Wolfgang Bächlers Gedicht „Der Kirschbaum“

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WOLFGANG BÄCHLER

Der Kirschbaum

Durchs Schilfrohr ruft es
der Schwan, der Prophet.
Die Lerchen singen es weiter:
Gott sitzt im Kirschbaum
und entkernt die Kirschen.
Die Stare werfen Schattenfalten
in sein weißes Lichtgesicht.

Der Kirschbaum wandert übers Wasser.
Fische springen durch sein Haar,
Krebse schlüpfen durch die Wurzeln
und der Wind fährt in die Krone.

Gott sitzt rudernd
auf den Ästen
ißt die Kirschen,
spielt mit Kernen,
läßt sich treiben,
hat die Welt vergessen.

nach 1956

aus: Wolfgang Bächler: Wo die Wellenschrift endet. Babel Verlag, Denklingen 2000

 

Konnotation

Die Verletzungen und Traumata, die er während des zweiten Weltkriegs erlitt, haben diesen Dichter nicht mehr losgelassen. Zweimal war Wolfgang Bächler (1925–2007) in Gefangenschaft geraten und mehrfach nur knapp dem Tod entgangen. Nach 1945 hatte er in seinen Gedichten von den Dehumanisierungen des Krieges Zeugnis abgelegt. „Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten“, heißt es in einem seiner frühen Gedichte. Ab Mitte der 1950er Jahre wurde Bächler von Depressionen zermürbt; aus den Texten dieser Zeit ist jede Zuversicht gewichen.
In einer Reihe von Traum-Gedichten, die das dritte Kapitel seines Bands Türen aus Rauch (1963) bilden, hat Bächler seine Phantasmagorien in negative Schöpfungs-Bilder und Märchen-Motive gefasst. In diesem nach 1956 entstandenen Text erscheint Gott inmitten seiner Schöpfung, einem Kirschbaum und den auf ihm lagernden Vögeln. Aber der scheinbar paradiesische Zustand trügt: Denn das Beteiligtsein des Weltenschöpfers ist begrenzt – er „hat die Welt vergessen“.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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