78.
DAS SCHWEIGEN DER WELT
Was sagen, wie etwas sagen
Vom Nicht-sagen
Vom tiefen Schweigen der Welt
Wie stehen sie einander gegenüber und welche Beziehung haben sie zueinander
Das frenetische Geschwätz
Das nicht unterdrückbare Verlangen der strauchelnden Menschheit
Zu kommunizieren
Um sich nicht allein und einsam zu fühlen
Das Verlangen teilzunehmen, zusammenzutreffen und immer im Chor zu singen
Der eine als Bariton, der andere als Bass und einer sogar als Tenor
Eine als Prima Donna mit hohen Tönen die Kristallluster zertrümmern
Und eine in der zweiten Reihe in einer Nebenrolle
Und einer eventuell im Falsett
Und im Gegensatz dazu, das unendliche, betäubende Schweigen des Himmels
Das hinreißende Schweigen der Natur
Das blendende Schweigen der Zeit
Der ewige Frieden der Schöpfung?
Unüberwindbarer Hiatus jener zwischen dem Menschen
Der in der Zivilisation neuen Mut schöpft und glaubt vorankommen zu können
Und der Natur die ihm Ausdruck verleiht
Ihn aber auch bei passender Gelegenheit von sich stößt
Ihn sicher wiegt aber auch zurechtweist
Ihn erhebt aber auch verspottet
Wenn es Nacht wird beginnt die der Minerva heilige Eule ihren Flug
Die Intelligenz kulminiert
Jedoch die elementare Wachsamkeit
Geht unter
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Die raue und schwierige Niederschrift des Wahren
Ventil für uralte
Erlittene Schmähungen
Plötzliche Rückkehr zu menschlichem Atem
Zum freien Einatmen mit vollen Lungen
Dies, und nichts anderes, ist mein Dichten
Kein geplantes Protzen
Mit bedeutendem Talent oder anspruchsvoller Kultur
So beschreibt Manfredi Lanza sein Dichten im Text 44 dieser neuen Sammlung, die sich aus achtundsiebzig Texten zusammensetzt (alle sind nützlicherweise nummeriert). Aus der Spur enthält raue, knapp gefasste Texte, die man alle hintereinander wie die Erzählung von einer anders gearteten Haltung gegenüber der Welt, dem Leben, der Gesellschaft lesen kann. Es sind auch Altersgedichte, die aber nicht versöhnlich klingen, sondern Proteste und sarkastische Anklagen sind. Sie spenden keinen Trost außer jenem, eine Wahrheit zu kennen, die nicht nur die eines einzelnen Menschen ist. Ätzende Kritik zu üben und dabei zu dichten: heilsame Dissonanzen, keine Konsonanzen. Eine gewissermaßen philosophische Dichtkunst, die zurückgeht auf die skatologische Heftigkeit Dantes und etwas weniger auf das verliebte und spöttische Spiel der Franzosen, beginnend bei jenem Apollinaire, der im Epigraph erwähnt wird.
Manfredi Lanza weiß, dass er wenig oder nichts über die letzten Dinge weiß. Im neuen Jahrtausend hat er Bände mit alltäglichen Betrachtungen veröffentlicht, die immer provokant und fast immer gegen den gängigen Trend gerichtet sind. Beginnend bei der Unverständlichkeit der Dimensionen von Raum und Zeit und der Schöpfung selbst, über die angebliche Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen, bis hin zu den nicht unterdrückbaren Motiven des Instinkts und der Sexualität. Dieser letzte Antrieb ist fast ein roter Faden in seinen Betrachtungen, Erzählungen und Gedichten, die nicht selten Obszönes enthalten. Es existiert eine unangenehme Körperlichkeit, die in einer Gesellschaft, die zwar überall aus der Sexualität eine Ware gemacht hat, dennoch an den Rand des Bewusstseins verschoben, verdrängt wird. Und Manfredi hört nicht auf zu protestieren. Er begnügt sich nicht mit der doch recht weisen Anmerkung Camillo Sbarbaros:
Lass dich von den Anmaßungen der Sexualität weder benebeln noch zerstreuen; befreie dich davon, indem du ihr gehorchst – resigniere, als ob es sich um das Zerdrücken einer Fliege handelte.
Für Lanza ist die Dringlichkeit des Beischlafs, des Dominierens, des Sich-Vermehrens zu skandalös, d.h. Zeichen einer Spannung zwischen Geist und Körper, das mehr als andere eine vorherbestimmte Disharmonie anzeigt, das Unglück der Existenz, geboren werden, sterben, sich fortpflanzen, mit dem wir nie zurande kommen werden. „Birth, and copulation, and death, / That’s all the facts (Geburt und Beischlaf und Tod / Das ist alles)“, sagt eine Figur bei T.S. Eliot.
So lässt uns Lanza keine ruhigen Nächte verbringen, er schlägt mit dem Kopf gegen die Wand des Realen und verfasst eine Kritik der sozialen Welt, in der er fast ein Jahrhundert gelebt hat, eine Kritik, die an die Heftigkeit Dantes gemahnt. (Der Groll Dantes verblüfft nicht selten.) Wir befinden uns im Inferno, aber nach der Lektüre dieser Gedichte können wir nicht mehr behaupten, dass wir es nicht gewusst haben.
Lanza ist auch seit jeher Maler, und seine Gemälde, die in starken Farben gehalten sind, Landschaften, Körper, Abstraktes, sind prägnant, sogar unangenehm, so wie die Gedichte. Wie sie erzählen sie von einem Unbehagen, das jedoch starker und auch zarter Ausdruck wird, und das derart bis zu einem gewissen Grad bewältigt wird. Der Künstler ist der Täuschung nicht anheimgefallen, er hat sie mit den Mitteln der dichterischen Intelligenz dargestellt, ohne dabei in einen sterilen, ideologischen Protest zu verfallen.
Man betrachte beispielsweise die Polemik Lanzas gegen die Verführung durch das Schöne, zu der wir Italiener nach Ansicht Lanzas mehr neigen als die Bewohner des Nordens (s. Text 46, „Prosa und Poesie“). Deshalb tendieren wir zu Trost bringender Lyrik, wir suchen nach der Befriedung, wir beseitigen die Staubkörner, das Unangenehme. Wenn das auch bei einigen großen Künstlern, von Raffael abwärts, zutrifft, und ebenso bei Sonntagsdichtern und Künstlern, die entzückt sind über affektierte Liebesgeschichten und Landschaften, so scheint mir doch, dass es der südlichen Kultur nicht an Realismus mangelt, der zuweilen auch gewalttätig sein kann. Denken wir nur an Dante (nicht an Petrarca, gewiss!) und an Cervantes, oder bei uns an Belli (den Lanza sehr liebt). Dann sind da noch Pasolini und Citti, und auch der späte Montale entwickelt eine desillusionierte Ästhetik des Hässlichen, die die Ruinen und die Lyrik selbst ironisch betrachtet und nur manche Individuen rettet, die Heiligen des persönlichen Erinnerns.
Derart finden wir in Lanza nicht das beruhigende Schöne, entsprechend seinem Programm, sondern die Einladung zur Reise, zur Nicht-Kapitulation. Es ist möglich, alles zu riskieren, dem nackten König die Maske vom Gesicht zu reißen, und doch die Fäden des Diskurses wieder aufzunehmen und, wenn schon sonst nichts, so doch zu provisorischen Schlüssen, unser geringes Wissen und unser vermehrtes Wissen betreffend, zu gelangen. Ohne dass man sich über diesen äußerst prekären Zustand freut, so kann man doch sagen, dass es in dieser universalen Tragikomödie ziemlich viel Energie und Kraft gibt, die die Kunst auf ihre Weise ausdrücken kann. Wie es auf der Bühne die Figuren tun, die auf Godot warten, oder Kleopatra und Hamlet, die ihr Schicksal auf sich nehmen.
In der Tat, Aus der Spur schließt, indem es die absolute Stille der Welt beschwört, was auf irgendeine Art und Weise tröstlich und endgültig wirkt, verglichen mit dem vergeblichen Geschnatter und dem Sich-Brüsten der Menschen. Die aber haben manchmal die Weisheit, sich selbst und die Welt erkennen zu lernen, bevor sie beiseitetreten und schließlich schweigen.
Massimo Bacigalupo, Vorwort
Bio-Bibliographische Anmerkungen
Im Jahre 1935 in Siena geboren, hat Manfredi Lanza französische Schulen in Rom und in Paris besucht. Er war landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter, Arbeiter, Krankenpfleger und schließlich Übersetzer im Europäischen Parlament. Er schloss spät in Bologna sein Studium der Fremdsprachen und Literatur (Französisch und Niederländisch) ab. Nach seiner Pensionierung und Rückkehr nach Italien hat er begonnen zu publizieren. Er ist auch Maler. Seine Gedichte erschienen in den Bänden Canti aridi e altre poesie (2012) und Juvenilia. Poesie giovanili (2014).
Narrative Divertissements erscheinen in Sette racconti lussemburghesi (2014) unter dem Pseudonym Giorgione l’Africano.
Ein umfangreiches Tagebuch mit alltäglichen Überlegungen von 1997 bis 2013 erscheint in den Bänden Rosso, giallo e turchino (2013), Sconfinamenti (2014), Ne pour ce (2015), alle im Verlag Edizioni Il fiorino di Modena. Als Autor historischer und linguistischer Essays hat er sich im Besonderen mit dem Onkel väterlicherseits Lanza del Vasto (1901–1981) beschäftigt, der ein Künstler und Anhänger Gandhis war, Gründer von landwirtschaftlichen und religiösen Gemeinschaften in Frankreich und weltweit, indem er Lettere giovanili 1923–1936 (Pisa University Press, 2006) und andere Texte sowie biographische Schriften über die Familie der Lanza veröffentlichte. Ein Porträt des Vaters von Manfredi, des Schriftstellers Lorenzo Ercole Lanza (1903–1958), ist in dem Band Ieri a Rapallo (Il Canneto, Genova 2021) von Giuseppe Bacigalupo enthalten.
„Im Laufe des Lebens“, schreibt Manfredi Lanza, „habe ich möglicherweise drei große Entdeckungen gemacht, wobei diese allerdings bereits ziemlich bekannt sind. Fundamentale Dinge, die mir in der Schule nicht beigebracht wurden und die mich auch die eher privilegierte Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, nicht gelehrt hat. Entdeckungen, die meine Orientierung, was Auslegungen und kulturelles Handeln betrifft, maßgeblich beeinflusst haben.
Entscheidender Wendepunkt: Kulturrevolution des Barock in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Als die Menschheit zu erkennen beginnt, dass die Welt keinen zentralen Platz im Universum einnimmt, und auch nicht der Mensch in der Welt; als sie erkennt, dass nichts von Dauer ist, sondern dass alles, wie es Heraklit in der Antike bereits vorhergesagt hat, fließt, alles strömt, dass alles nur ein Wirbel ist, dass alles deshalb äußerst ungewiss ist. Und auf diese unvermittelte Erkenntnis der Ungewissheit, der Unbeständigkeit, reagieren zwei kulturelle Pole unterschiedlich, gegensätzlich: das mediterrane Gebiet mit einem erzwungenen Optimismus, wobei es sich unbegründete Himmel und Ruhm erfindet; das nordwestliche Gebiet, indem es in einen düsteren Pessimismus verfällt, einen obsessiven Realismus ohne Ausweg.
Die Frage der Dichotomie zwischen dem Tragischen und dem Komischen
Das Komische ist nicht einfach auf naive, scherzhafte Weise spaßig. Das Komische ist im Hinblick auf das Edle der Epik und der Tragödie kein zweitrangiges Register. Das Tragische und das Komische sind zwei Modalitäten der Kunst, aber vor allem zwei Lebensphilosophien, zwei Kulturen und kulturelle Traditionen, zwei entgegengesetzte Annäherungen in der Politik. Giuseppe Gioacchino Belli ist eine nicht weniger beachtenswerte Persönlichkeit als Giacomo Leopardi.
Die Mittelmeerländer und der Westen.
Es handelt sich um zwei verschiedene geographische Gebiete, aber auch um zwei deutlich unterschiedliche kulturelle Gebiete. Der Unterschied hängt hauptsächlich mit der unterschiedlichen Wesensart der Bevölkerung zusammen, die sich unter anderem auch in der Unterschiedlichkeit der Ursprünge der jeweiligen Sprachen ausdrückt. Die Kultur der Mittelmeerländer beruht intellektuell auf der Vernunft und Rationalität, und was das Sehen betrifft, verehrt sie die Schönheit, die als Symmetrie und Harmonie verstanden wird. Die nördlich-westliche Kultur hingegen vertraut mehr der Beobachtung und der Erfahrung als der Vernunft, sie ist empirisch und utilitaristisch, und was Geschmack und künstlerische Neigung betrifft, ist sie vom Geheimnis der Negativität behext.“
Inhalt
Ventil für uralte
Erlittene Schmähungen
Plötzliche Rückkehr zu menschlichem Atem
Zum freien Einatmen mit vollen Lungen
Dies, und nichts anderes, ist mein Dichten
Keine geplante Zurschaustellung
Bedeutenden Talents oder anspruchsvoller Kultur
So beschreibt Manfredi Lanza sein Dichten. Aus der Spur enthält raue, knapp gefasste Texte, die man wie eine Erzählung lesen kann. Es sind Altersgedichte, die nicht versöhnlich klingen, sondern Protest und sarkastische Anklage sind.
Löcker Verlag, Klappentext, 2025
P.S. Manfredi Lanza: Aus der Spur wurde von Franziska Raimund übersetzt und herausgegeben. Der Originalband Fuori traccia ist 2024 bei il canneto editore, Genova, erschienen.








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