TRINKERHYMNE
Schon schwimmt der Raum. Es lockert sich die Zeit.
Gebetmild hör ich über meiner Einsamkeit
dein sanftes Flügelrauschen, Trauervogel du,
und schwebe hauchgleich dem Nirwana zu.
Schenkt ein! Schenkt ein!
O Durst, der über sich das Dürsten jäh vergißt
und wie erlöster Aufschrei eines Gottverlassnen ist!
Ich danke dir! Ich dank dem Wein,
denn ohne Euch bin ich so leer und so allein.
Schenkt ein! Schenkt ein!
O Rausch! Noch immer warst du Tor zu einem Traum,
der mir die Schwere aus der wunden Seele nahm.
Wer dich nicht kennt, du Inselstunde im Vergessen,
der ist noch nie ein ganzer Mensch gewesen!
Schenkt ein! Schenkt ein!
Der Rauch wird Meer. Die Menschen schauen aus den Gläsern
und sehen aus wie Schwimmerköpfe in den Mondgewässern.
Und jeder schweigt sich seinen Schmerz entgegen,
und jedem stirbt das Ich auf unbekannten Wegen.
Schenkt ein! Schenkt ein!…
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Oskar Maria Graf
Er ist als bayrischer Volksschriftsteller vor allem als Erzähler und Essayist bekannt geworden. Sein Text „Verbrennt mich!“, mit dem er als erster Autor gegen die Bücherverbrennungen der Nazis 1939 protestierte, ging um die Welt. Die Kalendergeschichten, einige seiner Romane, die autobiographischen Werke Wir sind Gefangene und Das Leben meiner Mutter machten ihn berühmt. Zu expressionistischer Zeit entstanden erste lyrische Versuche. In den Wirren des Ersten Weltkrieges und der Bayrischen Räterepublik lernte er Rilke kennen und ,borgte‘ sich bei ihm in Verehrung seinen zweiten Vornamen.
Ankündigung in Günter Bruno Fuchs: Poesiealbum 392, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, 2025
Stimmen zum Autor
Sein Werk ist frisch und gewichtig und lesbar wie nur je … In der Weltliteratur steht es gut um ihn. Er hat überlebt. In jedem Sinn.
Manfred George
Gerne bekenne ich, daß mir das Werk Oskar Maria Grafs am Herzen liegt. Aus zwei Gründen. Es ist das starke Werk eines Dichters, und es ist das Werk eines ,hoch‘-deutschen, eines bayerischen Dichters.
Lion Feuchtwanger
Da ist einer in unserer Zeit, der Maniriertheiten und Dunkelheiten ganz vermeidet und in natürlicher Schlichtheit und Anmut zum Denken anregt. Die Unverdorbenen werden es dankbar sehen.
Albert Einstein
Sein Humor sentimentalisiert nicht; seine Beobachtung ist exakt und betrifft Typisches. Seine Erzählungen tendieren zum Modell, in dem sich Natur und Geschichte durchdringen.
Helmut Kreuzer
Daß der ,Provinzschriftsteller‘ Graf mehr vom ,Volk‘ wußte, daß er in seiner Kindheit und Jugend Armut, Unwissenheit und Unterdrückung erfahren hatte, kann man in seinen Büchern nachlesen.
Peter Härtling
Seine dramatische erzählende Kraft, seine psychologisch eindringliche Beobachtungsgabe, die seltene Mischung aus derber Sinnlichkeit und feinfühligem Verständnis machen aus ihm – das sei nachdrücklich gesagt – den bedeutendsten bayerischen Dichter seit, vielleicht neben, Thoma.
Johann Lachner
Graf ist ein bayerischer Autor, weil er aus Bayern stammt und hier seine Themen findet. Die Literatur, die er daraus schöpft, und wäre ihr Schauplatz noch das entlegenste Kuhdorf, ist von europäischem Rang.
Wolfgang Görl
Der „lauteste Münchner Dichter“ wollte er sein, und so lebte und schrieb er auch: wie in Trance, hemmungslos, schonungslos mit sich selbst – und mit den anderen.
Carola Zinner
In den nicht selten elegischen Gedichten thematisiert er Empörung und Hoffnung und knüpft an die große Tradition dieser Zeit an. Seine Lyrik ist im besten Sinne volkstümlich. Lyrische Experimente, die Moderne oder der Rummel des Literaturbetriebs waren seine Sache nicht.
Ulrich Kaufmann
Poesiealbum 393
Graf, der noch dem 19. Jahrhundert anhing, knüpfte an die große lyrische Tradition dieser Zeit an. Er schrieb mehr als 2.000 lyrische Texte; in vielen seiner Gedichte spricht er von seiner harten Exil-Zeit in New York und seiner Diaspora und erinnert an seine Kameraden aus der Münchner Revolutionszeit und den Kampf gegen Hitler. Zu seinen Bewunderern gehörte Thomas Mann; ihn selbst beflügelte die Bekanntschaft mit Rainer Maria Rilke und bestärkte die Zusammenarbeit mit Anna Seghers, Wieland Herzfelde und Jan Petersen sowie im Exil mit Bloch, Brecht und Heartfield. Seine Lyrik ist im besten Sinne volkstümlich und allgemeinverständlich.
MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2025
Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt + Interview
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