Karl Mickel: Der Besuch

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Karl Mickel: Der Besuch

Mickel-Der Besuch

POUND-KOMMENTAR

1
Es gab eine Zeit, sagt Pound
Da die Historiker Lücken ließen in ihren Büchern
Für das, was sie nicht wußten.

2
Das goldene Zeitalter, sagt Maurer
War einmal wirklich.
Ich hielt diesen Satz für brutal.

3
Ich kannte einen Historiker namens Nichtweiß.
Er hat sich erhängt.

 

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Karl Mickel

starb am 20. Juni 2000 in Berlin. Er hinterließ Gedichte, Theaterstücke, Libretti, Aufsätze und Studien und den Roman Lachmunds Freunde.
Beeinflusst wurde er sicher von seinen Lehrern Mottek, Kuczynski, Maurer und Weigel wie von seinen Freunden Dessau, Berghaus, Schenker und natürlich dem Sächsischen Dichterkreis um Czechowski, Braun und Kirsch.
Seine Arbeit am Berliner Ensemble und später die Professur an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin gaben ihm häufig Anregungen für seine andere Arbeit.
Die Texte dieses Bandes wurden zusammengestellt von seiner Tochter und seiner Enkellin Carla und Marlen S. Lehmann.
Der Vers – Spaß muß es machen, sonst machts keinen Spaß – betrachten wir als Motto.
Lesen, lesen, lesen, dann schlafen wie ein Bär in seiner Höhle – umgeben von Bücherbergen und aufwachen mit einer neuen Idee, einer Gedichtzeile oder einer notwendigen Textänderung, dazu Hunger wie ein Wolf. Rotwein trinkend, dröhnend lachen, Zigarren rauchend, mit dem Rennrad durch den Wald rasend, abends Musik mit Freunden hören und dazu etwas Neues vorlesend – so kannten ihn viele, wir auch.

Vorwort

 

 

Mickel, unter Wert gedruckt

„Dieser Text ist verschwunden.“

Die Aufsehen erregende Ausstellung Kunst in der DDR, die noch bis Ende Oktober in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen ist, verhilft dem Betrachter zu einer unverhofften Begegnung. In Raum XIV, in dem auch die ergreifenden Bilder Nuria Quevedos hängen, steht er plötzlich vor einem Ölgemälde von Clemens Gröszer, das Karl Mickel mit grün leuchtender Schläfenader zeigt. Entstanden ist das Porträt Ende der achtziger Jahre in Berlin. Kurz darauf begann der Mitteldeutsche Verlag mit der Edition von Mickels Werken in sechs Bänden, die 2000 mit der Aufsatzsammlung Gelehrtenrepublik abgeschlossen wurde. Im selben Jahr, am 20. Juni, starb Mickel in Berlin, wo er viele Jahre an der Schauspielschule Ernst Busch gelehrt hatte. In einem jüngst erschienenen Gedicht, das den Titel „Die Nachwelt“ trägt, hat Heinz Czechowski, im düsteren Rückblick auf Mickels Begräbnis auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, ein resignatives Fazit gezogen:

Und der, dem das Lachen verging,
Ruhet, ein Häufchen Asche, dort,
Wo Geheimräte und Nationalpreisträger
Die Muster stifteten,
An die wir einmal glaubten.

Nun ist vor kurzem in einem kleinen Verlag in Aschersleben ein Bändchen erschienen, das Lyrik und Texte aus dem Nachlaß enthält, herausgegeben von Carla und Marlen Lehmann, der Tochter und der Enkelin Mickels. Das klingt vielversprechend und wäre, wenn der Untertitel hielte, was er verspricht, eine Überraschung, liegt doch Mickels Nachlaß im Marbacher Literaturarchiv auf Eis und ist einer breiteren Öffentlichkeit so bald nicht zugänglich. Sieht man sich das Büchlein aber einmal genauer an, fällt auf, daß etliche der hier abgedruckten Texte bereits veröffentlicht sind. Das Quellenverzeichnis im Anhang macht daraus kein Hehl. Aus der Auflistung geht hervor, daß sämtliche Gedichte „aus dem Nachlaß“ schon zu Mickels Lebzeiten publiziert wurden: entweder in der Werkausgabe, die noch immer lieferbar ist, oder aber als Privatdruck. Damit jedoch ist der Untertitel ad absurdum geführt. Was soll ein Nachlaß denn anderes beinhalten als Texte, die sich unveröffentlicht oder sogar unvollendet in den Schubladen oder Zettelkästen eines verstorbenen Autors finden? Davon kann hier keine Rede sein. Immerhin gibt das Vorwort einen Hinweis, was die Herausgeberinnen gemeint haben könnten. Mickel, heißt es darin, hinterlasse Gedichte, Theaterstücke, Libretti, Aufsätze, Studien und den Roman Lachmunds Freunde. Das ist richtig, und doch wird niemand ernsthaft behaupten wollen, alles das sei Mickels Nachlaß.
Was aber liegt nun mit dieser Publikation vor? Der Besuch bietet eine Auswahl von dreißig Gedichten, ergänzt durch kurze Splitter aus Interviews mit Mickel. „Spaß muß es machen, sonst machts keinen Spaß“, ein Vers aus dem Gedicht „Der Fisch der schreit“, wird im Vorwort als Motto benannt. Genauer begründet wird die Auswahl nicht. Das ist schade. Eine kurze Erläuterung durch die Herausgeberinnen, die als Tochter und Enkelin mit Mickel noch auf ganz andere Weise verbunden waren als der gewöhnliche Leser, könnte so manche Entscheidung für oder gegen ein Gedicht nachvollziehbar machen. Denn wenn bei der Lektüre auch rasch klar wird, daß hier der hedonistischen Seite Mickels der Vorzug gegeben wird, so leuchtet dennoch nicht ein, warum Texte wie „Trinklied. Nach Goethe“ oder „Gescheiterter Plan zum ewigen Frieden“, die zu Mickels schwächeren Gedichten zu zählen sind, hier wieder aufgelegt werden. Dagegen fehlen einige der wichtigsten Gedichte, die in der DDR geschrieben wurden. Warum hat man auf die „Dresdner Häuser“ verzichtet, Mickels ketzerisches Widerwort auf Bechers optimistische Hymne „Auferstanden aus Ruinen“? Mickels barsche Replik lautet:

Das Neue Leben blüht nicht aus Ruinen
Da blüht Unkraut.

Unverständlich auch, daß „Odysseus in Ithaka“ fehlt, dem Lehrer Georg Maurer gewidmet und nicht weniger deutlich eine Absage an den Glauben vom Fortschritt, an dem viele der in die DDR Heimgekehrten mancher Ernüchterung zum Trotz festhielten. „Die Elbe“ ist ebensowenig vertreten wie die „Mottek“-Gedichte oder „Frauenkirche“. Warum?
Es ist verdienstvoll, daß sich die Familie Mickels bemüht, sein Werk einem Literaturbetrieb ins Gedächtnis zu rufen, der sich lieber von der Generation Pittiplatsch die DDR erzählen läßt, als sich in die Bücher derjenigen zu vertiefen, deren Blick damals weiter reichte als nur bis zur nächsten Fahnenstange. Eines dieser Bücher ist Mickels sehr zu Unrecht vergessener Roman Lachmunds Freunde. Daß dessen zweiter Teil bis heute keinen Verleger gefunden hat, ist bitter. Ein Autor wie Mickel, der sich an Goethe und Schiller orientierte und ein Gedicht auch schon mal mit den Versen enden ließ: „Vgl. auch den Kommentar zu Pindar / Von Hölderlin, Belebendes (Kentauren)“, ist heute offenbar nicht mehr ohne weiteres vermittelbar. Eine Veröffentlichung wie diese aber erscheint eher nicht geeignet, dem abzuhelfen. Das, was Mickel einmal als „Summe des Lebens“ bezeichnet hat, dürfte von anderem Format sein.

Renatus Deckert, Lose Blätter, Heft 26, Herbst 2003

 

Gefundenes Fressen

– Karl Mickels Kannibalismus. –

Mickels Party
Gefragt nach dem Ziel seiner Arbeit, antwortete Karl Mickel einmal folgendermaßen:

Wenn ich Bach höre, einige Oden von Klopstock lese oder die Römischen Elegien, oder die Grabschrift, die Paul Fleming auf sich selbst verfaßt hat – dann möchte ich gern einige Zeilen geschrieben haben, die so sind, daß diese Meister mir an ihrem Tisch ein Bier geben würden.

Glauben Sie nicht, daß Mickel es hierbei beläßt, denn zu ihm gesellen sich ebenfalls einige seiner Freunde und Bekannten, die er den alten Meistern vorstellt. Zum Beispiel Richard Leising. Der setzt sich zu ihnen und bestellt bei der Kellnerin, Helga genannt, noch ein paar Bierchen, stemmt seine Ellenbogen auf den Tisch und schweigt des weiteren, was nicht so schlimm ist, da soeben Mickels Freund B.K. Tragelehn die Kneipe betritt. Dieser dankt mit vollem Mund nochmals Mickel für ein Stück Fleisch, das ihn vor dem sicheren Hungertod gerettet und sogar zu einem neuen Gedicht inspiriert habe, das er hier und jetzt vorlesen wolle. Vorher müsse er aber ein paar Gläschen zu sich nehmen, da er vom Schinkenverzehr einen Schluckauf bekommen habe. Damit verpaßt er aber die Gelegenheit zum Rezitieren, da sich ein paar Tische weiter lautstark Rainer Kirsch und Heinz Czechowski über einen Fisch – einen Karpfen wohl – streiten. Aller Augen sind auf das streitende Paar gerichtet. Nur Tragelehns Schluckauf ist in regelmäßigen Abständen zu hören. Kirsch versucht sich aus dieser peinlichen Situation zu retten, indem er den Streit theatralisch vor größerem Publikum wiederholt, zu Mickels Tisch tritt, ihn besteigt und schreit – stehend auf Festem, ja auf Mickels Tisch – „Czechowski, statt der Oden auf den Karpfen / Gib uns den Karpfen, gleich / und „Helga, noch ’ne Runde – für mich aber ein Rotwein, bitte.“ Ein großes Durcheinander entsteht, denn da erscheinen genau um zwölf Uhr zwölf zwölf Frauen. Tragelehn kann sein Gedicht nun wohl vergessen, denn jetzt wird gegessen, so Mickel, der schon fast eingeschlafen war. Was er damit meint, traut sich keiner zu fragen. Mickel murmelt etwas vom „letzten Mahl mit der Geliebten“. Er wendet sich zu Czecho, dieser solle doch drei weitere Männer anrufen, denn sie seien nur zu neunt, und das Asymmetrische könne er nicht leiden. Schon bietet sich ein vollbärtiger Penner an, mit Zahnausfall und Schweißfuß. Er wird von den bereits Angesoffenen negiert, weil er angeblich das Schild „Sie werden plaziert“ übersehen habe. Helga aber:

Wer hier (…)
Zuerst bedient wird, das bestimme ich
(…)! Erst
Endler!
Noch mal dasselbe, Adolf?

Czecho, noch mal Bier und Austern bestellend, berichtet im Chaos, daß sich nur ein gewisser Braun bereit gefunden habe, ohne viel überredet werden zu müssen, übrigens. Mickel (soeben ein Stück Fleisch erlegend): Den kenne ich, da sind wir ja genug, denn das ist der Braun vom Einerseits/Andrerseits. Der jetzt von allen mit Eddi Pferdefuß angesprochene Endler wird inzwischen an den Tisch gebeten, raucht eine dicke Zigarre mit, gehört jetzt wohl auch zur Tischgesellschaft. Dann starren alle „rauchend den sternvollen Himmel an“ – Sie müssen nämlich wissen, daß Elke Erb die ganze Zeit draußen damit beschäftigt war, diese Freß- und Saufstätte wandlos zu machen; Sarah Kirsch hingegen dachte darüber nach, wie sie den Ort zum Dichtergarten umbauen könne. – „Morgens dann, viertel nach vier“, wenn die alten Meister längst ruhen, geht’s für die Jüngeren ab nach Hause. Auf dem Rückweg begegnen sie dem Braun, der sofort drauflos philosophiert: „Wißt ihr, was ein richtiger Arbeiterstaat braucht?“ Die Antwort kommt überraschenderweise aus dem Mund von Leising, der doch den ganzen Abend über geschwiegen hatte. Sein Echo, vom Schluckauf Tragelehns unterbrochen: „Einen richtigen Kartoffelsalat!“ Braun versucht es noch einmal, nämlich andererseits: „Ja ja, aber es geht im Leben um die Ideale.“ Da klingt es durch die Gassen: „Aale!“

 

Grüppchen kochen Süppchen
Meine Collage der „Sächsischen Dichterschule“ sollte einen Einblick in ihren ungehemmten Austausch von Naturalien, nicht unbedingt spiritueller Art, vermitteln – eine DDR-eigene Version von Platons „Symposium“. Der hedonistische Umgang sollte für die hier angesprochenen Autoren nicht nur den Aufenthalt in der Literaturgesellschaft angenehmer gestalten: Das Schreiben über Essen und Trinken, der Austausch von erotischen und anderweitigen Erfahrungen bewährte sich ebenfalls als Überlebensstrategie. Denn die Erschließung der Tabusphäre beförderte im literarischen System der DDR eine Gegenkultur, die als „Komplott“ galt, ohne daß die Schriftsteller damit die Ausgrenzung aus der offiziellen Kultur anstrebten. Karl Mickel steigerte die Neigung der „Sächsischen Dichterschüler“ zum Hedonistischen, dem sie subversive Kraft zubilligten, ins Kannibalische. Wir werden sehen, daß diese Mickelsche Barbarei in den letzten Jahren einen riskanten Punkt erreichen sollte. Den Punkt der Selbstverspeisung.
Die vierzig Jahre junge, jetzt hinter uns liegende, aber noch lange nicht abgeschlossene Geschichte der DDR war eine Geschichte der ständigen Abgrenzung. Die Igelstellung sollte den Staat insbesondere vor schädlichen Einflüssen des kapitalistischen Außen schützen. Aus diesem Grund versprach sich die SED viel von einer puritanischen Haltung, denn nur als eindeutige moralische Instanz konnte sie den Verführungen des westlichen Kapitalismus widerstehen. Die Parteispitze pries ihre Lehren hinter einer grauen und eiskalten Maske der Enthaltsamkeit an, davon zeugen die von der SED 1963 veröffentlichten zehn Grundsätze der sozialistischen Moral. Sie sollten das Schreckensbild unreglementierter Zusammenkünfte, die auf Konspiration aus waren, ausmerzen. So zitierte die auf Verschwörung fixierte Gründergeneration des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden öfter den Spruch „Grüppchen kochen Süppchen“, wobei „Süppchen“ politisches Dissidententum oder Eigenbrötlerei, Gruppensex oder formalistisches Experiment meinen konnte. Später fühlten sich die der „viktorianischen Moral der sechziger Jahre“ verpflichteten Kultur-Warte auch berufen, die sich allmählich auf der „Lyrikwelle“ sammelnden Grüppchen davon abzuhalten, ihre Süppchen zu kochen. Nicht so sehr das einzelne Gedicht wurde gefürchtet, sondern der Text als Zentrum Gleichgesinnter. Die marxistisch formulierte Ästhetik hatte, begleitet von Verboten, Tribunalisierungen und Aussperrungen, nichts anderes im Sinn, als im „Leseland“ das Reinheitsgebot durchzusetzen. Die unanständigen Kinder sollten aus der paradiesischen „Literaturgesellschaft“ entfernt werden.
Schon beim Verbot der Drahtharfe von Wolf Biermann im Jahre 1965 spielten moralische Erwägungen eine Rolle. Unakzeptabel, da dem harmonischen Menschenbild des auch postum verehrten Johannes R. Becher widersprechend, war die Darstellung des Realen im real existierenden Sozialismus, nämlich der Trink- und Eßgenuß erwachsener DDR-Bürger. Da Biermann die postulierten Normen nicht achtete, wurde er leichte Beute für die Moralapostel: „Unsere DDR ist ein sauberer Staat“, so Erich Honecker 1965 vor dem ZK:

Es ist an der Zeit, der Verbreitung fremder und schädlicher Thesen und unkünstlerischer Machwerke, die zugleich auch stark pornographische Züge aufweisen, entgegenzutreten.

Biermann würde mit seinen hedonistischen Provokationen den sozialistischen Nachwuchs verseuchen, sie sprengten, im Gegensatz zu Volker Brauns „Provokationen“ übrigens, den Rahmen der vorgeschriebenen Dialektik. Biermanns Gastmahl galt den Puritanern als décadence par excellence:

Genossen!
Kommt an meinen Tisch!
Ihr! Meine Freunde!
Genossen! Vergeßt meine Worte, zunächst, und kommt!
Wir wollen essen und hernach
auch noch ein bißchen singen.

Daß im Wort „Genosse“ auch der Genuß mit anklingt, dürfte den Genossen wohl nicht geschmeckt haben. Biermann formulierte in seiner „Tischrede des Dichters“ aber gleichzeitig dasjenige, was ihm als Mundtoter übrigblieb. Auftritte im Wohnzimmer in der Chausseestraße, wozu er seine Freunde einlud. Diese Lesungen und Diskussionen wurden bekanntlich zum subkulturellen Markenzeichen der DDR – nicht nur im anscheinend ausschließlich von Verschwörern bewohnten Prenzlauer Berg. Auch Wiepersdorf wurde, wenn Sarah Kirsch dort residierte, Treffpunkt neue Manuskripte lesender und Feste feiernder Dichter. Im sorbischen Wuischke öffnete Kito Lorenc die Tür für die Kollegen, die seine Freunde wurden. Inge Müller beschrieb in ihrem Gedicht „Freunde“ den intimen Charakter solcher Treffen. Die Anwesenheit der Teilnehmer blieb auch dann spürbar, wenn sie schon längst gegangen waren.

Im Zimmer geblieben
Ist der Tabakrauch
(…)
Ich seh eure Schatten wandern
Einer vor über in dem andern

 

Welt vernaschen
Die Isolations- und Schutzmaßnahmen trieben Autoren anscheinend unabsichtlich zusammen, wurden somit ein fruchtbarer Boden für Kollegialität und feste Freundschaften. Gleichzeitig schien eine direkte Korrespondenz zwischen Schreibweise und sozialem Austausch zu bestehen. Was in den Augen von Inge Müller für die mit ihr befreundeten Dichter galt, prägte auch die Textur der Gedichte: Ein Text ging dem anderen voraus und in den anderen über. Nicht nur die Türen ihrer Wohnungen, sondern auch die Gehäuse ihrer Gedichte standen für alle und alles offen, so daß die Lyriker nicht den gleichen Fehler machten wie ihre Kontrahenten, die gerade Störendes auszugrenzen suchten. Der Ort des Rückzugs wurde ein Ort des lebhaften Austausches, und statt des zu erwartenden Verlusts der Umwelt wurde ihre Einverleibung geübt. In der Lyrik der „Sächsischen Dichterschule“ wurde das Transitorische gelobt: Wer nicht gefressen werden wollte, mußte die Zähne zeigen, selber den notdürftig umzäunten Dichtergarten auskundschaften und auf die Jagd nach geistiger Nahrung gehen, um mit der jeweiligen Beute seine Verse zu schmücken. Als für die in den sechziger Jahren noch jungen Dichter deutlich wurde, daß die Leckerbissen moderner Literatur im Giftschrank verborgen wurden, mußten sie sich an denen, die davon gekostet hatten, vergreifen, damit auch sie etwas davon abbekamen. Durch Plagiat, Zitat, Paraphrase und Parodie „fremder“ Texte von älteren Kollegen lernten sie sich in der Welt zurechtfinden, ohne daß ihnen eine Instanz eine Vorlage aufzwang. Eine neue Schreibweise wurde entwickelt; diese kam den Kulturfunktionären ungelegen. Die berüchtigte Lyrik-Debatte in der Zeitschrift der FDJ, Forum, im Jahre 1966 hat diesen Schock der Orthodoxen dokumentiert. Was eine Auseinandersetzung über das Verhältnis zwischen Literatur und der damals bejubelten Wissenschaftlich-Technischen Revolution werden sollte, lief auf einen Schlagabtausch entgegengesetzter Literaturauffassungen hinaus. Die Jüngeren stellten sich, mit Erfolg, den Älteren. Streitpunkt wurde Karl Mickels Gedicht „Der See“, im selben Jahr erschienen in Vita nova mea. Dieser eigensinnige Text führte offen vor, wie der junge Lyriker im eng umzäunten Biotop DDR Unerreichbares sich anzueignen versuchte. Im ersten Teil des Gedichts werden Probleme bei der sogenannten „See-Forschung“ angesprochen, wenn es dem Forscher nicht gelingt, dem Untersuchungsgegenstand auf den Grund zu gehen, denn „(…) du stößt mich im Gegensinn / Aufwärts, ab, wenn ich atemlos nieder zum Grund tauch“. Die aufwärtswirkende Kraft des Wassers wird zum Dilemma des Forschers. Zwar kommt er auf diese Weise fast der Sache näher, wird dafür aber vom biotopischen Kreislauf – „Leichen und Laich“ – aufgenommen, da er diesen gerade zu durchbrechen sucht. Das konventionelle Herangehen erweist sich als zu aufwendig und zeitraubend:

Ein Jahr: ein Schritt, zehn Jahr: ein Wasserabschlagen
Ein Jahrhundert: Ein Satz

Der Forscher riskiert eine Wende in seiner Methode, um möglichst wenig Zeit zu verschwenden:

Also bleibt einzig das Leersaufen
Übrig
(…)

Dieser totale Umbruch in der Landschafts- und Weltaneignung wurde von Georg Maurer als einzige Alternative Mickels erkannt:

Und das nimmt sich enorm viel Zeit. Ein Jahrhundert: ein Satz. Das soll Herr Mickel im selben Tempo ausforschen? Wo käme er hin? Da wird kurzer Prozeß gemacht.

Andere Kommentatoren hatten schwerwiegende Einwände gegen das Gedicht, dessen plötzlicher Drehpunkt zwischen dem zweiten und dritten Teil als inhuman galt. Wo käme Mickel hin, Wissenschaft mit Lust zu verknüpfen, so das Resümee des dogmatischen DDR-Germanisten Hans Koch. In dem Moment, da Mickel die „schartige Schüssel, gefüllt mit Fischleibern“, an den Mund setzt, verknüpft er tatsächlich strenge wissenschaftliche Akribie mit sensualistischer Unersättlichkeit: die zu erforschende Welt wird von ihm vernascht.
Diese Art der Einverleibung von Organischem hatte einen Vorläufer in der futuristischen Utopie der „Eßbarkeit der Erde“, welche der russische Dichter Welimir Chlebnikow 1915/16 in seinen „Vorschlägen“ entwickelte. Der Verzehr des gesamten Erdballs, im Rhythmus alltäglicher Mahlzeiten, sollte den archaischen Urzustand restituieren:

Die Erde wurde eßbar, eine jede Schlucht wurde zum Eßtisch. Den Tieren und Pflanzen wurde das Lebensrecht zurückerstattet, ein schönes Geschenk. Und wir sind aufs neue glücklich.

 

(Aage A. Hansen-Löve in: Linguistik und Poetik, 1/1988)

Chlebnikow hatte sich an der Vorstellung geweidet, „daß die Erzeugung von ,See-Suppen‘ möglich sei, denn das Wasser der austrocknenden Ilmen-Seen ist angereichert mit Lebewesen und, wenn man es zum Sieden bringt, äußerst nahrhaft; der Geschmack erinnert an eine Fleischbrühe.“ Chlebnikows Schlürfen einer „See-Suppe“ wird in Mickels Gedicht „Der See“ aufs neue ausprobiert. Dabei wird an die historischen Taten des Barbaren Tamerlan erinnert: Die Wollust dieses Kriegers ergibt sich nicht aus dem Konservieren und Pflegen des Eroberten, sondern aus dem Verschlingen dessen, bis der Hunger gestillt ist – ein Hunger auch nach Erkenntnis des anderen, der wiederum die eigenen Gedanken nährt. Denn was an den Mund gesetzt wird, ist nicht „bloß“ ein See, sondern der Inhalt eines Schädels, das Hirn eines Menschen. So entsteht ein neuer Text. Der Mund ist demnach nicht nur ein rezeptives Organ, sondern zugleich ein produktives.
Wissensdrang und -vermittlung werden auf einer anderen, dem Oralen entgegengesetzten Ebene im Gedicht „Inferno XXXIV.“ aus dem Lyrikband Eisenzeit vermittelt:

Noch im Arsch des Teufels
Will Dante, was er wahrnimmt, wissen

Der Text traciert die Strecke von Weimar bis in die Hölle der „Göttlichen Komödie“ und kommt über Dante zurück zum Dichter Wulf Kirsten, dem das Gedicht gewidmet ist. Hier zeigt sich, wie durch das „frenetische Plagiat“ (Roland Barthes) Neues evoziert werden kann, das heißt, daß ein Text „wollüstig“ in einen anderen Text eindringt, mit dem Bedürfnis, „in“ ihm zu sprechen. Mickels wißbegieriger Umgang mit Text und Welt ist sensueller Art. Die Korrelation von (kollektivem) Welt-Körper und (individuellem) Körper wird im selben Band im Gedicht „Der Brocken“ angedeutet:

Die wir gern in Lüften leben
Ziehn durch Erdes Eingeweid
Bleiben in den Schlüften kleben
Alte klebt in neuer Zeit
(…)
Möchte Den und Jenen haben
Stäke gern in eurer Haut

 

Stoffwechsel von Geschichte
Die Obsession des Wirtschaftshistorikers Karl Mickel ist der Konsum von Geschichte. Seine Heimat, die DDR, muß ihm wie ein Schlaraffenland vorgekommen sein, da dort die verschiedenen Zeichen der Zeit ineinander übergingen. Während ihm das Wasser im Mund zusammenlief, stellte er 1975 die Vielfalt und Vielschichtigkeit der historischen Rudimente in seinem Land fest:

Unsere Städte sind lebende Zeugen der Geschichte, und die Einschlaglöcher an der Außenwand des Museums verweisen darauf, daß die Mumien im Innern der Gegenwart angehören. Wirtschaftliche Probleme der 70er Jahre wurzeln in den 50ern, oder den 40ern des vorigen Jahrhunderts; unsere Wohnungen, die wir haben oder nicht haben, sind gleichzeitig Gegenwart und Geschichte; die Geschichte wirtschaftet in unserm täglichen Leben (…).

 

(„Fünf Fragen durch die Tür“ in Eisenzeit)

Geschichte lebt und muß am Leben erhalten bleiben, so stellte Mickel 1983 in seiner Rede auf dem IX. Schriftstellerkongreß fest. Tradition gehe dann verloren, wenn sie nur als Abstraktum überliefert werde. Seine eigene Traditionsaneignung dankte er dem intensiven persönlichen Kontakt mit seinen „Lehrern“:

Nach jahrzehntelangem Umgang mit Paul Dessau und Georg Maurer verstehe ich Kunstdinge, die mir sonst unweigerlich verborgen geblieben wären: über beide Männer ist Tradition auf mich gekommen.

Seine Schlußfolgerung lautete, daß Geschichte nur über die intime Berührung mit Lebenden zustande kommen kann. So benutzte er, selber in der Funktion eines Lehrers an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, Goethes Drama „Die natürliche Tochter“ für Zwecke des Blankvers-Lernens, was er als eine „Sprachanalyse bis zum Körperlichen hin“ bezeichnete.
Lehren ist Aufklären über Geschichte, und „Aufklären heißt umstülpen, das Innere nach außen kehren, so daß es offenliegt“, formulierte Mickel 1980 in einem Interview mit Rudolf Heukenkamp. Adolf Endler charakterisierte Mickel schon 1965 als einen analytischen Dichter, mit Hang zum Sezieren. In Endlers Gedicht „Die düstere Legende vom Karl Mickel“ läßt er seinen Freund den berühmten Satz „Each man kills the thing he loves“ skandieren, damit nicht nur das Zerstörende, sondern vor allem die kannibalischen Züge in Mickels Werk freilegend. Denn der Liebling Geschichte wird aus Leidenschaft getötet, tierisch verschlungen, um in neuer Gestalt aufzuerstehen.
Geschichte wird in Mickels literarischem Werk von historischen Figuren wie Epikur, Lukrez, Ovid, Dante, Bach, Klopstock, Goethe, Hölderlin, Kierkegaard, Marx, Einstein und Brecht, aber auch von Marina Zwetajewa, Rainer Kirsch und Bert Papenfuß-Gorek verkörpert, die er alle liebt und die folgerichtig auf seiner Abschußliste stehen. Mickel geht in seinen literarischen Texten einen Stoffwechsel mit toten und lebenden Autoren ein, spricht mit ihnen, tauscht Gedanken aus und kommt so zu neuen, für die Gegenwart nützlichen Erkenntnissen. Den Stoffwechsel illustriert er am Beispiel eines der Benutzer dieser philosophischen Kategorie. Im Essay „Marx wird Marx“ aus dem Essayband Gelehrtenrepublik richtete er ein eigentümliches Licht auf den Marxismus. Nicht das Absolvieren offizieller ML-Kurse oder die Lektüre der MEGA, sondern eine öffentliche und intime Diskussion zwischen Engels, Feuerbach, Luther, Vater und Sohn Marx und natürlich Mickel sollte letztendlich zu einem subjektiven, aber gebrauchsfreundlichen Marx-Bild führen. Dafür war eine gemütliche Atmosphäre vonnöten, wie in der Einleitung des Essays skizziert:

Ich stelle mir den Tisch vor; Bücher, Schnaps, Zigarren; dieser oder jener geht weg und kommt wieder; der Gehende wird nicht verabschiedet, der Kommende nicht begrüßt. Die Verhandlung ist öffentlich (…).

Marx hört auf, papierene Vorlage zu sein. Auf Mickels Tisch/in Mickels Runde wird er neu zubereitet, geschnitten, gewürzt, gekaut, verzehrt, geschluckt und verdaut. Geschichtstragende Figuren kommen überall in Mickels Werken vor. Wenn sie vorkommen, werden sie selten vom Konsum durch den Verdauungsprozeß der Geschichte verschont. Der Stoffwechsel von Geschichte wird vor allem in Mickels Arbeiten für Film, Rundfunk und Theater demonstriert. Im Umgang mit dem Atomphysiker Einstein sollte in der gleichnamigen Oper das Thema von Krieg und Frieden, Verantwortung gegenüber der Menschheit und wissenschaftliche Freiheit verdeutlicht werden. Das Stück wurde Mitte der sechziger Jahre geschrieben, als auch das Gedicht „Leben des Physikers/Lamento“, erinnernd an Brechts Leben des Galilei, entstand. Die erste Zeile dieses Paralleltextes lautet:

Das ist die Geschichte vom Physiker Eins.

Der Name ist angenagt, der Rest – „tein“ – wird ausgespuckt. Auf dem Physiker wird gekaut, er wird gewendet und zerbissen:

… da wars keins.

Herr Eins wird ein Stück Fleisch wie jedes andere, also „ummontiert zum Vieh“, wie es im Gedicht heißt. Die Distanz zum berühmten Physiker wird gleich null; dieser wird zum Verzehr serviert. Mickels Appetit und anschließende Verdauung verweist unmittelbar auf die drei Hinrichtungsszenen in der Oper Einstein, in denen eine andere historische Figur, Hans Wurst, einem Menschenfresser namens E. Treu, von Beruf Krokodil, zum Fraß hingeworfen wird. Die Allegorie auf das Gute und Böse in der Geschichte der Menschheit läuft in drei Sequenzen ab: Im ersten Intermezzo entkommt Hans Wurst dem Tod, da das Krokodil sich selber frißt – als Appetitanreger. Wird er dann im zweiten Intermezzo doch noch verzehrt, kommt er im Epilog als neuer Mensch, tanzend auf der Schneide eines riesigen Rasiermessers, zum Vorschein, sprechend „Sie sehen, meine sehr verehrten Damen und Herren: Ich lebe gern.“ Die Auferstehung kann also erst nach dem Gegessenwerden erfolgen, nachdem die Wurst einen Stoffwechsel durchgemacht hat.
Mickel fraß sich ebenfalls in Büchners Dantons Tod fest, dem Drama, das bei ihm als Radio-Oper zu den Gebeinen Dantons wurde, das heißt nur als Gerüst der Vorlage diente. Die Reduktion kommt zustande, indem Mickel „sich in den Kopf des andern versetzt“ (Heukenkamp) und die wichtigsten Momente hervorhebt, diese dann sprachanalytisch bearbeitet. Gegenstand sind jetzt nicht die in den Geschichtsbüchern nachzuschlagenden Revolutionsbegebenheiten, sondern „die Revolutionsfolgen“. Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben im real existierenden DDR-Staat anno 1987 also. Nicht umsonst nennt er Die Gebeine Dantons und Die Weiberherrschaft Raubstücke. Sie wurden nicht nur geraubt von Büchner bzw. Aristophanes, sie sind inhaltlich auch raubsüchtig, durch die „sprachliche Engführung“ dessen beraubt, was Mickel Redundanz nennen würde. (Rainer Kirsch)

In den Auszügen aus einer Arbeit von 1968 über Karl Mickels Stück Nausikaa stellte Elke Erb den Stoffwechsel in den Vordergrund:

Die Aufgabe allem Wirklichen gegenüber heißt: es zu verarbeiten. Eben dieser Prozeß spiegelt sich im Bild der großen Verdauung.

Sie beobachtete eine ökonomische Schreibweise, mit geringem Aufwand die Hauptsache freilegend. Mickel habe nicht nur Homers Odyssee, sondern auch Goethes Nausikaa inkorporiert und auf die Essenz eines Kinderhörspiels reduziert. Was bleibt, sind die ständigen Eß- und Trinkgelage: Odysseus’ Strategie ist, die Heimkehr so schnell wie möglich herbeizuführen und die Vergangenheit zu vergessen. Den bei der Ankunft an der Küste der Phaiaken angebotenen Wein von Samos verträgt er nicht, da Polyphem, der Einaugriese, denselben trank, nachdem er die Freunde gefressen hatte. Odysseus trinkt und ißt aber trotzdem, um zu vergessen:

(…) ich ertrags nicht
Der Menschenfresser. Laßt mich es vergessen.
Trinkt

Odysseus’ Talent war das Vergessen, das sich als Überlebensstrategie herausstellte, wie Friedrich Nietzsche provokativ in seiner Genealogie der Moral verkündete.

Vergeßlichkeit ist (…) ein aktives, im strengsten Sinne positives Hemmungsvermögen, dem es zuzuschreiben ist, daß was von uns erlebt, erfahren, in uns hineingenommen wird, uns im Zustande der Verdauung (man dürfte ihn ,Einverseelung‘ nennen) ebensowenig ins Bewußtsein tritt, als der ganze tausendfältige Prozeß, mit dem sich unsere leibliche Ernährung, die sogenannte ,Einverleibung‘ abspielt.

Als Effekt dieser „aktiven Vergeßlichkeit“ verspricht sich Nietzsche „ein wenig Stille, ein wenig tabula rasa des Bewußtseins, damit wieder Platz wird für Neues“. Nietzsche schildert das Vergessen in Bildern des organischen Kreislaufs: Aneignung und zugleich produktive Verarbeitung. Dabei macht Nietzsche keinen Unterschied zwischen Tier und Mensch. So schlüpfen die Zwitterwesen – halb Mensch, halb Tier, nämlich Kentauren – über Hölderlins Kommentar aus Pindars Text in den geographisch begrenzten Raum der sächsischen Provinz in Mickels Gedicht „Die Elbe“, so wie die 1945 während des Bombenangriffs dem Dresdner Zoo und dem Zirkus Sarrasani entflohenen Tiere sich unter die in Panik versetzten Dresdner mischten. „Berufsverkehr“ heißt bei Mickel, „daß Der mit Jenem, Der mit Dieser / Es (Sein Wesen) treibt (…)“. Auch auf einer anderen Ebene befördern die Bestien den Stoffwechsel, denn sie sind es, die den Leser anregen, den vorliegenden Text und die zitierten Texte aufs neue zu lesen, in sich aufzunehmen und zu verarbeiten. Mickel hofft, daß der Leser über Hölderlin zu Pindar gelangt und in diesen Labyrinthen heimisch wird. „Ich wünsche“, sagte Mickel in einem Interview, „der Leser nähme die Anmerkungen oder Verweise im Text als Anregungen, bei Dante oder Goethe oder Hölderlin nachzuschlagen und sich dort festzulesen.“ Mickel frönt seinem Kannibalismus im Gedicht „Die Elbe“ durch den Verzehr des Elbe-Textes von Heinz Czechowski. Von der naiven Idylle am Elbufer, dem Einzeiler „Sanft wie Tiere gehen die Berge neben dem Fluß“, bleibt nach radikaler Neuzubereitung die bedrohliche Szenerie, um das Inferno um Dresden einprägsam zu schildern.
Anthropologisches Intermezzo Funktion des kannibalischen Rituals unter – in unseren Augen – primitiven Völkern ist die Aneignung von Qualitäten anderer zur Verfeinerung der eigenen, so hat uns Sigmund Freud in „Totem und Tabu“ berichtet:

Indem man Teile vom Leib einer Person durch den Akt des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften an, welche dieser Person angehört haben.

Kannibalismus hatte viele Gründe, u.a. den der Selbstbehauptung bei großen Hungersnöten oder den der Potenzierung gegenüber feindlichen Mächten. Dafür wurden vor allem Menschen anderer Stämme gegessen, was als sogenannter Exo-Kannibalismus bezeichnet wird. Aber auch Mitglieder des eigenen Clans konnten Opfer der Menschenfresserei werden. Aus den neuesten Ergebnissen ethnographischer Studien zur Anthropophagie geht hervor, daß Kannibalismus unter Stammesmitgliedern bestimmter Völker soziale Fähigkeiten regenerieren sollte, weil sie diese in den physischen Substanzen, im Fleisch und in den Knochen, angesiedelt glaubten. Dieser sogenannte Endo-Kannibalismus verband die Lebenden für immer mit den Toten. So beschreibt Peggy Reeves Sanday 1986 in ihrem Buch Divine Hunger Kannibalismus als kulturelles System, in dem durch das Sich-Vergreifen an anderen Menschen eine gesellschaftliche und kulturelle Ordnung instand gehalten wurde. Sie zitiert aus den Forschungen des amerikanischen Anthropologen Fitz John Porter Poole einen solchen Prozeß: In den Hochgebirgen von Neuguinea sollen Papuas des Bimin-Kuskusmin-Stammes das bereits alternde Stammeshaupt getötet und gegessen haben, um sicher zu gehen, daß sein Können und Wissen vor allem der von ihm getragenen Traditionen weitergegeben werden:
In ihrer Studie „From Communion to Cannibalism“ untersucht Maggie Kilgour 1990 die Transformation des anthropologischen Tatbestandes – nämlich den der Anthropophagie – in die Literaturwissenschaft. Bei Homer, Ovid, Augustin, Dante, Milton u.a. geht sie den Metaphern nach, welche auf das Inkorporieren anderer Literatur verweisen. Sie beschreibt eine lange Traditionskette in der abendländischen Literaturgeschichte, in der Worte als Fleisch in Texte hineingenommen wurden. Was einst als „imitatio“ gepriesen, später als Plagiat verurteilt wurde, wird heute als Intertextualität gehandelt. Eins blieb bei den Schriftstellern durch die Jahrhunderte hindurch unverändert: der Hunger nach Literatur anderer. Ob in der Renaissance, der Moderne oder Postmoderne: Von Kollegen entwickelte Techniken, erfundene Inhalte, Motive u.ä. werden erbeutet. Ein sublimierter Akt des Kannibalismus, so Kilgour, der in der Geschichte der Literatur kein Ende findet. Denn jeder Autor wird sich an anderen vergreifen müssen, um selber die Energie zum Produzieren zu finden.

 

Die Zeit frißt ihre Kinder
Mickels Stoff zum Leben hat sich durch die Jahre hin aus der Literaturgeschichte gespeist. In dem 1990 bei Luchterhand erschienenen Jahrbuch der Lyrik richtete er als Mitherausgeber eigens den Zyklus „Grab, Grimm und Trost. Gedichte der Deutschen“ ein: Neben Klopstock, Claudius, Goethe, Hölderlin und Mörike finden sich auch ins Deutsche übersetzte Texte von Sappho und Shakespeare. Nach wie vor heißt es:

(…) steter Umgang mit dem Vortrefflichsten hindert Bescheidung und Verzwergung

In der im selben Jahr als Band zwei der Schriften veröffentlichten neuesten Lyriksammlung Palimpsest, servierte Mickel im Zyklus „Zungen“ literarische Delikatessen von Petrarca, Michelangelo, Shakespeare und Alexander Blok. Beim Lesen der übrigen Gedichte im Band fällt aber etwas Bemerkenswertes auf: die Angst vor dem Tod, das Bewußtsein, daß derjenige, der nun seit fast drei Jahrzehnten Geschichte gefressen hat, selbst das Opfer der rücksichtslosen Geschichte wird. Das Verschlingen anderer stellt sich als selbstzerstörerischer Akt heraus – der Nager wird selber angenagt. Die Geschichte frißt, wie Kronos auf dem Bild von Francisco Goya, ihre Kinder. Das ist wohl das Schicksal eines Kannibalen, der damit rechnen muß, einmal selbst als Fraß vorgesetzt zu werden. Im Zyklus „Oden. Elegien“ spielt diese Vorahnung in mehreren Gedichten eine wesentliche Rolle. Die Frage lautet auch hier: Was bleibt? Wurde der Tod zuvor als metamorphisches Durchgangsstadium des ewigen Prozesses zur Gestaltung der Text- und Welt-Körper akzeptiert, so wird er heute als etwas Endgültiges gefürchtet, dann nämlich, wenn Mickel selbst Geschichte geworden ist.
Der einzige Ausweg scheint die Rückkehr zu den Quellen, wo das große Fressen begann: in der sächsischen Provinz. Der Titel der neuen Gedichtsammlung heißt nicht umsonst Palimpsest, da an der Oberfläche der Texte Zeichen vergangener Zeiten hindurchschimmern. Geschichte wird jetzt nicht mehr blind verzehrt, sondern erinnert. Öfter ist voller Heimweh die Rede von der Heimat:

Ich hänge an Dresden
Das ist meine Heimat

Sachsen, vor allem Dresden, bleibt Mickels „geistige Lebensform“, wie er in einem 1990 geschriebenen Aufsatz zum Nachwuchs-„Sächsischen Dichterschüler“ Thomas Rosenlöcher zugab. Drei Oden sind dem „sächsischen Landvermesser“ Heinz Czechowski gewidmet, dem einzigen Dresdner aus der „Sächsischen Dichterschule“, der seiner Heimat treu geblieben ist. Statt ihn zu essen, fordert Mickel ihn auf, sich mit ihm der Zukunft zuzuwenden:

Schließlich geht Alles
Dahin
Streu Deinen Samen
Ich streue den meinen

Von der Angst, von der Geschichte gefressen zu werden, handelt auch das Gedicht „Der Tod“: „Herr Fleischbein“ meldet sich beim Lyriker. Der Text ist Durchgangslager verschiedener Erinnerungen, sowohl an die Biographie als auch die Bibliographie. Dem Lyriker kommt das früher Gegessene wieder hoch. Im zweiten Teil des Gedichts erscheinen an fünf Stellen übereinandergeschriebene Vokabeln, welche den Palimpsest plastisch darstellen und welche auf die Folgen des Alterns des Text-Körpers hinweisen. Es sind Text-Brocken aus Werken für Theater, Film und Rundfunk, etwa aus Volks Entscheid, Nausikaa und Teil zwei vom Halsgericht, „Der Angeklagte“. Das Gedicht scheint außer Kontrolle geraten zu sein, kann die eigene Textur nicht halten, spuckt weiterhin Sätze, die gleichzeitig geschluckt werden. Um vorzubeugen, selber verschluckt zu werden, ruft Mickel sich einen Halt zu:

Nimm doch den Schmied aus dem Mund, Gabel!

Der Satz macht mir aber Schwierigkeiten. Zeugt er etwa von einem zivilisatorischen Prozeß, da doch Kannibalen selten mit Messer und Gabel essen? Betrachten wir hier den Kannibalen Mickel etwa in einer Phase der Resignation, befördert durch einen intimen Umgang mit dem Berufs-Melancholiker Heinz Czechowski? Auf jeden Fall ist klar, daß der Urheber des kannibalischen Akts das von ihm geschmiedete Instrument des Verzehrs auffordert, die Waffen niederzulegen, da es sich verselbständigt hat. Mickel findet das Fressen lieber bei anderen, als daß er sich an sich selbst vergreift.

Gerrit-Jan Berendse, Sinn und Form, Heft 6, November/Dezember 1991

 

 

ZU MICKEL

Am Ende, das weiß man,
Bleibt gar nichts. Oder doch?
Uns überdauerten
Die Mauern und
Die Gewölbe: Frauenkirche.

Ich bin gefahren,
Um sie wiederzusehn: Drei
Strafmandate. Dann sah ich,
Mitten im Sand,
Die geklonte Kuh. Das also

Ist sie, dachte ich mir, die ich
Als Kind sah, mitten
Im kalten Winter, das
Ist sie nicht! sagte ich mir
Inmitten der Stadt:

Industrieziegeldächer
Auf Cosels Palais, Steigenberger
Läßt grüßen… Auch der Zwinger:
Die Steine
Zehnfach erneuert, gemetzt.

Am Ende, das weiß man,
Bleibt nichts. Wie Tiere
Gehen die Berge
Neben dem Fluß…

Heinz Czechowski

 

Andreas Petersen: Zum Doppelleben des Dichters Karl Mickel. Wie aus In- und Auslandsagenten „hochgelehrte Käuze“ werden

In der Reihe Die Jahrzehnte. Das deutsche Gedicht in der 2. Hälfte des XX. Jahrhunderts fand 1992 in der literaturwerkstatt berlin ein poetologisches Gespräch zwischen Stephan Hermlin, Adolf Endler und Karl Mickel statt.

 

In der Reihe Die Jahrzehnte. Das deutsche Gedicht in der 2. Hälfte des XX. Jahrhunderts präsentierten Autoren ein frei gewähltes „fremdes“ und ein eigenes Gedicht aus einem Jahrzehnt. So entstanden Zeitbilder und eine poetologische Materialsammlung zur Dichtung eines Jahrhunderts. Das Gespräch zwischen Bernd Jentzsch, Wulf Kirsten und Karl Mickel fand 1993 in der literaturWERKstatt berlin statt und ist hier online zu hören.

Welche Poeme haben das Leben und Schreiben von Karl Mickel und Volker Braun in der DDR und Michael Krüger in der BRD geprägt? Darüber diskutierten die drei Lyriker und Essayisten 1993.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + InstagramKLGEinzeldarstellungArchiv + Internet Archive + IZAKalliope
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Nachrufe auf Karl Mickel: Berliner Zeitungder FreitagDer TagesspiegelDie ZeitFAZFRndlNZZOstragehege ✝︎

Konrad Franke: Der souveräne Weltanschauer
Süddeutsche Zeitung, 23.6.2000

Ijoma Mangold: Forderung nach Leichtigkeit und Höhe
Badische Zeitung, 24.6.2000

Zum 10. Todestag des Autors:

Thomas J. Richter & Heike Friauf: Eine Frage – Zum 10. Todestag des großen deutschen Dichters Karl Mickel
Die Linke, Juni 2010

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Stefan Amzoll: Was ist das, ein Mensch?
neues deutschland, 12.8.2015

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Mickel“.

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