LEGITIMATION
Ich wohne hinter den Schritten
des Polizisten, der meinen Paß kontrolliert.
Ich wohne im Keller einer mittelgroßen
Ruine, im Altersheim
für den pensionierten Wind.
Ich wohne im pendelnden Käfig
eines Papageis, der alle Gesetzesbücher
auswendig lernt.
Meine Behausung
am Platz für öffentliche Unordnung
ist der brennende Zirkus –
meine Grüße
gehen auf Händen zu dir hinüber,
meine Grüße
sind die letzten Akrobaten
unter der brennenden Kuppel.
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Über dieses Buch:
Pennergesang – das sind Lieder, im Morgengrauen zu singen, Figuren auf der nassen Theke, vorlaute Bemerkungen, freundliche Hinweise. Lustiges und Poetisches und Gescheites und unvermutet weise Einsichten. „Wir dürfen nicht übersehen“, sagte Walter Widmer, „daß Fuchs ein Sprachkünstler ist, nicht nur ein großer Humanist.“
Fischer Bücherei, Klappentext, 1967
Mit Oberbaumbrücke-Spreewasser
Günter Bruno Fuchs, Jahrgang 1928 und Berliner von Geburt und Konfession, ist ein literarisches wie ein soziologisches Phänomen. Er ist – Autor, Graphiker und Schriftsetzer in einer Person – das, was man ebenso ein genialisches Original wie einen Kauz nennen könnte. Denn (anders als unsere linksintellektuellen hochbürgerlichen Poeten, die sich auf eine sehr abstrakte, auf eine volks- und arbeiterschweissferne Weise vor einem saturierten Publikum nur zornig und engagiert gebärden) lebt Günter Bruno Fuchs – stämmig, ja füllig von Statur, und den Schal unter die zu enge Jacke gewurstelt – exakt in dem Milieu, über das er schreibt. Er ist also mit seinen Stoffen und Emotionen, mit den Nachtbummlern, den Randalierern und den Funkstreifen-Provozierern seiner Verse und seiner Prosa, wenn nicht identisch, so doch freundschaftlich benachbart:
NACHTKNEIPE AM GÖRLITZER BAHNHOF
Wir bleiben.
In der Wohnküche empfängt uns
der sechzigjährige Mond. Er ist alt geworden
mit uns, das sollten Sie wissen. Wir
reden unsren Vätern nicht nach: Ihr habt uns
Schnaps holen lassen. Wir sind im Treppenhaus
umgekehrt und niemals wiedergekommen. Sagen Sie ruhig
Mischpoke zu uns, das wird Ihnen
keiner verübeln.
Dieses Gedicht ist ein typischer Günter Bruno Fuchs. In einer legeren alltagsnahen, in einer (Mischpoke!) sogar mit Rotwelsch durchsetzten Sprache intoniert, hat es das Unmittelbare der wörtlichen Rede; den Ton einer – leicht provozierten und provozierenden – Säuferansprache, die nur deshalb gehalten wird, weil das Gegenüber ein Fremder ist. Jemand, der mit dem Morgengrauen wieder aus dem eigenen Gesichtskreis entschwindet. Ein personifizierter Niemand also; sozusagen ein Psychoanalytiker oder ein Seelenkater-Priester auf einem Kaschemmenbeichtstuhl.
Görlitzer Bahnhof, Hallisches Tor, Warschauer Brücke. Günter Bruno Fuchs Gedichte sind in keinem gesellschaftlichen Ungefähr angesiedelt, in keinem verfremdeten Ueberall und Nirgends. Sie sind auch nicht, im weitläufigeren geographischen Sinne, berlinisch. Sie wurzeln vielmehr in einem ganz konkreten, einem nur wenige Quadratkilometer grossen Berlin: in jenen heute zum „Westen“ gehörenden Gegenden der Stadtmitte; noch genauer gesagt: Sie sind im grauen Berlin-Kreuzberg zu Hause, in einer Asphalt- und Mietskasernen-Region, in der die Menschen keine total berlinischen Kosmopoliten sind, sondern ungebildet-seelenvolle Geschöpfe die in einer Strasse, in einem Haus ihr ganzes Leben verbringen. Berliner das sind diese Leute erst in zweiter und dritter Linie; etwa so wie ein Kölner Rheinländer ist oder de Gaulle Europäer. Was zählt, worauf es ankommt, das ist stets nur die nähere Umgebung, die eigentliche Heimat. Das, was man auf jeden Fall zu Fuss erreichen kann: die nächste Kneipe, der nächste Fussballplatz, das nächste Ballhaus, das nächste Krankenhaus, allenfalls der nächste Friedhof. Denn in Berlin-Kreuzberg ist, was immer das auch für Gründe haben mag, die Zeit stehengeblieben. Und wenn der Krieg auch viele Häuser eingeäschert hat, wenn man durch die amerikanischen Bomben manchen Freund und Verwandten oder den Fleischer an der Ecke verlor; das Wirtschaftswunder, die Nachkriegsära, der weltweite segensreiche und fluchbeladene american way of life – das ist bis hierher, trotz aller ERP-Kredite, nicht vorgedrungen. In Kreuzberg hat, von manchen neuen Autos und verschiedenen Neubauten einmal abgesehen, das Nante- und Zille-Berlin eine dörfliche, eine abgestandene Oase:
In den morgendlichen Kneipen fällt der Tag über uns her, der wacklige Stehaufmann… Unsre werte Faulenzerei legt sich nieder aufs Stempelkissen…
Wenn auch die 50er Jahre mit ihrer die Idylle begünstigenden Massenarbeitslosigkeit vorbei sind (und wenn man, Irgendwo im Westen Berlins, mit Geldern der Ford Foundation und neuerdings auch mit Mitteln des Berliner Senats Weltstadt-Niveau und überprovinziellen Kulturbetrieb zu organisieren versucht); in Kreuzberg gehen die Arbeiter, wenn sie routinemässig krankmachen, immer noch mit dem ersten Geld von der AOK zunächst in eine Kneipe, sagen „’ne Molle un’n Korn“, und dann wenden sie sich einem Spielautomaten und schliesslich, wenn das Geld zusammengeschrumpft ist und wenn die Auseinandersetzung mit der Frau näher rückt, der ersten besten Gelegenheit zu einem Streit zu.
Aber Günter Bruno Fuchs, der Lyriker, ist natürlich mit den Menschen, zwischen denen er lebt und über die er so liebevoll-spöttisch schreibt, nicht kongruent. Er ist, darüber darf man sich nicht täuschen, nur ein im Mischpoke- und Sparverein-Südost-Milieu untergetauchter Intellektueller. Er fasst, wenn er die Tagediebe und die Eckensteher und die Arbeiter und die kleinen Kriminellen poetisch belichtet, stets ein dialektisch notwendiges Stückchen bürgerlicher Realität und wohlgeordneter Welt mit ins Auge, denn natürlich weiss er, dass es eines Hintergrundes und eines relativierenden Bewusstseins bedarf, um die Kreuzberger Einfachheit und Einfältigkeit wirklich erkennbar und glaubhaft zu machen. Es wäre also völlig falsch, in Fuchs einen naiven Poeten, einen Penner mit lyrischem Leierkasten zu sehen. Dieser Dichter – und das wird an vielen Stellen seines Werkes deutlich – ist durchaus ein Wissender und bewusst agierender Künstler, ist ein poeta doctus, der seinen Rimbaud („Behauptungen“ siehe „enfance III“) wie seinen Prévert, seinen Ringelnatz wie seinen Kästner, seine Lasker-Schüler („Für ein Kind“) wie seinen Carl Sandburg („Westhafen“), seinen Arp wie seinen fernöstlichen Issa („Berliner Haikus“), seinen Eichendorff wie seinen Storm gelesen hat:
KNEIPENTRAUM
Langsam erhebt sich die Theke
und schwimmt mit dem grossen Säufer davon.
Ach, wer da mitreisen könnte…!
oder:
Es gibt eine Nacht,
die schreibt einen Kindermond
über die Stadt: Nur echt
mit dem kleinen
Häwelmann!
Günter Bruno Fuchs versteht es, Sentimentalität mit Witz, Spontaneität mit Wissen und Hinterhof-Mief mit durchstilisierter Sprache zu verbinden. Da ist ein Poem wie „Dem Hausbesitzer vorzusprechen bei der Bewerbung um Wohnraum“, eine Arbeit, die mit ihrem bewusst bürokratisch gehaltenen Titel in das reale Zentrum eines sozialen Problems vordringt; die sich aber keinesfalls in rhetorischer Anklage erschöpft, sondern die dadurch, dass sie den Wohnungssuchenden ganz ehrlich aussprechen lässt, wie er die begehrten Räumlichkeiten missbrauchen und zurichten wird, auch wiederum die (gewiss zu erwartende) Ablehnung des Hauswirtes verständlich macht:
… Aus lauter Krach und Tanz und Suff
blüht Ihre Wohnung auf zum Puff.
Und meine Klingel steht nicht still,
nicht mal bei Tag, der alles besser wissen will…
Fuchs erster Gedichtband Nach der Haussuchung (bereits ein vollendetes Büchlein, in dem unvergessliche Stücke wie „Der Irre ist gestorben“ und „Meditationen eines Trinkers 1, 2, 5“ standen ) erschien 1957 in der Eremiten-Presse; und ich möchte die Behauptung wagen, dass er das beste Lyrikbuch war, das Stomps nach dem Kriege verlegt hat. Dann gab es das Brevier eines Degenschluckers, worin vor allem „Totenrede“, „Betrunkener Wald“, „Geschichtenerzählen“, „Begegnung“, „Tageslauf eines dicken Mannes“ und „Prospekt“ auffielen. Und nun haben wir also – nach dem mehr graphischen Intermezzo der „Trinkermeditationen“ – eine neue Sammlung: ein Buch, das zwar nicht, wie der Verlag behauptet, alles Wichtige von Fuchs enthält. Eine Sammlung aber, die man nicht entbehren möchte. Stehen in ihr doch einige alte und zahlreiche neue aus Wehmut und Schnoddrigkeit geborene und mit Bier, Klarem und Oberbaumbrücke-Spreewasser geschriebene Stenogramme, die die geschichtslosen Kreuzberger Augenblicke konservieren und die gemütstiefen Belanglosigkeiten transzendieren.
Hans-Jürgen Heise, Die Tat, 24.12.1965
Weitere Beiträge zu diesem Buch (Erstausgabe):
Günter Bien: Günter Bruno Fuchs: „Pennergesang“
Die Bücherkommentare, 15.9.1965
Karl Alfred Wolken: Vagantenpoesie
Die Welt der Literatur, 14.10.1965
Rino Sanders: Schützenfest
Die Zeit, 26.11.1965
Wulf Segebrecht: Günter Bruno Fuchs: „Pennergesang“
Neue Deutsche Hefte, Heft 1, 1966
Michael Augustin: Augustins Fundsachen, Folge 10
dasgedichtblog.de, 13.12.2021
Günter Bruno Fuchs
Von Fuchs sprechen heißt, sich der Namen erinnern, die einen Bogen schlugen über die Unordnungen der Jahrhunderte: des anonymen Archipoeta; des Cecco Angioleri aus Siena; des Juan Ruiz; Rutebeuf [geistigen Vaters des François Villon]; Carl Michael Bellman aus Stockholm; des Peter Hille, gestorben in Berlin. Die Unordnungen der Jahrhunderte, das heißt, jene bisher ewig dunkle Kehrseite gesellschaftlicher Ordnungen, der die sogenannten Existenzlosen angehören. Um für sie und in ihrem Namen sprechen zu können, muß man an der Unvollkommenheit der Welt wachgeworden sein und sich gegen sie zur Wehr setzen.
Überdenkt man Inhalt und Sprache des Poeten, dem dieses Porträt gilt, so läßt sich feststellen, wie unbestechlich die Themen sind, die der dichterischen Substanz anhaften: sei es ein für das Werk symptomatischer Essay über Wolfgang Borchert, die Huldigung an das fahrende Volk: die „Zigeunertrommel“, die „trinkermeditationen“ oder die Märchenszenerie des einen Romans [hier und dort], die Geschichte des Außenseiters Pellmann und seines Widersachers, Herrn Ärmchen, der als „nützliches Glied der Gesellschaft“ die asozialen Elemente zu bekehren sucht. Diese Vagantenpoesie, Laudatio und Klagelied zugleich, ließe sich mit zwei Zeilen François Villons einleiten:
Und wenn ich lache, habe ich geweint,
und wenn ich weine, bin ich froh.
Denn: hier gibt es die Erkenntnis um den Zwiespalt der Welt, die sich dem Rettenden verschließt und gleichermaßen auf der Suche nach dem Heilsamen bleibt. Diese Erkenntnis, die ebenso gut in die Resignation, in das Stillschweigen einer lautlosen Weisheit führen könnte, läßt Fuchs eine außergewöhnliche Initiative ergreifen. Während „der Räuberhauptmann mit akademischen Graden“ Villon seine Traurigkeit mit scharfzüngigem Protest vermischt, baut Fuchs vor der seinen eine Heiterkeit auf. Er zieht den Hut, er stellt sich vor mit Kopfstand und Purzelbaum. Wo niemand mehr lacht, lacht er. Und erzählt – wo man sie vergessen hat – Geschichten. Eine wahrhaft kuriose Art, sich der bösen Welt zu nähern, die es nicht liebt, durchschaut zu werden und den für suspekt erklärt, der „des Kaisers neuen Kleidern“ mißtraut. Also sprach Zarathustra: Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein Possenreißer kann ihm zum Verhängnis werden.
Was tun? Kontrovers zur Gesellschaft ist man ein Außenseiter, ein extremer Individualist; und in dieser Rolle wird eine Lektion Heiterkeit gratis erteilt. Das ist Fuchs’ angemessene Art der Aktivität, das ist sein Ausweg. Er fand seine Möglichkeit, miseria und Menschheit zu begegnen. Er sieht den Ideologien zu, wie sie einander den Rang ablaufen, setzt sich ins Niemandsland, zwischen alle Stühle, weder Hase noch Igel, und weil er weint, lacht er sich ins Fäustchen, zündet seine laterna magica an und spricht das arbitrium poeticum:
Taschentücher / fliegt
Vogeltücher / trocknet
alle Tränen / dieser kleinen unbekannten Stadt.
Das ist unsere Welt. Klein: alles in ihr wiederholt sich. Unbekannt: das menschliche Alphabet reicht von der Freude bis zum Schmerz und weiter nicht. Das sind die hellen und die dunklen Tränen. Immer überwiegt das Dunkle. Niemanden gab es, den Schmerz an der Welt zu heilen, jetzt und nie. Immer und überall die Zuchtruten des Geschicks, Heuschreckenschwärme, Sintflut und Hiroshima. Die soziale Selbstgefälligkeit, das Gezänk. Das sind die Kulissen, vor denen diesem Poeten Sterne einfallen, vor denen er sie aufsteigen läßt, sich mit der Welt zu versöhnen.
So ist das Erlebnis, das aus seiner Dichtung auf uns zukommt. Sie spricht im Schelmenkleid an, sie hat die leichte, verwegene Stimme eines Possenspielers. Aber wenn man achthat, kommen andere Töne hinzu, die das Lachen hinabziehen in die Wirklichkeit. Bei Villon heißt es:
… car ce doulx mot ne’st pas si long
qu’il vous face mal en la bouche…
Die Wirklichkeit, die uns erschreckt, und die Wirklichkeit, in der wir wunschträumen; die Kohlenkiste und das Himmelbett. In beiden will das Schlafen gekonnt sein. Mögliches und Unmögliches verbinden zu einer halsbrecherischen Poesie. Das ist die schwarze und helle Sprache der Märchen. Die Sprache, die selbstverständlich und arglos in einem Atemzug das frierende Kind in der Winternacht zeigt und die Sterne vom Himmel trennt, das Kind zu wärmen.
Der Kanal hat Dampfer und Ladekähne
Der Kanal hat Fischkähne auf seinem Rücken.
Der Kanal hat eine Wasserleiche im Herzen.
Das Herz ist das Schauhaus.
Der Kanal hat einen Schuster geschluckt.
Der Schuster macht Schuhe für einen großen Fisch.
Er liegt nicht irgendwo im Kanal, der ertrunkene Schuster, er liegt im Herzen des Kanals. Und weil er dort hinabsteigen konnte, in das Herz des Kanals, der Schuster, darf er, was niemand sonst darf, Schuhe machen für einen großen Fisch. Fuchs, geistiger Bruder des Don Quichotte, der das Böse nicht will, aber weiß, daß das Böse ist, und nur eine Möglichkeit: den betrogenen Menschen und das betrogene Tier durch die Wahrheiten der Träume zu begütigen:
Das Kind ruft die Mäuse herbei.
Die Mäuse haben ein ganz großes Fest.
Die Mäuse trinken und essen.
Die Mäuse werden so langsam besoffen.
Mutter / Mutter / was will denn die Katze bei uns?
Sei still, die Katze / nimmt sich aller Besoffenen an.
Im Spiegel seiner Poesie fängt der Dichter auch sein eigenes Bild ein, den Tagesablauf eines dicken Mannes, der morgens den Kindern am Buddelplatz den großen Berg Bimbula zeigt, das ist sein Bauch, und die Kinder rufen:
Bitte, großer Berg, morgen mußt du wiederkommen.
Mittags heißt es: „… manchmal springt er schweren Herzens / auf den Rücken eines Generals…“, der nie die Schönheit des großen Berges Bimbula erkennen wird.
Abends
wird er immer sehr traurig.
Er setzt sich unter die Sterne
und trinkt zehn Liter Himmelsbier.
Manche Leute haben ihn singen gehört –
er singt dann ganz einfältig, so einfältig
wie es ihm niemand zugetraut hätte:
Mutter, ach Mutter, mich hungert!
Die Stimme, die da singt, ist sanft. Sie ist aber auch unbarmherzig, denn es will scheinen, als ob jemals kein Brot gebacken würde, diesen Hunger zu stillen. Während der Hungerkünstler Kafkas hinter den Stäben seines Käfigs die Speise verweigert, weil sie ihm nicht genügt und er in der freiwilligen Verweigerung den Schmerz überwindet, beklagt Fuchs das Fehlen der Speise. Auf der Suche nach ihr wird sein Schmerz nicht geringer. In seiner ganzen Schmucklosigkeit steht dieses Bekenntnis da, das nicht nur Bekenntnis eines Abends ist, sondern Bekenntnis eines Lebens, einer Menschheit. So einfach steht es da, als könnte von jedem gesagt werden. Aber es gehört Mut dazu, traurig zu sein:
Mutter, ach Mutter, mich hungert!
Das ist eine Sprache, die aus dem Leben kommt, aus einer Zeit der Verderbtheit, die den großen Umweg über die Kunst gemacht hat, um in das Leben zurückzukehren. Als spontaner Ausdruck der Traurigkeit läßt sie keinen Raum für lyrische Spekulation. Eine Traurigkeit, die leise ist, die man nicht aushält, vor der man sich verkriechen möchte, weil man weiß, sie ist unheilbar. Die sich zu lösen vermag, von dem, der sie vermittelt, und in der Luft zurückbleibt.
Günter Bruno Fuchs wurde in Berlin-Kreuzberg geboren, Hinterhof. Auf die Frage „was nun?“ drahtet Fuchs:
bei großmutter aufgewachsen stop großmutter sammelt kartoffelschalen und müll vor den türen der verfeindeten mieter stop jene pfeffern zurück stop der kleine fuchs steigt morgens über berge von unrat und geht zur schule stop nachmittags auf teppichklopfstangen und müllkästen stop nähe kanal stop stop.
Während des Krieges bringt ihn die Kinderlandverschickung nach Österreich, in die Slowakei, vor die Berge der Hohen Tatra. Dort begegnet er den Zigeunern, „dem Volk der Klagefrauen und Geigenspieler, dessen Opfer die Grenzen aller Länder widerlegt“. So lautet die Widmung, die er dem Band Zigeunertrommel voranstellt. Mit vierzehn Jahren wird er Luftwaffenhelfer, mit fünfzehn Arbeitsdienstler an der Weichsel. In die Wohnung der Mutter fällt eine Bombe. Fronteinsatz vor Bremen, Gefangenschaft in Belgien, mit siebzehn die Entlassung. In der „Polizeistunde“ findet ein anderes Kriegserlebnis seinen Niederschlag:
Im Mittelpunkt steht der sechzehnjährige Soldat Freitag, der den Panzern entflieht und am letzten Tag des letzten Krieges in einem Kanalrohr neben einer Gartenwirtschaft stirbt, überwältigt von der Realität und den geschändeten Träumen seiner Kindheit; ein schwärzeres Märchen und ein schöneres Requiem wurden nicht vernommen. [Peter Hamm.]
Nun, wieder in Berlin, geht für Fuchs alles durcheinander. 1950 entläßt ihn die Schulbehörde, außerstande, seinen pädagogischen Anschauungen zu folgen. [Der Brauch verlangte nach einem Spaziergang, Unterricht in Naturkunde, einen schulischen Rapport ins Klassenbuch. Fuchs notierte: wir waren in B., sahen drei Wolken und begruben einen Hasen.] Fuchs reist nach Westfalen als freier Mitarbeiter bei der Westdeutschen Allgemeinen, dann wird er Zechenarbeiter. Endlich, im Jahre 1952 ist er wieder seßhaft, in Süddeutschland, in Reutlingen. Hier beginnt die Arbeit beim Südwestfunk/Studio Tübingen, beginnen die ersten Veröffentlichungen. Sechs Jahre später geht er zurück nach Berlin.
Da kommt unsere kleine dicke Type! Munter fällt sie einer Stadt zu Füßen.
So zeigt er in den „trinkermeditationen“ auf sich… „und auf den kümmerlichen kurzen Beinen / laufe ich der Freiheit nach“. Er wirbelt durch die Stadt. Mit fliegenden Armen umarmt er, was ihm lieb ist. Und sie kennen ihn alle, die Leierkastenmänner und Kanalpenner, die Rinnsteinschläfer, die Himmelsbiersäufer auf den Straßen, Hinterhöfen und in den Kneipen Berlins. Er dichtet sein Leben und lebt seine Dichtung; stimmt messianische Heiterkeit an, breitet paradiesische Fiktionen aus wie der Teppichknüpfer seine persischen Figurationen. Mit der Geistesgegenwart dessen, der im brennenden Flugzeug verkündet: jetzt darf geraucht werden deckt sein faunisches Gelächter den Hinter- und Widersinn der Welt auf. Möge sie emporklettern aus ihren nebulösen Verzweiflungen. Sie besitzt die Reinheit des Possenspiels, die Seltenheit des Abendsternes.
Wir hören das Lachen, wir laufen ihm ein Stück des Weges nach, fasziniert von dieser Freiheit. Doch wir halten den Schritt nicht aus und bleiben zurück. Kleiner wird das Lachen und fern, nicht geringer. Ein hölzerner Wagen ist abgefahren, mit einer Plane darüber. Der Sand knirscht unter den Rädern. Drinnen sind:
Die ewigen Lampen Aladdins.
Der Sattel des Pferdchens Rosinante.
Die Schellenmütze des Artisten Till
und der Weinkrug des Lamme Goedzak.
Ein Pfandschein auf den Namen
Rembrandt von Rijn.
Die Harmonika des Seemanns Daddeldu
und der Somowar des Fedor Michajlowitsch D.
Mit dem letzten Zauberspruch Cagliostros an seine Freunde ruft er:
Lebt wohl! Auf den Namen der Wolken getauft, fliege ich ohne Passierschein über das Aufgebot der Schatten. Ich trage den Drachenhut, der den schönen erfrischenden Regen schickt, denn ich muß durch das Feuer, das mich draußen erwartet.
Elisabeth Borchers, aus Schriftsteller der Gegenwart. Dreiundfünfzig Porträts. Herausgegeben von Klaus Nonnenmann, Walter-Verlag, 1963
PORTRÄT GÜNTER BRUNO FUCHS
Der Mittag kriecht aus seinem Schlafrock
Auf den Pantoffeln blüht der Krokus
Aus Apfelsinenschalen schwimmt ein Boot betrunken
Blau ist die Farbe der Verlassenheit
Über seinen Haarwolken zerspringen elektrische Birnen
In der Badewanne schifft ein Dampfer
Im Blumenkasten summt das Korn
Der Bauch seiner Liebe
Kommt mit Verzweiflung nieder
Rolf Haufs
Thomas Propp: ORNUNG MUSS SEIN, sprach der ANARSCHIST…
Eine Reise zum Dichter Günter Bruno Fuchs und zurück unternommen von Thomas Propp im Jahre 1981.
Jutta Hercher: „Raus mit der Sprache“
Günter Bruno Fuchs – Poet mit Narrenkappe
Thomas Schaefer: Platz für öffentliche Unordnung
Eine Erinnerung an Günter Bruno Fuchs
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + KLG + IMDb + Internet Archive + IZA + Kalliope
Porträtgalerie: Brigitte Friedrich Autorenfotos + deutsche FOTOTHEK + Keystone-SDA
Nachrufe auf Günter Bruno Fuchs: Spritz ✝︎ Zeit








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