Nils Mohl: An die, die wir nicht werden wollen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von NIls Mohl: An die, die wir nicht werden wollen

Mohl/Kehn-An die, die wir nicht werden wollen

IMMER AUF DEN KOPF ZIELEN,
TUT JA NICHT WIRKLICH WEH

Zwei fahren Autobahn, Regen platzt gegen den Bildschirm: Zwei fahren Milchstraße, Kakao im Blut: Sie sind Sammler, Beute: werden Karrieren gemacht haben: als Menschen, die ihre Arbeit verrichten wie Geschirrspüler – wenn nicht besser.

=

Im Werbespot sagt wer: The Future is Now! Ich bin am Zug: bin heute König, das Volk, ein Schauspiel: zwei kindische, gar nicht unglückliche Maschinen, zwei Ichs: Das ist das Leben? Das ist Schokolade: zweimal tot sein – ohne Totenschein.

Das Trauerspiel

 

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Die Jugend am Ende der Jugend

Eine Zeit des Noch-Nicht, aber Schon-Bald und des Bald-Nicht-Mehr. Zwischen dem ersehnten Verlassen starrer Strukturen durch Schule und Familie und dem nervös-aufgeregten Blick nach vorn in eine unbekannte Zukunft.
Virtuos, komplex und gleichzeitig ganz einfach: das Leben.

Tyrolia Verlag, Klappentext, 2021

 

Klimbim mit Robinson

– Eine poetische Teenager-Symphonie, die das Gefühlschaos dieses Alters als Herausforderung zu Papier bringt. –

Es ist nicht leicht, sich in einen Teenager kurz vor dessen Volljährigkeit hineinzuversetzen. Nils Mohl hat es versucht, das Ergebnis ist ein kunstvolles, verrätseltes  Chaos.
In seinen bisherigen Werken behandelt er häufig das Erwachsenwerden, die Orientierungssuche, aber auch die Orientierungslosigkeit junger Menschen. Für sein bekanntestes Buch, den Jugendroman Es war einmal Indianerland (2011), erhielt er den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Oldenburger Kinderbuchpreis. Gelobt wurden sein kunstvoller und sprachlich innovativer Stil. Die Laudatorin Sabine Ludwig sagte damals:

Lesen Sie dieses Buch, genießen Sie es, es ist anders, es ist besonders, es ist einfach grandios.

Auf seiner Website schreibt Mohl, dass er schon vor 15 Jahren ein Buch begonnen habe, Arbeitstitel: „Guten Tag, mein Name ist Klimbimson Kreuzer“. Nun wurde dieses „Opus Magnum Mini“ fertig und unter einem neuen Titel veröffentlicht: An die, die wir nicht werden wollen. Eine Teenager-Symphonie. Darin hat er seinen anspruchsvollen Stil weiter auf die Spitze getrieben. Hat seiner Lust am Experiment, an Wortspielen und Wortneuschöpfungen freien Lauf gelassen. Auch die Buchgestaltung, einschließlich der Illustrationen von Regina Kehn, ist sehr besonders. Jede Seite ist individuell gestaltet. Jugendliche Dramatik mit Augenzwinkern. Im Zentrum des Buches steht das werdende Ich, ein Ich auf der Suche nach seinem Ort in der Welt. Das Ich heißt Klimbimson Kreuzer und fühlt sich, als lebe es wie Robinson Crusoe (dessen ursprünglicher Familienname ja Kreutznaer war) auf einer einsamen Insel. Schon die Verballhornung des Namens macht deutlich, dass Mohl bei aller jugendlichen Dramatik auch den Witz nicht  vergisst.
Man taucht ein in den Bewusstseins- oder Gedankenstrom des jugendlichen Protagonisten, der kurz vor seinem 18. Geburtstag steht. Der Countdown läuft. Doch die Angst ist groß, so zu werden, wie man nie werden wollte, nämlich wie die Erwachsenen, in deren Leben „Pseudo-Pflichten“ herrschen und die „Langeweile eskaliert“. Gegen diese Angst schreibt er an. In diesem Sinne ist das Buch auch eine Symphonie des Grauens. Es ist schwer zu sagen, um was für eine Gattung es sich handelt. Es ist kein erzählerisches Werk, aber auch kein Lyrikband, eher ein sehr assoziatives Tage- oder Notizbuch. Der Erzähler, das lyrische Ich, das anfangs geradezu gebetsmühlenhaft beschworen und als „Umkleidekabine“ definiert wird, in der „man neue Leben anprobiert wie Klamotten“, verfasst freie Lyrik, experimentelle Poesie, gibt aber auch Rätsel auf, schreibt kurze Prosatexte, gibt Chatverläufe und Kurznachrichten wieder, fiktive Werbeanzeigen und Lexikoneinträge werden eingeschoben. Es herrscht das Prinzip der Collage. Alles ist erlaubt, nichts  verboten.
Als Leser kann man nicht immer leicht folgen. Orientierung wird gesucht, aber nicht immer gefunden. Wie im echten Teenager-Leben herrscht Chaos im Kopf. Und dieses Chaos hat Mohl zu Papier gebracht. Das Buch ist – wie das Erwachsenwerden – eine Herausforderung, aber eine, die sich lohnt. (ab 14  Jahre)

Holger Moos, Süddeutsche Zeitung, 16.12.2021

Ein spannendes Kaleidoskop einer poetisierten Jugendbetrachtung. Seltsam und eindrücklich

Klimbimson Kreuzer lebt auf einer einsamen Insel. Viel ist da nicht, keine Termine, bestenfalls noch Satellitenfernsehen als Ausdruck völliger Ödnis. Jedenfalls keine anderen Menschen. Dann noch eine Kokosnuss, die eines Tages neben ihm auf die Erde fällt. Montag natürlich! Die Parallel ist schnell klar, die Folie auch – und doch ist Klimbimson durch und durch ein (post-)moderner Robinson. Verloren in der Unkenntnis der großen Zusammenhänge. Festgelegt auf ein Leben im Gleichklang. Er ist nur einer der Protagonisten in Nils Mohls neuem Buch. Hier finden sich kleine Versatzstücke von Geschichten, Gedichte, Sprachkonstrukte und typographische Spielereien. Die mediale Sprache wird zu fingierten Interaktionen, wenn fiktive Personen die Texte kommentieren – oder über etwas ganz Anderes sprechen? In unglaublicher Vielfalt setzt sich ein zuerst einmal kaum durchschaubares Durcheinander an Textfragmenten zusammen, denen vielleicht auch kein ganz strenger kohäsiver Zusammenhang innewohnt, deren Verlauf aber schon in einer Einheit gedacht werden kann. Da gibt es Annäherungen an das Früher aus Sicht des Autors, den Blick der Jugend auf die Welt, das Nachdenken über das Klischee und die Erfahrung – und einfach auch Ausbrüche der Hilflosigkeit in einer komplizierten Welt. Das lyrische Ich tritt auf, Klimbimson kann vermeintlich gerettet werden.
Regina Kehn ergänzt den Text durch die Inszenierung der Fragmente in grafischen Zeichnungen, die offen und oft eher vignettenartig einen gestalterischen Zusammenhang herstellen. So entsteht ein faszinierendes Werk, dicht und offen – viel Raum zur Interpretation und wohl auch ohne viel Anspruch auf Stringenz. Und doch eine tiefschürfende und poetisch ausgesprochen eindrückliche Auseinandersetzung von Jugend und Erwachsensein. Auf jeden Fall sehr zu empfehlen!

AJuM Sachsen-Anhalt, amazon.de, 26.10.2021


Teenager: Vielschichtigkeit, Komplexität, Sehnsüchte. Poems und vieles mehr

Hallo, guten Morgen, Planet Ich,
liebe Welt, Mitmenschen & Nachbarn, hallo!
Hörthört, hörthört!

Zeitweise Chaos im Kopf. Die Gedankenwelt eines Teenagers… unstrukturiert in Fragmenten, Fragen, Feststellungen – Lyrik trifft Chaos und Struktur. „Klimbimson Kreuzer“ schreibt Tagebuch, überlebt auf seiner einsamen Insel (Ich?) – diese Einträge geben dem Buch Struktur. Dazwischen alles Mögliche: Chats, Textnachrichten, Gedichte, Fragen, Selbstzweifel, Werbeslogan, Selbstbefragungsbogen, Launen, TV, Glücksmomente, Unglücksmomente, Monumente, Betonbausiedlung, Geräusche, Hausflur, Großstadt. Jetzt und hier – Drama – Lama – alles ist ernst – chillen – lachen, die Welt ist suspekt, man kann sie umarmen – Klischee, häh – über dich, über mich. Themen, die die Welt bedeuten, oder auch nicht – oder auch nur dem Verfasser; Vielschichtigkeit, Komplexität, Sehnsüchte. So ist das Leben. 10, 9, 8… die Zeit tickt, verrinnt, verrieselt: die letzten Tage und Stunden vor dem 18. Geburtstag, die letzten vor der vielbemühten „Volljährigkeit“, dem „Erwachsen-Sein“ – oh nein. Doch!
Lyrik, Textfragmente, die durch Illustrationen von Regina Kehn bereichert werden, weitergedacht sind – um fünf Ecken – klar, weil Teenager. Kritzeleien, Symbole, Zeichnungen. Kluge Worte, kluge Zeichnungen. Skizzen mit Stiften, Pinselbilder, Computergrafik, Vignetten. Es ist ein facettenreiches Buch: Lyrik und viel mehr. Beschreiben kann man das Jugendbuch schwer, wird stets unvollständig sein, denn stringent ist hier gar nicht, trotz einer Linie. Chaos im Kopf – doch mit Struktur, mehr oder weniger. Erwachsen werden! Wer es bis jetzt nicht verstanden hat, der solle es selbst lesen. Der Tyrolia Verlag gibt eine Altersempfehlung von 12–16 Jahren, das halte ich für zu jung eingestuft. Ich meine: 14 Jahren, Allage – Empfehlung! Josef Guggenmos-Preis für Kinderlyrik 22; Österr. Kinder- und Jugendbuchpreis 2022 Preisbuch!; Auszeichnungen für dieses Buch: Besten 7 für junge Leser September 21 (Deutschlandfunk)

Nils Mohl ist 1971 in Hamburg geboren, lebt als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in seiner Geburtsstadt. Sein Roman Es war einmal Indianerland wurde 2017 verfilmt. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit Deutschen Jugendliteraturpreis, der Lola in Bronze beim Deutschen Filmpreis, dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis und einem Stipendium am Deutschen Studienzentrum in Venedig.

Regina Kehn ist 1962 in Hamburg geboren, studierte an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg Illustration. Seit 1988 ist sie freiberufliche Illustratorin und arbeitet für verschiedene Verlage und Zeitschriften. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Gwyn, amazon.de, 3.12.2022

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Annika Busche, Suzan Gücer, Noah Krause, Nadine Krämer und Jessica Nestroy: Eine Teenager-Disharmonie (?)
Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendmedienforschung an der Universität zu Köln

 

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