Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Sprachverrückte Autorschaft zwischen Lyrik und Klinik – Henri Michaux (Teil 7)

Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik

Teil 10 siehe hier

HENRI MICHAUX

Henri Michaux’ Bereitschaft, sich zumindest experimentell der Sprachverrücktheit hinzugeben (auf Sprachbeherrschung also zu verzichten), und seine Fähigkeit, die Sprachverrückung als künstlerisches Verfahren produktiv zu machen, haben ihn zum Sprachskeptiker werden lassen – weder diskursiver noch dichterischer oder eben künstlich (durch chemische Substanzen) disponierter Sprachgebrauch kann der aussersprachlichen Realität wahrheitsgemäss entsprechen, ihr gerecht werden. Mit andern Worten: Die Wirklichkeit ist sprachlich nicht einzuholen, nicht adäquat wiederzugeben, im Gegenteil – Sprache verzerrt und verfälscht grundsätzlich das, was sie benennt, tritt in Widerspruch zu dem, was sie zu vergegenwärtigen sucht, evoziert eine Scheinwelt, die sich zu einer alternativen Realität verfestigt.
Althergebrachte Klage! Als Sprachskeptiker reiht sich Michaux in eine lange, von Philosophen, Linguisten und Dichtern gemeinsam – bis heute – getragene Tradition ein. Doch er tut’s auf singuläre, besonders radikale Weise. Statt in blosse Sprachkritik zu verfallen und herauszustellen, was die Sprache nicht zu leisten vermag, konzentriert er sich – konkret – auf die Leerstellen, die die Sprache innerhalb ihres Einzugs- und Wirkungsbereichs offenlässt, jene Stellen nämlich, wo das Unsagbare sich kundtut, indem es die Rede unterbricht beziehungsweise sie abbricht (Stottern, Verstummen, Pausieren, Schweigen), oder indem es sich in unverständlicher Weise artikuliert (Orakel, Zungenrede, Wahnsinn, Ekstase). Michaux geht es dabei nicht um Wahrheit und/oder Unwahrheit, nicht um Wirklichkeit und/oder Fiktion in ihrer Gegensätzlichkeit, nicht um deren rationale Trennung und Bewertung, sondern – in dezidiertem Widerspruch dazu – darum, die Gegensätze zu versöhnen, sie aufzuheben im erweiterten Bewusstsein, dass alles mit allem korrespondiert.
Solch erweitertes, jedes Wissen übersteigendes Bewusstsein gewann er im Drogenrausch, so wie andere es in der Ekstase, in mystischer Versenkung oder auch im Wahnsinn gewinnen, mit der Folge, dass jede vorgegebene (gewohnte, verordnete, automatisch befolgte) Ordnung hinfällig wird; dass das Ich-Gefühl sich zersetzt und vervielfacht; dass Subjekt und Objekt austauschbar werden; dass Logik, Dialektik, Chronologie, Kausalität und der sogenannte gesunde Menschenverstand ihre «Wahrheit» und ihre übliche Geltung verlieren; dass alles im offenbaren Sein (als Dasein, Sosein) aufgeht und gleichzeitig das Haben jede Bedeutung, jede Attraktivität verliert.

… Fortsetzung hier

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Nackt

Kant: Nacht ohne Naht! ohne Takt? (Tank geknackt!)

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

0:00
0:00