Kerstin Hensel: Stilleben mit Zukunft

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Kerstin Hensel: Stilleben mit Zukunft

Hensel/Wahle-Stilleben mit Zukunft

MÄRCHEN-LAND

Jetzt da es wohnlich wird in unserm Haus,
die dürre Hexe durch den Schornstein geht
und süßer Kuchen an den Fenstern klebt,
da laden wir gemächlich Bilder aus

der alten Kutsche die sich leichter lenkt
wenn unbelastet sie durchs Tor geführt.
Am Kreuzweg sind die Pappeln festgeschnürt.
Das Brot im Moor, worauf wir treten, senkt

sich tief, bis wir uns vor dem Spiegel sehn
verwunschen und mit braunem Blut im Haar
und weil wirs doch nicht sind, erschrecken gar

vor der Erlösung, der wir nicht entgehn.
Ich sitz im Gold das ich zu Stroh verspinn
und dreimal darfst du raten wer ich bin.

 

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Kerstin Hensel

hat trotz ihrer Jugend viele Seiten des Lebens an sich und anderen erfahren. Sie behält sie, scheinbar, bei sich, spricht eigentlich nie nur von sich und verfällt weder ins Lamentieren noch in Zynismus. Ihre spröde, fast schüchterne Skepsis tut sich nicht hervor, und so wird die immer wieder abgerungene leise Hoffnung spürbar.

Gerhard Rothbauer, Mitteldeutscher Verlag, Klappentext, 1988

 

On the Frust

1986 erschien meine erste Gedichtsammlung in der legendären Lyrikreihe Poesiealbum, die der DDR-Verlag Neues Leben monatlich herausgab. Die Hefte konnte man für 90 Pfennig an jedem Zeitungskiosk kaufen. Zwei Jahre später der Gedichtband Stilleben mit Zukunft im Mitteldeutschen Verlag, in welchem die Gedichte aus dem Poesiealbum enthalten sind. Ich spreche deshalb vom Stilleben-Band als von meinem Debüt.
Geschrieben habe ich die Gedichte im Alter zwischen 19 und 25 Jahren. Bis 1982 habe ich in einem Karl-Marx-Städter Krankenhaus als chirurgische Schwester gearbeitet, von 1983 bis 1985 am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig studiert.
Lese ich heute meine ersten Gedichte, beginne ich zwangsläufig nicht nur über deren „literarischen Wert“ zu resümieren, sondern halte, nach Altweiberart, Lebensrückschau. Ich versuche die Verse als Fremde zu lesen, und doch geschieht das nicht ohne jene Peinlichkeiten und Sentiments, die einen überkommen, blickt man in Versunkenes.
Die Zeit, in der die Gedichte entstanden, war meine Lehrzeit in jeder Beziehung. Nie ging es in meinem Leben turbulenter zu. Die Gedichte sind, wie schlecht und recht sie geraten sein mögen, Spiegel meines damaligen Lebens und der Zeit-Geschichte.
Die 80er Jahre der DDR waren bestimmt von morschen, verstaubten Gesellschaftsstrukturen und Aufbruch, von Angst und Wagemut, von militärischer Aufrüstung und friedliebendem Widerstand. Persönlich litt ich darüber hinaus hingebungsvoll an vergeblicher Liebe, Einsamkeit, den grottenhaften Wohnverhältnissen und an totaler Mittellosigkeit. Auch wenn letzteres, wohl weil es vielen so ging, kaum von Wichtigkeit war. Die Literatur rettete mich, die ich gleichsam als arme Poetin tatsächlich unter tropfendem Dach schreibend im Bette saß. Alle, die wir kein Geld & Gut hatten, wußten, daß wir das höchste besaßen: die Freiheit, zu sagen, was wir wollten.
Ich, die ich aus sogenanntem „unpolitischen“ Arbeiter-Elternhaus stamme, hatte mich mit Gleichgesinnten umgeben – einer Clique kritischer Denkwilliger, die mich der Naivität enthoben und in Kunst & Literatur einführten. Der Freundeskreis, der sich in vielen Gedichten romantisch widerspiegelt. (Die Romantik freilich war in dem Moment dahin, als ich 1991 Einsicht in die Akten der Gauck-Behörde nahm und sich ein Teil der damaligen Freunde und Berater als Informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit entpuppte.) Wie auch immer: das Lebensgefühl jener Zeit – On the Frust – die Oper meiner Generation – war nicht gelogen. Jeder Vers aus dem „Stilleben“ bestätigt es.
Ich lese die alten Verse, sehe mich zurückversetzt in die Altbauhöhlen der Clique, wie wir „mißliebige“ Bücher verschlangen, dergleichen Musik hörten, diskutierten, Spaghetti kochten und mit viel Rotwein einer „verlorenen Revolution“ nachtrauerten. Ach, da sind sie wieder: die Spötter und Spitzel, die Lebenshungrigen und Selbstmörder, die Falschen und Echten. Und, ach: dieser widerständische Blues! Biermann, Joplin, Okudschawa, Wader, Wyssotzki und wie sie alle hießen. In meinem Fall war es nicht die Rock- oder Punkmusik oder der amerikanische Freiheitstraum, dem wir kämpferisch aufsaßen – es war die Vorstellung, dem beengten Leben im Lande mit hauseigenen Mitteln entfliehen zu können.
Beinahe jedes Gedicht spricht von dieser Vorstellung. Das Eingeschlossensein empfanden wir nicht nur im Grenz-Mauer-Sinne, sondern vor allem in den beengten geistigen und sinnlichen Handlungsräumen. Wir waren angewidert von den Bonzen und Spießern um uns herum, von der offiziellen Sprache, der Verlogenheit, Feigheit, Faulheit, Ignoranz und Indolenz der Leute, und wir waren Verächter alles Militärischen. Wir wollten anders sein als die Eltern, Lehrer und Parteigenossen: der Welt zugewandt, auch wenn diese für uns fast nur in den Künsten existierte.
Natürlich pflegten wir die Sehnsucht nach dem Fremdländischen. In Sachsen sitzend, „verbrüderten“ wir uns per Literatur-Kochabenden mit Lateinamerika, Griechenland, Indien oder Italien. Die kapitalistische Warenwelt hingegen interessierte meinen kleinen Kämpfer-Kreis nicht. In den „Fünf Gesängen“ schrieb ich, ungeniert die theatralische Diktion Pablo Nerudas annehmend, was wir auszustehen hatten, wonach uns drängte. Gott sei Dank, sage ich heute, steht hinter jedem Vers Ironie und Selbstironie.
Die Gedichte aus dem Stilleben tragen ein Widerstandspathos, das, bei aller Epigonalität und jugendlichen Großschnäuzigkeit, zeigt, auf welcher „literarischen Schiene“ ich mich damals befand: Gegen-das-Süßliche-Dichten, gegen die sozialistische Helden- oder Zufriedenheitslyrik, aber auch gegen die modischen Lyrikspiele der jungen rotzigen Bukowski-Epigonen. Meine Dichter-Lehrmeister dieser Zeit, die ich fleißig kopiert und persifliert habe, hießen u.a.: Bachmann, Braun, Brecht, Hölderlin, Jandl, Lorca, Majakowski, Mandelstam, Heiner und Inge Müller, Neruda, Ritsos, Rühmkorf, Shakespeare. Aber auch philosophische Ansichten von Freud, Benjamin oder Theweleit habe ich kühn in meine frühen Verse hineingewoben.
Mitte/Ende der 80er Jahre ließ sich in der DDR vieles sagen, vor allem in der Literatur. Zehn Jahre zuvor wären die Gedichte aus Stilleben mit Zukunft gewiß nicht veröffentlicht worden.

Kerstin Hensel, aus: Renatus Deckert (Hrsg.): Das erste Buch, Suhrkamp Verlag, 2007

 

Zweifeln für die Zukunft

Wer meint, Lyrik sei nur zum Lesen da, der hat einige Jahrzehnte verschlafen. Lyrik ist da, um gehört zu werden! Lyrik ist da, um gesehen zu werden! Das ist endgültig so, seit die Dadaisten auf der literarischen Bühne erschienen. Nach dem zweiten Weltkrieg machte sich die lautmalende und grafisch ambitionierte Lyrik vor allem in Westeuropa stark. Seit gut einem Jahrzehnt nehmen die virtuosen Wort-Vokalisten auch in der DDR ihre Chance wahr und treten auf, wo immer sie auftreten. können. Die DDR-Lyrik ist dadurch in Formen wie Äußerungen lebhafter geworden, als sie es drei Jahrzehnte war.
Als Bert Papenfuß-Gorek mit seinen zunächst überraschenden Gedichten auftauchte, ging die nur ein halbes Jahrzehnt jüngere Kerstin Hensel noch zur Schule. Jetzt ist auch die 1961 Geborene, von der bereits ein Poesiealbum erschien, mit dem ersten eigenen Gedichtband da. Der ist nicht nur für die Lyrikerin wichtig. Für die Lyrik in der DDR ist er wesentlich, weil die weiblichen Stimmen in den achtziger Jahren meist von den männlichen Kollegen übertönt wurden. Dieser Band nun präsentiert eine Poetin mit Zukunft. Kerstin Hensel kennt nicht nur Töne und Zwischentöne, sie beherrscht sie. Sie muß sie also nicht nur wiederholen, sie kann sie auf ihre Weise in ihren Versen variieren. Stilleben mit Zukunft könnte man auch so lesen: Still leben mit Zukunft. Das hieße Erwartungen nicht aufzustecken, Erfüllungen zu verlangen und nicht mehr erfüllt zu sehen, als zu erwarten ist. Aus dieser einsichtigen Lebens-Sicht heraus schreibt Kerstin Hensel Lyrik. Die langweilt nicht mit fortgesetzten euphorischen Gesängen oder melancholischen Litaneien. Deshalb ist die mitteilsame Traurigkeit der Lyrikerin so gut auf- und anzunehmen. Deshalb ist mit Genugtuung zu sehen, wenn sie, in kindlicher Laune, Purzelbäume schlägt. Das gelingt ihr leider nur noch selten. Sie weiß schon zu gut, wie ungelenk-erwachsen sie geworden ist. Aber alles wehrt sich in der Autorin gegen das autoritäre Erwachsen-Sein. Nicht gegen das Ge-wachsen-Sein, das hilft, Autoritäres abzubauen. Eingrenzungen erträgt die Lyrikerin nicht oder nur schwer. Sie widersprechen der Entfaltung, die die einmalige, einzigartige Chance jedes Individuums ist, seiner Individualität gemäß zu handeln, das bedeutet, sie zur Geltung zu bringen. Nur, wer sich selbst gerecht wird, wird auch seiner Zeit gerecht und kann zukunftsbezogen leben.
Die Kontakte, die Kerstin Hensel für sich herstellt, verbinden Kontinente miteinander. Wenn sie durch die real erlebte und die noch nicht erlebte reale Welt spaziert, verschlägt es ihr nicht die Sprache. Sie erfindet sich eine deutsche Sprache, die mit den gesuchten und gefundenen Wahlverwandten anderer Kontinente korrespondiert. Zwischen dem Geburtsort Karl-Marx-Stadt und dem Lebensort Leipzig zu sein heißt nicht, ohne die ganze Welt zu sein. Kerstin Hensels Gedichte gewinnen sich die Weite der Welt. Eingrenzungen werden so überwunden wie die Angst vor der Angst, Verluste durch die Verringerung der Lust, die Sorge vor dem Absturz, Abwärts-Gang, Aus-Gang…, für die die Autorin viele Worte hat. Denn: „Das sind die Worte: verwirrend und wunderbar“. Worte, mit denen Kerstin Hensel die eigenen Lebens-Gesetze aufs Papier schreibt.
In Form- und Sprachvariationen, die keine Gleichförmigkeit und Eintönigkeit zulassen. Die Lyrikerin liebt ihren spielerischen Sprach-Sinn und zweifelt an ihm. Das Spiel zwischen Liebe und Zweifel funktioniert, weil die Lyrikerin der Sprache vertraut, sie zu ihrer Verbündeten wählt, um so Spaß und Stärke ihrer lyrischen Schrift-Laute zu ermöglichen. Die Lyrik der Kerstin Hensel zu lesen, zu hören, zu sehen, heißt, auch die Biographie einer jungen Frau zu sehen. Sie projiziert Bilder ihres Lebens in die Dichtung und produziert poetische Lebens-Bilder, die sie für sich, morgen, möglich hält.

Bernd Heimberger, Neue Zeit, 5.6.1989

Fragen zwischen den Generationen

Ursula Heukenkamp: Die Überschrift ist keine Metapher. Als ich meine Urteile zu diesem Gedichtband sammelte, befielen mich – nicht zum ersten Mal – Zweifel an meiner „gnoseologischen Kompetenz“. Daher bat ich eine andere Literaturwissenschaftlerin, meine Urteile zu kommentieren. Sie ist fünfundzwanzig Jahre jünger.

Der Titel Stilleben mit Zukunft scheint mir unzutreffend. Es sind keine Allerweltsgedichte, die jedem etwas bringen oder lassen und darum die „Zukunft“ als Hintertüre offen halten. Schon das Titelgedicht sagt das Gegenteil. Kerstin Hensel nimmt keine Rücksicht darauf, ob Konflikte in den Gedichten erdrückend werden, wenn sie sie so erlebt hat. Schlüsselgedicht für die Semantik von Zukunft und Aussichten ist für mich „Engelspuppen“, weil hier Sozialisierung und deren Folgen als Formen von frühzeitigem Tod, Verlust von Energie und Vitalität erscheinen. Das ist erschreckend; aber ist es erschreckend nur für mich, weil ich einer anderen Generation angehöre? Trifft dich die Metapher vom Larvenzustand, der unmerklich in den Tod übergeht, ohne daß etwas gewesen wäre, vielleicht gar nicht so unvermutet? Und wäre dann diese Idiosynkrasie gegen das Hoffen ganz normal, ein Problem nur vor dem Horizont der Generation, die Erwartung auf die bessere Zukunft als Lösungsmittel lebenslänglich mit sich tragen wird, auch wenn sie entgegengesetzte Erkenntnisse zu verarbeiten hat? Mehr als bei anderen Lyrikern der Generation zeichnet sich in Kerstin Hensels Gedichten ein Generationszusammenhang ab. Andere wie Uwe Kolbe mit seinem „Hineingeboren“ oder seinem „Wir leben aus Rissen“ haben ihn zwar ausdrücklich thematisiert. Aber hier steht er als die Bedingung, die das Gegebene markiert, an der die Unbedingtheit sich stößt und die sie in eingefahrene Bahnen drängt. Daher erscheint die Bewegungsfreiheit immer begrenzt. Das wird weder akzeptiert noch geleugnet. Die Gedichte enthalten es als Unruhe, etwa in der Figur der „Kehre“. Ich nehme als Beispiel den Zyklus „Fünf Gesänge“. Der erste gilt den Worten und fängt als Eloge an, nennt sie „verwirrend und wunderbar“, bis sich dann das Blatt wendet und schließlich vom „Brausepulver / zwischen schalen Kongressen…“ geredet wird: Die gleiche „Kehre“ hat man, wenn die „große Lust“ gepriesen wird, erst mit schönen Tönen, die sich bald als Versatzstücke erweisen, die der Lyrik der frühen siebziger Jahre entnommen sein könnten, bis schließlich „Lust“ einfach mit FRUST übersetzt wird.
Beim „Gesang von der Aussicht“ hätte es mich gewundert, wenn er anders endete als mit einer „Kehre“ zur Reflexion allgemeiner Aussichtslosigkeit:

So aber, lebend in dieser Mitte, frei aller Begabung, dahinzukommen oder es abwenden zu können, schreiten wir
noch einmal zum Mai.
Megafone an vier Ecken des Zeltes. Daraus erklingt das
Versprechen, das auf mir hängen bleibt wie ein
Kettenhemd.

Ich tadle nicht, was mir fremd ist. Aber würdest du die Auffassung tadeln, daß sich in den „Gesängen“ eine Neigung manifestiert, sich einzuleben in den Umgang mit Täuschung und Enttäuschung? Macht sich nicht auch die Mechanik eines Wiederholungszwangs bemerkbar, etwa in dem Wortmaterial der „Gesänge“, das als Toposkette negativer Erfahrungsmöglichkeiten angeordnet ist?
Doch sollen damit die Gedichte nicht auf einen Begriff festgelegt werden. Damit täte man ihnen wirklich unrecht. Ich möchte auch sagen, was mir sehr gefällt. Und das wird schon eine Aufzählung. Ich finde, daß die Gedichte an Aussagen arbeiten. Die Worte sind mit Bedeutungen belegt, die ein Subjekt betreffen, sind Zeichen, die sagen: „Hier bin ich, das will ich, das ist mir verwehrt.“ Das würde ich für eine Fortsetzung der Tradition der DDR-Lyrik halten. Dabei war, vielleicht mehr als in der experimentellen Lyrik, der die Tradition nicht ins Gehege kommt, viel Arbeit gegen die Klischees des ungenauen Fühlens und bloß annähernden Bezeichnens zu leisten. So wischt Kerstin Hensel etwa die ganze „Poesie des Alltags“ der frühen siebziger Jahre mit Koch-, Eß- und Lobgedichten und idyllischen Neigungen mit einer Geste weg, wenn sie über dieselben Gegenstände redet.
Ist indes nicht dafür ein hoher Preis bezahlt, indem Unmittelbarkeit eigentlich gar nicht mehr geht? Alle Liebesgedichte sind traurig, aber am traurigsten nicht dort, wo einer um den anderen Schmerzen leidet wie in „Das Verbot“, sondern wo davon geredet wird, daß der eine dem anderen buchstäblich zu schwer wird. Ist „Komm über den See“ tatsächlich verbraucht? Muß die Furcht, das Gefühl zu belasten, der Liebe etwas zuzumuten, als ein Symptom, als Ausdruck von Lebensgefühl verstanden werden? Und Naturgedichte? „Hochmoorsommernachtstraumreise“ zeigt an, daß es gehen könnte und Naturerlebnisse nicht völlig ausgestrichen werden müssen. Aber es ist die Ausnahme, gegen die die „durchwachsenen“ Gedichte mit dem, weiß Gott berechtigten, bösen Blick auf Landschaften stehen wie „Pflanzung“, „Garten (eine Metamorphose)“ oder „Am Strand“.
Nie verliert sich die Sprache ins Weitschweifige oder gar in Larmoyanz. Das verhindert ihre Aussagefunktion, durch die die Gedichte fest und streng werden: Darin beweist sich Konsequenz im Sinne der eingeschlagenen Richtung; aber auch eine Festlegung, indem sie die Beschreibung des Soseins vorziehen und der Verführung zum Anderssein nicht nachgeben. Kerstin Hensel verzichtet auf den Umgang mit Hoffnung und Illusion, aber auch auf das Spiel mit Sprache, Bildern oder Rollen. Bei den Lyrikern aus der gleichen Generation ist das anders. Ich denke an Papenfuß, Döring, Böhme; auch Wolfgang Hilbig spielt, wenn nicht mit den Worten, so mit Gehalten der Überlieferung, den Fühlweisen. Bei den Frauen ist das überhaupt selten. Wäre es denkbar, daß sie sich mehr ans Gegebene halten und bei den Erfahrungen aufhalten? Daß sie sich weniger frei zu machen vermögen und die Ironie nicht zu ihren Mitteln gehört, mit der Welt umzugehen?
Eine Kritik will ich noch anmelden. Sie betrifft die Gedichte des letzten Abschnitts unter der Überschrift „Großvater hat eine Vergangenheit / zu viel / Er schweigt und da ist nichts / still“. Das klingt, gerade im Vergleich mit den sprachlichen Fassungen für eigene Zeiterfassung, unpersönlich und altklug. Und diese Gedichte rühren auch nicht viel auf. Es herrscht ein Redetyp vor, den ich als gedrechselten Lakonismus beschreiben würde. Der Ton ist insgesamt verschlissen. Die Gedichte, die aus sich Bedeutungen entwickeln, und dafür Raum brauchen, beanspruchen Aufmerksamkeit. Teilst du den Eindruck, daß die politischen und ihnen nahestehenden Gedichte nicht zu jenen gehören?

Marianne Heukenkamp: Auch mir sagen nicht alle Gedichte zu. Das Lebensgefühl aber, das sich, für dich fremd, in ihnen ausspricht, ist mir vertraut. Daher meine geringe Distanz, die mich in der Position eines Deutenden, Erklärenden dir gegenübertreten läßt. Das Lebensgefühl unserer Generation entwächst stärker dem Gefühl einer Handlungsohnmacht („Eingepuppt-Sein“ ist eine überaus treffende Metapher), dem Eindruck, „auf uns kommt es ohnehin nicht an“, „es ist alles längst entschieden“. Der heroische Aufbruch des Anfangs, der auch für uns als historischer „Neubeginn“ proklamiert wird, ist nur in der Gestalt kanonisierter Erinnerungen auf uns gekommen; der dem Fortschrittsglauben des anfänglichen Aufschwungs entsprungene historische Optimismus ist zum Axiom geworden, das in unserer beschränkten Lebenswirklichkeit, in der alles nach Erhaltung des Status quo strebt, nicht die Stelle „Zukunft“ – „die alte / Kiste an der das Meer frißt / Tag für Tag / wie an einem Knochen“ – besetzen kann. Eine institutionalisierte „bessere Zukunft“, die ins Heute als Plakatwirklichkeit geglätteter Worte lugt, ist längst als Fassade durchschaut („Es geht weiter hienieden! / Bleischwer die Ämter und Akademien: Ruhepole zarter / Revolutionen. Geschichtsbücher mit Barrikaden, Gedichtsbücher / mit Gilbflecken, Worte mit Wasserkopf.“), aber eigentlich durch nichts Neues ersetzbar! Insofern bezeichnet die Metapher vom Larvenzustand, dessen einzige Metamorphose der Tod ist, schon einen „Normalzustand“. In „Engelspuppen“ ist diese Welt-Sicht deutlich ausgesprochen; auch ich halte dieses Gedicht für einen Schlüsseltext; wird hier doch der Bauplan des Erfahrungsraumes der anderen Gedichte entfaltet. Leben wir uns ein in den „Umgang mit Täuschung und Enttäuschung“, wie du vorsichtig den härteren Begriff Resignation umschreibst? Ist das „Kettenhemd“ des Versprechens anders zu tragen denn mit zielloser Geduld? Ich meine, das „Wer-immer-strebend-sich-bemüht“ gilt, wenn wir beim Zeitdenken in Generationen bleiben wollen, auch für deine Generation nicht mehr, vielleicht für die davor noch, der „Neues“ wirklich greifbar, ja realisierbar schien. Nur diese Altvorderen haben doch jenen festen Zukunfts-Zugriff, den ich Glauben nennen will und der ein durch Erkenntnisse eigentlich nicht zu erschütterndes Welt- und Geschichtsmodell begründet, das uns monolithisch-unverstehbar und unveränderlich gegenübersteht. Der Riß zwischen deiner und meiner Generation ist ein „Schatten-Riss“, eine Grenze zwischen heller und dunkler, die aber wohl auch durch einen jeden von uns selbst noch einmal verläuft. Aussicht auf etwas, das nach vorn greift, das Bestand hat? In „Gesang von der Aussicht“ lese ich:

Bleiben werden die wahren Gesänge von Not und von
wirklich helleren Zeiten, Doch wenn die Angst geht,
steigt meine Angst. Friede ist
nicht nur kein Krieg. Das aber ist die Aussicht…

Die „wirklich helleren Zeiten“ scheinen mir eine Metapher zu sein, die dem utopischen Denken entlehnt ist und, so mein Eindruck, im langen Gebrauch (nicht dem meiner Generation) verschlissen ist. In der Zusammenziehung von vorgeprägtem Ausdruck und ganz Ureigen-Persönlichem (der Hoffnung auf Liebe) unter dem Titel „Aussicht“ erweist sich für mich, wie sehr die Aus-Sicht auf einen Frieden, der kein Nicht-Krieg, keine Befestigung und Rechtfertigung des Bestehenden in seiner Mangelhaftigkeit ist, der Bewegung und Entfaltung nicht in den privaten Raum abdrängt (wo sie so separiert auch nicht stattfinden können), zum Warten auf ein Wunder geworden ist.
Wo aber eröffnet sich denn Aussicht überhaupt? In der Hoffnung auf Verstehen, Zusammengehörigkeit, Vertrauen zwischen dem Ich und dem „DU“:

Das ist noch nicht geschehen: Ich wache auf in einer einmaligen Frühe, DU liegst neben mir
und sagst: nicht heute gehe ich, nicht morgen weg von dir,
und wirklich,
DEINEN Worten kann ich glauben heute und morgen…

Auch hier aber überwiegt negative Erfahrung.
Du fragst nach der verlorengegangenen „Unmittelbarkeit“, mit der etwa die „Poesie des Alltags“ nach dem „Leben“ griff. Ich meine, daß es in Kerstin Hensels Gedichten durchaus eine Unmittelbarkeit gibt. Nur, und das bezeichnet vielleicht den wesentlichen Unterschied zwischen dieser neuen und der „verlorengegangenen“ Unmittelbarkeit, haben die Gegenstände und menschlichen Beziehungen des Alltags weniger Festigkeit, weniger Bestand, sind verknotet in eine Geschichte, die ohne uns abläuft, die damit eine Geschichte unserer Ohnmacht ist.

Während wir zwei Zigaretten rauchen,
ändert sich die Geschichte und während die Geschichte
sich ändert, treten wir die Kippen aus. Das Neue
ist die Gemächlichkeit des Fortschritts. Darüber ließe sich viel sagen, sagen wir, greifen ins Toastbrot,
schenken Wein nach und sehen uns zwischen die
Schenkel: drei Stunden geredet über Revolution, jetzt
ist es elf!

 

(„Gesellschaftsabend“)

Die rücksichtslose, ja eigentümlich scharfe Offenheit solcher Gedichte wie „Engelspuppen“ und „Sonett“ steht für mich in scharfem Widerspruch zu dem importierten; wie du es sehr schön nennst, „altklugen“ Gestus, der die Geschichtsbewältigung, die da in den Gedichten des letzten Abschnitts unternommen wird, bestimmt. Wirklich erfolgt hier eine erfassende Konstruktion unserer Lebens-Bedingungen, wobei die Konstruktionsgesetze und die Perspektive dem Erfahrungsraum meiner Generation entsprechen, der dir fremd ist, uns aber wirklich sehr wenig Raum zum Anderssein offenläßt.

In ihrem Eigensinn liegt die Stärke der Gedichte von Kerstin Hensel. Darüber kann man nicht einfach hinweg und zur Tagesordnung über-gehen, wenn auf der Reden von der allgemeinen Übereinstimmung stehen.

Ursula Heukenkamp und Marianne Heukenkamp, neue deutsche literatur, Heft 438, Juni 1989

 

 

Aufbruch 1989 – 2019 Erinnern Kerstin Hensel erinnert sich…

Brigitte Schwens-Harrant im Gespräch mit Kerstin Hensel – „Die Realität ist es, die übertreibt“.

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Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Susanne SchleyerBrigitte Friedrich Autorenfotosdeutsche FOTOTHEKDirk Skiba AutorenporträtsGalerie Foto Gezett  + IMAGOKeystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die Hensel“.

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Kerstin Hensel

 

Kerstin Hensel liest das Gedicht „Erste Hoffnung“ auf der Großen Nacht der Poesie des 2. ÖKT in München.

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

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Rat war heiter. – Harter Reiter im Haarkleid. – Rare Weite.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

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