Rainer Kirschs Gedicht „Meinen Freunden, den alten Genossen“

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RAINER KIRSCH

Meinen Freunden, den alten Genossen

Wenn ihr uns unsre Ungeduld bedauert
Und uns sagt, dass wirs heut leichter hätten
Denn wir lägen in gemachten Betten
Denn ihr hättet uns das Haus gemauert –

Schwerer ist es heut, genau zu hassen
Und im Freund die Fronten klar zu scheiden
Und die Unbequemen nicht zu meiden
Und die Kälte nicht ins Herz zu lassen.

Denn es träumt sich leicht von Glückssemestern
Aber Glück ist schwer in diesem Land.
Anders lieben müssen wir als gestern
Und mit schärferem Verstand.

Und die Träume ganz beim Namen nennen;
Und die ganze Last der Wahrheit kennen.

um 2000

aus: Rainer Kirsch: Werke. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2004

 

Konnotation

Ein leidenschaftlicher Prediger strenger Verskunst lässt sich von gesundheitlichen Krisen nicht aus dem Form-Gleichgewicht bringen. „Ich huste, wenn ich huste, meistens jambisch“, schreibt Rainer Kirsch (geb. 1934) in einem seiner meisterhaften Petrarca-Sonette – und diese ironische Demonstration von Formbewusstsein ist charakteristisch für einen renitenten Traditionalisten, der Kirsch als ein in der „sächsischen Dichterschule“ sozialisierter Klassizist bis heute geblieben ist.
Die von ihm geliebte Form des Sonetts hat Kirsch auch in der Nachwende-Zeit mit einem gewissen Beharrungstrotz immer neu durchexerziert. Und auch seinem literarisch-politischen Impuls, nicht nur als Realist, sondern auch als überzeugter Sozialist zu denken, ist er bis heute treu blieben. Sich lange nach dem Kollaps des „real existierenden Sozialismus“ an die „alten Genossen“ zu wenden, wenn auch in grimmiger Ernüchterung, zeugt von einem Bewusstsein der eigenen Stärke – und dem Glauben an die Legitimität der sozialistischen Utopie.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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