WIE ICH DICH NENNE
WENN ICH AN DICH DENKE
UND DU NICHT DA BIST:
meine Walderdbeere
meine Zuckerechse
meine Trosttüte
mein Seidenspinner
mein Sorgenschreck
meine Aurelia
meine Schotterblume
mein Schlummerkind
meine Morgenhand
mein Vielvergesser
mein Fensterkreuz
mein Mondverstecker
mein Silberstab
mein Abendschein
mein Sonnenfaden
mein Rüsselhase
mein Hirschenkopf
meine Hasenpfote
mein Treppenfrosch
mein Lichterkranz
mein Frühlingsdieb
mein Zittergaul
meine Silberschnecke
mein Tintenfasz
mein Besenfuchs
mein Bäumefäller
mein Sturmausreiszer
mein Bärenheger
mein Zähnezeiger
mein Pferdeohr
mein Praterbaum
mein Ringelhorn
meine Affentasche
meine Winterwende
meine Artischocke
meine Mitternacht
mein Rückwärtszähler
(da capo!)
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Beiträge zu diesem Buch:
Anonym: Verblüffende Gedichte
Aachener Nachrichten, 9.12.1989
A. R.: Menschliche Landschaften
Südthüringer Tageblatt, 26.5.1990
Coburger Tagblatt, 31.5.1990
A. U.: Zittergaul
Neue Zürcher Zeitung, 9./10.12.1989
dr.: Wörter jonglieren
Wochenpresse, 29.9.1989
hg: Lirum larum Lyrik lesen
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 13.10.1989
Heinz-Jürgen Kliewe: Funde aus dem Reich der Lyrik. Überraschungen und Provokationen
Eselsohr, Heft 7/90, 1990
Gundel Mattenklott: Sternjongleur und Zittergaul
Fundevogel, Heft 66/67, September 1989
Claudia Weilenmann: Lyrik spielerisch und sperrig
Basler Zeitung, 30.11.1990
… Ihre Zeichnungen und Bildgedichte
seien „Spontangedichte mit Bleistift oder Filzstift, Kritzeleien ohne jeglichen Formenreichtum“, „unerhebliche Randbemerkungen“ nach oder während der „Hauptarbeit“, „etwas wie Ausruhen, Atemholen“. Sie mag das so sehen. Zeichnungen wie „Empfindliche Träume“ aus dem Jahr 1990 sind in ihrer Fragilität und Anrührung vor allem eins: ganz und gar bezaubernd…
Michael Lentz, Neue Zürcher Zeitung, 27.10.2001
Abschied in die Autonomie
– Die Ermächtigung des Kindes in Friederike Mayröckers Texten und Zeichnungen für Kinder. –
1. Tod, Autonomie und Partizipation
Friederike Mayröckers Texte und Illustrationen für Kinder sind vergleichsweise wenig bekannt. Das Handbuch Kinder- und Jugendliteratur verzeichnet sie nicht, und auch in Ernst Seiberts historischem Abriss zur österreichischen Kinder- und Jugendliteratur der 1970er Jahre fehlt ihr Name.1 Dabei veröffentlichte Mayröcker in Zusammenarbeit mit der renommierten Kinderbuch-Illustratorin Angelika Kaufmann vier bemerkenswerte Bilderbücher. Sinclair Sofokles der Baby-Saurier (1971), Pegas das Pferd (1980), Jimi (2009) und Sneke (2011) gelten als Fortschreibungen und Experimentierfelder von Mayröckers sprachvirtuoser Poetik mit Hang zum Phantastischen. Ihr erstes, mit eigenen Zeichnungen versehenes Bilderbuch trägt den Titel Meine Träume ein Flügelkleid (1974). Auch den 1989 erschienenen Kinder-Gedichtband Zittergaul schmücken Illustrationen der Autorin.
Zu den weiteren intentionalen Kindertexten zählen außerdem das 1957 in geschlossener Form verfasste, vermutlich unveröffentlichte Gedicht „Lied vom Eselein“ sowie die partizipativen Texte „Märchen für Barbara“ (1980) und das von Mayröcker ebenfalls selbst illustrierte „Kinderbuch zum Lesen und Weiterzeichnen“ mit dem Titel Ich, der Rabe und der Mond (1982). Bereits in den 1960er Jahren waren die erst drei Jahrzehnte später publizierten Bücher Kinder Ka-Laender (1991), ABC-Thriller (1992) und Das Alphabet der Friederike Mayröcker (1993) entstanden. Somit veröffentlichte Mayröcker in gut fünf Jahrzehnten zehn Kinderbücher.
Das Spiel mit Sprache und ein spezieller Fokus auf Körper und Tod bestimmen die Poetik auch ihrer Kindertexte und Zeichnungen.2 Ausgehend von dieser Beobachtung liegt das Augenmerk des Beitrags auf den Themen Tod und Vergänglichkeit in Mayröckers Kindertexten und der damit verbundenen Einladung zum Weiterschreiben bzw. Weiterzeichnen.3
Todessymboliken und die Ermöglichung der künstlerischen Partizipation am Werk verdeutlichen Mayröckers sanftes Engagement. Die von ihr (mit)gestalteten Bücher ermächtigen Kinder zur Autonomie, so die These. In beiden Fällen (Tod und Partizipation) steht die Entwicklung im Zentrum: Einerseits ist das vor allem in der Kinder- und Jugendliteratur der 1970er Jahre weit verbreitete Todes- und Waisenkind-Motiv nicht unbedingt nur als physisches Ableben, sondern in symbolischer Hinsicht auch als Abschied von der Kindheit, als Übertritt in ein neues Lebensalter und somit als Weg in die Selbstständigkeit zu verstehen.4 Andererseits spielt die Entwicklung kreativ-künstlerischer Fähigkeiten eine wesentliche Rolle in Mayröckers Bilderbüchern, da sie zum Weiter- und Selbermachen animieren. Im Zusammenhang mit den Themen Autonomie und Ermächtigung kommt es nicht von ungefähr, dass die Dichterin 1971 als Kinderbuchautorin in Erscheinung trat, wie im Folgenden skizziert werden soll. Nach einer kurzen Verortung Mayröckers im kinder- und jugendliterarischen Schaffen der Nachkriegszeit werden die Themen Autonomie und Partizipation in Bezug auf das Gedicht „Lied vom Eselein“ und ihre Bilderbücher beleuchtet, die auch in der Ausstellung zu sehen sind.
2. Autonomisierung und Ausdifferenzierung der Kinder- und Jugendliteratur
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich in Österreich eine neue, äußerst produktive kinder- und jugendliterarische Szene mit Texten, die sich dem kollektiven Kriegstrauma auch aus kindheitspsychologischer Sicht widmeten, so etwa Mira Lobes 1948 zuerst auf Hebräisch veröffentlichtes Buch Insu-pu: Die Insel der verlorenen Kinder (dt. 1951). Im selben Jahr erschien Ilse Aichingers Die größere Hoffnung, kein Kinder-, sondern ein Kindheitsbuch, das mit Blick auf die elfjährige Ellen von Krieg und Holocaust erzählt. Der ebenfalls 1948 von Richard Bamberger gegründete Buchklub der Jugend legte indes den Grundstein für eine Institutionalisierung der Kinder- und Jugendliteratur (im Folgenden: KJL). Dieser verfolgte bildungspolitische wie pädagogische Ziele und etablierte in den darauffolgenden zwei Jahrzenten „rigide Bewertungskriterien“ für vermeintlich gute Kinder- und Jugendliteratur. Bamberger, Lehrer, Autor und Literaturforscher, legte eine Reihe an Publikationen zur Theorie angemessener Literatur für Kinder und Jugendliche vor, die Einfluss nahmen auf Verlage und dem kinder- und jugendliterarischen Schaffen eine bisweilen triviale, stereotypisierende Ausrichtung eintrugen5
Das Jahr 1968 markiert dann mit dem Entstehen der so bezeichneten Gruppe der Wiener Kinderbuchautorinnen* eine Trendwende, in der sich die KJL von allzu rigiden Vorgaben emanzipierte und so auch von Literatinnen und Literaten entdeckt wurde, die bis dahin nicht dezidiert an Kinder und Jugendliche adressierte Literatur verfasst hatten.
Ernst Seibert unterteilt die KJL-Verfasserinnen der 1970er Jahre in Mitglieder der Gruppe und zwei weitere „Sektoren“. Zum ersten „Sektor“ zählt er jene Autorinnen, die nicht Teil der Gruppe, aber dennoch im kinder- und jugendliterarischen Bereich tätig waren. Demgegenüber standen unabhängige Schriftsteller*innen der „Allgemeinliteratur“ wie Marlen Haushofer, Barbara Frischmuth und Felix Mitterer, die „nicht eigentlich dem Metier der KJL“ angehörten und einem neuen „Trend“ folgten.6 Zu diesem „Crossover“-Phänomen einer phasenweisen Teilhabe am „kinderliterarischen System“7 gehört auch Friederike Mayröcker mit ihrem Bilderbuch-Debüt Sinclair Sofokles der Baby-Saurier.
Nicht zu verwechseln ist die Gruppe der Kinderbuchautor*innen mit der Wiener Gruppe rund um H.C. Artmann, Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener, wenn auch ein poetologisches Naheverhältnis durchaus bestand. Sprachbewusstsein und ein erweiterter Literaturbegriff, etwa im Hinblick auf die Collage, zeichnen beispielsweise das Sprachbastelbuch (1975) aus, das von Verfasser*innen der Gruppe kollektiv gestaltet wurde.8
Autor*innen aus dem Umfeld der Wiener Gruppe, so auch Friederike Mayröcker, waren nicht zuletzt maßgeblich an der Gründung der Grazer Autorenversammlung beteiligt (1973), der Alternative zum damals mächtigen, für Dichterinnen der Avantgarde unzugänglichen Österreichischen P.E.N.-Club. Die Entstehung der Gruppe und der GAV sind Ausdruck eines „Paradigmenwechsels“ in der Literatur.9 Kulturpolitische Initiativen und bildungspolitische Reformen der Ära Kreisky (1970 bis 1983) wirkten sich auf die Autonomisierung und Ausdifferenzierung des literarischen Feldes und damit auch der KJL aus.10 In der Folge waren insbesondere im Jahrzehnt der Kreisky-Ära Texte von einem zunehmend freisinnigen Geist durchdrungen, der das Kind ins Zentrum rückte, Syntax- und Grammatik-Regeln herausforderte und die Staatsgewalt an der Nase herumführte.
3. Die Freiheit von Kind und Tier
Antiautoritär nimmt sich auch Mayröckers Bilderbuch-Debüt Sinclair Sofokles der Baby-Saurier aus, wenn der Schüler Willi Einwärts das von ihm zum Leben erweckte Urzeittier zu einem Ausflug mitnimmt und dafür per Flugblatt gesucht wird.11 Willi ist der Sohn des freundlichen Museumsdieners Einwärts, wodurch er Zugang zum „Museum für Urzeittiere“ erhält und mit Sinclair Sofokles in Berührung kommt. Als Repräsentant der korrekten Erwachsenenwelt agiert der Museumsdirektor: „er spricht wenig, ist streng und liebt die Ordnung“.12 Einen einzigen Tag darf der kleine Saurier nochmals auf der Erde zubringen, ehe er von seinem Freund Abschied nehmen muss und für immer zu den Urzeitgeistern entschwebt.
In den später verfassten Bilderbüchern Pegas das Pferd (1980) und Jimi (2009) setzt sich das Protagonist*innen-Paar ebenfalls aus Tier und Kind zusammen. Die kurzlebige Freundin der Sneke (2011) ist in Zuspitzung der für Mayröcker typischen Trauermetaphorik hingegen eine versiegende Träne.13
Durch ungewöhnliche Perspektiven werden die Größenverhältnisse in diesen Bilderbüchern ebenso geschickt auf den Kopf gestellt wie die Grenzen zwischen Realität und Phantasie durchbrochen. Hinter der Verletzlichkeit der Tiere verbirgt sich nicht zuletzt ein sublimer Aufruf zum achtsamen Umgang mit allen Lebewesen, seien sie auch noch so klein.14
Überdimensional erscheint hingegen der alte, betrübte Rabe in Mayröckers Mitmachbuch Ich, der Rabe und der Mond. Aufgrund eines Bandscheibenvorfalls geht der Rabe am Spazierstock durch den Park. Dort begegnet ihm ein Kind, das die Geschichte in Ich-Form erzählt. Der Text ist in weiten Teilen geprägt von einer Abfolge an Wörtern, die den Buchstaben a enthalten und so eine dunkel klingende Assonanz erzeugen, die auf den Protagonisten der kurzen Erzählung verweist, den Raben und seine Kra-Laute: „heute habe ich einen Raben mit einem Spazierstock gesehen: er ging im spärlichen Rasen des Parks (um die Ecke) spazieren, sah mich immer wieder an und sagte schließlich: Krakra – krakra – krakra – kra!“15
Während des Gesprächs, bei dem der Rabe stets nur mit „Krakra“ antwortet, vom Kind jedoch verstanden wird, schrumpft der Vogel ein Stück weit; weil das Fliegen dann leichter gehe, wie das Kind weiß, nimmt es der Rabe sanft in den Schnabel und mit sich auf seinen Kastanienbaum: „und schon saßen wir zusammen oben in den Ästen und schauten dem grünen Mond zu, wie er herunterkam…“.16
Der Rabe überwindet durch den Kontakt mit dem Kind sein körperliches Gebrechen, am Boden bleibt der nun nicht mehr benötigte Spazierstock. Zum Dank ermöglicht er ihm die Vogelperspektive vom Baum herab; ähnlich wie im letzten Bild von Jimi sind Kind und Tier im Moment der Freundschaft vereint. Während Emma ihren kleinen Eisbären Jimi auf dem Schoß platziert und von oben anblickt,17 ist es in Mayröckers Zeichnung umgekehrt der größere Rabe, der das Kind schützend festhält.18
Im Gegensatz zu den von Angelika Kaufmann aufwendig illustrierten, farbigen Bilderbüchern zeichnet sich das von Mayröcker gestaltete Bilderbuch Ich, der Rabe und der Mond durch eine zurückgenommene, auf schlichte Linienführung beruhende Bildästhetik aus. Dadurch, dass die einfarbigen Zeichnungen minimalistisch und kindlich wirken, werden Vorgaben zur weiteren Gestaltung unterlaufen und der kindlichen Phantasie somit keine Grenzen gesetzt. Mayröckers Illustrationen muten infantil an, um die Hürde, sich an eine zeichnerische Fortsetzung zu wagen, möglichst klein zu halten.19
Die Kind-Tier-Beziehung steht ebenfalls im Zentrum des eingangs erwähnten Gedichts „Lied vom Eselein“.20 Wie in den Bilderbüchern geht es auch hier um kinderautonome Fürsorge und den Rückzug des lyrischen Ichs und seines Eseleins an einen idyllischen Platz, fernab von der Erwachsenenwelt. Im „Fliederbusch“ richten sich beide einen biedermeierlichen Rückzugsort ein, zu Besuch kommen weitere Tiere vom „Bienchen“ bis zum „Hasen“. Mit der begrenzten Welt des Kindes korrespondiert die bemerkenswert geschlossene Form des Gedichts, das in acht Strophen mit je vier Versen unterteilt ist und, bis auf eine Ausnahme, den Kreuzreim aufweist. Titel, Reimschema und Begriffe aus der Musik („singen“, „Takt“, „trillert“) stellen Bezüge zum Volkslied her, in dem ein Esel häufig anzutreffen ist. Der Locus amoenus gerät zum Symbol einer Kindheit, die allmählich verklingt, steht in der letzten Strophe doch der „Herbst“ schon unweigerlich vor dem idyllischen Refugium. Die Erinnerungen Mayröckers an eigene Kindertage im Garten von Deinzendorf spielen hier eine wichtige Rolle. So, wie im Gedicht das Kind die beginnende Adoleszenz noch abwehrt, bewahrt sich auch die erwachsene Dichterin ein im lyrischen Moment gebanntes Andenken, das dem Älterwerden trotzt.
4. Fazit
Die Ermächtigung des Kindes zur Autonomie findet in Friederike Mayröckers Bilderbüchern und Kindertexten auf zwei Ebenen statt: einerseits symbolisch, indem sie von der kurzfristigen Aufhebung von Tod und körperlichen Grenzen erzählen. Sinclair Sofokles schlägt dem Tod zumindest für ein paar Stunden ein Schnippchen, und der namenlose Rabe im Park überwindet seine zwischenzeitliche Flugunfähigkeit. Im „Lied vom Eselein“ wird der Abschied von der Kindheit für ein paar Augenblicke hinausgezögert. Sprach- und Kontakt-Barrieren zwischen Kind und Tier sind in Mayröckers Kinderbüchern ebenso aufgehoben wie reale Größenverhältnisse. Die Welt der Tiere hält Einzug im kindlichen Kosmos, der wiederum in enger Beziehung zum Naturraum steht, wie das „Lied vom Eselein“ zeigt. Mayröckers Kindertexte sind so auch engagierte Beiträge zu Ökokritik und Tierschutz, die in spielerischer Weise schon den Kleinsten nahegebracht werden.
Andererseits wird künstlerisch-kreative Autonomie in handlungsorientierter Form vermittelt, indem Lesende zum Weitergestalten der Bilderbücher eingeladen sind. Ein Anreiz zur Partizipation besteht in der kindlichen Ästhetik von Mayröckers Zeichnungen, die zusammen mit Reimwörtern und Sprachspiel einen unmittelbaren Zugang ermöglichen.
All ihren Kindertexten ist gemeinsam, dass sie Leerstellen enthalten, die von Kindern autonom ausgefüllt werden können, etwa in Form einer unbewussten Übertragung der dargestellten Vergänglichkeit auf die eigene Lebensrealität oder im bewussten Weitergestalten von Sprache und Illustrationen.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Friederike Mayröckers Kindertexte und -zeichnungen mit avancierten künstlerischen Mitteln ein gesellschaftliches Anliegen erfüllen: die Förderung kindlicher Autonomie und Achtsamkeit. In diesem Kontext ist es naheliegend, dass ihr kinderliterarisches Schaffen in den von gesellschaftlichen wie literaturbetrieblichen Umbrüchen geprägten 1960er Jahren einsetzte und 1971 zur ersten Veröffentlichung führte. In Gedichten und Bilderbüchern wie dem zuletzt verfassten Sneke (2011) wird deutlich, dass Mayröckers Kinderliteratur keiner kurzen Phase entspringt, sondern einen durchaus wichtigen Teil ihres Gesamtschaffens ausmacht und mit diesem in enger Beziehung steht.
Cornelius Mitterer, aus „ich denke in langsamen Blitzen“. Friederike Mayröcker Jahrhundertdichterin. Herausgegeben von Bernhard Fetz, Katharina Manojlovic und Susanne Rettenwander, Paul Zsolnay Verlag, 2024
Tischgespräche: Heute mit Friederike Mayröcke
– Gespräche bei Tisch. Gemeinsam essen und trinken ist laut Statistik eine aussterbende Art, Zeit miteinander zu verbringen. Angelika und Michael Horowitz haben 20 befreundete Künstler um diese Zeit gebeten. –
freizeit-KURIER-Chefredakteur Michael Horowitz und seine Frau Angelika luden 20 befreundete Künstler zu intensiven Gesprächen ein. Bei einem Essen, in einem Wirtshaus, in einer Atmosphäre, bei der sie sich wohlfühlten. Festgehalten wurden die „Tischgespräche“ im gleichnamigen Buch.
Friederike Mayröcker hat sprachlich „immer mehr gewagt als alle anderen“ und galt bereits im Nachkriegswien als die größte Avantgardistin. Heute führt die 86-jährige „Weltliteratin“, vielfach ausgezeichnete experimentelle Poetin und Lebenspartnerin von Ernst Jandl ein absolut einsames und zurückgezogenes Leben. Das braucht die große Wiener Dichterin, um schreiben zu können und sich ihre Wirklichkeit immer neu zu schaffen – „denn erst das Schreiben selbst erzeugt die Wirklichkeit: unmittelbar und intensiv“.
Michael Horowitz: Wir treffen uns heute Mittag in Ihrem Lieblingswirtshaus.Wie oft kommen Sie hierher?
Friederike Mayröcker: Fast jeden Tag. Ich komme gerne hierher. Christian Wanek ist ein feiner, lieber Mensch. Und er ist nicht nur ein wunderbarer Koch, sondern auch ein wunderbarer Gastgeber. Ich fühle mich hier zuhause.
Horowitz: Wann waren Sie denn das erste Mal hier?
Mayröcker: Das ist sicherlich schon 20 Jahre her. Damals war noch der Rudi hier der Chef.
Horowitz: Ja, der Fußballer.
Mayröcker: Das wusste ich nicht. Ich bin ganz gegen Fußball.
Horowitz: Aber Sie sitzen hier unter vielen Fotos österreichischer Fußball-Legenden, wie Krankl, Polster, Prohaska.
Mayröcker: Macht auch nichts.
Horowitz: Haben Sie früher selbst gekocht?
Mayröcker: Nein, ich kann nicht kochen.
Horowitz: Kochen Dichter grundsätzlich nicht?
Mayröcker: Es gibt auch welche, die kochen.
Horowitz: Kennen Sie welche?
Mayröcker: Bodo Hell zum Beispiel. Unter Künstlern gibt es viele, die gerne kochen, aber ich gehöre nicht dazu.
Horowitz: Sie wohnen ganz nahe bei Rudi’s Beisl.
Mayröcker: Ja, in der Zentagasse. Wann immer ich kann, komme ich hierher. Der Christian weiß immer genau – schon wenn ich bei der Tür hereinkomme –, wie ich mich fühle und was ich essen will. Er wusste auch heute, dass mir sein Erdäpfelpüree guttun wird.
Horowitz: Ein Seher, der Christian.
Mayröcker: Er ist sehr einfühlsam.
Horowitz: Sie haben einmal gesagt: „Ich lebe in Bildern, ich sehe alles in Bildern, meine ganze Vergangenheit, Erinnerungen sind Bilder.“ Welche Bilder sehen Sie vom Wien von heute im Vergleich zu früher?
Mayröcker: Dieses Zitat ist nicht auf meine Heimatstadt bezogen, sondern damit meinte ich grundsätzlich Erinnerungen.
Horowitz: Aber Sie fühlen sich mit Wien sehr verbunden?
Mayröcker: Ja, ich bin in Wien geboren, hier zur Schule gegangen und habe 24 Jahre lang als Englischlehrerin Dienst an einer Wiener Schule gemacht.
Horowitz: Hat Ihnen dieser Beruf gefallen?
Mayröcker: Nein. Ich bin keine Pädagogin, sondern hatte immer nur meine Kunst im Kopf.
Horowitz: Sie haben sehr früh zu veröffentlichen begonnen. Der Buchtitel Ihres ersten Buches Larifari gefällt mir sehr, da er mir das Gefühl gibt, dass Sie sich als Dichterin nicht allzu ernst nehmen.
Mayröcker: Damals war es sehr schwierig, irgendetwas zu veröffentlichen.
Horowitz: Sie haben 1946, als 15-Jährige, zu schreiben begonnen?
Mayröcker: Ja, aber es wurde noch nichts publiziert. Larifari kam etwas später und hatte den Untertitel „Ein konfuses Bild“. Dieses Buch ging genauso wie das erste von Ernst Jandl buchstäblich unter. Man fand es eigentlich nur in Stadtbibliotheken. Später hat man es dann ganz vergessen. Meine erste wichtige Publikation erschien im Rowohlt Verlag in Hamburg, weil ich in Österreich mit meiner experimentellen Literatur keine Chance hatte. Nach dem Krieg hatten die Menschen natürlich noch andere Dinge im Kopf als Literatur. In Deutschland war das leichter.
Horowitz: Andererseits gab es aber auch die Wiener Avantgarde-Zeitschrift Der Plan von Otto Basil, wo auch Sie Ihre ersten Gedichte veröffentlicht haben. Das war für damals doch eine hochinteressante Publikation?
Mayröcker: Stimmt. Das war eine sehr wichtige Literaturzeitschrift in Österreich.
Horowitz: Und viele Literaten wurden darin erstmals veröffentlicht…
Mayröcker: Ja. Ilse Aichinger, Paul Celan, Erich Fried, und ich glaube auch, dass Ingeborg Bachmann bereits damals für den Plan geschrieben hat.
Horowitz: Orientierte sich diese Zeitschrift nicht ein wenig an der Fackel von Karl Kraus?
Mayröcker: Ja, vielleicht. Aber Der Plan war weniger politisch, viel mehr künstlerisch, literarisch und sprachlich orientiert.
Horowitz: Diese Zeit muss sehr aufregend gewesen sein.
Mayröcker: Ja, schwierig und aufregend. Otto Basil war jedenfalls sehr wichtig, da er die damaligen Avantgardisten zusammengeführt hat und auch französische Gedichte von Baudelaire und Rimbaud ins Deutsche übersetzen ließ. Die beiden haben mir besonders gefallen, da ich mich bereits damals vom Surrealismus so angezogen gefühlt habe. Man bekam zu dieser Zeit ja kaum irgendwo Literatur.
Horowitz: Könnten Sie sich vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben und zu arbeiten als in Wien?
Mayröcker: Nein.
Horowitz: In einer Laudatio wurden Sie unter anderem mit dem Satz zitiert: „Es geht um das Schreiben als Leben, es geht um die Schreibexistenz, die Seele auf dem Papier.“ Wie schaut Ihr Schreiballtag aus?
Mayröcker: Das bleibt mein Geheimnis.
Horowitz:Können Sie uns zumindest sagen, ob Ihr Schreiballtag eine gewisse Regelmäßigkeit hat?
Mayröcker: Ja.
Horowitz: Aber mehr wollen Sie uns nicht verraten?
Mayröcker: Nein.
Horowitz: Sind Sie bei Ihrer Arbeit sehr diszipliniert?
Mayröcker: Ein bisschen.
Horowitz: Könnte man überhaupt ohne Disziplin schreiben? Reicht es, einfach darauf zu warten, dass etwas kommt, oder muss man sich dafür einen täglichen Rhythmus auferlegen?
Mayröcker: Beides. Man muss etwas diszipliniert sein. Aber ich persönlich muss immer darauf warten – auf das Schreiben-Können.
Horowitz: Und wenn Sie schreiben? Fühlen Sie sich dann wohl? Würden Sie sagen, dass Sie sich dann in einem außergewöhnlich angenehmen Zustand befinden?
Mayröcker: Das kommt drauf an, wie man diesen Zustand benennen will. Aber außergewöhnlich ist er in jedem Fall.
Horowitz: Ist es manchmal auch ein Kampf?
Mayröcker: Nicht so sehr ein Kampf, schon eher ein schöner Zustand.
Horowitz: Sie montieren auch viele Texte aus Magazinen und Zeitungen…
Mayröcker: … das habe ich vor allem früher in meiner experimentellen Zeit gemacht. Das mache ich jetzt weniger.
Horowitz: Ist diese Form der Arbeit ein charakteristisches Ausdrucksmittel für die Zeit, in der Sie gerade schreiben und leben? Was ist das Interessante, wenn Sie aus einer Tageszeitung Textpassagen übernehmen?
Mayröcker: Aus Tageszeitungen mache ich das kaum. Wenn, dann aus Briefen, Gesprächen, aus Wortfetzen, die ich von Passanten auf der Straße auffange, und natürlich aus der Lektüre, das ist ganz wichtig. Die Lektüre ist ein ganz wichtiger Bestandteil meines Arbeitens.
Horowitz: Das heißt, einen Großteil Ihres Alltages verbringen Sie mit Lesen?
Mayröcker: Ja.
Horowitz: Lassen Sie sich beim Lesen treiben?
Mayröcker: Nein. Ich bleibe bei meinen Lieblingsautoren.
Horowitz: Welche sind das – oder ist das auch ein Geheimnis?
Mayröcker: Nein. Das ist vor allem der französische Philosoph Jacques Derrida, der sehr poetisch, literarisch schreibt.
Horowitz: Auch deutschsprachige Autoren?
Mayröcker: Peter Handke zum Beispiel, oder Gerhard Rühm.
Horowitz: Weil Sie gerade von Rühm sprechen, mit der Wiener Gruppe waren Sie ja…
Mayröcker: … nein, Ernst Jandl und ich waren nicht Mitglieder der Wiener Gruppe.
Horowitz: Aber Sie waren der Schriftstellervereinigung zumindest nahe.
Mayröcker: Ja, ja, das schon, wir standen in loser Verbindung zur Wiener Gruppe. Dazu gehörten unter anderem auch Oswald Wiener, H.C. Artmann, Friedrich Achleitner und Konrad Bayer.
Horowitz: Sie selbst setzten sich jedoch von deren konkreter Poesie von Anfang an ab?
Mayröcker: Der Surrealismus war mir näher.
Horowitz: Um noch einmal kurz auf Bodo Hell zurückzukommen, der ja ein Freund von Ihnen ist. Er hat über Sie gesagt: „Friederike hat immer schon mehr gewagt als alle anderen.“ Wie ist das zu verstehen? Meint er sprachlich gewagt?
Mayröcker: Ja, natürlich auf das Sprachliche bezogen.
Horowitz: Hatten Sie als junges Mädchen Vorbilder?
Mayröcker: Hölderlin war mein großes Vorbild.
Horowitz: In einem Ihrer jüngsten Gedichte schreiben Sie: „ich habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen.“ Wie schön, wenn man seit mehr als sieben Jahrzehnten schreibt und sich noch immer am Anfang fühlt.
Mayröcker: Ja, ich fühle mich am Anfang meiner Möglichkeiten. „Ich habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen.“
Horowitz: Das heißt, Sie haben noch viel vor?
Mayröcker: Ja, ich habe noch einiges vor.
Horowitz: Sie wurden vielfach als Lyrikerin und Schriftstellerin im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet, sind Ihnen diese Anerkennungen wichtig?
Mayröcker: Ja, darüber freue ich mich, weil es eine gewisse Anerkennung meines Werkes ist.
Horowitz: Ihr Lebenspartner und Lebensmensch war Ernst Jandl. Seit seinem Tod vor zehn Jahren haben Sie mehrere Prosastücke über ihn geschrieben. Er ist für Sie immer noch Bezugsperson und bleibender Gesprächspartner, auch in Ihren neuen Gedichten. Von ihm stammt ein Gedicht, das gut hier ins Wirtshaus passt: „der alte vielfraß / steht schon mit dem fuß im grabel, / hält noch im handel eine gabel“.
Mayröcker: Er hat gerne solch kleine Gedichte geschrieben, die auch an den Wiener Dialekt angelehnt waren. Damit hat er bei einem Urlaub in Puchberg am Schneeberg begonnen. Beim Herumwandern. Das war der Anfang – während des Spazierengehens hat er diese Dialektgedichte in ein Büchlein geschrieben.
Horowitz: Hat er während des Gehens geschrieben?
Mayröcker: Ja.
Horowitz: Verbindet Sie etwas mit Puchberg am Schneeberg?
Mayröcker: Klimatisch habe ich mich dort nie wohlgefühlt. Selbst im Frühsommer ist es dort kalt, und ich brauche die Wärme. Aber der Ort ist für mich wichtig, weil meine Eltern in Puchberg eine Sommerwohnung hatten. Nach dem Tod meines Vaters habe ich dort meine Mutter an den Wochenenden besucht.
Horowitz: Ich möchte noch kurz auf Ihre Beziehung zu Ernst Jandl zu sprechen kommen. Darf man sich Ihre Beziehung ein wenig wie jene von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre vorstellen?
Mayröcker: Na ja, deren Beziehung hat sich in anderen Gesellschaftskreisen abgespielt. Beauvoir und Sartre waren außerdem beide auch Philosophen. Ich bin keine Philosophin. Aber es stimmt, dieser Vergleich kommt immer wieder.
Horowitz: Und Sie können mit diesem Vergleich leben?
Mayröcker: Daran denke ich nicht, das hat für mich keine Bedeutung.
Horowitz: Haben Sie mit Ernst Jandl je zusammengewohnt?
Mayröcker: Nur sehr kurz. Ich brauche zum Arbeiten absolute Ruhe und völlige Einsamkeit. Die nicht immer angenehm ist.
Horowitz: Wenn zwei Dichter sich so nahe sind, befruchtet man sich auch gegenseitig bei der Arbeit?
Mayröcker: Wahrscheinlich. Ernst Jandl hat mir an den Abenden, wenn ich zu ihm gekommen bin, immer seine Gedichte vorgelegt, und ich habe sie mit größtem Interesse und auch mit Neugierde gelesen. Zu dieser Zeit – als er vor allem Gedichte geschrieben hat – habe ich mich mehr mit Prosa beschäftigt. Daher konnte ich ihm mein Manuskript immer erst zeigen, wenn es ganz fertig war. So zwischendurch konnte ich einfach nichts herzeigen.
Horowitz: So gesehen hatte er es leichter.
Mayröcker: Ja. So gesehen.
Horowitz: Hat Ernst Jandl auch gerne gut gegessen?
Mayröcker: Ja. Wir sind auch manchmal gemeinsam essen gegangen.
Horowitz: Wohin?
Mayröcker: Er hat in der Wohllebengasse gewohnt. Im selben Haus gab es ein jugoslawisches Lokal, außerdem gab es in der Argentinierstraße einen guten Griechen. Beim Ubl waren wir auch manchmal und am Südbahnhof, im Restaurant Rosenkavalier.
Horowitz:Haben Sie Lieblingsspeisen?
Mayröcker: Ich esse eigentlich alles.
Horowitz: Wie angenehm für jeden Koch. Was hat sich in den vielen Jahren, in denen Sie schreiben und dichten, verändert? Welchen Stellenwert hat die Literatur heute?
Mayröcker: Ich glaube, dass die jungen Schriftsteller sehr in Richtung Realismus tendieren, von experimenteller Dichtung will man momentan nichts wissen – und das mit Recht, diese Zeiten sind vorbei. Wichtig ist, dass jeder seine eigene Art des Arbeitens findet.
Horowitz: Was Ihnen ja sehr gut gelungen ist?
Mayröcker: Ja, das ist mir vielleicht gelungen.
Horowitz: Woran arbeiten Sie gerade?
Mayröcker: Ein Prosa-Buch ist vergangenes Jahr erschienen, außerdem habe ich auch ein Hörspiel über Robert Schumann geschrieben.
Horowitz: Stefan Zweig hat geschrieben: „Wien war, wie man weiß, eine genießerische Stadt, aber was bedeutet Kultur anderes, als der groben Materie des Lebens ihr Feinstes, Zartestes, ihr Subtilstes durch Kunst und Liebe zu entschmeicheln.“ Glauben Sie, dass Wien für Genuss besonders prädestiniert ist? Oder würde Ihnen eine andere Stadt einfallen, auf die dieses Zitat auch passen könnte?
Mayröcker: Das kann ich nicht sagen, da müsste ich lange nachdenken.
Horowitz: Sind Sie viel gereist? Gibt es Plätze, die Sie besonders berührt haben, die Ihnen viel bedeuten und zu denen Sie immer wieder zurückgekehrt sind?
Mayröcker: Nein, zurückgekehrt bin ich nirgendwohin. Ich war in Amerika, in Russland, in Deutschland, der Schweiz…
Horowitz: Haben Sie zur englischen Sprache einen besonderen Bezug? Da Sie ja als Englischlehrerin gearbeitet haben?
Mayröcker: Ich habe Englisch einmal geliebt, aber jetzt habe ich einen großen Abstand zur englischen Sprache. Diese Anglizismen in der deutschen Sprache finde ich schrecklich. Viele junge Menschen vergessen darüber hinaus ihre Muttersprache.
Horowitz: Gibt es eine andere Stadt, in der sie notgedrungen leben könnten oder wollten?
Mayröcker: Nein, gar nicht. Dort, wo ich meine Sprache nicht mehr habe, möchte ich nicht leben.
Horowitz: Aber in Deutschland zum Beispiel? Da könnten Sie auch in Ihrer Sprache leben.
Mayröcker: Vielleicht in Berlin.
Horowitz: Gibt es Plätze in Wien, die Sie besonders lieben?
Mayröcker: Ja schon, die Innere Stadt, den Stephansplatz, den Graben. Der Tirolerhof ist mein Lieblingscafé.
Horowitz: Gehen Sie oft dorthin? Wann ist für Sie Kaffeehauszeit? Vormittags?
Mayröcker: Nein, nein, vormittags arbeite ich.
Horowitz: Schön langsam weihen Sie uns ja doch noch in das Geheimnis Ihres Schreiballtags ein…
Mayröcker: … meistens gehe ich am Nachmittag oder gegen Abend in den Tirolerhof.
Horowitz: Gehen Sie auch ins Kaffeehaus, um die Menschen zu beobachten?
Mayröcker: Menschen beobachte ich immer und überall. Im Kaffeehaus, auf der Straße…
Horowitz: Apropos beobachten: Da wir große Hundefreunde sind, gefällt uns Ihr Satz sehr, es könne vorkommen, dass Sie auf der Straße einen Hund sehen und daraufhin die Welt mit seinen Augen wahrnehmen können. Wie nimmt denn ein Hund die Welt wahr?
Mayröcker: Ich bin auch ein Hundefreund und habe das Gefühl, wenn ich einem Hund in die Augen sehe, dass ich ihn verstehe und die Welt mit seinen Augen sehen kann. Zumindest bilde ich mir das ein. Und vielleicht erkennen das die Hunde auch, jedenfalls gehen sie mir sehr zu.
Horowitz:Aber Sie hatten selbst nie einen Hund?
Mayröcker: Nein, das geht leider nicht. Ich brauche die absolute Einsamkeit. Ich hätte aber immer gerne einen gehabt.
Horowitz: Sie haben inzwischen an die 100 Bücher veröffentlicht. Welches ist Ihr persönliches Lieblingsbuch?
Mayröcker: Immer das jüngste.
Horowitz: Möchten Sie heute noch einmal am Anfang stehen und als junge Dichterin in der heutigen Zeit beginnen?
Mayröcker: Ja, aber ich möchte bereits all das geschrieben haben, was ich geschrieben habe.
Horowitz: Glauben Sie, dass Künstler heutzutage mehr Möglichkeiten haben als Sie damals in Ihrer Jugend, oder schafft man diese sowieso nur aus sich heraus?
Mayröcker: Autoren haben es so lange schwer, bis sie ihre eigene Literatur beziehungsweise ihre eigene Form der Literatur gefunden haben.
Horowitz: Ist das nicht ein lebenslanger Prozess?
Mayröcker: Natürlich, daher würde ich ja gerne als junge Dichterin noch einmal dort anfangen, wo ich jetzt stehe.
Horowitz: Steht man je am Ende dieses Prozesses? Hat man je das Gefühl, alles gesagt, geschrieben zu haben?
Mayröcker: Nein, aber mich interessiert immer nur, was kommt, nicht, was war.
Horowitz: Erreichen Sie je eine Phase der Entspannung?
Mayröcker: Nein, ich bin ständig in der Spannung. Das muss ich auch sein, ohne Spannung kann ich nicht arbeiten.
Horowitz: Könnten Sie sich vorstellen, in einer anderen künstlerischen Ausdrucksform als der Sprache umzugehen?
Mayröcker: Nein, es war immer die Sprache, die mich fasziniert hat.
Horowitz: Was fühlen Sie, wenn es Ihnen gelungen ist, ein Gefühl so in Worte zu fassen, dass es genau das ausdrückt, was Sie wollten?
Mayröcker: Es gibt mir ein gewisses Gefühl der Befriedigung.
Kurier, 10.12.2011
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Ich züchte mir mein Gedicht – Peter Huemer im Gespräch mit der Schriftstellerin Friederike Mayröcker. (Erstausstrahlung am 21.41988)
Gespräch mit Doris Plöschberger und Thorsten Ahrend von Bernhard Fetz und Katharina Manojlovic
Katharina Manojlovic und Susanne Rettenwander: Ein Gespräch mit Edith Schreiber oder „mitten im Jandl-Mayröcker-Kosmos“
Michael Wurmitzer: Weltkonfrontation und Weltdistanz. Eine philologisch-kulturwissenschaftliche Untersuchung zu Friederike Mayröckers ,études‘.
Paul Jandl: Interview mit Friederike Mayröcker – „Ich bin ja eigentlich gegen den Tod“
Friederike Mayröcker im Interview mit Astrid Nischkauer am 8.3.2017 im Café Sperl
Protokoll einer Audienz. Otto Brusatti trifft Mayröcker: Ein Kontinent namens F. M.
Das Herzzerreißende der Dinge – In Erinnerung an Friederike Mayröcker
Hans Ulrich Obrist spricht über die von ihm kuratierte Ausstellung von Friederike Mayröcker Schutzgeister vom 5.9.2020–10.10.2020 in der Galerie nächst St. Stephan
Friederike Mayröcker übersetzen – eine vielstimmige Hommage mit Donna Stonecipher (Englisch), Jean-René Lassalle (Französisch), Julia Kaminskaja (Russisch) und Tanja Petrič (Slowenisch) sowie mit Übersetzer:innen aus dem internationalen JUNIVERS-Kollektiv: Ali Abdollahi (Persisch), Ton Naaijkens (Niederländisch), Douglas Pompeu (brasilianisches Portugiesisch), Abdulkadir Musa (Kurdisch) und Valentina di Rosa (Italienisch) und Bernard Banoun – im Gespräch mit Marcel Beyer am 6.11.2021 im Literaturhaus Halle.
räume für notizen: Friederike Mayröcker: Frieda Paris erliest ein Langgedicht in Stücken und am Stück, Juliana Kaminskajas Film das Zimmer leer wird gezeigt. Die Moderation übernimmt Günter Vallaster am 29.1.2024 in der Alten Schmiede, Wien
Fest mit WeggefährtInnen zu Ehren von Friederike Mayröcker Mitte Juni 2018 in Wien
Sandra Hoffmann über Friederike Mayröcker bei Fempire präsentiert von Rasha Khayat
Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Friederike Mayröcker und Elke Erb.
Zum 70. Geburtstag der Autorin:
Daniela Riess-Beger: „ein Kopf, zwei Jerusalemtische, ein Traum“
Katalog Lebensveranstaltung : Erfindungen Findungen einer Sprache Friederike Mayröcker, 1994
Ernst Jandl: Rede an Friederike Mayröcker
Ernst Jandl: lechts und rinks, gedichte, statements, perppermints, Luchterhand Verlag, 1995
Zum 75. Geburtstag der Autorin:
Bettina Steiner: Chaos und Form, Magie und Kalkül
Die Presse, 20.12.1999
Oskar Pastior: Rede, eine Überschrift. Wie Bauknecht etwa.
Neue Literatur. Zeitschrift für Querverbindungen, Heft 2, 1995
Johann Holzner: Sprachgewissen unserer Kultur
Die Furche, 16.12.1999
Zum 80. Geburtstag der Autorin:
Nico Bleutge: Das manische Zungenmaterial
Stuttgarter Zeitung, 18.12.2004
Klaus Kastberger: Bettlerin des Wortes
Die Presse, 18.12.2004
Ronald Pohl: Priesterin der entzündeten Sprache
Der Standard, 18./19.12.2004
Michael Braun: Die Engel der Schrift
Der Tagesspiegel, 20.12.2004.
Auch in: Basler Zeitung, 20.12.2004
Gunnar Decker: Nur für Nervenmenschen
Neues Deutschland, 20.12.2004
Jörg Drews: In Böen wechselt mein Sinn
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2004
Sabine Rohlf: Anleitungen zu poetischem Verhalten
Berliner Zeitung, 20.12.2004
Michael Lentz: Die Lebenszeilenfinderin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004
Wendelin Schmidt-Dengler: Friederike Mayröcker
Zum 85. Geburtstag der Autorin:
Elfriede Jelinek, und andere: Wer ist Friederike Mayröcker?
Die Presse, 12.12.2009
Gunnar Decker: Vom Anfang
Neues Deutschland, 19./20.12.2009
Sabine Rohlf: Von der Lust des Worte-Erkennens
Emma, 1.11.2009
Zum 90. Geburtstag der Autorin:
Herbert Fuchs: Sprachmagie
literaturkritik.de, Dezember 2014
Andrea Marggraf: Die Wiener Sprachkünstlerin wird 90
deutschlandradiokultur.de, 12.12.2014
Klaus Kastberger: Ich lebe ich schreibe
Die Presse, 12.12.2014
Maria Renhardt: Manische Hinwendung zur Literatur
Die Furche, 18.12.2014
Barbara Mader: Die Welt bleibt ein Rätsel
Kurier, 16.12.2014
Sebastian Fasthuber: „Ich habe noch viel vor“
falter, Heft 51, 2014
Marcel Beyer: Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag am 20. Dezember 2014
logbuch-suhrkamp.de, 19.1.2.2014
Maja-Maria Becker: schwarz die Quelle, schwarz das Meer
fixpoetry.com, 19.12.2014
Sabine Rohlf: In meinem hohen donnernden Alter
Berliner Zeitung, 19.12.2014
Tobias Lehmkuhl: Lachend über Tränen reden
Süddeutsche Zeitung, 20.12.2014
Arno Widmann: Es kreuzten Hirsche unsern Weg
Frankfurter Rundschau, 19.12.2014
Nico Bleutge: Die schöne Wirrnis dieser Welt
Der Tagesspiegel, 20.12.2014
Michael Lentz und Marion Poschmann: Verse, die ins Blut gehen
Die Zeit, 17.12.2014
Elfriede Czurda: Glückwünsche für Friederike Mayröcker
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014
Kurt Neumann: Capitaine Fritzi
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014
Elke Laznia: Friederike Mayröcker
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014
Hans Eichhorn: Benennen und anstiften
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014
Barbara Maria Kloos: Stadt, die auf Eisschollen glimmt
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014
Oswald Egger: Für Friederike Mayröcker zum 90. Geburtstag
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014
Péter Esterházy: Für sie
Manuskripte, Heft 206, Dezember 2014
Wilder, nicht milder. Friederike Mayröcker im Porträt
Zum 93. Geburtstag der Autorin:
Einsame Poetin, elegische Träumerin, ewige Kinderseele
Die Presse, 4.12.2017
Zum 95. Geburtstag der Autorin:
Claudia Schülke: Wenn Verse das Zimmer überwuchern
Badische Zeitung, 19.12.0219
Christiana Puschak: Utopischer Wohnsitz: Sprache
junge Welt, 20.12.2019
Marie Luise Knott: Es lichtet! Für Friederike Mayröcker
perlentaucher.de, 20.12.2019
Herbert Fuchs: „Nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens“
literaturkritik.de, Dezember 2019
Claudia Schülke: Der Kopf ist voll: Alles muss raus!
neues deutschland, 20.12.2019
Mayröcker: „Ich versteh’ gar nicht, wie man so alt werden kann!
Der Standart, 20.12.2019
Zum 96. Geburtstag der Autorin:
Zum 100. Geburtstag der Autorin:
Hannes Hintermeier: Zettels Träumerin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.5.2024
Michael Wurmitzer: Das Literaturmuseum lässt virtuell in Mayröckers Zettelhöhle schauen
Der Standart, 17.4.2024
Barbara Beer: Hier alles tabu
Kurier, 17.4.2024
Anne-Catherine Simon: Zuhause bei Friederike Mayröcker – dank Virtual Reality
Die Presse, 18.4.2024
Paul Jandl: Friederike Mayröcker: Ihre Messie-Wohnung in Wien bildet ein grosses Gedicht aus Dingen
Neue Zürcher Zeitung, 17.6.2024
Sebastian Fasthuber: Per Virtual-Reality-Trip in die Schreibhöhle der Dichterin Friederike Mayröcker
Falter.at, 9.7.2024
Roman Bucheli: Friederike Mayröcker war ihr eigenes Gesamtkunstwerk. In ihrer Wiener Papierhöhle schrieb und zeichnete sie ein Leben lang
Neue Zürcher Zeitung, 12.7.2025
Fabian Schwitter: Von Fetischen und Verlegenheiten
Kreuzer :logbuch, Oktober 2024
Cornelius Hell: Kreuz und quer durch Mayröcker-Texte
oe1.orf.at, 17.12.2024
Cornelius Hell: Friederike Mayröcker und die Dorfwelt
oe1.orf.at, 17.12.2024
Cornelius Hell: Friederike Mayröcker und der heilige Geist
oe1.orf.at, 17.12.2024
Cornelius Hell: Friederike Mayröcker und das Skandalon des Todes
relidion.orf.at, 20.12.2024
Cornelius Hell: Friederike Mayröcker ist der Frühling
relidion.orf.at, 21.12.2024
Martin Reiterer: Gegen den Strich gebürstet
Der Standart, 16.12.2024
Iris Radisch: Majestät am Campingtisch
Die Zeit, 18.12.2024
Bernd Melichar: Sie weidete in Poesie, sie war nicht von dieser Welt
Kleine Zeitung, 18.12.2024
Clemens J. Setz: Ihre Stimme macht alle Selbstgespräche tröstlicher
Süddeutsche Zeitung, 19.12.2024
Oliver Schulz: Darum war Friederike Mayröcker von Sprache besessen
Nordwest Zeitung, 19.12.2024
Lothar Schröder: Einfach mit Larifari beginnen
Rheinische Post, 19.1.2024
Bernhard Fetz: Zum 100. Geburtstag von Friederike Mayröcker
hr2, 20.12.2024
Joachim Leitner: Wie Friederike Mayröcker in Tirol den Mut zum „Mayröckern“ fand
Tiroler Tageszeitung, 19.12.2024
Marie Luise Knott: Engelgotteskind
perlentaucher.de, 20.12.2024
„Königin der Poesie“: 100 Jahre Friederike Mayröcker
Der Standart, 2012.2024
Martin Amanshauser: Durch ihre Welt tanzen die Blumen, Tiere und Gedanken
Die Presse, 20.12.2024
Gerhild Heyder: „Der Tod ist mein Feind“
Die Tagespost, 20.12.2024
Paul Jandl: Vor hundert Jahren wurde Friederike Mayröcker geboren: eine Dichterin, die mit ganzem Herzen an das glaubt, was von oben kommt
Neue Zürcher Zeitung, 20.12.2024
Richard Kämmerlings: Unaufhörlicher Dialog mit Lebenden und mit Toten
Die Welt, 20.12.2024
Peter Mohr: Den Kopf verlieren
titel-kulturmagazin.net, 20.12.2024
Michael Denzer: „Haben 1 Gedicht im Kopf“
salto.bz, 24.12.2024
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„Die seufzenden Gärten“. Erinnerung an Friedericke Mayröcker mit Norbert Hummelt, Andrea Winkler und Christine Vescoli. Premiere am 26.9.2021 bei Literatur Lana
Friederike Mayröcker – Trailer zum Dokumentarfilm Das Schreiben und das Schweigen.









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