FRIEDRICH THEODOR VISCHER
Prähistorische Ballade
Ein Ichthyosaur sich wälzte
Am schlammigen, mulstrigen Sumpf.
Ihm war in der Tiefe der Seele
So säuerlich, saurisch und dumpf,
So dämlich, so zäh und so traurig,
So schwer und so bleiern und stumpf;
Er stürzte sich in das Moorbad
Mit platschendem, tappigen Pflumpf.
Da sah er der Ichthyosaurin,
So zart und so rund und so schlank,
Ins schmachtende Eidechsenauge,
Da ward er vor Liebe so krank.
Da zog es ihn hin zu der Holden
Durchs klebrige Urweltgemüs,
Da ward aus dem Ichthyosauren
Der zärtlichste Ichthyosüß.
1882
Konnotation
Auch in der Frühgeschichte unseres Planeten gab es offenbar Wesen, die an der alten Geschichte, die laut Heinrich Heine „immer neu bleibt“, enorm gelitten haben: dem Liebesschmerz. So hat sich der Ästhetiker, Linkshegelianer und Dichter Friedrich Theodor Vischer (1807–1887) einen besonders empfindsamen Saurier ausgedacht, dem in seiner Sumpf- und Dschungel-Welt heftige Liebesqualen zusetzen.
Vischers heiter-groteskes Liebesgedicht hat für seine satirisch aufgerufenen Akteure ein großes Erbarmen übrig. Denn trotz einer gewissen Schwerfälligkeit der beiden Liebesnarren fügt sich ihre Begegnung zu einem guten Ende, das dann sogar mit einer reimbedingten morphologischen Metamorphose des „Ichthyosaurus“ endet. Vischers heitere Saurier-Passion findet sich in seinen Lyrischen Gängen von 1882.
Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009








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