ihre Grundmauern beben. Damit kehre ich in das Arbeitszimmer meines Vaters wenige Nächte vor dem Ende des Kriegs zurück.
Er saß in seiner samtenen Husarenjoppe, nippte Wein, kritzelte Berechnungen auf eine leere Zigarettenschachtel, und über unsere Gräber beugte sich die zerbrochene Stirne der Nacht.
Über den weißen Weiher
Sind die wilden Vögel fortgezogen.
Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.
Über unsere Gräber
Beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht.
Unter Eichen schaukeln wir auf einem silbernen Kahn.
Gedichte sind eine andere Art Träume – unsere Gräber, das waren die Löcher, die statt unserer Sterne im Weltraum starrten: die Nacht, und ihre zerbrochene Stirne. Ich konnte sie sehen, sie stand ja vorm Fenster, und plötzlich erinnerte ich mich der Szene eines Schauerfilms: Der wahnsinnige Besitzer eines Wachsfigurenkabinetts, der bei einem Brand seines Unternehmens nicht nur sein heiles Menschengesicht, sondern auch den Verstand verloren hat, so daß er, über seinen verschmorten Zügen eine Larve aus Wachs und, scheinbar gelähmt, sich nur im Rollstuhl zeigend, eine neue Kollektion von Panoptikumsfiguren sich dadurch zu schaffen versucht, daß er Menschen in seine Gewalt lockt, um sie mit siedendem Wachs zu überziehen, bei welchem Bewältigungsversuch einmal unter den Schlägen eines sich wehrenden Opfers seine Gesichtsmaske in Stücke springt, und aus der zerbrochenen Stirne des jäh sich Erhebenden trat die Fratze des Todes. Bei dieser Szene fielen immer Frauen in Ohnmacht; das Kino lebte von diesem Entsetzen, und wir saßen in den Bänken, Halbwüchsige in Stiefeln, und lachten, und rissen Witze, und fühlten doch den Schauer, daß der Wahnsinnige nach uns greife, und nun zerbrach wieder eine Tünche, und diesmal unter Schlägen der Stille, und ich hob wie zur Abwehr das Buch hoch, da hörte ich plötzlich meinen Vater fragen, ob die Gedichte, die ich da von einem Georg Trakl lese, vielleicht von einem Georg Trakl aus Salzburg stammten, und als ich dies mit der Mitteilung bejahte, der Band enthalte Gedichte auf Schloß Mirabell und den Mönchsberg, und sonst manche Zeile, die man auf eine Bischofsstadt beziehen könne, zog ein Lächeln der Genugtuung über das immer noch ungläubige Gesicht meines Vaters; er sah über seine Rezepturen hinweg auf das Buch wie auf eine Geistererscheinung und sprach, seine Husarenschnüre streichelnd, mit kopfschüttelnder Verklärung: Dann sei also aus dem armen Schorschl doch noch etwas geworden.
Natürlich fragte ich, ob er Trakl kannte, und mein Vater nahm mir das Buch aus der Hand, und blätterte, und erklärte dabei, er sei Trakls Kamerad gewesen, gleichaltriger Heeresapotheker wie er, in der amtlichen Bezeichnung Medikamentenakzessist, was etwa dem Leutnantsrang entspreche, genau genommen noch etwas höher als Leutnant, wenn auch leider, nun ja, niemals so anerkannt, und er ließ das Buch sinken und erzählte, daß er in einer Sanitätskolonne, die im Frühherbst 1914 im Bereich der Festung Przemysl eingesetzt wurde, mit dem Schorsch oft dergestalt beisammengewesen, daß sie in der Messe nebeneinander speisten und auch manchmal ein Quartier miteinander teilten, weshalb er, wenn es mich interessiere, eine Unmenge von Schorschl erzählen könne: von seiner Spinnerei, seinem Sparren, denn verrückt sei dieser Bursche ohne Zweifel gewesen, wofür ihm natürlich ein gehöriges Maß an Fopperei zuteil geworden, und der Sechzigjährige nahm seinen Zwicker ab, und rieb sich, vom jähen Licht der Erinnerung geblendet, die Augen, und blinzelte, und seufzte versonnen:
Ujegerl, was habe man damals den Schorschl geuzt, manchmal sei’s ja schon ein bissel gar arg gewesen, vor allem, wie man ihn mit seinen Gedichterln aufgezogen habe, mit seinen Wasserleichen und seinen spaßigen Vögeln, da sei er ja manchmal am Tisch aufgesprungen, und hab nicht reden können, nur mit den Fäusten schwenken, und dann sei er auch hinausgerannt, daß man gedacht hab, er tue sich was an, doch er sei halt dermaßen spinnert gewesen, der Trakl Schorschl, daß man ihn einfach hab hochnehmen müssen, und dabei ein Kerl wie ein Bär, und ein kreuzguter Mensch, natürlich kein guter Apotheker, aber Wein habe er saufen können wie sonst nur noch der Stabsarzt, das seien ja ungeheuere Besäufnisse damals gewesen, in Galizien, zwischen Schlachten und Schlachten, ja und dann habe sich der Schorschl plötzlich verloren, wahrscheinlich habe man ihn entlassen, er sei ja wirklich nicht zu gebrauchen gewesen – und mit einmal, als fürchte er nach dreißig Jahren die Schuld einer verzögerten Kenntnisnahme, klemmte mein Vater den Zwicker wieder auf die Nase und begann zu lesen.
Draußen stand die Nacht, mit zerlöcherter Stirne, und sah mit mir meinem Vater zu, der sich nun in die Gedichte zu versenken versuchte und mit Erinnerungen stritt; er starrte lange auf eine Zeile, ohne die Augen zu bewegen, und sagte manchmal: „Mein Gott –“, und blickte hilflos lächelnd auf, und schluckte, und las zögernd weiter, und kaute, wie er es in Verlegenheitsmomenten tat, an den Enden seines Bürstenschnurrbarts, und dann blätterte er so zerstreut durch den Band, daß ich fürchtete, und zugleich auch wieder hoffte, er werde die Lesung mit irgendeiner Floskel beenden, doch mit einem Mal nickte er heftig und rief mit der augenweitenden Lust des Wiedererkennens: Ja, akkurat das sei es gewesen, das spinnerte Stückl, weswegen man den Schorschl bei einem Mullatschag so schrecklich gepflanzt hab, da habe man nämlich einmal Papiererl von ihm aufgestöbert und dann in der Messe reihum gegeben und vorgelesen, er entsinne sich wieder, Wort für Wort, und wie der Schorschl damals aufgebrüllt hab, und sich verfärbt hab, und ganz weiß geworden, und gezittert hab, daß man denken mußte, er haue jetzt drein mit seinen Bärenkräften, aber dann sei er nur dagesessen, kalkweiß, und unheimlich, als ob er gar nichts mehr höre −; und ehe ich ihn noch fragen konnte, welches Gedicht er meine, lachte der Mann in der braunen Husarenjoppe gutmütig und schallend und zitierte eine Wendung, um sie weiterlachend zu kommentieren: Solch einen Schmarrn könne wirklich kein gesunder Menschenverstand verstehen -; doch mitten im Lachen, als ob er spüre, daß jenes wütende Traurigsein in mir wuchs, das schon zweimal zu Tätlichkeiten zwischen uns geführt hatte, brach er ab, und klappte das Buch zu und schlug vor, auf das Wohl des armen Schorschl anzustoßen, er sei ein kreuzbraver Kerl gewesen und, wenngleich auch kein guter Apotheker, so doch gewiß der seltsamste Medikamentenakzessist in der an seltsamen Käuzen bestimmt nicht armen kaiserlich-königlichen österreichischen Armee.
Wir tranken, und die Nacht sah uns zu. Ich weiß heute nicht mehr, und wußte es sicher auch damals nicht, welches Gedicht mein Vater gemeint hatte, als er mir nach diesem Glaserheben das Buch wortlos über den Tisch zurückgab; vielleicht eines mit der Gestalt der Schwester als Mönchin, denn so will mir die von ihm zitierte Wendung im Gedächtnis jetzt laut werden, aber ich kann mich nicht festlegen. Ich entsinne mich nur an diesen Toast, und daß mein Vater mich nicht fragte, was ich von den Gedichten halte, ob sie mir gefielen, ob ich sie verstehe; er widmete sich wortlos wieder seinen Rezepten: dem Gift im Fuchsmaul, und dem Kraut der Träume, und vergrub sich in Folianten organischer Chemie, und ich scheute, oder fürchtete mich, ihn weiter nach seinem Kameraden, dem k.u.k. Medikamentenakzessisten Georg Trakl zu fragen, von dem ich damals noch nicht wußte, daß er sich eben in der Zeit, da mein Vater ihn entlassen wähnte, dem Greuel seines Tags in den Tod entzogen hatte, und dies wahrscheinlich durch eigene Hand. Ich kannte damals nichts vom Leben der Dichter; ich wollte kein Bild. So fragte ich denn nicht weiter, und nahm das Buch, und trank Wein, und glaube zu wissen, daß ich noch einmal das Gedicht las, das mich in jener Weise erschüttert hatte, von der man ahnt, daß die Risse erst später aufbrechen, den Untergang, seine dritte Strophe, die letzte, die nie wieder vergessene:
Immer klingen die weißen Mauern der Stadt.
Unter Dornenbogen
O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.
(…)
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„… das Stocken des Widerspruchs treibt Monstren heraus“
Franz Fühmann ist noch immer eher ein Name für Insider und im öffentlichen literarischen Bewusstsein wenig präsent; obwohl alle ernstzunehmenden Beiträge zum Thema deutsche beziehungsweise DDR-Literatur das Werk dieses Dichters immer wieder als verlässliche Bezugsquelle zu Rate ziehen, wenn es gilt, wichtige Entwicklungsetappen festzumachen: Auseinandersetzung mit Krieg und Faschismus, dem „Bitterfelder Weg“, der Rezeption von Romantik, Expressionismus und Mythos oder zu kulturpolitischen Auseinandersetzungen bis hin zum nach wie vor schwelenden ,Literaturstreit‘ um Stasi, Staat und Dichter.
Dies hat vielfältige Gründe: Zum einen hat Fühmann keine Romane geschrieben – und dies ist, neben dem Drama, nun einmal die Form, mit der sich ein Autor in das literarische Bewusstsein einschreibt. Zum anderen war er nie schlagzeilentauglich; von dem, was in ihm vorging, lässt sich erst im Nachhinein einiges erahnen, genaueren Aufschluss geben hierzu vor allem die Briefe und Zeitzeugenberichte. Und schließlich entzieht sich auch seine Biografie einem schnellen Zugriff: vom Jesuiten-Zögling zum HJ-Pimpf und Wehrmachtssoldaten, vom disziplinierten DDR-Funktionär zum zornigen Zensurgegner, Literaturbesessenheit das einzige Kontinuum, von Kindheit an. Einer, dessen Gedichte versiegten, der aber glänzende Essays und Nachdichtungen zur Lyrik lieferte, ein Mythenforscher und -dichter, ein Freud-Herausgeber, Traumtagebuchführer und Kinderbuchautor, einer, der sich mit Behinderten über die Holzschnitte von HAP Grieshaber, mit Bergarbeitern über das Wesen der Kunst und mit Kindern über den Charakter von Hexen unterhielt.
Biografische Bezüge zu befragen, um das Werk eines Dichters besser zu verstehen, gelingt nie im Sinne eines ,Aufschließens‘, jedoch, so Fühmann, „wenn ein Dichter ein Dichter ist, geht die Summe seines Lebens in jede seiner Dichtungen ein, aber nichts von dem gedichteten Leben muß dem gelebten Leben entsprechen wie ein Protokoll einem Sachverhalt. – Kleiner als Macbeth, und größer; hier trifft’s die Hexe genau.“1
Lebensstationen:
Franz Antonia Josef Rudolf Maria Fühmann wurde am 15. Januar 1922 in Rochlitz an der Iser – heute: Rokytnice nad Jizerou – geboren, er starb am 8. Juli 1984 in der Berliner Charité. Früh schon begann er mit dem, „was man dichten nennt“.2 Der Vater, Besitzer einer Apotheke und einer kleinen pharmazeutischen Fabrik, hatte es zu einem bescheidenen Vermögen gebracht und war sehr auf die Bildung des Sohnes bedacht. Bereits mit vier Jahren erhielt Fühmann Privatunterricht,3 lernte Lesen und Schreiben. Schon als Rochlitzer Volksschüler war ihm ein „völlig unkontrolliertes und unkorrigiertes Schreiben von Gedichten, Erzählungen, Szenen, Tagebüchern“ zu eigen, was bis zur Kriegsgefangenschaft tägliche Gewohnheit blieb.4 Als Zehnjähriger wurde Fühmann in das Jesuiten-Konvikt Kalksburg bei Wien, der „Diplomaten-Kaderschule des süddeutschen Katholizismus“,5 aufgenommen, das er aber 1936 verließ, um in die Reiter-SA einzutreten und sich als Freiwilliger zur Wehrmacht zu melden.
Noch im Mai 1945 brach der Endsieggläubige von einem Heimaturlaub an die Front auf, wo er in russische Gefangenschaft geriet. Statt Erschießung erwartete ihn eine Antifa-Schule; hier begegnete der „Wojennoplenny“ (Kriegsgefangene) – wenn auch mit stalinistischer Brille – der marxistischen Philosophie, deren Vermittlung er als „Schübe moralischer Katharsis“ erfuhr:
Die neue Gesellschaftsordnung war zu Auschwitz das Andere; über die Gaskammer bin ich zu ihr gekommen und hatte es als Vollzug meiner Wandlung angesehen, mich ihr mit ausgelöschtem Willen als Werkzeug zur Verfügung zu stellen.6
Das künftige ,Dienen‘ war für Fühmann also nicht nur durch die moralisch-weltanschauliche Überzeugung durchaus positiv konnotiert, sondern auch durch einen nicht zu unterschätzenden Sühneaspekt. Tief war sein Entsetzen über die deutsche Schuld und die Dimension eines möglichen eigenen Schuldigwerdens: „Du hättest“, schrieb er später in seinem Exerzitienbuch Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, „in Auschwitz vor der Gaskammer genau so funktioniert, wie du (…) hinter deinem Fernschreiber funktioniert hast“ (Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, S. 474).
Die Nachkriegsordnung verwehrte die Rückkehr in die Landschaft seiner Herkunft, seinem Wunsch entsprechend wurde Fühmann im Dezember 1949 in die eben gegründete DDR entlassen. Nach dem Beitritt zur NDPD7 stieg er im Apparat schnell zum Leiter der kulturpolitischen Abteilung auf, sein Wohnort war Berlin.
Die Mesalliance von Schuldgefühl und Fortschrittsdoktrin wurde bald zu einem „Konflikt zwischen Dichtung und Doktrin“, waren doch „beide in mir verwurzelt, und beide nahm ich existentiell“. „Der Schlaf der Vernunft“, stellte Fühmann seinen Orwell’schen Saiäns-fiktschen voran, „sagt Goya, gebäre Ungeheuer; das Stocken des Widerspruchs treibt Monstren heraus“.8 „Gestockte Widersprüche“ im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen: Die nie vollzogene Entstalinisierung, die berühmt-berüchtigten kulturpolitischen Dogmen des 11. Plenums (1965) und schließlich die Niederschlagung des Prager Frühlings (1968) – „… der Konflikt, der da aufbrach, (war) in weltgeschichtlichen Dimensionen Fleisch von meinem Fleisch jenes Widerspruchs (…), den ich in meiner eigenen Person erfahren, der mich bis zur Grenze des Zerbrechens gespannt hat“ (Franz Fühmann: Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht. Anhang: Dichtungen und Briefe Georg Trakls, Rostock 1984, S. 180).
In einem zwei Jahre vor seinem Tod geführten Gespräch äußerte sich Fühmann über sein in den Literaturgeschichten verbreitetes Bild:
Wäre ich 1968 gestorben, wäre ich in die Grube gefahren als der, der ich ja noch heute in der Literaturgeschichtsschreibung (…) fortlebe: als der Vergangenheitsbewältiger mit der schönen Sprache und den lieben Kinderbüchern und den treffenden Nachdichtungen – hätte es nicht eben jene Erschütterung vom August 1968 gegeben, mit dem Willen jetzt möchte ich sehen, ,was ist‘, um mit Rosa Luxemburg zu sprechen. Damit fing das Eigentliche an.9
Zu diesem „Eigentlichen“ gehörte auch bald, dass sich Fühmann für in der DDR verfemte Dichtung und vor allem: für drangsalierte Dichterkollegen einsetzte.
Keine schnell abzuhakende Biografie, Missverständnisse gab und gibt es zuhauf: Jürgen Serke bezichtigte Fühmann des Denunziantentums, hatte er doch eine abwertende Äußerung Fühmanns zu Reiner Kunze gefunden, allerdings zitiert durch jenen Sekretär des Schriftstellerverbandes, dessen Anwesenheit am Grabe sich Fühmann sogar testamentarisch verbat.10 Ein Brandenburger Gymnasium lehnte es Anfang der 1990er Jahre auf einer Schulkonferenz ab, den Namen des Dichters zu tragen – er sei ein „dreifacher Wendehals“, meinte ein Elternvertreter, ein anderer fand den Namen Fühmann, Franz nicht in seinem „neuen Westlexikon“ und leitete daraus die mangelnde Bedeutung dieses Dichters ab, wieder andere – so der Fühmann Biograf Gunnar Decker – hielten „es der späteren Karriere ihrer Kinder für nicht förderlich, wenn deren Schule – nun, nachdem alles vorbei ist – nach einem DDR-Schriftsteller heißen soll“.11 Und Karl Corino meinte auf einem Podium, Fühmanns mythologische Erzählungen seien „überflüssig wie ein Kropf“, woraufhin ihm der Tübinger Germanist Jürgen Brummack verwundert entgegnete:
Sie scheinen diese Texte gar nicht verstanden zu haben…
Daneben und dagegen stehen andere, auch dies gehört zum Phänomen Fühmann: jene, die sein Werk erst einmal entdecken, sind fasziniert, nicht zuletzt seine Kollegen und Kolleginnen, die ihm auch so manches literarische Denkmal setzten – Uwe Kolbe und Christa Wolf zum Beispiel, Peter Härtling, Erich Loest und Volker Braun, Wulf Kirsten und Marcel Beyer. Neben den literarisch und biografisch schwierigen Wegen spielt für die Rezeption sicher auch eine Rolle, dass noch immer und immer wieder in den Schulen, aber auch in Lexika, Aufsatzsammlungen und anderen Nachschlagwerken ein Fühmann-Bild der (weniger einladenden) 1950er und 1960er Jahre gezeichnet wird. Die Fühmann-Rezeption in der Bundesrepublik wurde von Marcel Reich-Ranicki geprägt; dessen Fühmann-Wahrnehmung endet allerdings in den 1960er Jahren, Fühmann bleibt da ein „treuer Diener seiner Herrn“ – der faschistischen wie der stalinistischen.12 Zudem ist ein sehr deutliches Ungleichgewicht in der Ost- und der Westrezeption festzustellen: Mit weit über 500 sekundärliterarischen Verweisen wurde in der DDR mehr als das Doppelte zu Fühmann publiziert. Dies verschiebt sich noch weiter, bedenkt man nicht nur die Bevölkerungs- und Landesgröße, sondern auch die ungleich größere Anzahl von Publikationsmöglichkeiten, die es im Westen gab.13
Fühmanns Texte sind im besten Sinne des Wortes anspruchsvoll – sie sprechen den Leser an und nehmen ihn in Anspruch –, doch muss man sich keineswegs in der Antike, der Romantik, dem Expressionismus, der Psychoanalyse auskennen, um ihn zu lesen, im Gegenteil: Wer keinen Zugang zu E.T.A. Hoffmann findet, der lese Fühmanns Hoffmann-Essays, wer mit Georg Trakl nicht zurechtkommt, der begegne Fühmanns Erfahrung mit dieser Dichtung und zugleich einer deutschen Mentalitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts, und wer Fühmanns Prometheus-Bände – für Kinder geschrieben, aber wie jedes gute Kinderbuch auch für Erwachsene mit Genuss zu lesen – oder seine mythologischen Erzählungen gelesen hat, der wird nie wieder ein Problem mit mythologischen Zitaten haben.
Franz Fühmann begann als Lyriker: Eine „surrealistische Ferienreise mit dem ersten Gedichtmanuskript, um einen Verleger zu finden“, blieb 1939 noch erfolglos (Im Berg, S. 159). Drei Jahre später, Fühmann verrichtete da schon seinen Dienst als Fernschreiber der Wehrmacht, wurden fünf Gedichte in die bei Ellermann in Hamburg verlegten Blätter für die Dichtung aufgenommen. Auch in der von Goebbels herausgegebenen Wochenzeitung Das Reich erschienen Gedichte. Die lyrischen Vorbilder Weinheber, Rilke, George und Hölderlin klingen in diesen frühen Gedichten noch kräftig nach; bezeichnenderweise wird auch auf Trakl verwiesen,14 obwohl Fühmann diesen da noch gar nicht kannte – eine innere Verwandtschaft wird hier bemerkt, die das tiefe Erleben der Trakl’schen Dichtung motiviert, aus welchem Jahrzehnte später der große Trakl-Essay erwachsen wird. Ein diesbezüglicher Kommentar Fühmanns ist nicht nur als selbstkritisches Zeugnis interessant, er macht auch auf eine Diskrepanz von dichterischem Schreiben und ideologischer Artikulation aufmerksam, die den Dichter sein Leben lang beschäftigte:
Das waren Gedichte eines jungen Faschisten, der aber insgeheim und uneingestanden ein tiefes Unbehagen und Grauen verspürte. Es war ein seltsamer Vorgang: Ich war im Unbewußten viel weiter als im Bewußtsein. Nazideutschland stand auf der Höhe seiner Siege, aber in meinen Versen ging dauernd die Welt unter, alles verbrannte, alles verkohlte. – Das Seltsamste aber war, daß ich diesen Widerspruch gar nicht empfand.15
Sowohl die Texte des Kulturpolitikers Franz Fühmann als auch die des Erzählers und Lyrikers beschwören immer wieder die Formel vom Dichter als Diener und Erzieher des Volkes, die meisten seiner Gedichte bezeichnete Fühmann später als „billigste Reimereien“ (Franz Fühmann: Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht. Anhang: Dichtungen und Briefe Georg Trakls, Rostock 1984, S. 71), für den Lyrikband der Werkausgabe ließ er gerade noch 25 Texte zu, seine Publizistik verschwieg er schamvoll zur Gänze. Ab Ende der 1950er Jahre schrieb er keine Gedichte mehr, da „gewisse, in der Mitte der fünfziger Jahre aufgeblühte Hoffnungen (gemeint ist der Ansatz zur Entstalinisierung auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956; J. K.) einfroren und abstarben, und da starb dann auch die Poesie ab, die sich aus diesen Hoffnungen speiste“.16 Doch nicht nur der fortdauernde Stalinismus und die immer existenzieller werdende „Diskrepanz zwischen Ideal und Realität“ (Franz Fühmann: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964–1981, Rostock 1983, S. 479) ließen den Lyriker verstummen, auch die Verdrängung des Heimatverlustes zeitigte poetologische Folgen: Entsetzt über das „Treiben der Landsmannschaften“ verbot er sich die „gefährliche Farce falschen Erinnerns (…): ich wollte diese Landschaft nicht mehr in meiner Lyrik weitertragen“ und „bin auch dem eigenen Lied auf die Kehle getreten“ (Franz Fühmann: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964–1981, Rostock 1983, S. 453 und Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens, S. 417). Dem lyrischen Genre blieb Fühmann nur noch als Nachdichter, Essayist und Herausgeber verbunden, dies aber auf einem bald viel beachteten Niveau.
Ab Mitte der 1950er Jahre – es gab kleinere Versuche schon vorher – schrieb Fühmann Prosa; es erschienen Erzählungen zum Zweiten Weltkrieg aus der Sicht des zunächst verblendeten, dann erkennenden Wehrmachtssoldaten. In ihnen versuchte Fühmann jenem Motiv, das er in seinem Poem „Die Fahrt nach Stalingrad“ von 1953 zum ersten Mal aufrief, genauer beizukommen: die „Wandlung“ eines Faschisten zum zwar nicht Anti-, aber doch Nichtfaschisten. Sein Prosadebüt war 1955 die gleichwohl recht didaktische, dennoch auch heute noch – zumal mit Blick auf den Kontext der Literatur der 1950er Jahre – lesbare Erzählung „Kameraden“. In dieser wie auch in den folgenden Erzählungen zur Kriegsproblematik wird allerdings in der gewollt exemplarischen Gestaltung die didaktisch orientierte Schreibintention jener Zeit immer wieder deutlich: In „Das Gottesgericht“ werden die vier Protagonisten durch die ersten Buchstaben des Alphabets benannt, in „Kapitulation“ erfährt man den Namen des „jungen Soldaten“ erst in der Minute des Todes, in „König Ödipus“ schließlich diskutieren zwei Soldaten über Schuld, Unschuld und Sühne, welche mit S und P, Symbolen der Logik, bezeichnet werden.17 Nur der Tod, der zugleich Moment der Erkenntnis ist, scheint als Sühne angemessen, auch in jenen Erzählungen, in denen der Schluss offenbleibt. Oft genug wird dies verknüpft mit den als deus ex machina auftretenden Siegern des Krieges: litauische Bauern, griechische Partisanen, die Rote Armee. Ein Schlussmotiv des Märchens, trotz des individuell tragischen Ausgangs: Das Gute siegt über das Böse.
Die „schon fast manischen Versuche, zu dem Punkt hinabzugehen, wo die gesellschaftliche Determinierung des Menschen beginnt“ (Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens, S. 372), ließen ihn „Wandlung“ schließlich als einen äußerst komplizierten Prozess mit Brüchen und Abbrüchen, aber auch mit weiterwirkenden Verhaltensmustern, etwa in der Haltung zum ,Üben‘, der Neigung zu dualen Ideologemen und so weiter verstehen. Die nun verfolgten Themen und Stoffe der Erzählungen und Essays haben hier ihren Ursprung: Versuche zur Kindheit18 – man denke insbesondere an die noch gelungenen Eingangskapitel von Das Judenauto (1962) und die Erzählungen Der Jongleur im Kino (1970) –, zu Märchen, Mythos und Traum.
Im Umfeld des „Bitterfelder Weges“ entstanden Anfang der 1960er Jahre mehrere reportagehafte Texte und Erzählungen, am gelungensten Kabelkran und Blauer Peter (1961), eine Reportage über die Rostocker Warnow-Werft, da hier der Berichtende seine Außenseiterrolle nicht zu kaschieren suchte, sondern ausstellt. In einem „Brief an den Minister für Kultur“ (1964) erklärte Fühmann den „Bitterfelder Weg“ für sich als unliterarisch und also gescheitert. Später wurde DDR-Realität nur in kürzeren Prosatexten, die vor allem die Machtstrukturen aufs Korn nahmen („Bagatelle, rundum positiv“, 1978), thematisiert, auch die parallel geschriebenen, an Orwell gemahnenden Saiäns-fiktschen (1981) wurzeln hier.
Das Tagebuch Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens (1973) bezeichnete Fühmann als seinen „eigentlichen Eintritt in die Literatur“.19 So skeptisch man solcherart Selbstzuschreibungen auch gegenüberstehen sollte – diese ist ernst zu nehmen: Es ist eine poetologische wie autobiografische Bilanz, zugleich Hörsaal eines (literatur-)theoretischen Exkurses, experimentierfreudiges Schreiblabor und Pläneschmiede, es markiert den Wechsel von einer retrospektiv-didaktischen „Märchenkonzeption“ zu einer Schreibhaltung (auto-)kathartischer Radikalität.
Doch bis es zu diesem ,Eigentlichen‘ kam, versuchte Fühmann jenen Riss zwischen „Dichtung und Doktrin“, wie er es selbst beschrieb, auf verschiedene Weise zu verdrängen, nicht zuletzt durch Alkohol.
Wer um 1960 herum mit ihm im Vorstand des Schriftstellerverbandes gesessen hat, erinnert sich: Manchesmal stand neben seinem Stuhlbein die Flasche.20
Der Einmarsch des Warschauer Paktes in die ČSSR war ein Ereignis, das Fühmann sozusagen bis auf die Knochen ernüchterte. Er ging zum Alkoholentzug in eine Rostocker Klinik, die Ärzte gaben ihm „nicht mal ein Vierteljahr mehr“. „Eines der Erinnerungsbilder“ rief Christa Wolf in ihrer Trauerrede zu Fühmann auf:
Wie er, noch als dicker Mann, schnaubend und prustend, mit Schlingpflanzen behängt, aus dem flachen Ostseewasser vor Ahrenshoop auftaucht. Dann plötzlich – habe ich da einige Jahre verpaßt? – steht er als ganz Veränderter, Abgemagerter vor mir, und er lehnt alles Eßbare ab.21
Und, darf man den Berichten trauen, vor allem Trinkbares, selbst alkoholhaltige Pralinen.
Wie Fühmann von nun an selbst mit dem ,Uneigentlichen‘ in seinem Werk umging, das zeigen nicht nur eine strenge Auslese für die Werkausgabe, sondern auch mehrfache Äußerungen im Spätwerk. Sinnfällig wird dies in einer Anekdote von Katja Lange-Müller. Während ihres Studiums am Leipziger Literaturinstitut kam sie in Bedrängnis, weil sie aus einem Gedicht Johannes R. Bechers zitierte – ein Text, der allerdings nicht mehr auffindbar war:
Dieses Gedicht ist ganz kurz. Es hieß „An Stalin“ und ging so: „Du schützt mit deiner starken Hand den Garten der Sowjetunion und alles Unkraut reißt du aus, du, Mutter Rußlands größter Sohn, nimm diesen Strauß mit Akelei zum Zeichen für das Friedensband, das fest gespannt zur Reichskanzlei…“ Einen solch kostbaren Reim wie ,Akelei-Reichskanzlei‘ muß man erstmal finden – steht in keinem Reimwörterbuch, garantiert nicht, oder vielleicht erst seitdem. Jedenfalls hatte ich den Beweis anzutreten, daß ich das nicht selber gedichtet habe, um dem Becher eins auszuwischen. Ich komme also zu dem Müller (Heiner Müller; J. K.), da sagt der: Das Buch habe ich gestern ’ner amerikanischen Germanistin geschenkt, nur mal so, die ist damit auf dem Weg nach Vancouver. Da war ich in Beweisnot! Also bin ich mit Uwe Kolbe zu Franz Fühmann gefahren. Und Fühmann ist in den Keller gegangen, hat uns seine Weinflasche gezeigt, die da immer stand und die er nicht mehr aufmachte. Und das hat mich entwaffnet: Wir fanden das Gedicht nicht, aber Fühmann hatte die Größe, diese ganzen alten Stalin-Schwarten vorzukramen. Er setzte sich hin und sagte: Und wißt ihr, was ich geschrieben habe? Und dann las der uns das vor. Wir haben den angeguckt wie die frischgebumsten Eichhörnchen, wirklich, wir konnten es nicht fassen. Aber was da für ein Format dazugehörte, das zu tun, das habe ich erst Jahre später begriffen. Das war ein großer Moment bei Fühmann.22
Um 1968, dem Jahr des entlaubten Prager Frühlings und der Entziehungskur, schrieb Franz Fühmann eine erste Mythosadaption, die erst postum publizierte Geschichte von „Erzvater und Satan“.23 Die Story ist bekannt, sie liest sich auch im Bibeltext schauerlich: Erzvater Abraham soll, seine Gotteshingabe zu beweisen, seinen einzigen Sohn schlachten. Fühmann kippt die Konstellation: Satan ist es, der Rettung will, er bringt gegen das Ansinnen des „urbösen Greises“ die plausiblen, weil humanen Argumente an, Abraham kann nur mit Phrasen antworten. „Das Gewohnte, das oftmals Gesagte“ – wider den Herrn habe seine „Knechtseligkeit“ nichts zu „bekritteln“, „er ist der Herr und ich bin sein Knecht!“ Erst als es Satan gelingt, die Rolle des Herrn vorzutäuschen, und so Abraham Gelegenheit gibt, als Knecht auch Mensch zu sein, lässt der „Erzvater“ im letzten Moment, der Dolch ist schon erhoben, von der Sohnesschlachtung ab. Gott hätte das Opfer gewollt, wie schon von zehn Vätern vor Abraham. Oft wird die Geschichte gedeutet als Ende der Menschenopfer; nimmt man Fühmanns Lesart auf, so erhält das an Jesus vollzogene Sohnesopfer eine neue – schauerliche – Dimension. Und, nicht zuletzt, das Abendmahl auch.
„,Kennst du die schönste Blüte auf dieser Welt, mein Kind?‘, keuchte Abraham. ,Du hast es mich oft gelehrt, Väterchen‘, entgegnete Isaak, ,es ist der Gehorsam! – Der blinde Gehorsam‘, ergänzte er. Dann schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und sprach: ,Den Blütenschnee mitten im Winter –: Väterchen, jetzt sehe ich ihn!“‘ Sie stehen auf einem „Hügel, der vor Steinen strotze“, vor ihnen die vom Blut „rostrote Platte aus Stein“. Denn so war die Verheißung, mit der Abraham den zu schlachtenden Sohn auf den Hügel gelockt: Einen „wunderbaren Berg“ wolle er ihm zeigen, „der auch jetzt schon, mitten im Winter, von Blütenschnee überquelle“.24 – „Das Glück der Ferne, leuchtend nah“ beschwor einst Johannes R. Becher, und dies, so war es bald gang und gäbe, mögen die Künstler ebenso wie „unsere Menschen“ gefälligst in der Gegenwart bemerken, „leuchtend nah“ eben.
Ende der 1960er Jahre beschäftigt sich Fühmann immer intensiver mit der Mythologie, unter anderem erzählt er die Ilias und die Odyssee für Kinder nach. In dem ebenfalls für Kinder und einst auf fünf Bände konzipierten Prometheus-Roman – nur zwei davon sind erschienen – entwickelt Fühmann schließlich sein mythologisches Personal, die gefundenen Psychogramme behalten auch in den für Erwachsene geschriebenen Texten ihre Gültigkeit, werden allenfalls verfeinert: Zeus, der machtgierige, die einstigen revolutionären Ideale verratende Diktator; Poseidon, nach des Zeus’ Thron schielend und doch zur Tat zu feige; der blutsaufende und grobschlächtige Ares, selbst zum Macho zu dumm und dennoch in seiner einfältig-muskulösen Männlichkeit von den Frauen begehrt; das intrigante und rechthaberische Eheweib Hera; die dummgeile Aphrodite; die jungfräuliche Athene… Hephaistos, der Schmied, der Krüppel, der Künstler – schließlich Prometheus selbst: voll Wissbegierde und schöpferischem Drang; seine Geradlinigkeit lässt kein Taktieren zu, allenfalls die List des Moments, so muss er unterliegen. Ein edler Tor, der sich, Zeus vertrauend, wider das eigene Titanengeschlecht stellt und bald der Errichtung einer neuen Tyrannei zusehen muss, auch gegen diese wird er antreten, ein Dissident der Vorzeit.
Das Prometheus-Buch ist weit mehr als eine Einführung in die antike Götterwelt, es ist ein Lehrstück über das uralte Thema der illusionären Utopie und der verratenen Revolution, von Diktatur und Demagogie, von betrogener Hoffnung und falscher Freundschaft, von Erniedrigung und Niederträchtigkeit. Es ist auch ein Buch über die Frage, ob und wie die Ordnung – in der Gesellschaft, in der Natur – gestört werden darf.
In der Arbeit am Prometheus entwickelt Fühmann aber nicht nur sein mythologisches Personal, sondern auch sein poetologisches Verständnis: Auf der Suche nach dem „Urprometheus“ stößt Fühmann auf rund 70 Fassungen, er entschließt sich zu einer eigenen, freien Version: die überlieferten Mythologeme sind „Fundusstücke als Anlage wie als Entfaltung“ (Franz Fühmann: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964–1981, Rostock 1983, S. 127). Dies geht durchaus einher mit einschlägigen Mythostheorien, Hans Blumenbergs zum Beispiel: „Zeit schleift die Prägnanzen nicht ab, sie holt aus ihnen heraus, ohne dass man hinzufügen dürfte, ,was drin ist‘. (…) die Konfiguration, die sich in (…) Jahrhunderten aufgetürmt hat, hat nur abermals an Dimension gewonnen“, die „Arbeit an der Endigung des Logos (vollzieht sich) immer wieder als Metapher des Mythos“.25
Im Erscheinungsjahr des Kinderbuchs Prometheus (1974) hält Fühmann an der Humboldt-Universität zu Berlin einen Vortrag, in dem er seine – besonders in Zweiundzwanzig Tage vorskizzierten – Überlegungen über „Das mythische Element in der Literatur“ darlegt: Mythos ist für Fühmann die im Gleichnis gefasste Menschheitserfahrung eines in „historisch sozialen wie (…) psychischen Realitäten“ wurzelnden „Draußen wie Drinnen“ um das Wissen, „was ist“ (Franz Fühmann: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964–1981, Rostock 1983, S. 124). Mythos wird von Fühmann immer wieder synonym zu ,Kunst‘ gebraucht, als Projektionsfläche für ein Sich-in-Beziehung-Setzen, als ein Angebot, singuläre Erfahrungen in ein überindividuelles Spannungsverhältnis zu setzen. Die „Mächtigkeit“ eines Kunstwerkes ist für Fühmann „um so größer, (…) je mehr Menschheitssubstanz erfahrener Welt in ein Kunstwerk eingegangen ist“, je intensiver der „ganze Mensch und der Mensch ganz“ als Einzel- und Gattungs-, als Natur und Gesellschaftswesen angesprochen wird:
In dieser befreienden, dieser kathartischen Funktion der Kunst liegt der Keim all ihres gesellschaftlichen Daseins: Der sein Gleichnis formt, um sein Leid zu bewältigen, stellt es zugleich zum Gebrauch für seine Brüder und Schwestern bereit, die der Gabe solchen Artikulierens nicht teilhaftig sind (und zeigt) am Beispiel ihres Gestaltetwerdens die Möglichkeit ihrer Bewältigung.
(Vgl. Franz Fühmann: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964–1981, Rostock 1983, S. 71, S. 121ff.)26
Fühmann verlässt damit die möglicherweise an Goethe orientierte Auffassung von Katharsis als auf der Bühne (im Text) vorgeführte „aussöhnende Abrundung“, wie sie in den Sühnetexten zum Zweiten Weltkrieg anzufinden war, und setzt auf einen emanzipierten Leser. Die Kategorie der ,Erfahrung‘ hat für Fühmann einen zentralen Stellenwert, auch die Kunst kann ein ,primärer‘ Erfahrungsbereich sein; inwiefern sich in einem Kunstwerk Menschheitserfahrung modelliert, ist für Fühmann das Qualitätskriterium schlechthin.27 Erfahrung betrifft (wie die Kunst) stets den Menschen ganz und den ganzen Menschen. Für Fühmann ist das klassische aristotelische Anthropologem zoon politikon ein höchst komplexes korrelatives Gefüge, in dem das eine stets die Bedingung für die Existenz des anderen ist: Der Mensch ist als Gattungs- wie als Einzelwesen ein natürlich wie historisch Gewordenes und zugleich Seiendes, was auch für seine emotional-sinnlichen wie rational-abstrakten Komponenten gilt. Wird der Mensch der Möglichkeit zur Reproduktion beziehungsweise Progression dieser Korrelation beschnitten oder gar auf nur eine Seite seiner Existenz reduziert, geschieht Unmenschliches in aller Bedeutungsnuancierung, was Fühmann insbesondere in seinen mythologischen Erzählungen gestaltet. Wird in der Kunst solches vorgeführt, ohne dass die Leerstellen funktional und evident werden, so ist das Resultat Kitsch (und auch Demagogie wäre solcherart; vgl. Franz Fühmann: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964–1981, Rostock 1983, S. 129).
Fühmanns späte mythologische Erzählungen sind nichts weniger als „bahnbrechend“:28 1978 erscheint mit Der Geliebte der Morgenröte eine erste Sammlung; postum noch ein Hörspiel, eine Rockoper, ein Ballettlibretto, ein Kinderbuch und der Band Das Ohr des Dionysios, in dem auch Erzählungen und ein Essay zur Bibel enthalten sind.
Was wäre herauszugreifen? Die Geschichte vom „Netz des Hephaistos“ zum Beispiel: Der olympische Schmied, der von Vater Zeus ob seines Missgestaltetseins Verstoßene, der Krüppel, der sich mit Waffen und Kunstwerken einzukaufen suchte, um zu den Göttlichen zu gehören, erfährt vom Ehebruch der ihm angetrauten Aphrodite – ein Sujet der Groschenhefte und Seifenopern, das dort freilich nur zwei Varianten kennt, den billigen Witz oder die pathetische Rache. Vielfach bitter ist des Hephaistos Ohnmacht, den „Starken“, Ares, auf seinem Lager wissen zu müssen. Seit Langem schon, seit Zeus ihm „die Schönste“ zusprach, lebt der Lahme mit den dünnen Schenkeln und siechen Hüften ahnungsvoll dem Unvermeidlichen entgegen – auf die Bestätigung solcher Gewissheit zu warten und sich gut genug zu kennen, um sehenden Auges dieses Los anzunehmen: welch ein Schicksal. In einem Satz zieht sich die ganze Qual zusammen:
Es schmerzte ihn nicht so sehr, daß es sein leiblicher Bruder, als daß es wieder ein Dümmster war.29
Wie hoffnungs- und trostlos, weil um die Austausch- und also Wiederholbarkeit wissend. Der Fluch des Empfindsamen, verletzbar zu sein; nie wird Hephaistos diese sichere „Tiefe ihres unerschütterlich in sich ruhenden Gemütes“, die „dem Wesen der Oberen so gemäß ist“,30 teilen können, um so vieles reicher und unermesslich ärmer zugleich. In seiner Kunst sucht der Schmied Ersatz für die ihm versagte Liebes-, für eine wirkliche Lebenserfüllung; er wird die Verdrängungsmechanismen zu lernen haben, der Sohn von Hera und Zeus ist unsterblich. Irgendwann ist er dann so weit, seinen einzigen Freund und im Schöpferischsein Seelenverwandten, Prometheus, auf Geheiß des Göttervaters an den Fels zu schmieden. Willfährig und widerspruchslos. Die Sehnsucht nach Anerkennung und Geborgenheit machte ihn zum Verräter.
Ares, der Kriegsgott: grobschlächtig, vulgär, brutal, Männlichkeit pur in der Schlächtervariante und doch der, „mit dem jede Rosenfingrige einmal schläft“. So auch Eos, die Göttin der Morgenröte, welche dafür von Aphrodite „mit der Gnade des Fluches, die Liebe Sterblicher begehren zu müssen“, bestraft wird – nach der Schmach die „ungeheure Erfahrung, daß auch einer unausforschbar sein kann“. Ein solcher Zustand indessen, ist er alles und soll gar unendlich währen, ist wider die Natur: Tithonos „liebte Morgenröte, das war Werk genug“. Dies idyllisch stille Glück zeugt Schreckliches, da es zur Selbstvergessenheit gerinnt: Den Troerprinzen interessiert nicht, dass seine Stadt zertrümmert wurde, „er beweinte auch seinen Sohn nicht“. Auch Eos versieht ihr Amt schlecht, das nicht erfüllte Werk fordert seinen Tribut:
das waren die Stunden der Fehlgeburten und der wüsten Grausamkeiten. An solch einem Tag wurde Hektor geschleift…31
Oder die als Hörspiel und Ballettlibretto gestaltete Geschichte um Kirkes Insel: Nach ihrer Ankunft wurden die Gefährten des Odysseus von Hyperions Tochter in Lemuren verwandelt, verzaubert hörig – „bezirzt“ eben –, ihres aufrechten Ganges beraubt, allerdings sind sie im Verlust ihres Menschseins auch ohne Aggressivität. Um die Bedingungen Kirkes für ihre Heimfahrt einzulösen, fahren die Griechen zum Reich der Schatten; trotz solchen Erfahrens vermögen sie nicht über den armseligen eigenen Schatten ihres Seins zu springen. Das Schattenreich ist ebenso gestocktes Dasein wie Kirkes Paradies, das Dritte ist die beschränkte menschliche Existenz. Alternativen, die keine sind: sinnentleertes, da körperloses Bewusstsein, seelenlose Körperlichkeit eines Lemuren oder Menschsein zwischen Töten und Getötetwerden.32
Den Zauberinnen verwandt sind die Hexen, als eine solche schwebt „Baubo“33 durch Goethes Faust; ihr widmet Fühmann eine seiner späten Erzählungen: Demeter, in rasendem Schmerz ob des Verlustes ihrer von Hades entführten Tochter nur noch in Trauer, ließ Dürre über das Land fallen, erst durch die kreatürliche Geste der Baubo, die ihr alt gewordenes Geschlecht entblößt, findet die Göttin wieder zu ihrem Frucht spendenden Wesen. Verstoßen und vergessen ward Baubo ihrer Tat wegen und „bald als Hexe verschrien“; die ihr zuschauten, begriffen nicht das Gemäße ihrer Handlung, sie sahen nur das Obszöne, die Retterin wird zur Ausgestoßenen. Und natürlich und vor allem „Marsyas“, einer der intensivsten Texte, den (auto-)kathartischen Impetus Fühmanns voll entfaltend. „Man müsste den Marsyas-Mythos durchdenken“, lautet eine der Arbeitsnotizen der Zweiundzwanzig Tage, nachdem „dieses Motiv des Befreiens durch Töten, Zerstückeln, mindestens Schmerzzufügen“ in den Märchen aller Völker festgestellt wurde: „Erlösung durch Kopfabschlagen; Erlösung durch Aus-der-Haut-Peitschen; Erlösung durch Feuer; Erlösung durch An-die-Wand-Werfen. Es ist eine Menschheitserfahrung.“ (Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens, S. 469) „Der Wahrheit nachsinnen. Mehr Schmerz? Wir werden es erfahren. Aber es kann wohl nicht anders sein“, endet Fühmanns Trakl-Buch ahnungsvoll (Franz Fühmann: Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht. Anhang: Dichtungen und Briefe Georg Trakls, Rostock 1984, S. 197). Anders überwindbare Erfahrungen sind keine. Anfang der 1970er Jahre notiert Franz Fühmann zwei Träume mit einem Marsyas-Motiv; Fühmann führt ein Traumtagebuch. Einer wird kurz vor der Abfahrt aus Budapest niedergeschrieben, er kündet von der Gefährdung der eben erreichten, sicher gewähnten Konstitution:
Ich liege auf meiner Chaise und sehe am Fenster den gewohnten roten Vorhang und denke: Der soll jetzt grün sein! Im Traum kannst du doch alles.
Der Vorhang wird auf der Stelle grün.
Ich lache und sage fröhlich: Jetzt blau! Jetzt gelb! Jetzt schwarz!, und immer gelingt es. Ich richte mich auf und sage: Und jetzt rot und grün gepunktet!, und siehe da, auch das gelingt. Ich überlege, was ich nun wünschen soll; mir fällt nichts mehr ein, und da löst der Vorhang sich auf. Ich eile ans Fenster; der Vorhang ist verschwunden, das Fenster steht offen, und da ich hinausschaue, fährt unten ein planenüberspannter LKW vor. Der LKW hält; ich spüre eine tödliche Gefahr, da erheben sich unhörbar murmelnd durch die Plane zwei geschundene Männer, deren blutige rotbraune Körper zwischen den Schultern und an den Hüften mit Eidotter bepinselt sind. Ich will zurückfahren, aber ich kann mich nicht mehr bewegen; die Männer heben langsam die Köpfe, und da ich in den gehäuteten Muskelgesichtern die heilen runden Augäpfel erblicke, schreie ich auf und erwache schreiend.
(Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens, S. 494)
Der zweite Traumtext, der „Traum von Moira“, wird erst rund ein Jahrzehnt später in dem bibliophilen Band Dreizehn Träume mitgeteilt:
Söhnchen, siehe das Sigel des Glaubens, man hat es dir zweimal abgetrennt, Söhnchen, doch ein drittes Mal löst es sich nicht mehr! – und da sehe ich die Föten in das Tuch hineinziehen und sehe ahnend an mir hinunter, und sehe rohes, hautloses Fleisch, und Moira murmelt, im Tuch versinkend: Siehe die Gnade!, und sanft legt sich der wallende Stoff um meine geschundenen Füße und kriecht, das schiere blutige Fleisch behäutend, unaufhaltsam an mir über Knöchel, Waden, Schenkel, Glied und Hüften bis zur Brust und weiter zum Kinn hinauf (…).34
Nach einem Bericht Wieland Försters erklärte ihm „Fühmann, der zu Zahlen- und Sprachspielen neigte“, in jener Zeit, „dass sein Leben in Zwölf-Jahres-Rhythmen verlaufe: die ersten zwölf sei er Katholik gewesen, die folgenden Nazi, dann Kommunist. Auf diese folgten zwölf Jahre der Suche, des Zweifels, der vagen Gewissheit, jetzt lebe er in den zwölf Jahren, in denen er sich fähig zur Literatur fand, und die letzten (…) werde er mit Gewissheit in Straflagern zubringen.“35
„Marsyas war einer, der sich vermaß, mit Apollon in einen Wettkampf zu treten, und mit einem Instrument, das Athene verflucht hatte. – Er war ein Silen –“,36 so hebt der Text an und führt sofort in das Zentrum: Als Marsyas die Doppelflöte am Strand fand, war sein Schicksal besiegelt. Weshalb aber hatte Athene das Instrument verflucht? In den einschlägigen Texten heißt es stets, dass das Spiel auf der Flöte Athenes Gesicht entstellt habe. Bei Fühmann wird es derber, direkter; die Stelle sei zitiert, auch, um zu zeigen, wie die oben angeführten Figurenzeichnungen in einem solchen Text wieder aufblitzen – nicht bei Apollon übrigens, der vielschichtig gezeigt wird. Aber zurück zu Athene: Von der Doppelflöte Süße berauscht, eilt sie auf den Olymp, „den Göttern die neue Milde zu gönnen, doch kaum dass die ersten Töne erklangen, begann die Hohe, Hera, zu lachen und gleich darauf lachte auch Aphrodite und beugte sich aus ihrem goldenen Sessel zum gähnenden Ares an ihrer Seite und flüsterte ihm etwas von solcher Eindringlichkeit zu, dass der, sich auf die Schenkel klatschend, vor Lachen brüllte.“ Athene flieht entsetzt „und eilte zum Spiegel des nächsten Sees, und dort sah sie es: Prustender Mund, geblähte Backen, die Schläfenadern dick und blau.“ So weit, so traditionell, doch dann:
Und plötzlich begriff sie den kichernden Ton im Lachen gerade Aphrodites: Zwei Mannsruten in ihren Lippen. Der Ekel, mit dem die Unberührte die Flöte wegwarf, trug die in der Heftigkeit des Wurfs über den Pontos bis nach Phrygien.37
Marsyas also findet die Flöte, spielt, vom Fluch nichts wissend, und hört in seiner Einfalt auf Kybele, die sein Spiel höher schätzt als das Apollons. Marsyas ist ein argloses Geschöpf, das nicht weiß, was es tut, als es den Gott daraufhin zum Zweikampf fordert; Marsyas kann es nicht wissen. Apollon warnt ihn mit zwei Träumen, Marsyas vergisst – er weiß nicht um das, was er sah, was „Sache ist“. Im Kampfpreis werden Einfalt und Grenzen des Silens schnell kund, eine Höhle voll Wein ist sein Maß. Der Preis sei nichts Drittes, so der Gott, Marsyas denkt an „Aufspielen, Aufwarten, Possenreißen“, eben das, was ihm gegeben ist; er wird erfahren müssen, was damit gemeint war.
Auch wenn die asiatische Muttergöttin, die Erdnahe, und der olympische Gott, das abendländische Ideal männlicher Schönheit, sehr deutlich ein jeweils Anderes verkörpern: „Marsyas“ lässt sich weder auf einen Zusammenprall von archaischer Naturnähe und entfremdender Moderne reduzieren, noch auf den Konflikt zwischen einem „weiblichen“ oder „Bauch“-Prinzip und einem „männlichen“ des „Kopfes“. Matriarchat versus Patriarchat greift da zu kurz – zwei Sätze stehen parallel an entscheidender Stelle: „Athene war fern“, als Marsyas zum ersten Male zum Flötenspiel anhob, und, als der Wettkampf verloren war: „Kybele war fern.“ Marsyas hat seine Haut zu Markte getragen, sein Heulen zur Häutung (er)hören beide nicht; erst kurz vor Marsyas’ Ende, zu spät also, ist Kybeles Rauschen noch einmal zu vernehmen: ein Rauschen, mehr nicht.
Die Süße des marsyanischen Flötenspieles birgt, so Fühmann, „als Unfassliches Allgestalt“ und bedroht „damit der Ordnung Kontur“. Jene Störung der „Ordnung Kontur“ wird in den Interpretationen immer wieder als Hybris des Marsyas bezeichnet, seine Bestrafung demzufolge als zwar über die Maßen, doch mit zu legitimierendem Motiv beurteilt. Dies gehört zum demagogischen Standard aller Machthaber bis in unsere Tage, worauf Irene Tobben in ihrem Tizian-Essay zu Recht verweist.38
Für Volker Riedel unterliegt Marsyas schon deshalb, weil „die Schiedsrichter, die Musen, der Sphäre seines Gegners angehören (…). Indem Marsyas akzeptierte, dass ein Repräsentant der ,Oberen‘ die Bedingungen bestimmte, hat er das Spezifische seiner Kunst verkannt und sich selbst zur Ohnmacht verdammt.“39 Es ist wohl kaum Zufall, dass Uwe Kolbe seine Kritik ausgerechnet an Fühmanns rigorosestem Selbstbefragungsbuch, dem Trakl-Essay, adäquat formuliert: Fühmann begehe den Fehler, Trakl – mithin: das Wesen von Dichtung – dem Funktionär erklären zu wollen, statt diesen zu ignorieren.
„Marsyas“ hat auch und vor allem mit einer radikalen Auffassung vom Künstlersein zu tun: Der Frevel des Fühmann’schen Marsyas lag darin, die Gottheit (das Prinzip, die Kunst, die Wahrheit) gezwungen zu haben, dass sie sich offenbare, „denn wenn dies geschehe, so geschieht dies ganz“. Schließlich wird Apollon nicht nur als wölfischer Gott und unbarmherziger Ordnungshüter gezeigt, sondern auch als Gott der Reinheit und des allwirkenden Lichts, als Gott der Weissagung und – der Dichtkunst. Nimmt man Apollon auch als solchen ernst, so fügt sich Fühmanns Anspruch – „Dichter sein heißt aufs Ganze aus sein, was voraussetzt, sich selbst ganz zu haben“ (Franz Fühmann: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964–1981, Rostock 1983, S. 463) – zur Gnadenlosigkeit Apollons: „Marsyas“ verkörpere, so Fühmann in einem Gespräch, „keine didaktische Absicht“, sondern „die Erfahrung von Künstlerproblematik“.40 Dem Wesen des Marsyas entspricht ein solches, aufs Ganze gerichtete Streben nicht, so muss die Kunst selbst den Ort seiner Seele suchen:
Der, den Apollon ergründet, erkennt sich selbst, in seinen Grenzen und nach seinen Maßen.41
„Aus meiner Haut werde ich nicht mehr können, konnte ich nie“, notiert Fühmann in den Zweiundzwanzig Tagen, es führte ihn zu einem neuen Selbstverständnis (Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens, S. 468); solches war Marsyas nie gegeben. Die Erfahrung im Umgang mit Kunst: eben „doch aus seiner Haut fahren zu können“ (ebd.) – oder, so Marsyas: zu müssen.
„Marsyas“ ist Heinrich Böll gewidmet, das hinzugesetzte Datum „17. Oktober 1977“ verrät, eine Ausnahme, die Entstehungszeit (der entsprechende Brief an Böll ist allerdings erst vom 16. November). Fühmann hat noch sieben Jahre zu leben, Böll noch acht. Vieles verbindet diese beiden Moralisten, nicht zuletzt der konkrete und pragmatische Einsatz für Personen, auch der zornige Schmerz über den Untergang der großen Hoffnungen, der linken wie der christlichen; beide Schriftsteller wurzeln im Katholizismus. – Obwohl sich obiges Datum dezidiert auf den Erscheinungstermin jenes berüchtigten Memorandums über die Sympathisanten bezieht (Böll wurde von Presse und Politik als Sympathisant der RAF behandelt),42 wehrte sich Fühmann gegen eine einlinige Interpretation als (politische) „Schlüsselgeschichte“ vehement:
Man missversteht das (…) zu häufig (…) Marsyas ist die Problematik des Sich-Entblößens; wenn man schreibt, in der Öffentlichkeit steht, wird einem die Haut abgezogen (…).
(Franz Fühmann: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964–1981, Rostock 1983, S. 450)
Einen Monat später schreibt Fühmann einen „Offenen Brief“43 an den „Buch- und Zensurminister“ Höpcke zum Thema des Umgangs mit der Wahrheit in der DDR, um dessen Verhinderung eine aufgeregte Korrespondenz der einschlägigen Behörden beginnt; seit 1977 ,bearbeitete‘ die Stasi den Autor im Operativen Vorgang Filou.
Solcherart Akten sind ein – auch im doppelten Sinne – ungeheurer Fundus. Dieses „Schauerliche“, um mit Fühmann zu reden, beginnt in den 1950er Jahren, denn Fühmann fand sich entsprechend seines politischen Selbstverständnisses jener Zeit durchaus bereit zur Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit. Die Werbung, so wird denn auch protokolliert, erfolgte aufgrund seiner Weltanschauung. Dennoch weisen die drei Zeilen der handschriftlichen Verpflichtung Merkwürdigkeiten auf: Nicht nur der biblische Deckname „Salomon“ irritiert, auch die Erklärung selbst weist eine – erstaunlicherweise unkorrigiert gebliebene – bemerkenswerte Fehlleistung aus: „Ich erkläre mich bereit“, schreibt Fühmann, „das Staatssekretariat für Staatssekretariat bei seiner Arbeit zum Schutz der Republik zu unterstützen.“44 „Hinter mir stand mein toter Bruder, Doppelgänger Ich“, bilanziert Fühmann später jene Zeit, „war ich gespalten, ich wußte es nicht.“ (Franz Fühmann: Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht. Anhang: Dichtungen und Briefe Georg Trakls, Rostock 1984, S. 94)
Die Staatssicherheit aber war mit „Salomon“ nicht zufrieden, „das Ziel (,) welches durch die Anwerbung erreicht werden sollte, wurde im Laufe der Zusammenarbeit nicht erreicht“, heißt es im Abschlussbericht von 1959. Und weiter:
Der GI ist politisch sehr schwankend und wahrte bei kritischen politischen Situationen nicht die bewußte Haltung eines Funktionärs einer politischen Partei.
In einem „Auskunftsbericht“ von 1968 wird ergänzt, dass Fühmann bereits 1956 „seine inoffizielle Verbindung zum MfS abbrach“.45
Außer einigen nichtssagenden „Treffberichten“, in denen sich die Hauptamtlichen mehr als einmal über das arrogante Auftreten von „Salomon“ und die Nichtverwertbarkeit der Informationen beklagten, sind auch – anders als andernorts nachzulesen – handschriftliche Berichte von Fühmann überliefert. Ein solcher wird Eingang in eines der wichtigsten Bücher Fühmanns finden: Die Frau eines Verhafteten besuchte Fühmann am 13. März 1953 im Gebäude des Parteivorstandes der NDPD und „schilderte sehr gefühlsbetont die politischen Vorzüge ihres Gatten, sie beteuerte, es sei nicht möglich, daß er ein politisches Verbrechen begangen hätte. (…) Ich erwiderte, daß ich nichts wissen könne, da ich (…) nicht in Berlin war (…) sie brauche (…) Anhaltspunkte, um einen Hinweis zu haben, ob eventuell eine Denunziation vorläge“.46
In seinem 30 Jahre später erschienenen Trakl-Essay stellt Fühmann diese Episode unter das Brecht-Wort „,Mögen andere von ihrer Schande reden, ich rede von meiner‘ (…): und in (…) bösen Träumen erschien wieder die fremde Schwester, die Frau eines meiner Arbeitskollegen, der während einer Tagung in Weimar von unseren Sicherheitsorganen auf Grund einer offenbaren Verleumdung nächtens verhaftet worden war; (…) ich wußte sofort, wer sie war, da sie eintrat und nach dem spurlos Verschollenen fragte. Wir waren verpflichtet, von nichts zu wissen; ich sah ihr von Sorge zerrißnes Gesicht in schweigender Verachtung sich sammeln; sie schaute durch unsre Erbärmlichkeit; und sie ging hinaus; und ich ging ihr nicht nach.“ (Franz Fühmann: Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht. Anhang: Dichtungen und Briefe Georg Trakls, Rostock 1984, S. 94)
Trauerarbeit.
Der „GI Salomon“ wird am 11. August 1959 endgültig zu den Akten gelegt, man kam schließlich zu dem „Ergebnis, daß (…) der GI keine Perspektiven besitzt und keine Verwendung finden kann.“47 Und: „Durch die HA V/1 wird das Auftreten des GI innerhalb des Präsidiums des Schriftstellerverbandes weiterhin unter Kontrolle gehalten.“48 Schon 1968 wird dem Dichter eine „völlige Ablehnung der Kulturpolitik der SED und der Regierung der DDR“ attestiert: Er gehöre „zu der Gruppe jener Schriftsteller (Hermlin, Huchel usw.), die vorwiegend in der Akademie der Künste eine oppositionelle Politik betrieben“.49
Kurt Hager empfiehlt dem Schriftstellerverband, Fühmann (wie Hermlin) „dort ein(zu)setzen, wo er entsprechend seiner antifaschistischen Haltung zu verwenden ist.“50 Fühmann schreibt später verbittert, dass er und andere Schriftstellerkollegen „wie Köhlerlampen“ gebraucht werden:
Man schaltet sie je nach Bedarf ein und aus.51
Aus dem Jahr 1974 wird der – offenbar aber nicht realisierte – Plan, eine Zeitschrift „auf Ormig mit einer Auflage von etwa 100 Exemplaren“ herauszugeben, mitgeteilt: „Ich will endlich die Sachen veröffentlichen, die mir keiner druckt.“52 – Eine Vorläuferidee der bald blühenden Samisdat-Kultur des literarischen Untergrunds in der Spät-DDR.
Im Jahr darauf nimmt Fühmann einen ersten Kontakt zum Thomas-Müntzer-Schacht Sangerhausen auf, hier gedeiht sein Plan zu dem – Fragment gebliebenen – „Bergwerk-Projekt“, einem auf etwa 1.000 Seiten angelegten Experiment zwischen Mythos, Romantik und Gegenwart, selbstreflexiver Standortbestimmung und poetologischem Experiment. Auch dies führt zu einer genaueren Überwachung; ein Künstler, der trotz des gescheiterten „Bitterfelder Wegs“ beharrlich nach einem eigenen Weg zur Arbeitswelt sucht, ist nicht geheuer. Ausgewählte IM aus der Bergarbeiterwelt erhalten den Autrag, Fühmann zu „disziplinieren“, was drangsalieren meint; der Kontakt bricht ab. Das Bergwerk-Projekt legte Fühmann kurz vor seinem Tod als gescheitert beiseite, verschiedene Texte erschienen als eigenständige Veröffentlichungen. Später wird der „Generalsekretär“ (also: Erich Honecker) höchst persönlich entscheiden, dass Fühmann nicht – nicht einmal die vom Dichter vorgeschlagenen zehn Minuten – vor Arbeitern eines Berliner Großbetriebes lesen darf.53
Am 13. Dezember 1976 wird schließlich der „operative Vorgang Filou“ eröffnet; wie man darauf kam, Fühmann als „Filou“ zu führen, ist leider nicht nachzuweisen; die Sprachetymologen verweisen auf die Herkunft aus einem mundartlichen französischen Wort, das so viel wie „Spinner, der etwas anzettelt“ bedeutet.
Ziel ist es, „– durch inoffizielle und offizielle Beweise sein feindliches und negatives Auftreten zu dokumentieren,
– seine feindlich-negative Öffentlichkeitswirksamkeit einzuschränken,
– weitere feindliche Handlungen zu unterbinden bzw. einzuschränken,
– begünstigende Bedingungen zu beseitigen.“54
Die in den Akten versammelten Auskünfte zeichnen ein durchaus lebendiges Bild von Fühmann, etwa wenn geschildert wird, wie Fühmann am 5. August 1977 voller Wut über den ignoranten Umgang des Schriftstellerverbandes bezüglich der Ausreise von Sarah Kirsch den „Genossen Henniger“ im Sekretariat des Schriftstellerverbandes ohrfeigen wollte. Andere Berichte lassen etwas über Fühmanns Leben in jener weltentlegenen Schreibhütte von Märkisch-Buchholz ahnen; neben „Objektbeschreibungen“ findet man für das gleiche Jahr etwa Folgendes:
Täglich fährt er mit dem Fahrrad in den Ort und gehe dort einkaufen, bei HO und KONSUM gäbe es sowieso nichts. Er kaufe grundsätzlich nur beim Privathändler des Ortes.55
Auch IM „Kranich“ überliefert anschauliche Details:
Was seinen Tagesablauf betrifft, so ist ,Filou‘ ein äußerst disziplinierter Mensch. Er steht morgens 6.00 Uhr auf und arbeitet bis 14.00 Uhr intensiv an seinen Manuskripten. In dieser Zeit kann er nicht gestört werden. Erfolgt dies trotzdem, kann er sehr ausfallend werden. Ca. 14.30 Uhr besteigt ,Filou‘ sein altes, klappriges Fahrrad und fährt in den Ort MB. (…) In MB ist ,Filou‘ schon durch seine äußere Erscheinung stadtbekannt. Sein klappriges Fahrrad und seine etwas schlampige, an einen Emeriten erinnernde Kleidung lassen ,Filou, in MB sofort auffallen.56
IM „Kranich“ beschreibt und fotografiert jene Collagenwände, die Fühmann stets parallel zum Entstehen eines Buches anfertigt.
Manches liest sich heute wie eine Anekdote und war doch einst beklemmende Drangsal: Eine geplante Veranstaltung im Volkshaus Jena wurde kurzfristig „aus technischen Gründen“ abgesagt;
Fühmann hat dies überprüft und nichts von einem Wasserrohrbruch festgestellt. Er und die ca. 200 Wartenden waren verärgert und Fühmann will sich deshalb offiziell beschweren.57
Auf einer Postkarte vom 29. April 1983 berichtet Fühmann über eine nach dem gleichen Muster in Leipzig ausgefallene Lesung:
Lese so vor, manchmal gehts auch nicht, weil plötzlich von 19.00 bis 24.00 Uhr Einsturzgefahr des Treppenhauses drohte…58
War dies nun eine Stasitaktik zur Einschüchterung und Verunsicherung oder agierten hier wild entschlossene SED-Parteisekretäre auf Kreisebene? Für Letzteres würde sprechen, dass Fühmann einen Tag nach dem Jenaer „Wasserrohrbruch“ in einem Hörsaal der dortigen Universität lesen konnte. Man erfährt aber auch viel über den bekanntermaßen solidarischen Fühmann, so sind beispielsweise die Protestbriefe im Zusammenhang mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann erhalten. Ungehalten registrierte die Staatssicherheit auch Fühmanns Eintreten für Schriftsteller wie Wolfgang Hegewald, Wolfgang Hilbig, Peter Huchel, Sarah Kirsch, Bettina Wegner, Klaus Schlesinger, Uwe Kolbe, Frank-Wolf Matthies und viele andere. Immer wieder versuchte Fühmann, Autoren und Texten, die in der DDR aus ideologischen Gründen nicht gedruckt werden sollten, zur Publikation zu verhelfen. Bei Kolbe gelang das wenigstens teilweise, bei Hilbig in grotesker Form – mit Stimme Stimme eröffnete Reclam Leipzig 1983 eine neue Reihe, die mit diesem Band auch gleich wieder geschlossen wurde –, bei anderen wie Wolfgang Hegewald endete es nach einem hoffnungsvollen Anfang,59 bei wieder anderen wie Gert Neumann oder Katja Lange-Müller gelang es gar nicht. Schließlich versuchte er, ungedruckte Autoren in einer Anthologie zu versammeln und diese wenigstens erst einmal in einem internen Papier der Akademie der Künste vorzustellen. In diesem Zusammenhang ist zu lesen, dass Fühmann die von ihm damit betrauten Uwe Kolbe und Sascha Anderson nicht nur ideell, sondern auch finanziell unterstützte.60 Überhaupt „findet die feindliche politisch-ideologische Grundhaltung“ Fühmanns laut „Sachstandsbericht“ vom 14. April 1982 ihren Ausdruck „in seiner aktiven Unterstützung für feindlich-negative und politisch ungefestigte Nachwuchsautoren sowie solche Personen, die sich als Schriftsteller ausgeben“.61 Jene Anthologiepläne wurden sogar Gegenstand einer Sitzung des Sekretariats des ZK der SED, wo erörtert wurde, wie diese Autoren in den Griff zu bekommen wären, die Vorschläge – wie etwa der einer gesetzlichen Regulierung des Begriffes „Schriftsteller“ – wurden ergänzt durch „Differenzierungsmaßnahmen“ seitens der Staatssicherheit.62
In seinen letzten Lebensjahren war Franz Fühmann von schwerer Krankheit gezeichnet, Seh- und Bewegungsfähigkeit waren stark beeinträchtigt. Doch noch auf dem Krankenbett schrieb er weiter: Kasperlstücke und Erzählungen zur griechischen und biblischen Mythologie, und schließlich Hörspiele nach Homer und den Gebrüdern Grimm. Anfang der 1980er Jahre wurden also noch einmal die Märchen wichtig; als Fühmann Hörspiele nach den Grimm’schen Märchen schrieb, forderte die Krankheit bereits ihren Tribut: „Resultate meines ausgeschabten Rückgrats“ nannte er diese Texte’63 Und so klingen bei aller Fabulierlust und Spielfreude auch in diesen Texten zentrale Themen seines Werks an: das Finden des Gemäßen, das Werk, das eine nicht entfremdete Existenz gestattet, etwas, das nur diese(r) Eine zu schaffen vermag, aber auch der Tanz um das goldene Kalb der Macht und die Willkür der Mächtigen und das Ausgeliefertsein der Ohnmächtigen.
Jene späten Märchen thematisieren noch einmal die oben beschriebene „Gewissheit“ des „Alle Märchen werden Wirklichkeit werden…“, freilich unter ganz anderen Vorzeichen. „Der Abgrund Mensch klaffte auf“, schrieb Fühmann kurz zuvor über die Bibel, „so handelt der Mensch, und nun sieh dich an!“
Die Hörspiele sind ausdrücklich „nur für Erwachsene“ deklariert,64 und das zu Recht: In ihnen regiert die Angst; ihre Figuren, egoistisch bis zur Brutalität und voll dummdreister Anmaßung, haben keine Chance, sie verdienen sie auch nicht. Moral hat hier nichts verloren; sie setzte eine wie auch immer geartete Fähigkeit zur Reflexion voraus, doch dazu sind diese Geschöpfe nicht fähig. Die Frage dieser Märchen lautet nicht „Wie siegt das Gute?“, sondern „Wer rädert wen?“. Diese Märchen haben kein Happy, sondern ein Deadly End, sie gehen nicht in Erfüllung; keine Moral mehr von der Geschicht’. Macht, und sei sie noch so gering, dient allein der Laune des Augenblicks. Wer in dieser Welt nicht mit solcherart „Tugenden“ ausgestattet ist und überlebt, hat das Grauen erfahren, wie jene Frau aus dem „Blauen Licht“, die nach einer Massenvergewaltigung (im Dreißigjährigen Krieg) zur „Hexe“ geworden ist – und so unter anderem ein sehr gut nachvollziehbares Motiv hat, den Soldaten, den sie als einen ihrer Peiniger wiedererkannte, in den Brunnen zu werfen. Oder man weiß um die Dinge wie Fühmanns Rumpelstilzchen, das sich verzweifelt bemüht, der Erde letztes Geheimnis zu wahren (der Name, der nicht verraten werden darf), um die Schöpfung vor der Zerstörung zu bewahren.
Die Notizen der als Tagebuch dienenden Taschenkalender belegen Fühmanns Verfasstheit jener Zeit, vor allem die eingelegten Zeitungsausschnitte der DDR-Presse: Ein Artikel des ehemaligen „Literaturministers“ Klaus Höpcke „Vom Sinn unserer Literatur“ wimmelt von roten Unterstreichungen (Kommentar Fühmann: „Shdanow zu Ehren! Hurrah! 1950 ist wieder da!“), „Hohn, blanker Hohn!“, notierte er zu einem Artikel über die „schöner als je zuvor“ existierende DDR. Aber nicht nur DDR-Bezügliches ist zu finden, auch über die Zunahme der Todesurteile in Rumänien findet man Ausschnitte, über die Abschaffung des „blinden Gehorsams“ in Griechenland (Randbemerkung: „Mutterland der Demokratie!“) oder zu den Hungerrevolten auf Haiti (mit der Unterstreichung „In den von Duvalier kontrollierten Medien wurde über die Situation in der Stadt und die Revolte bisher kein Wort verloren“ und der Anmerkung „Also Zustände sind das! Na ja – Haiti!“). Der letzte „Maßnahmeplan“ der Staatssicherheit betraf die „politisch operative Sicherung und Kontrolle der Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen DDR-Schriftsteller FÜHMANN, Franz (OV „Filou“) (…) mit der Zielstellung der Aufklärung und vorbeugenden Unterbindung öffentlichkeitswirksamer Kräfte unter Ausnutzung der Trauerfeierlichkeiten“,65 die Kondolenzliste des MfS verzeichnet unter anderem acht Offiziere im Einsatz. Der „OV“ wurde am 21. April 1989, fünf Jahre nach Fühmanns Tod, mit dem „Beschluß über die Archivierung des umseitig genannten Vorganges“ geschlossen, er besteht aus elf Aktenbänden mit 3.644 Blatt.
„Unlebbares Leben“ notierte Fühmann zu Georg Trakl (Franz Fühmann: Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht. Anhang: Dichtungen und Briefe Georg Trakls, Rostock 1984, S. 136); ein ähnliches Paradoxon formulierte Uwe Kolbe über seinen einstigen Mentor und dessen Leben und Wirken in der DDR:
Da gab es keinen Mittelweg, wie ihn Fühmanns Leben eben doch zeichnet.66
Testamentarisch verbittet sich Fühmann die Teilnahme „eines offiz. Vertreter(s) dieses Schriftstellerverbandes (…). Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten.“ (Im Berg, S. 307)
Jürgen Krätzer, aus TEXT+KRITIK: Franz Fühmann – Heft 202/203, edition text + kritik, April 2014
Fühmanns Trakl-Essay
Der Leipziger Reclam-Verlag bot Franz Fühmann 1976 die Edition von Trakls Werk samt einem Nachwort an. Aus dem Nachwort wurde eine Selbstfindung im ,anderen‘ Text, über die Deutung der Gedichte Trakls gelangte Fühmann zu einem neuen Selbstverständnis als DDR-Autor, zu einem geänderten Bild vom gesellschaftlichen System und von der Literatur in der DDR. Er versucht darin herauszufinden, was ihm beim Lesen von Trakls Gedichten geschehen ist, und zugleich markante Stationen seiner Biografie nachzuzeichnen: den Zusammenbruch des ,Dritten Reichs‘, die sowjetische Kriegsgefangenschaft, die Begegnung mit dem Sozialismus, die Aufbaujahre in der DDR, die Zeit der Zweifel und der Kritik am System. In seiner Deutung der Gedichte Trakls verarbeitet er – wie Ursula Heukenkamp ausführt – sein Leiden an einer wachsenden Schuld: durch die Bindung an ein Volk, „das den Mord an den Juden zu verantworten hat“, und dann an ein Land, „dessen Zukunftsentwürfe sich als hohl herausstellten“.67 Fühmanns Trakl-Essay gibt nicht nur seine Erfahrung mit Trakls Gedichten, mit Dichtung überhaupt wieder, er ist auch eine Darstellung seines inneren Konflikts zwischen Dichtung und Doktrin:
Trakls Gedicht, es hatte gesiegt.
Fühmann wägt ab, was die Biografie eines Autors alles aufdecken darf; er selbst zitiert Berichte über Trakls Leben und Quellen für Trakls Werk, die zu dessen Verständnis beitragen. In der Deutung der Gedichte Trakls und der Darstellung dessen Lebens ist er kein Literaturbetrachter aus der Distanz, er sucht die Nähe zum „Bruder Trakl“, schreibe mit Enthusiasmus und in hoher Stillage von der Magie und Erkenntniskraft der Poesie. Vom Wortsinn eines poetischen Bildes ausgehend, bringt er Assoziationen ein, die er durch Intuition oder Belesenheit gewinnt, und fügt sozial- und bildungsgeschichtliche Fakten mit semantischen und phonetischen Anklängen zusammen. Er mache klar, dass Trakls Gedichte nicht eindeutig festzulegen sind. Fühmanns Bekenntnis lautet: Das Betroffensein des Lesers konstituiert einen künstlerischen Text und zugleich eine besondere Wirklichkeit; jene Menschen, die stumm scheitern und untergehen, möge man an Trakl begreifen, an seinem Gedicht und seinem (nicht lebbaren) Leben. Heukenkamp zufolge entspricht Fühmanns Deutung auf einer – der Einfühlung offenen – Ebene der Realität dem Poesieverständnis der Leser in der DDR, die gewohnt gewesen seien, „Gedicht und Leben als Anklage der Verhältnisse“ zu lesen, aber nicht „als autonomes Produkt eines willkürlichen Verfahrens“, wie es der Moderne eigne. In seiner Deutung zeige sich Fühmanns Zuneigung zu einem „romantischen Dichtungsbegriff“, der einen „essentiellen Kern des Daseins“ voraussetze, „der in der Poesie aufgehoben werden kann“.68
Während Trakl anderswo als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts angesehen wurde, wurde seine Lyrik in der DDR als Dichtung abgetan, die von Verfall gekennzeichnet und ohne zukunftsfrohen Inhalt sei. Die Wiederentdeckung eines Werks, das sich nicht ideologisch verwenden ließ, konnte durchaus als subversiv gelten. Dem Nachwort als einer „Form des sekundären Diskurses“ kommt in einem „System von Lenkung und Zensur der Literatur“ eine besondere Funktion zu, wie Holger Brohm betont; es müsse den Lesern „modifizierte literarhistorische und ästhetische Wertungen“ vorgeben, um die Veröffentlichung des Werks eines verworfenen Autors zu rechtfertigen. Aber Fühmann habe sich dem Schema widersetzt, Trakl „für seine vorgeblichen Unvollkommenheiten zu entschuldigen“, womit „Konflikte mit der Zensur“ vorprogrammiert gewesen seien; er habe „gegen Erinnerungsblockaden, aber auch gegen von der kulturpolitischen Macht gesetzte Widerstände anschreiben“ müssen, was sich in der literarischen Gestaltung der „Identitätsfindung“ niedergeschlagen habe.69
Die Geschichte von Fühmanns Trakl-Essay ist nicht zuletzt die Geschichte seiner Zensurierung. Fühmann kündigt mir in seinem Brief vom 21. Februar 1983 an, zu der „Karikatur bei Reclam“ erzähle er ein andermal mehr (wozu es leider nicht mehr gekommen ist). Das motivierte mich dazu, Fassungen und Ausgaben des Essays (die in der DDR und der BRD unter verschiedenen Titeln erschienen sind)70 miteinander zu vergleichen und näher zu untersuchen. Ich kam zum Schluss, dass manche Streichungen und Umformulierungen auf Zensur zurückzuführen sind, in Erfüllung der Forderungen der Zensoren oder in Selbstzensur; aber auch, dass Fühmanns individueller Stil an den Duden oder das Stilempfinden der Lektoren angepasst worden ist.71
Dass in der DDR der Einfluss der Zensur auf die Entstehung und Veröffentlichung des Essays vertuscht und beschönigt wurde, nimmt nicht wunder. Aber auch nach der Wende beschränkt sich Hans Richter, ein einst linientreuer Germanist aus Jena, in seiner Fühmann-Biografie 1992 auf die Feststellung, der Essay habe auf die Hälfte zurückgeschnitten werden müssen, damit der Reclam-Verlag ihn als Nachwort habe verwenden können, und bei Hinstorff beziehungsweise bei Hoffmann und Campe sei das ungekürzte Manuskript erschienen. Auch in der Neuausgabe seiner Biografie und in anderen Publikationen über Fühmann hat er an dieser Darstellung nichts geändert.72
Aber auch westdeutsche Germanisten wie Jürgen Schröder beschönigen hier: Er rechnet es dem Reclam-Verlag hoch an, dass er so „flexibel“ gewesen sei, dem Autor ein „Extra-Bändchen von 99 Seiten“ zuzugestehen, obwohl er nur ein Nachwort zur Trakl-Edition hätte liefern sollen. Das Problem des ,Falls Fühmann‘ liege nicht bei der Zensur oder den Verlagen, sondern bei Fühmann selbst, „in seiner inneren und äußeren Selbstfindungsgeschichte und seiner allmählichen Befreiung von der Selbstzensur“. Schröder reduziert den langwierigen und einschneidenden Prozess von der ursprünglichen Intention Fühmanns über die Forderungen der Zensur bis zur letzten gerade noch publikationsfähigen Fassung auf das Streichen „kleiner Passagen“ über Johannes R. Becher, Alexander Abusch und Alexander Fadejew.73
Davon abgesehen ist der Einfluss der Zensur mittlerweile unbestritten. Wie Jürgen Krätzer berichtet, ist die Entstehung des Essays bis hin zur Druckgenehmigung fragmentarisch in den Stasiakten zu verfolgen.74 In der von Barbara Heinze gestalteten Fühmann-Biografie lässt sich die Zensurierung durch den Reclam-Verlag nachvollziehen.75 In seinem Nachwort zur Neuausgabe des Essays stellt Uwe Kolbe fest, die Behinderung durch den Reclam-Verlag habe auch auf Fühmanns Darstellung sozialistischer Kulturpolitik und Ästhetik beruht, die Beschneidung in der Hinstorff-Ausgabe sei auf höchste Weisung erfolgt, die – nie öffentlich geführten – Auseinandersetzungen über solche Dinge hätten zum Alltagsleben der DDR gehört.76 Brohm skizziert die Editionsgeschichte des Essays als Gegenstand der Zensurforschung, wobei er die brisante Doppelrolle von Hans Marquardt als Leiter des Reclam-Verlags und als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) „Hans“ des Ministeriums für Staatssicherheit hervorhebt.77 In seiner Fühmann-Biografie geht Gunnar Decker auf die „bizarre Ausgabengeschichte“ des Essays ein; er meint, Marquardt habe sich die „Deutungshoheit der DDR-Geschichte“ nicht nehmen lassen, bei der Reclam-Ausgabe sei es nicht nur um Selbstzensur, sondern auch um „massive äußere Zensur“ gegangen.78
Durch die Zensurierung sollten jene Abschnitte des Essays geändert oder weggelassen werden, die bewusstseins- und gesellschaftsverändernd hätten wirken können, indem sie dem herrschenden Verständnis vom Sozialistischen Realismus widersprachen, das System des real existierenden Sozialismus infrage stellten oder die Sowjetunion beleidigen konnten. Davon zeugt Fühmanns Briefwechsel mit dem Reclam– und dem Hinstorff-Verlag. Hubert Witt, der zuständige Lektor bei Reclam, erklärt ihm im Juli 1979 nach der Lektüre des Essays, bei seinen überdeutlichen Polemiken und Zitaten müsse man das Verbleichen und danach eine Pietäts-Schutzfrist ablaufen lassen, bevor der Essay unter derzeitigen Konstellationen ungekürzt erscheinen könne. Fühmann entgegnet, er könne nicht eine „Sklavensprache“ einbauen, er habe nichts absichtlich verschärft, sondern fair zitiert und wohlwollend interpretiert.79
Über die entscheidende Sitzung mit Marquardt und Witt vom Oktober 1979 berichtet Fühmann Ingrid Prignitz, seiner Lektorin bei Hinstorff: Er habe dem Reclam-Verlag gegenüber nie ein Hehl daraus gemacht, worum es ihm gehe:
Zusammenprall Ideologie-Poesie, aus dem schließlich nach schweren Konflikten die Poesie als Sieger hervorgeht.
Mit den Zensurforderungen des Verlags sei seine Arbeit „dem Wesen nach liquidiert“; wegfallen sollten die Abschnitte über Kriegsgefangenschaft, Antifa-Schule, NDPD, Abusch und Salzburgreise, unbedingt zu tilgen seien „Fadejew & Verhaftung“. Er habe seinerseits gefordert, dass der Gesamtessay später ungekürzt erscheinen könne. Marquardt und Witt hätten argumentiert, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg gewusst habe, wo er hingehöre, aber jetzt alles wieder zurücknehme; dass es nicht 200 Seiten über Trakl brauche, wenn es nur darum gehe, gegen den Sozialismus zu sein; dass in der DDR niemand das Edieren von Trakls Werk verstehe, wenn der an seiner Sinneswandlung schuld sei. Fühmann gibt Prignitz gegenüber zu, das Ganze beruhe zu einseitig auf Trakl, er müsste seine persönliche Entwicklung deutlicher auf den Wendepunkt August 1968 (Okkupation der ČSSR durch Warschauer-Pakt-Truppen) beziehen; er sei „trotz allen Bemühens um Gradsinnigkeit doch wieder einen (faulen?? wahrscheinlich!) Kompromiß eingegangen“.80
Fühmann bestätigt Marquardt im November 1979, dass aus seinem Manuskript eine Auswahl als Nachwort zur Trakl-Edition fertiggestellt werden solle, und hält fest, dass er zu redaktionellen Änderungen bereit sei, aber weder den „Fadejew-Komplex“ noch den „Frau-des-Kollegen-Komplex“ aufgeben möchte; schließlich bekennt er, sein Einverständnis zu dieser Fassung bedeute ein außerordentliches Entgegenkommen und einen kaum zu vertretenden Kompromiss.81 – Das Argument des Reclam-Verlags, das Nachwort sei wegen seines überdimensionalen Umfangs (200 statt geplanter 40 Seiten) nicht annehmbar, wird allein schon durch die Entscheidung, es als eigenen Band zusammen mit der Trakl-Edition in einer Kassette her auszugeben, als Vorwand entlarvt.
Fühmanns Neigung zu Trakl war stasibekannt („Operativer Vorgang Filou“). Nachdem Marquardt als IM die Veröffentlichung des Essays wegen dessen Angriffen gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR („staatsfeindliche Hetze“) für ungeeignet erachtet hatte (29.10.1979), übernahm er als Verleger den Auftrag, die Veröffentlichung des „in seinen politischen Teilen negativen“ Essays zu verhindern und Fühmann das Versprechen abzunehmen, „weder die vom Reclam Verlag Leipzig abgelehnten politischen Manuskriptteile des Essays noch das ursprüngliche Gesamtmanuskript einem BRD-Verlag zur gesonderten Veröffentlichung anzubieten“ (23.1.1980).82
Nachdem die Trakl-Edition83 samt Essay (mit der von Fühmann gewünschten Bemerkung „eine eigens für diese Ausgabe gekürzte und bearbeitete Auswahl aus einem Essay doppelten Umfangs“) bei Reclam erschienen war, äußerte Fühmann Marquardt gegenüber sein Bedauern, dass sich dieser geweigert habe, den Gesamtessay der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel zur Druckgenehmigung einzureichen, und hob Witt gegenüber hervor, dass der Hinstorff-Verlag den Gesamtessay durchzusetzen versucht und sich nicht auf die Position des inneren Zensors zurückgezogen habe:
Der innere Zensor ist der gefährlichste, das weiß jeder, der schreibt, er meldet sich ja schon beim Schreiben, und hat man den überwunden, meldet er sich beim Verlag neu. (…) Hier aber ist der Verlag der Zensor, und da ich mich gebeugt habe, auch der Autor. Das nimmt mir so alle Freude.84
Aber auch im Hinstorff-Verlag steckte der Zensor: Horst Simon, der als Cheflektor bei einem Streitgespräch mit Fühmann dessen Kritik an der Zensur in der DDR mit der Forderung nach Parteilichkeit der Literatur gekontert und als IM „Schönberg“ über dessen Entwicklung berichtet hatte, übernahm den Auftrag, Fühmann anzuhalten, für die Druckgenehmigung das Fadejew-Zitat „zu streichen oder zu kürzen“ (9.11.1981).85
Um welche Passagen in der sogenannten Endfassung beziehungsweise den Druckvorlagen ist es denn im Einzelnen gegangen?86 An einer Stelle zitiert Fühmann aus einer vor dem Weltfriedenskongress in Wrocław 1947 gehaltenen Rede Fadejews (des Vorsitzenden des sowjetischen Schriftstellerverbands) über die Gleichsetzung von Faschismus und Dekadenz, in der Fadejew Schakalen und Hyänen zutraut, Werke wie die von Henry Miller und den „Sartre-Typen“ hervorzubringen. In der Reclam-Ausgabe ist der ganze Abschnitt weggelassen worden, in dem diese Passage enthalten ist, in der Hinstorff-Ausgabe und damit auch bei Hoffmann und Campe nur diese Passage (auf einer Editionstagung in Weimar von 1994 war zu erfahren, dass das auf Intervention der sowjetischen Botschaft in der DDR zensuriert worden sei).87 An einer anderen Stelle erzählt Fühmann, wie die Frau eines Kollegen (der NDPD), „der während einer Tagung in Weimar von unseren Sicherheitsorganen aus nie bekanntgegebenen Gründen verhaftet worden war“, ihn und andere Kollegen nach dem Verschollenen gefragt habe und wie er seiner Pflicht entsprochen habe, von nichts zu wissen – was er jetzt als seine Schande empfinde. Darauf bezieht er wenig später das Bild „wie blasser Kinder Todesreigen“ aus Trakls Gedicht „Verfall“: Das dumpfe Gefühl, das diese Frau Kinder haben könnte, die unter dem Verschwinden ihres Vaters leiden, habe er verdrängt zugunsten eines Ausblicks auf die Zukunft, für die eben manche Härte aufzubringen gewesen sei. Diese Passagen sind in der Reclam-Ausgabe weggelassen worden und in der Hinstorff-Ausgabe entschärft: Von der Intransparenz staatlicher Maßnahmen und der nötigen Härte ist keine Rede mehr. Schließlich ist an der Stelle, an der Fühmann auf Chrustschows Rede am XX. Parteitag der KPdSU (mit dessen wegweisender Distanzierung von Stalin) zu sprechen kommt, in der Hinstorff-Ausgabe – im Gegensatz zu derjenigen von Hoffmann und Campe – seine Feststellung weggelassen worden, diese Rede sei hierzulande nie veröffentlicht worden.
Einige Passagen der Druckvorlage für die Reclam-Ausgabe hat Fühmann nicht in jene für die Hinstorff-Ausgabe übernommen; so merkt er etwa an, nach dem Zweiten Weltkrieg habe Becher für seine Vision von der kulturellen Zukunft der Deutschen große Vorbilder vermittelt, während dessen Weggefährte Abusch (Literaturtheoretiker und Kulturminister der DDR) eine Arbeit erledigt habe, „die zu der Bechers so notwendig als Gegenstück gehörte wie die Guillotine zur Konstituante“; an einer anderen Stelle meint Fühmann, der Umstand, dass ihm in den 1950er Jahren seine Entwicklung so wenig bewusst geworden sei, habe am kollektiven Bewusstsein gelegen, das „im Besitz gesichert scheinenden Wissens“ überheblich auf alles „Nicht-Seinesgleichen“ hinuntergesehen und jener „herrlichen Zukunft“ entgegen gesehen habe, deren „Kommensgewißheit“ ihm die störenden Fakten alltäglicher Erfahrung als unwesentlich habe erscheinen lassen.
Die Überarbeitung des Essays für die Hinstorff-Ausgabe führte auch zu Entschärfungen. Hatte Fühmann früher Abusch für das „Todesurteil“ für die Trakl-Rezeption in der DDR verantwortlich gemacht, da dieser Trakl als Exponenten des „Unkrauts“ Dekadenz gebrandmarkt und die „sozial Entwurzelten und Gescheiterten, das Absonderliche und Häßliche, das Kranke und Untypische“ angeprangert habe, so ist nun dessen Name durch die Umschreibung „einer der eiferndsten Bekämpfer der Dekadenz“ ersetzt worden.
Offen bleibt, was die Selbstzensur (die zu den perfidesten Auswirkungen eines Klimas geistiger Unterdrückung zählt) gekappt hat, bevor es Spuren auf dem Manuskript hinterlassen konnte. Fühmann hat Witt versprochen, den ausständigen Abschnitt über sein Bemühen, Trakl für den Sozialistischen Realismus zu retten, ohne „Minenfelder“ zu schreiben, und Marquardt versichert, manche von dessen Vorschlägen berücksichtigt zu haben. Was hätte er geschrieben, wenn nicht Druck von den beiden ausgeübt worden wäre? Wie hätte der Gesamtessay ausgesehen, wenn Fühmann nicht die Toleranzschwelle Simons und der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel unter Klaus Höpcke vor Augen hätte haben müssen? Allerdings gilt es auch umgekehrt zu fragen, ob dieser Essay in der DDR erschienen wäre, wenn ihn ein jüngerer, unbekannter Autor geschrieben hätte. Fühmann hat das verneint.88
Eberhard Sauermann, aus TEXT+KRITIK: Franz Fühmann – Heft 202/203, edition text + kritik, April 2014
FÜHMANN GELESEN
mit mir hätte er gern schach
gespielt, wenigstens eine halbe
partie, kurz vor dem ende
einer ewigen freundschaft, aber
es reichte nur zu halma
an diesem dunklen abend,
der so vieles vorwegnahm,
nebenan schlief schon
der stadtkommandant,
zeitweilig stationiert,
den schlaf aller gerechten,
ungerecht, wie die welt ist
auf allen erdteilen, leichter
wird es nun nicht, ohne ihn
weiterzuleben, mit dieser gewißheit
ins unlebbare hinein und mitten
hindurch, wozu auch, wozu bloß
immer so bieder hindurchgegangen,
nur ja nicht auffallen wollen,
sprich leiser hinter vorgehaltner hand,
der atem stockt vor jeder entscheidung,
verachtung, die kein wort findet,
die stimme stummgestellt,
und noch ein kurzer schritt
zum abgrund hin, du taumelst,
vor mir im sturz nur mehr ein flügel,
aber für immer gebrochen:
Fühmann gelesen.
Wulf Kirsten
AN TRAKL GEDACHT
Es tönt auf, das Schauen, zaghaft, blöde.
Er wehrt sich, geschaut zu haben:
die Fratzen „wahr und schön“.
Wer weiß das Wirre ihrer Schrift?
Wer liest es dann? Das Kalbsgesicht,
in dem der Gott erschreckt und schweigt,
den schwarzen Himmel, „Schnee
des Abgrunds“. Und ist tot?
Es war in seinem Haus, die Klage auch:
das Bild von nichts. Warum es sagen, ja,
es sagen müssen? Not, es zu verfehlen?
Vergißt es uns, von uns vergessen?
Er hielt es an, es riß ihn ein,
den es betraf, den es gelassen hat:
den Fremdling hinzuklingen, Enkel,
der nicht schweigen durfte, Zungengeist,
versengtes Wild. Die Witterung
verfärbt in Rätsel, ohne Weidegrund.
Die Windsbraut zwang ihn frei,
das Schicksal zu verlassen, das ihn brauchte.
Deine Stimme versagt in den Stimmen.
Die Dämmerung warnt. Vogelgefieder
schüttelt das Licht ab,
dem Morgen dann bleibt kein Jubel.
Erschreckende Helle. Die Augen zerstören
die Rede, zu viel Angesicht erpreßt,
verhindert Verwandeln, das Fließen,
das sich die Nacht schuf.
Der Lockruf genügt. Er reißt sich los,
unverlangt. Die Mitte des Rufes ist überall,
deine Stimme darin, mitgedreht,
ist die andere, sie gibt keinen Namen.
Alfred Kolleritsch
Zum 50. Todestag von Georg Trakl:
Heinz Ludwig Arnold: Georg Trakl zum Gedächtnis
Die Tat, 30.10.1964
Zum 100. Geburtstag von Georg Trakl:
Adrien Finck: Trakl hier und heute
Hans Weichselbaum (Hrsg.): Trakl-Forum 1987, Otto Müller Verlag, 1988
Zum 90. Todestag von Georg Trakl:
Hans Weichselbaum: Endstation Grodek
Die Furche: 18.11.2004
Zum 100. Todestag von Georg Trakls:
Norbert Hummelt: Strassen der Verwesung
Neue Zürcher Zeitung, 21.7.2014
Gunnar Decker: Wahrheit ist Schmerz
Neues Deutschland, 3.11.2014
Arno Widmann: „So einsam war es in der Welt“
Frankfurter Rundschau, 2.11.2014
Beatrice von Matt: Blaue Stille, dunkle Gifte
Neue Zürcher Zeitung, 3.11.2014
Gerald Heidegger: „Wie weh ist die Welt…“
orf.at, 3.11.2014
Dieter Kaltwasser: Lasst ihn in seiner Einsamkeit
literaturkritik.de, 3.11.2014
Peter Paul Wiplinger: Trakl – eine Betrachtung
editionslabor.de, 3.11.2014
Eberhard Sauermann: Sinnsuche und -verweigerung
Die Furche, 30.10.2014
Jan Kuhlbrodt: Der erste Kontakt
signaturen-magazin.de
Fakten und Vermutungen zu Georg Trakl + Instagram 1 & 2 + IMDb + Touri-Website + ÖM + IZA + di-lemmata + Archiv 1 & 2 + Internet Archive + Kalliope
Porträtgalerie: Keystone-SDA
Trakl 1: Manuskripte. Virtuelle Führung durch den Georg-Trakl-Nachlass im Brenner Archiv.
Trakl 2: Probleme der Edition. Virtuelle Führung durch den Georg-Trakl-Nachlass im Brenner Archiv.
Trakl 3: Krieg und Testament. Virtuelle Führung durch den Georg-Trakl-Nachlass im Brenner Archiv.
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Hans Richter: Ein verlorener Sohn Böhmens
Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 1992
Zum 95. Geburtstag des Autors:
Walter G. Goes: Versuche über Literatur
Ostseezeitung Rügen, 14.1.2017
Zum 100. Geburtstag des Autors:
Alexander Cammann: Aus Feuerschlünden
Die Zeit, 29.12.2021
Cornelia Geißler: Annett Gröschner, welche Bedeutung hat Franz Fühmann für Ihr Schreiben?
Berliner Zeitung, 2.1.2021
Lukas Betzler: Erfahrungen und Widersprüche – Zum hundertsten Geburtstag Franz Fühmanns
54books.de, 13.1.2022
Im Gestrüpp von Für und Wider: Franz Fühmann zum 100. Geburtstag mit Anja Kampmann, Joachim Hamster Damm und Ingo Schulze
mdrKULTUR, 11.1.2022
Thomas Schmidt: Die Leben des Franz Fühmann
schmidt.welt.de, 15.1.2022
Uwe Wittstock: Jedes Buch war für ihn Bekenntnis
literaturkritik.de, Januar 2022
Ulf Heise: Franz Fühmann: Ein Leben als wilder Gebirgssteig
Freie Presse, 14.1.2022
Gunnar Decker: Er wollte anders sehen lernen
nd, 14.1.2022
Gunnar Decker: Mit ernster Fantasie
der Freitag, 2.2.2022
Kai Köhler: Ins Ich verbissen
junge Welt, 15.1.2022
Märkisch Buchholz: So lebte Franz Fühmann im Schenkenländchen
Märkische Allgemeine, 15.1.2022
Ein Leben voll drastischer Wendungen: Vor 100 Jahren wurde Autor Franz Fühmann geboren
Märkische Allgemeine, 15.1.2022
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Karin Großmann: Wie ein SA-Mann in der DDR gefeiert und verfolgt wird
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