Johannes Bobrowski (Hrsg.): Meine liebsten Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Johannes Bobrowski: Meine liebsten Gedichte

Bobrowski-Meine liebsten Gedichte

DAS BLECHDACH

Mein Zimmer ist das höchste hier im Haus;
es streckt vorm Fenster sich ein Blechdach aus.

Die Jahre lasten auf mir altem Mann;
es sammelt sich auf ihm viel Unrat an.

Verputz und Staub, der Rost, der es zerfrißt,
der grün verdorrte, scharfe Taubenmist.

Papier, zerknüllt, von meinem Tisch und Fach.
Der Regen schlägt wie Erbsen hart aufs Dach,

der Nebel wird zum Reif, die Glut zum Stich;
so leben wir dahin, das Dach und ich.

Theodor Kramer

 

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Zu dieser Anthologie

Die hier vorgelegte Anthologie deutscher Lyrik stellte Johannes Bobrowski (1917–1965) in einer kleinen schwarzen Klemm-Mappe im Format 10,5 x 14,8 cm zusammen. Die gleichformatigen losen Blätter sind sorgfältig mit Tinte beschrieben; nur zwei Gedichte sind als Typoskripte vorhanden. Wann Bobrowski die Sammlung, die er titellos hinterließ (der jetzige Titel stammt vom Verlag), anzulegen begann, läßt sich nicht mehr feststellen. Vielleicht gehen die Anfänge bis in die Zeit um 1950/51 zurück, als er, nach den langen Jahren des Krieges und der Kriegsgefangenschaft, seine literarische, musikalische und bildkünstlerische Welt zielstrebig auszubauen begann; handschriftliche Listen, Übersichten und Exzerpte gehörten vor allem dazu. Es sind tatsächlich seine liebsten deutschen Gedichte, d.h. eine durchaus eigenwillige Auswahl, auch in den Autoren, die sie nicht enthält; allgemeine Repräsentanz ist nirgendwo angestrebt. Eine solche Anthologie eines namhaften Dichters ist bisher nicht bekannt geworden.
Die Auswahl der Gedichte blieb bis zuletzt wechselnder Zuneigung und wechselndem Urteil unterworfen. Die Texte wurden nicht nur ständig vermehrt, sondern auch immer wieder ausgetauscht oder reduziert, öfter im bald ernsten, bald derb scherzenden Gespräch mit Freunden. Ein nicht datierbares Inhaltsverzeichnis, das in einer anderen Nachlaßmappe liegt, belegt das wechselnde Urteil und seine Folgen augenfällig. Es enthält einerseits Namen und Titel, bald durchstrichen, bald nicht durchstrichen, die in der eigentlichen Sammlung nicht vorkommen; anderseits sind Titel durchstrichen, die als Texte dennoch in ihr vorhanden sind. Das kann kaum als Hinweis auf ihre beabsichtigte Herausnahme aus der Sammlung gedeutet werden; denn gleichzeitig weist diese nicht wenige Poetennamen und Texte auf, die das Verzeichnis noch gar nicht nennt. Also ist es nicht bis zuletzt ergänzt, sondern irgendwann beiseite gelegt worden und kann nicht als Bobrowskis abschließendes Urteil gelten.
Eine andere größere schwarze Klemm-Mappe enthält etliche Gedichte der handschriftlichen Sammlung als Typoskripte. Es sind die je einzelnen Gedichte, die hier auf den Seiten 9, 11, 28, 30, 40-42, 189, 192, 193, 228-231, 292-294, 310, 311, 313, 316, 320, 349, 351 und 355 stehen.
Zusätzlich finden sich darin noch von Rückert „Amara, Bittre“ (= „Amaryllis I“), von Ehrenstein „Allein“ und „Silberne Hochzeit“, von Thoor „Morgenlied“ und „In der Fremde“, dazu zwei Gedichte von Unbekannt, „Gabe“ („Ich schenk dir was“) und „Am Weihnachtstage wächst der Tag“. Außerdem liegen in derselben Mappe noch handschriftlich im Format der Anthologie Weckherlins große Ode „Trunkenheit“, von lna Seidel „Wenn du am Ende der Tage“ (= „Hinter der Pforte I“) und von Fuchs „Der Kran / hat sich in die nächtliche Halde / verliebt“ (= „Westhafen“). Vielleicht kann aus den Typoskriptblättern geschlossen werden, daß Bobrowski sich für die Anthologie einmal mit Publikationsgedanken trug. Die maschinenschriftliche Ausführung blieb in ihren Anfängen stecken, ohne daß sich der Zeitpunkt noch eine Erklärung dafür angeben lassen. Einzig verbindlich bleibt die handschriftliche Anthologie.
Die Anordnung der Gedichte nahm Bobrowski in der Sammlung wie in dem älteren Inhaltsverzeichnis nach den Geburtsjahren der Verfasser vor; sie wurde für den Druck übernommen. Die chronologische Abfolge der einzelnen Gedichte eines Autors wurde vom Herausgeber mehrfach noch konsequenter eingehalten, wodurch sich zugleich die Quellenangaben vereinfachen ließen. Der Abdruck der Texte erfolgt in dokumentarischer Genauigkeit, d.h. buchstaben- und zeichengetreu; nur der Punkt am Schluß weniger Überschriften wurde getilgt, und Entstehungs- oder Druckdaten, die größtenteils unter den Verfassernamen stehen, wurden neben diese gestellt. Erhalten blieb die gelegentlich originale, sonst modernisierte Schreibung älterer Gedichte, ebenso die unterschiedliche Behandlung der Versanfänge. Die wenigen offensichtlichen Abschreibfehler sind korrigiert, die Korrekturen in den Anmerkungen verzeichnet. Ebenso wurde mit einigen eindeutigen Fehlern in Bobrowskis Vorlagen verfahren; in andern Fällen wird auf Varianten nur verwiesen.
Für den Quellennachweis war zuallererst Bobrowskis Bibliothek zu benutzen. In manchen Fällen mag er ein Buch besessen haben, das heute nicht mehr unter seinen Büchern steht. Wo sich in seiner Bibliothek keine sichere oder mutmaßliche Vorlage finden ließ, wird eine solche Ausgabe oder ein solcher Einzeldruck angegeben, die entweder überhaupt die einzig mögliche Vorlage darstellen oder aber als ehemals für Bobrowski erreichbar gelten dürfen. Von manchen älteren Autoren besaß er mehrere Ausgaben mit identischen Texten; dann wird jeweils nur eine Ausgabe angeführt. Die tatsächliche Abschriftvorlage läßt sich ohnehin nicht immer mit Sicherheit ermitteln. Das hat für die älteren Gedichte seinen Grund auch darin, daß Bobrowski sie bei der Abschrift aus alten Drucken oder textkritischen Neuausgaben in der Schreibung fast immer und in der Interpunktion häufig behutsam modernisierte. Außerdem kannte er einen großen Teil der älteren Gedichte seit seiner Jugend auswendig; Gefährten der Gefangenschaftsjahre berichten, welche Fülle deutscher Gedichte von Gryphius bis Loerke er ihnen aus dem Gedächtnis aufsagte. Einen wichtigen, aber nicht in jedem Fall verbindlichen Fingerzeig geben die zahlreichen Anstreichungen und sonstigen Markierungen, mit denen er Gedichtbände während der Lektüre versah. Sie sind im Verzeichnis festgehalten.
Den Quellenangaben schließen sich, wo nötig, einzelne textkritische Bemerkungen und sparsam gehaltene Wort- und Sacherklärungen an. Hier und da auf Bobrowski bezogene weiterführende Hinweise enthält die – im folgenden Quellenverzeichnis mehrfach verbesserte – Dokumentation dieser Anthologie, die der Herausgeber in der Freundesgabe Fruchtblätter für Alfred Kelletat, Pädagogische Hochschule Berlin (West) 1977, S. 193ff., veröffentlicht hat.

Eberhard Haufe, Nachwort

 

Meine liebsten Gedichte

− schon der Titel macht deutlich, daß mit diesem Buch eine höchst ungewöhnliche Anthologie vorgelegt wird, eine, die in unserer literarischen Landschaft bisher einzig dasteht. Johannes Bobrowski (1917-1965), zu dessen zwanzigstem Todestag sie erscheint, hatte sich privat eine Mappe angelegt, in der er viele Jahre hindurch auf handgeschriebenen Blättern diejenigen deutschen Gedichte sammelte, die er vor andern schätzte und die ihm wichtig waren. So ist eine durchaus unüblich zusammengestellte, keineswegs repräsentative Sammlung deutscher Lyrik aus viereinhalb Jahrhunderten, von berühmten wie von kaum bekannten Dichtern, entstanden, deren besonderer Reiz gerade darin liegt, daß sich Bobrowski bei der Auswahl ganz von seinen persönlichen Auffassungen und Vorlieben leiten ließ.
Was wir an bekannten Namen und Gedichten, an Ausgewogenheit im Sinne eines literaturhistorischen Kanons zwangsläufig vermissen, das gewinnen wir andererseits durch die Eigenart und Entschiedenheit einer künstlerischen Sicht, die den Blick auch auf viele Raritäten und Neuentdeckungen lenkt und selbst dort eine eigenständige Wahl trifft, wo Schwerpunkte gesetzt sind: unter den älteren Dichtern bei Bobrowskis „Zuchtmeister“ Klopstock, dann bei Gryphius, Hölderlin, Eichendorff, Mörike, unter den Lyrikern unseres Jahrhunderts bei Gertrud Kolmar, Else-Lasker Schüler, Trakl, Brecht, Huchel, Ingeborg Bachmann, den hierzulande wenig bekannten Österreichern Christine Lavant und Theodor Kramer, dem Freund Günter Bruno Fuchs.
Die vorliegende Gedichtauswahl ist bestimmt vom Urteil und Geschmack eines großen Dichters sie rückt die von ihm bevorzugten Autoren und poetischen Traditionen in helles Licht und wird deshalb allen Freunden der Dichtung Bobrowskis willkommen sein; sie rechtfertigt aber ebenso um der vorgestellten Verfasser und Texte selbst willen die Erwartung, daß die Leser unter Johannes Bobrowskis liebsten Gedichten viele finden, die dann auch zu ihren liebsten gehören werden.

Union Verlag Berlin, Klappentext, 1985

 

Johannes Bobrowski: Meine liebsten Gedichte

Eberhard Haufe (Weimar) ist einer der besten Bobrowski-Kenner. Sein Aufsatz „Zur Entwicklung der sarmatischen Lyrik Bobrowskis 1941–1961“ (Wiss. Zs. Halle, 1975) gehört zu den grundlegenden Arbeiten über den 1965 gestorbenen Dichter. Haufe kennt auch seit vielen Jahren das Material im Nachlaß und so war er der geeignete Herausgeber einer Anthologie, die handschriftlich im Nachlaß aufbewahrt wurde und die vielleicht nicht einmal zu Publikationszwecken zusammengestellt worden war. – Anthologien sagen bekanntlich vieles über ihre Sammler aus; man braucht nur an die Reihe „Mein Lesebuch“ zu denken. Was hiermit der Öffentlichkeit präsentiert wird, ist aber neuartig:

Es sind tatsächlich seine liebsten deutschen Gedichte, d.h. eine durchaus eigenwillige Auswahl […]. Eine solche Anthologie eines namhaften Dichters ist bisher nicht bekannt geworden. (Haufe im Nachwort).

Die Sammlung war ständig im Fluß, es wurden Gedichte ausgetauscht und die Namensliste ergänzt.
Bobrowski lebte ganz in lyrischer Sprache und besaß ein enormes Lyrikgedächtnis. Da man weiß, wie stark sein Werk literarische Reminiszenzen einsetzt, sein Gedicht mitunter mit einem verstorbenen Kollegen über Jahrhunderte hinweg ins Gespräch zu treten scheint oder durch ein kunst- und liebevolles Porträt die Erinnerung an ihn in die Gegenwart hinüberrettet, läßt sich die Bedeutung dieser Sammlung kaum überschätzen. Sie ist eine wertvolle Dokumentation, die in der Forschung Beachtung finden wird.
Der jetzige Titel der Sammlung stammt vom Verlag. Die Gedichte werden in der ursprünglichen Form wiedergegeben, mit nur wenigen Änderungen:

Die wenigen offensichtlichen Abschreibfehler sind korrigiert, die Korrekturen in den Anmerkungen verzeichnet. Ebenso wurde mit einigen eindeutigen Fehlern in Bobrowskis Vorlagen verfahren; in anderen Fällen wird auf Varianten nur verwiesen.

Das Quellenverzeichnis (zugleich Kommentar) benutzt Bobrowskis Bibliothek und hält die vom Dichter gemachten Notizen fest.

Ferdinand van Ingen, Deutsche Bücher, Heft 4, 1986

Versuch in deutschen Gedichten

− Gespräch mit Unionsfreund Dr. Eberhard Haufe über zu erwartende Publikationen. −

Moralisch-politisches Engagement war, wie verschieden auch immer sichtbar, der eigentliche und unerschöpfliche Nährboden seines Dichtens. Für seine Lyrik fand Bobrowski die bescheiden große Formel vom redlichen „Versuch in deutschen Gedichten“. Das war, wie so vieles in seinem Werk, geheimes Zitat, mit dem er sich wieder und wieder, demütig und stolz zugleich, in ehrwürdige Tradition stellte. ,Teutsche Poemata‘ oder ,Deutsche Gedichte‘ hatten nicht wenige Gedichtbücher des 17. Jahrhunderts geheißen, bei Opitz, Gryphius, Fleming und anderen.

Diese Sätze hat Eberhard Haufe 1974 in einem essayistischen Nachwort zu dem Insel-Bändchen mit Gedichten von Johannes Bobrowski geschrieben. Und er wies zugleich auf den „bedenklichen“ (von Bobrowski immer bedachten) Unterschied der Dichtung des 17. und 20. Jahrhunderts: „Da“ (im Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges) „hatte das Attribut noch keinen nationalistischen Klang“, strebte nach „Würde und Ausdruckskraft“ der deutschen Sprache im Gegensatz zum noch üblichen Latein in der Dichtung. Nun, nach faschistischem Mißbrauch „verwahrlost und entwertet“, bedurfte der Gebrauch der deutschen Sprache absoluter „Redlichkeit und Bewußtseinshelle“. Hier Genanntes und Zitiertes macht die Beschäftigung Eberhard Haufes mit Werk und Bekenntnis Bobrowskis, aber auch mit der deutschen barocken Lyrik schon vor zehn Jahren deutlich. Es ist also kein Zufall, daß nun innerhalb eines kurzen Zeitraumes entsprechende, von Eberhard Haufe betreute Publikationen in Aussicht gestellt sind.
Noch einmal sei an Bobrowskis „Poetologisches Bekenntnis“ von 1961 erinnert. Es war dies das Sich-Bekennen zu einer Geschichte von Unglück, und Verschuldung, „die meinem Volk zu Buch steht… Wohl nicht zu tilgen und zu sühnen, aber eine Hoffnung wert und einen redlichen Versuch in deutschen Gedichten“ (so Bobrowski).
„Die Redlichkeit dieses Wagnisses“ … (deutsche Sprache neu zu gebrauchen) „ließ noch auf vieles hoffen. Nicht zuletzt hält sie bis heute den Schmerz um das frühe Ende dieses lauteren Dichters wach.“ Im Alter von 48 Jahren starb Johannes Bobrowski 1965 und hinterließ ein relativ schmales Werk. Mit der Klage um den frühen Tod formulierte Eberhard Haufe zugleich den Gewinn für die deutsche Gegenwartsdichtung. In einem Gedenkartikel vor fünf Jahren (im Thüringer Tageblatt) nannte er Bobrowski „einen der sprachmächtigsten Poeten“. Schon lesen wir das Werk des Dichters anders.

Und wo es uns noch ,dunkel‘ erscheint, spüren wir doch viel sicherer, daß jede weitere Anstrengung von Verstand, Phantasie und Wissen uns zu neuen Aufschlüssen verhelfen wird.

Eberhard Haufe hat schon, als Bobrowski Lektor im Union Verlag Berlin war und mit den ersten Arbeiten in die Öffentlichkeit trat, durch Veröffentlichungen auf ihn gewiesen. Seit dessen Tod hat er sich um Werk und Nachlaß bemüht, bemüht auch, uns den Unkundigeren den Reichtum und die unvergleichliche Schönheit dieser ästhetisch und moralisch anspruchsvollen dichterischen Aussage nahezubringen.
Eines der Ergebnisse ist ein Buch, das der Union Verlag Berlin in Aussicht stellt. Es soll zum 20. Todestag des Dichters erscheinen, und vor einigen Tagen hat es der Verlag zusammen mit Eberhard Haufe in der Potsdamer Bezirksbibliothek vorgestellt. Es ist ein wertvolles Geschenk, das den Lesern vom Dichter über den Herausgeber in die Hände gelegt wird; Johannes Bobrowski Meine liebsten Gedichte Eine Auswahl deutscher Lyrik von Martin Luther bis Christoph Meckel.
Eine eigenwillige und ungewöhnliche Anthologie wird dieses Buch sein, „vom einmaligen Charakter im Umfeld deutscher Gedichtsammlungen“, wie Eberhard Haufe betont, weil der Dichter „ungeheuer subjektiv, ganz nach persönlichen Vorlieben“, ausgewählt hat.
Im Nachlaß befindet sich die handschriftliche Lyriksammlung, eine Klemmappe mit rund 270 Texten von berühmten bis zu weniger bekannten Autoren. Unter jedes einzelne Gedicht hat Bobrowski den Namen des Dichters gesetzt, jeder einzelne Text war ihm wichtig, er wollte keine repräsentative Auswahl deutscher Lyrik zusammentragen. Die Texte sind um ihrer selbst, als auch um der Persönlichkeit des Sammlers willen wertvoll.
Wahrscheinlich hat Bobrowski in den fünfziger Jahren, als er selbst zu seiner eigenen, unverwechselbaren Dichterweise fand, begonnen, die Gedichte zusammenzutragen. Dazu besaß er eine Liste, auf der Vervollständigung und Streichungen die unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen verdeutlichen, wie überhaupt die Häufigkeit oder auch das gänzliche Fehlen von Namen Vorlieben des Dichters beleuchten. So findet man beispielsweise von Rilke, der die frühen Versuche Bobrowskis so stark beeinflußt hat, kein Gedicht. Statt dessen die Häufigkeit anderer Dichternamen, Gryphius und Klopstock, dann Hölderlin, Mörike, Eichendorff, unter denen unseres Jahrhunderts Gertrud Kolmar, Else-Lasker-Schüler, Georg Trakl, Christine Lavant, Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Ilse Aichinger, Bert Brecht, Günter Bruno Fuchs.
Es gibt eine „lange Vertrautheit“ Bobrowskis mit Hölderlin, eine Zuwendung zu Klopstock erst später.
Manches von der Persönlichkeit Johannes Bobrowskis erfährt man im Gespräch mit Eberhard Haufe über die Anthologie. Die Gedichtsammlung mag wohl, sagt der Herausgeber, aus dem Bedürfnis Bobrowskis entstanden sein, um sich zu versammeln, was ihm wichtig und wertvoll war. So befanden sich in seiner, heute von Frau Bobrowski in Berlin verwahrten Bibliothek zahlreiche Bücher zur Geschichte und Landeskunde seiner Heimat des europäischen Ostens (des „Sarmatischen Weltteils“), Ostpreußens, Litauens, die ihm nach Kriegs- und Gefangenschaftserlebnissen später so wesentlich wurde. Und diese Haltung zur Geschichte seines Volkes fügt sich ihm zusammen mit dem Bekenntnis zum von Kindheit und Jugend her vertrauten Protestantismus (Bekennende Kirche in Königsberg) – und zum Kommunismus Beide verstand er als moralische Verpflichtung.
(…)

Sabine Neubert, Neue Zeit, 18.5.1985

Johannes Bobrowski: Meine liebsten Gedichte

Wohl jeder Freund und Kenner der Lyrik hat insgeheim eine eigene, ganz private Sammlung von Lieblingsgedichten: eine (wohl nur selten schriftlich fixierte) Anthologie von Versen, die ihm wichtig sind und die er zumindest teilweise auswendig kennt.
Auch der Lyriker Johannes Bobrowski (1917–1965), einer der wichtigen und heute leider schon wieder ein wenig in Vergessenheit geratenen Dichter der Nachkriegszeit, besaß eine solche Sammlung von Lieblingsgedichten. Er trug sie freilich nicht nur im Kopf, sondern hatte sie handschriftlich notiert, auf postkartengroßen losen Blättern, und in einer Mappe gesammelt. Diese Zusammenstellung war jedoch kein fester Kanon – im Laufe der Jahre hat Bobrowski umgruppiert, neue Gedichte hinzugefügt, andere ausgesondert:

Die Auswahl der Gedichte blieb bis zuletzt wechselnder Zuneigung und wechselndem Urteil unterworfen.

So sagt es Eberhard Haufe aus Weimar, der wohl beste Bobrowski-Kenner, der, wie zu hören ist, Herausgeber der Bobrowski-Gesamtausgabe sein wird, die von 1987 an zugleich im Ostberliner Union Verlag und in der Stuttgarter Deutschen Verlags-Anstalt erscheinen soll. Haufe hat soeben Johannes Bobrowskis Privatanthologie Meine liebsten Gedichte ediert, der Untertitel lautet: ,,Eine Auswahl deutscher Lyrik von Martin Luther bis Christoph Meckel“.
Bobrowski kannte sich aus in der lyrischen Tradition, er war ein Kenner auch entlegener Schätze, er pflegte lebendigen Umgang mit der Dichtung vergangener Zeiten. Davon zeugt sein eigenes Œuvre, und das belegt auch die jetzt vorgelegte Anthologie. Sie ist nicht das Werk eines Literaturwissenschaftlers, eines Gelehrten – sie ist die Sammlung eines (allerdings sehr kundigen) Liebhabers, der sozusagen seine poetischen Freunde um sich versammelt hat.
Da dies eine private, ursprünglich wohl nicht zur Veröffentlichung bestimmte Auswahl ist, brauchte Bobrowski keinerlei Rücksichten zu nehmen, mußte keine Repräsentanz irgendeiner Art anstreben – allein sein Geschmack, seine Vorliebe entschied über die Aufnahme in die Sammlung. Und da ist dann Platz für das Erhabenste wie für die ironische Moritat, für den witzigen Zweizeiler wie für die feierliche Ode.
Überraschend und aufschlußreich ist es, wie hier die gewohnten Proportionen verschoben sind: Von Schiller etwa, dem Anthologien-Klassiker früherer Generationen, hat Bobrowski gerade ein kurzes Gedicht aufgenommen, dafür ist Klopstock, den er ja oft als seinen Lehr- und Zuchtmeister bezeichnet hat, mit 14 Seiten vertreten. Andere von ihm hochgeschätzte Dichter sind Gryphius, Hölderlin, Heine, Mörike (dem 13 Seiten eingeräumt werden, Goethe dagegen – leider! – nur fünf), Else Lasker-Schüler und Gertrud Kolmar. Wenn übrigens Christine Lavant sechs Seiten zugestanden werden, Paul Celan jedoch nur zwei, so wird man daraus schwerlich schließen dürfen, daß Bobrowski Christine Lavant für bedeutender gehalten habe als Celan, wohl aber, daß ihre Verse, um es ein wenig pathetisch zu sagen, seinem Herzen näher gestanden haben – um „Bedeutendes“, wie gesagt, um Repräsentanz ging es diesmal gar nicht. Natürlich trifft man hier auch auf viele gute Bekannte – von Flemings „Sei dennoch unverzagt!“ und Günthers „Trostarie“ bis zu Arps „Kaspar ist tot“ und Eichs „Ende August“. Aber es gibt auch manches zu entdecken oder wiederzuentdecken. Denn während so klangvolle Namen wie etwa Däubler, Weinheber, Goll, Lehmann oder Krolow in dieser Sammlung gänzlich fehlen, hat Bobrowski Verse von Autoren aufgenommen, die weniger berühmt sind, jedoch Gedichte geschrieben haben, die nicht vergessen werden sollten: Erich Jansen etwa, Christian Wagner, Georg von der Vring, Friedrich Hagen, auch Paul Scheerbart und Franz Baermann Steiner, von denen Bobrowski jeweils vier Gedichte aufnahm. Sogar einige (jedenfalls mir) gänzlich unbekannte Namen (wie Friedrich Schult, Simon Kronberg und Arno Nadel) finden sich in diesem reichhaltigen Band. Die Philologen werden herausfinden, welches Schlaglicht diese Privatanthologie auf das eigene Werk Bobrowskis wirft, sie werden Beeinflussungen und Abhängigkeiten aufzeigen. Das ist sicher nicht ohne Belang. Den „normalen“ Leser freilich muß das nicht kümmern. Er kann sich freuen an dieser höchst subjektiven und darum höchst lebendigen Sammlung, er kann sich auch ärgern, weil er dieses oder jenes eigene Lieblingsgedicht vermißt, diesen oder jenen Autor über- oder unterrepräsentiert sieht. Langweilig jedenfalls ist die eigenwillige Sammlung an keiner Stelle – und damit unterscheidet sie sich vorteilhaft von vielen anderen Anthologien.

Jürgen P. Wallmann, Neue Deutsche Hefte, Heft 191, 3/1986

… lange Jahre nach seinem Tode

erfuhr ich zufällig davon, daß er ein kleines Heft vollgeschrieben hatte mit seinen Lieblingsgedichten, und fand auch Verse von mir darin in seiner schönen, einfachen Schrift.

Stephan Hermlin, aus Stephan Hermlin: Aufsätze, Reportagen, Reden, Interviews, Carl Hanser Verlag, 1980

Die Hausanthologie eines Dichters

Kaum ein zweiter Dichter unserer Tage war zugleich so wirklichkeitsbesessen und so gelehrt wie Johannes Bobrowski. Seine geistige Existenz besaß eine Breite, die, von der verblüffenden Vertrautheit mit entlegenen Details des Naturlebens bis zur subtilen Kenntnis der Sprach- und Glaubensphilosophie des Königsberger „Magus“ reichte und zwischen solchen und ähnlichen Polen sich widerspruchlos und sicher zu bewegen verstand, im dichterischen Ergebnis sie mühelos miteinander verbindend. Dieser Mann, der zuletzt immer in der elementaren Welt seiner litauischen Kindheitsdörfer Motzischken und Willkischken verwurzelt blieb, war zugleich ein poeta doctus von seltenen Graden, in Geschichte, Kunst und Poesie vergangener Jahrhunderte auf eine Weise zuhause, die seine Besucher nicht selten verlegen machte. Es war keine akademische Gelehrsamkeit, es war eine des Lebens und der inneren Gegenwart. Menschen, Schicksale oder Verse von weither, nicht selten aus scheinbarem Abseits, gehörten wie selbstverständlich zur vollen und prallen Wirklichkeit seines Daseins.
Eines der schönsten und aufschlußreichsten Zeugnisse dieses lebendig-gelehrten Einwohnens in der Vergangenheit ist die handschriftliche Anthologie deutscher Gedichte von Martin Luther bis Christoph Meckel, die Bobrowski im Lauf von Jahren sich allmählich zusammenstellte. Es waren seine liebsten Gedichte aus der deutschsprachigen Lyrik, als solche freilich wechselnder Zuneigung und wechselndem Urteil unterworfen. Die gleichmäßig sorgfältig mit Tinte beschriebenen kleinen losen Blätter im Format von 10,5 x 14,8 cm wurden nicht nur ständig vermehrt, sondern offenbar auch immer wieder ausgewechselt; eben deshalb hielt nur eine gleichformatige schwarze Klemm-Mappe sie leicht lösbar zusammen. Ein Inhaltsverzeichnis, das in einer anderen Nachlaßmappe liegt, beweist das wechselnde Urteil und seine Folgen.
Vielleicht kann aus den maschinengeschriebenen Blättern geschlußfolgert werden, daß Bobrowski sich einmal, möglicherweise erst spät, für die Anthologie ähnlich mit Publikationsgedanken trug wie für die eigenen Doppeldistichen, die ebenso in einer kleinformatigen handschriftlichen und in einer größeren maschinenschriftlichen Fassung überliefert sind. Die handschriftliche Ausführung war die eigentlich persönliche, für den Privatgebrauch und im Format für die Jackentasche bestimmt, offenbar auch die letztlich verbindliche. Die maschinenschriftliche Ausführung der liebsten Gedichte blieb in ihren Anfängen liegen, ohne daß sich der Zeitpunkt noch eine Erklärung dafür angeben lassen. Einzig verbindlich bleibt die tatsächliche handschriftliche Anthologie.
In wie viele Richtungen hin diese Gedichtsammlung Schlaglichter auf Bobrowskis eigenes Schaffen und auf das Gesamt seiner geistigen Welt wirft, wäre in einer gesonderten Arbeit auszuführen.
Es ist die Anthologie eines Dichters, nicht die eines Literarhistorikers; so ist sie überraschend und eigenwillig in vielem, nicht zuletzt darin, was an berühmten Namen und Titeln darin nicht enthalten ist. –…

Eberhard Haufe, aus Harald Hartung u.a. (Hrsg): Fruchtblätter. Freundesgabe für Alfred Kelletat, Pädagogische Hochschule Berlin, 1977

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Hans Bender: Zu viele und zu wenige Gedichte
Süddeutsche Zeitung, 14. 11. 1985

Arnim Juhre: „Aber eine Hoffnung wert…“
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 1. 12. 1985

Jürgen P. Wallmann: Johannes Bobrowski: „Meine liebsten Gedichte“
Neue Deutsche Hefte, Heft 3, 1986

 

 

Zum 1. Todestag des Herausgebers:

Jürgen P. Wallmann: ich hab gelebt im Land, das ich nenne nicht“
Die Tat, 3.9.1966

Zum 50. Geburtstag des Herausgebers:

Gerhard Desczyk: „… so wird reden der Sand“
Neue Zeit, 9.4.1967

Zum 10. Todestag des Autors:

Peter Jokostra: Gedenkzeichen und Warnzeichen
Die Tat, 29.8.1975

Zum 60. Geburtstag des Herausgebers:

Gerhard Rostin: Der geht uns so leicht nicht fort
Neue Zeit, 9.4.1977

Zum 15. Todestag des Herausgebers:

Jürgen Rennert: Von der Sterblichkeit der Dichter
Das Literaturjournal, 3.9.1980

Zum 20. Todestag des Herausgebers:

Gerhard Wolf: Stimme gegen das Vergessen
Freibeuter, Heft 25, 1985

Reinhold George: Brober
Schattenfabel von den Verschuldungen. Johannes Bobrowski zur 20. Wiederkehr seines Todestages, Amerika Gedenkbibliothek, Berliner Zentralbibliothek, 1985

Zum 70. Geburtstag des Herausgebers:

Michael Hinze: Mitteilungen auf poetische Weise
Berliner Zeitung, 9.4.1987

Eberhard Haufe: Der Alte im verschossenen Kaftan
Neue Zeit, 9.4.1987

Zum 50. Todestag des Herausgebers:

Annett Gröschner: Der sarmatische Freund
Die Welt, 29.8.2015

Christian Lindner: Mit dem dunklen Unterton der Melancholie
deutschlandradiokultur.de, 2.8.2015

Lothar Müller: Nachrichten aus dem Schattenland
Süddeutsche Zeitung, 1.9.2015

Zum 100. Geburtstag des Herausgebers:

Helmut Böttiger: Große existenzielle Melodik
Süddeutsche Zeitung, 6.4.2017

Dirk Pilz: Dem großen Dichter zum 100. Geburtstag
Berliner Zeitung, 6.4.2017

Dirk Pilz: Ostwärts der Elbe
Frankfurter Rundschau, 7.4.2017

Arnd Beise: Ein Christenmensch und ein großer Geschichtenerzähler
junge Welt, 8.4.2017

Klaus Walther: Johannes Bobrowski: In „Sarmatien“ eine poetische Heimat gefunden
FreiePresse, 7.4.2017

Richard Kämmerlings: Der Deutsche, der an der Ostfront zum Dichter wurde
Die Welt, 9.4.2017

Cornelius Hell: Wer war Johannes Bobrowski?
Die Presse, 7.4.2017

Klaus Bellin: Erzählen, was die Leute nicht wissen
neues deutschland, 8.4.2017

Tom Schulz: Mein Dunkel ist schon gekommen
Neue Zürcher Zeitung, 9.4.2017

Manfred Orlick: Die Deutschen und der europäische Osten
literaturkritik.de, 5.4.2017

Oliver vom Hove: Der Dichter verlorener Welten
Wiener Zeitung, 9.4.2017

Wolf Scheller: Poetische Landnahme im Osten
frankfurter-hefte.de, 1.4.2017

 

Zum 60. Todestag des Herausgebers:

Ronald Weber: Pruzzische Elegie
junge Welt, 2.9.2025

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Archiv 12Internet Archive + IZAKalliope + KLGIMDbUmzug
Porträtgalerie: deutsche FOTOTHEK + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Johannes Bobrowski: Grabrede 1 & 2 ✝ Der SonntagDie ZeitKunzeKürbiskernSZ

 

Klaus Wagenbach spricht über Johannes Bobrowski und Günter Grass liest die Erzählung „Rainfarn“.

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