DER SATZ DES PYTHAGORAS
Am Anfang war einmal ein Mann, der freien Willens
in gewisse Gegenden des entlegenen Denkens gelangte,
nur um hin und wieder kurz von dort zurückzukehren,
vor die großen Versammlungen zu treten und den Ursachen
die Dinge hinzuzugeben, die Gegenstände der Uranfänge.
Vor allen legte er dar, was unseren Augen verborgen war:
„Ich wohne in den Wolken und lerne die Sterne kennen,
während ringsumher die Menschen streunen und
auf falschen Rechenwegen irren, und zur Ermutigung
rolle ich eine Folge aus und verkünde, was kommt:
Ein Tag + eine Nacht + ein anderer Tag + eine Nacht
+ ein Frühling + ein Sommer + ein Blitz + ein Donner.
während dir, du Mensch, mit den Jahren die Kinnlade
herunterklappt, aus Angst vor dem Schweigen und den
leeren Benennungen, dem Stoff all der Seher und Sänger
und an dieser Stelle will ich singen, denn wichtig ist,
was ich nicht ohne die Vorgaben meiner Vorfahren
und einem Abakus herausbekommen habe, und zwar,
dass sich die Perlen auch am Ende noch verstellen lassen,
täusch dich da bloß nicht, denn selbst im Tod wird
rückstandslos getauscht, der Geist wandert zur einen
und kommt auf der anderen Seite heraus, aus Dumm
wird Schlau und man ist nur möglicherweise im Besitz
von Gliedmaßen, denn so gelenkig ist das Leben und
setzt sich doch fest, fast wie Wachs, das formbar bleibt,
und auch wenn aus dem Auge des Rads scheinbar
einer heraus blinzelt, bleibt die Drehung der Schwerpunkt
jeder Bewegung und ist mehrfach auszuführen für den Tanz,
der sich umherschweifend gestaltet, wenn alles fließt
und auch du hineingleitest in die Zeit, die sich selbst
durch ihr Rutschen in Gang hält, nicht anders als ein Fluss,
in dem Welle für Welle die andere antreibt, verfolgt,
während sie Folge leistet und wo sie entsteht, ist sie
keineswegs nichts gewesen, nur ein wechselndes Gesicht,
das aufhörte dasselbe zu sein, doch in der Summe bleibt
und noch immer besteht, einmal hier, einmal dort,
denn nichts vergeht in der Welt, nur die Bedeutungen
werden erneuert, und nichts bleibt, wie zu zeigen war,
unter dem gleichen Bild, so glaube ich, und glaubet mir.“
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Mit wer A sagt
legt Sandra Burkhardt, Open Mike-Preisträgerin für Lyrik 2016, diesen Herbst ihren Debütband in der Reihe staben vor. Die Autorin studierte Kunstgeschichte und Literarisches Schreiben in Karlsruhe und Leipzig. Ihr Buch wer A sagt ist zugleich ihr Abschlussprojekt am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und versteht sich als Sammlung – oder besser Album – unterschiedlicher Texte, die alle um das Thema des Ornaments kreisen.
Sandra Burkhardts Beschäftigung mit dem Thema Ornament ging die Frage voraus, wie sprachliche Zugriffe auf Bilder und visuelle Phänomene funktionieren und aussehen könnten. Dabei interessierten sie vor allem die Defizite und Überschüsse, die sich einer sprachlichen Beschreibung zu entziehen scheinen. Das Ornament, ein in der Regel ungegenständliches und aufgrund seiner Wiederholung scheinbar inhaltsleeres Muster, wurde somit Gegenstand der Betrachtungen der Autorin, die zwischen Lyrik und Prosa changieren.
Beiträge zu diesem Buch:
Michael Braun: Sandra Burkhardt: wer A sagt
lyrik-empfehlungen.de, 2019
Michael Braun: Alphabet und Ornament
signaturen-magazin.de
Fakten und Vermutungen zur Autorin
Sandra Burkhardt liest am 17.3.2022 in der „tiny room sessions“.








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