Robert Frost: Love and a Question – Liebe und viele Fragen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Robert Frost: Love and a Question – Liebe und viele Fragen

Frost-Love and a Question – Liebe und viele Fragen

EINEM DENKER

Beim letzten Schritt liegt dein Gewicht
zur Linken, zweifelsohne, nicht?
Den nächsten rechterhand verricht.
Und einer noch – du siehst, was Pflicht.
Du nennst das Denken, doch ist’s Gehn.
Sich-Wiegen ist’s nur, recht besehn,
wie auch ein Gaul im Stall es schafft:
von Kraft zu Stoff, zurück zur Kraft,
von Form zum Kern, zurück zur Form,
von Norm zu toll, zurück zur Norm,
von Zwang zu frei, zurück zum Zwang,
vom Klang zum Sinn, zurück zum Klang.
So vor, zurück. Fast schreckt’s den Mann,
dass Dinge kommen paarweis an.
Demokratie bist jetzt entflohn
(bedauerst höflich, dass du’s schon),
und stützt dich auf die Diktatur,
doch binnen kurzem, glaub mir nur,
mit Zunge, Feder im Verein
wirst Demokrat du wieder sein.
Du bist doch gut als Logiker,
dann ärgere dich nicht zu sehr,
wenn’s scheint,
du seist bloß hilflos-brav
und dich darum mit Spott bestraf.
Nimm an, an Richtung fehl es dir,
doch weitermachen musst du hier,
nutz deine Gabe recht, und so
schwank
mit etwas Ratio!
Ich sag: Warm war mir niemals bei
Reformern und Reformerei.
Doch auch den Wechsel braucht es ja,
kaum halb hinab die Gunstskala.
Bist du bereit, und tut’s dir leid,
dieses: von Seit zu Seit beim Streit,
nutz nicht den Intellekt noch strenger,
meinem Instinkt trau – ich bin Sänger.

Übersetzung: Ingeborg Schimonski

 

TO A THINKER

The last step taken found your heft
Decidedly upon the left.
One more would throw you all the right.
Another still–you see your plight.
You call this thinking, but it’s walking.
Not even that, it’s only rocking,
Or weaving like a stabled horse:
From force to matter and back to force,
From form to content and back to form,
From norm to crazy and back to norm,
From bound to free and back to bound,
From sound to sense and back to sound.
So back and forth. It almost scares
A man the way things come in pairs.
Just now you’re off democracy
(With a polite regret to be),
And leaning on dictatorship;
But if you will accept the tip,
In less than no time, tongue and pen,
You’ll be a democrat again.
A reasoner and good as such,
Don’t let it bother you too much
If it makes you look helpless please
And a temptation to the tease.
Suppose you’ve no direction in you,
I don’t see but you must continue
To use the gift you do possess,
And sway with reason more or less.
I own I never really warmed
To the reformer or reformed.
And yet conversion has its place
Not halfway down the scale of grace.
So if you find you must repent
From side to side in argument,
At least don’t use your mind too hard,
But trust my instinct–I’m a bard.

 

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Vorwort

Inspiriert war das vorliegende Buch durch den Titel eines der Gedichte von Robert Frost – „Love and a Question“ – und die während der Übersetzungsarbeit gemachte Erfahrung, dass fast jedes seiner Gedichte Fragen aufwirft, auch wenn sie nicht explizit gestellt werden: darum der Titel „Liebe und viele Fragen“.
Love and a Question ist überdies eine Variante einer der wichtigsten Äußerungen Frosts zu dem, was uns Gedichte bedeuten können: Sie sollen „mit Entzücken beginnen und mit Weisheit enden“. Dieses Entzücken entspringt der Liebe, nicht nur der zu einem anderen Menschen, sondern auch zur ganzen Schöpfung, und Weisheit kann nur dort wachsen, wo die richtigen Fragen gestellt werden. Dabei müssen sie keinesfalls endgültig beantwortet werden – und meistens werden sie es auch nicht. Dennoch führt es schon weiter, das Frag-Würdige zu erkennen und uns unsere begrenzte Erkenntnisfähigkeit vor Augen zu stellen. Frost erweist sich durchgehend als Meister darin, Aussagen in der Schwebe zu halten. Er überlässt dem Leser den Versuch, mit dem Mehrdeutigen fertig zu werden, sowohl in den Gedichten selbst als auch in dem, was sie an Gedanken und Gefühlen auslösen. Es gilt also, in uns hineinzuhorchen, ob wir dort persönliche Antworten finden, die mit unserem Leben zu tun haben. Auch das machte und macht die Größe dieses Dichters aus: Er schrieb für die Menschen und über das, was sie bewegt.

 

Zur Auswahl und Anordnung der Gedichte
Robert Frost präsentierte seine Gedichte zunächst in Zeitungen oder Zeitschriften und veröffentlichte sie dann in Abständen von einigen Jahren in Sammelbänden, es gab deren neun von 1913 bis 1962. Diese Sammelbände wurden ab 1930 mehrmals als „Collected Poems“ oder „Complete Poems“ zusammengefasst. Auf diese Weise ist eine kanonisch zu nennende Reihenfolge seiner Gedichte entstanden, an der sich üblicherweise die seither erschienenen Ausgaben orientieren.
Wer allerdings erwartet, in der Abfolge der Sammelbände über die Jahrzehnte eine künstlerische Entwicklung Frosts beobachten zu können, wird enttäuscht. Zwar können seine Themen grob in konkretere und abstraktere eingeteilt und erstere der ersten Lebenshälfte, letztere der zweiten zugeordnet werden, doch stimmt das nur ungefähr. Denn er zog bereits in jungen Jahren aus Bildern und Abfolgen von Bildern seine gedanklichen Schlussfolgerungen und formulierte diese oft als Schlusszeile seiner Gedichte; andererseits griff er im vorgerückten Alter immer wieder auf frühe Erinnerungen zurück oder holte lange Zeit zuvor begonnene Texte aus der Schublade, um sie zu überarbeiten und fertigzustellen. Stilistisch hebt sich nur seine allererste Anthologie, A Boy’s Will, vom Gesamtwerk ab, in der er in einigen Fällen noch der Schreibtradition des 19. Jahrhunderts folgte. Ab North of Boston, erschienen 1914, hatte er seinen eigenen Stil gefunden und hielt ihn durch bis zum letzten Gedicht, das er ein Jahr vor seinem Tod verfasste.
In die vorliegende Ausgabe wurden etwa ein Drittel der von Robert Frost in Buchform veröffentlichten Gedichte aufgenommen. Statt der kanonisierten Reihenfolge sind sie gruppiert nach den sechs Hauptthemen, die sein Dichterleben bestimmten: Liebe und Tod, Gott und Welt, Arbeit und Einsamkeit. Die beiden letzten Kapitel sind ihm selbst und seinem künstlerischen Selbstverständnis gewidmet.
Eine Schwierigkeit dieser Neuordnung lag darin, dass Eindeutigkeit selten zu erreichen ist und natürlich immer mehrere Themen in einem Gedicht präsent sind. So könnte man „Nächtliches Leuchten“, das seinen Reiz der Beschreibung einer natürlich-unnatürlichen Lichterscheinung verdankt, im Kapitel „… und Welt“ unterbringen, aber da sie als Beweis der Zusammengehörigkeit wahrgenommen wird, auch zu „Liebe“, wie hier geschehen. Ein weiteres Beispiel ist „Die Waldsängerschule“, das auf den ersten Blick zur Natur, also „Welt“, gehört, auf den zweiten zum Thema „Tod“ und auf den dritten eine wichtige Aussage Frosts zu seinen dichterischen Zielsetzungen darstellt und deshalb hier unter dem Abschnitt „… und über meine Dichtkunst“ firmiert. Ausschlaggebend war letztlich das markanteste Motiv des Gedichts. Sollte jemand zu der Auffassung gelangen, dieses oder jenes Gedicht sei falsch zugeordnet: großartig! Denn es beweist, dass er sich mit dem Text auseinandergesetzt, die unterschiedlichen Ebenen darin abgewogen und ihn mit seinen persönlichen Vorstellungen in Beziehung gesetzt hat. Mehr noch: Wer möchte, kann sich durchaus ein gedankliches Spiel daraus machen, in jedem Gedicht die anderen Aspekte aufzuspüren. „Eine Sache, die mir am Herzen liegt“, sagte Frost 1949 in einem Interview in der New York Times, „und ich wünschte, junge Leute könnten das bedenken, ist, Poesie als erste Form des Verstehens zu betrachten. Sie ist meine Lieblingsform des Verstehens. Wenn Poesie nicht bedeutet, alles, die ganze Welt, zu verstehen, taugt sie nichts.“ Dichten – und das Lesen von Dichtung – ist laut Frost also ein Weg, die Welt und die Menschen zu erforschen und zu durchschauen. Lyrik kann uns demnach in knapper bildhafter Form Erkenntnisse vermitteln, die wir auf andere Weise vielleicht nie erreichen würden.

 

Zur Übersetzung
Es ist klar, dass Gedichte nur schwer in eine andere Sprache zu bringen sind. Man könnte sich die Übersetzungsarbeit vereinfachen, indem man Einzelheiten weglässt, den Inhalt freier formuliert oder die formalen Qualitäten des Originals da und dort beiseite lässt. Für mich kam das nicht in Frage, schon gar nicht bei Robert Frost, dem die Form seiner Gedichte so wichtig war. Daher habe ich das Reimschema in der deutschen Version beibehalten, notfalls ist es leicht abgewandelt. Auch von der Verslänge und dem Metrum bin ich nur dann abgewichen, wenn dies in der Vorlage der Fall war. Diese Vorgehensweise war eine ziemliche Herausforderung, weil Frost nicht, wie manch anderer Dichter, blumig umschreibt, sondern äußerst knapp formuliert und dadurch wenig Spielraum bleibt. Überdies sind viele englische Wörter einsilbig, während die deutschen Entsprechungen zwei oder mehr Silben aufweisen. Zu berücksichtigen war auch, dass Frost die Metren – zumeist Jamben – fast nie ganz strikt durchhielt, sondern oft der Satzmelodie anpasste oder durch Abweichungen die inhaltliche Aussage unterstützte. Holpert also eine Zeile im Original, holpert auch eine in der deutschen Übersetzung, wenn auch nicht immer an genau der gleichen Stelle. Auch die vielen Verzahnungen in Frosts Texten, wie Assonanzen, Alliterationen, Binnenreime, Wiederholungen von Wörtern oder Satzbausteinen, Gebrauch von Synonymen und Homonymen, Wortspiele etc., sollten im Deutschen weitgehend erhalten oder durch gleichwertige ersetzt werden. Selbstverständlich gibt es Stellen, an denen es unmöglich bleibt; auf die auffälligsten von ihnen wird in den Kommentaren eingegangen.
Frosts Stil speist sich nicht nur aus literarischen Vorbildern, sondern auch aus der lakonischen Ausdrucksweise der ländlichen Bevölkerung Neuenglands und dem, was er Sound of Sense nannte. Die Entwicklung dieses Konzepts war sein theoretischer Beitrag zur Lyrik des 20. Jahrhunderts. Was darunter zu verstehen ist, zeigt ein Vergleich mit seinem Zeitgenossen Rainer Maria Rilke. Dessen Werke haben durchgehend ihren „Rilke-Sound“, den ich gerne als sanftes Dahingleiten durch die Sprache bezeichne. Frost dagegen gibt jedem seiner Gedichte ein individuelles und eigenwilliges klangliches Gepräge, ebenso aussagekräftig wie dessen Worte. Diese poetische Vielfalt ist es, die fasziniert, und die es daher in der Nachdichtung nachzuvollziehen galt.

 

Über den Sinn von Übersetzungen englischer Lyrik
Im Italienischen gibt es den Spruch „Il traduttore è traditore“, übersetzt: „Der Übersetzer ist ein Verräter.“ Gemeint ist, dass die Wörter sich mit ihren verschiedenen Bedeutungsspektren nie vollständig eins zu eins in einer anderen Sprache wiedergeben lassen und der Übersetzer auswählen muss, was unweigerlich einen Aspekt mehr betont – ihn verrät – und den anderen vernachlässigt oder gar verschweigt. Daher wird empfohlen, Literatur möglichst in der Originalsprache zu lesen. Das führt zu der Frage, wozu denn Frosts Gedichte auf Deutsch wiedergeben, wenn doch fast jeder hierzulande Englisch kann? Nun, erstens erfordert lyrische Sprache schon differenziertere Kenntnisse, die nicht jeder mitbringt. Gewichtiger ist der zweite Grund: Die ästhetischen und emotionalen Aspekte von Lyrik sprechen tieferliegende Bewusstseinsschichten an, was in der Muttersprache einfach besser funktioniert. Ein zweisprachiger Gedichtband bietet noch einen weiteren Reiz, eine geistige Herausforderung, sofern der Leser der Originalsprache einigermaßen mächtig ist, und damit komme ich auf den oben formulierten Gedanken zurück. Denn gerade weil sich die Wortkonzepte in verschiedenen Sprachen ein wenig (manchmal auch mehr) unterscheiden, können zwischen Original und Übersetzung Unterschiede klaffen. „There is a crack in everything, that’s how the light gets in“, sang Leonard Cohen. Ich meine, gerade diese Risse, diese kleinen Nicht-Übereinstimmungen bringen uns, sofern sie überbrückbar sind, zum Vergleichen, zum Denken, und tragen dazu bei, den Sinn des Gesagten zu erhellen.

Vergessen wir aber über all diesen Überlegungen nicht das zu Beginn erwähnte Entzücken, auf das Frost mit seiner Dichtung abzielte, und lesen wir sie mit Genuss!

Ingeborg Schimonski, Vorwort

Nachwort

Gegenwärtig scheint sich ein tiefer Graben zwischen Europa und den USA aufzutun. Daher kann man sich fragen, ob ausgerechnet dies ein guter Zeitpunkt ist, um deutschen Lesern die Gedichte eines Amerikaners nahezubringen, der vor mehr als zwei Generationen verstorben ist. Aber vielleicht ist gerade er geeignet, uns Heutigen bei der Überwindung dieses Grabens zur Seite zu stehen: Robert Frost, der von 1874 bis 1963 lebte, war die bestimmende Figur der US-amerikanischen Lyrik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Klang seiner Gedichte, die Prägnanz ihres Ausdrucks, ihre Gedankentiefe und dazu sein außergewöhnlicher Ruhm im eigenen Land sind eine Kombination ohne Beispiel. Das Besondere seines Werks und seines Lebens lohnen allezeit die Beschäftigung mit diesem faszinierenden Menschen und Dichter.

 

Robert Frost in der Tradition der US-Literatur
Wir Europäer mögen eine gewisse Neigung haben, auf Amerikaner herabzublicken (was im Übrigen auch in umgekehrter Richtung gilt – Stichwort „Altes Europa“): Ihnen fehle es an Kultur und Tradition, wurde zuweilen gesagt und geschrieben. Dabei ist das Ringen um eine eigenständige amerikanische Kultur so alt wie die Geschichte der Besiedelung dieses Kontinents durch die Einwanderer aus aller Welt. Lange Zeit gab es unter den US-Amerikanern so etwas wie ein geheimes Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem europäischen Erbe. Man kann feststellen, dass die Herkunft der Vorfahren tiefe Spuren im amerikanischen Gemüt hinterließ, die sich bis heute auffinden lassen – auch im Werk von Robert Frost. Er war europäisch-klassisch gebildet, hatte Horaz, Vergil und Homer studiert, er kannte seinen Shakespeare und wandelte mit großem Interesse auf den Spuren seiner schottischen Vorfahren.
Literatur, Dichtung und Philosophie hatten in den Vereinigten Staaten spätestens im Lauf des 19. Jahrhunderts ein Niveau erreicht, das international – und nicht nur in englischsprachigen Ländern – Beachtung und Bewunderung fand. Die Amerikaner waren auch zu einem Volk der Dichter und Denker geworden. Beispielhaft seien hier Namen wie Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau, Herman Melville, Emily Dickinson, Edgar Allan Poe, Mark Twain oder Walt Whitman genannt.
Auf Emerson und Thoreau bezog sich Robert Frost immer wieder. Wenn auch deren Ideen noch aus der europäischen Geistesgeschichte, speziell der Romantik, stammen, ist ihnen doch das unbändige Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit zu eigen, das so typisch für die US-amerikanische Gesellschaft wurde. Man legte hohe Maßstäbe an die persönliche Moralität an; dem Staat und seinen Vertretern gegenüber war ein tiefes Misstrauen weit verbreitet, und das in einem Ausmaß, wie es uns Europäern fremd ist.
Noch auf der Highschool entdeckte Frost die Gedichte der erst wenige Jahre zuvor verstorbenen Emily Dickinson. Ihre „lapidaren, heimeligen, gnomischen, kryptischen, witzigen Qualitäten“ (so der Frost-Biograf Lawrance Thompson) zogen ihn und seine spätere Ehefrau Elinor White stark an und übten einen großen Einfluss auf den jungen Mann aus. Neben Dickinson waren es Henry Wadsworth Longfellow, John Keats oder Percy Bysshe Shelley, deren Werke Frost immer wieder als beispielhaft hervorhob. Es waren die klassischen tradierten Formen der englischsprachigen Lyrik, die er aufnahm und für sich weiterentwickelte. Spuren eines anderen bedeutenden Dichters des 19. Jahrhunderts, Walt Whitman, sucht man hingegen vergeblich im Werk von Robert Frost. Whitman war ein früher Verfechter des Free Verse, einer Form, die Frost stets ablehnte. Er schätzte dagegen die tradierten strengen Regeln der Lyrik, was sich in seinem bekannten Ausspruch zeigt, Dichten ohne Reim sei wie Tennisspielen ohne Netz.
Lässt sich nun Frosts Dichtung als Fortsetzung einer Traditionslinie verstehen? Seine frühen Werke wurzeln thematisch wie formal zum Teil noch im 19. Jahrhundert. Bald aber findet er seine eigenen Motive und seinen eigenen Ton, wenn auch stets Züge, die man vielleicht als typisch amerikanisch bezeichnen möchte, Bestandteil seines Werks bleiben. Die Freiheit des Einzelnen, die Liebe zum Land und seinen Menschen und die manchmal zwiespältige Gefühlsbeziehung zur amerikanischen Nation (was immer man sich darunter vorstellen mag) sprechen aus vielen seiner Gedichte. Und wie für viele seiner Landsleute hatte staatliche Fürsorge auch für Frost einen übergriffigen Aspekt als etwas zutiefst Unamerikanisches. Beispiele dafür findet man etwa in den Gedichten, in denen er Franklin D. Roosevelts New Deal aus den 1930er Jahren kritisiert, wie „To a Thinker“ von 1936.

 

Dichte der Widersprüchlichkeiten
Frost wurde gelegentlich als US-amerikanischer Patriot mit traditioneller Denkart gesehen, und das ist auch nicht falsch. Eine Konsequenz in dem Sinne, dass er „patriotische“ Texte geschrieben hätte – wie es etwa im Zweiten Weltkrieg von ihm erbeten worden war –, folgte daraus aber mitnichten. Mit dem Etikett „Patriot“ wäre seine Haltung auch bei Weitem nicht charakterisiert, denn ihn überhaupt auf eine bestimmte Position festzulegen, wird kaum gelingen. Gerade das Changieren zwischen gegensätzlichen Standpunkten, die Ambiguität, die Frost den Phänomenen des Lebens abgewinnt, sind ein Charakteristikum seines Werkes. Selten ist in Frosts Dichtung etwas eindeutig. Ohne ins Beliebige oder gar in Haltungslosigkeit zu verfallen, geben seine Gedichte oft gegensätzlichen Auffassungen ihren je eigenen Raum. Im Wissen um die Untrennbarkeit von Polaritäten macht er den Raum zwischen ihnen transparent, sodass sich jede Seite auch durch ihre Antithese offenbaren kann. Sich auf eine Seite zu schlagen aber verweigert er in der Regel. In seinen Gedichten finden sich zahllose Beispiele für den oft widersprüchlich erscheinenden Facettenreichtum menschlichen Daseins. Auf welcher Seite steht der Sprecher in „Mending Wall“: Will er Mauern errichten oder sie niederreißen? Welcher Weg ist der richtige in „The Road Not Taken“, da doch einer wie der andere erscheint? Und ist die unheimliche Gestalt, die in „The Draft Horse“ das Pferd ersticht, ein verbrecherischer Wegelagerer oder ein Erfüllungsgehilfe höherer Ziele?
Es mag eine Binsenweisheit sein zu sagen, wir alle seien Menschen und schon allein deshalb widersprüchliche Wesen. Bei Frost sind die Widersprüche jedoch oft derart augenfällig – nicht nur in seinem Werk, sondern auch in seinem Leben –, dass sie für uns Leser als schwer auflösbare Rätsel stehenbleiben müssen. Er schätze all diese Unsicherheit, in der wir Menschen zwischen unserer Zugehörigkeit zur Gesellschaft und unserer Individualität lebten, sagte er 1959 auf einem Symposium zum Thema „Die Zukunft der Menschheit“:

Das ist doch das tägliche Problem: Wie sehr gehöre ich irgendwo dazu; wie sehr bin ich ein Individuum; wie wohl fühle ich mich in meinen Zugehörigkeiten?

Dieser nie endenden Spannung verdanken sich viele von Frosts stärksten Gedichten, wie etwa „A Lone Striker“ oder „The Vantage Point“.
Auch Frosts Leben war voller Widersprüche. Sein Biograf Jay Parini zählt sie auf: Er sei ein Einzelgänger gewesen, der sich gern in Gesellschaft aufhielt, ein Dichter der Isolation, der ein Massenpublikum gesucht habe, ein Rebell, der sich anpassen wollte. Er liebte sein Zuhause, aber wechselte es ständig, vor allem in jüngeren Jahren. Wie ein fahrender Sänger ging er mehr als jeder andere Dichter seiner Generation auf Reisen, um Vorträge und Lesungen zu halten, obwohl er sein Leben lang Beklemmung vor öffentlichen Auftritten verspürte.
Wie der Philosoph Peter Stanlis, eng mit Frost befreundet, schreibt, hatte der Dichter den fortgesetzten und unaufgelösten Widerspruch zwischen den notwendigen Anforderungen der Gesellschaft an den Einzelnen und den entgegengesetzten Ansprüchen des Individuums an die Gesellschaft stets vor Augen. Selten ließ sich Frost auf etwas festlegen, das als „Meinung“ durchgehen könnte. Meinungen, sagte er einmal, habe er immer verachtet, was er stattdessen gesucht habe, seien Ideen.

 

Werdegang eines nationalen Monuments
Innere Spannungen prägten Frosts Elternhaus: Der Vater war ein brillanter Intellektueller, aber trunksüchtig und unbeherrscht, die Mutter tief religiös, mit einer Neigung zum Mystizismus. Gemeinsam war beiden der Hang zur Literatur. Geboren in San Francisco, verlor Frost mit elf Jahren seinen Vater, die Mutter zog mit ihm und seiner jüngeren Schwester zu den Großeltern väterlicherseits nach Massachusetts. Es folgten harte Jahre. Alle drei hatten zunächst große Schwierigkeiten, in dem neuen Umfeld Fuß zu fassen, und mussten vom bescheidenen Lehrergehalt der Mutter leben. In den Sommerferien machte Frost erste Bekanntschaft mit dem bäuerlichen Leben, das später in seinen Gedichten eine so bedeutende Rolle spielen sollte. Bald jobbte er auch in Fabriken, und auch diese Erfahrungen schlugen sich in seiner späteren dichterischen Arbeit nieder.
Schon während der Highschoolzeit entstanden die ersten Gedichte. Damals verliebte er sich leidenschaftlich in seine Schulkameradin und spätere Ehefrau Elinor White. Trotz knapper finanzieller Ressourcen entschied sich Frost, Dichter zu werden. 1899 – inzwischen waren zwei Kinder auf die Welt gekommen – betrieb er zum Lebensunterhalt für sich und seine Familie eine kleine Geflügelfarm. Diese Tätigkeit wurde ebenfalls zur dichterischen Inspiration. Ein kurzer Studienaufenthalt in Harvard ermöglichte ihm, nebenbei als Lehrer zu arbeiten. Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war eine außerordentlich fruchtbare Zeit für Frosts dichterisches Schaffen.
1912 beschloss Frost, mit der Familie für einige Jahre nach England zu gehen, um genügend Zeit und Raum für die Arbeit als Dichter zu haben. In der Heimat hatte er bis dahin noch kaum Anerkennung gefunden und fühlte sich überdies durch seine Nebentätigkeiten immer wieder am ernsthaften Arbeiten als Dichter gehindert. Die Zeit in England, die ihr abruptes Ende durch den Beginn des Ersten Weltkriegs fand, brachte den Durchbruch. Er fand rasch Kontakt zur Avantgarde der jungen britischen Dichter und erreichte die Herausgabe zweier Gedichtbände in London: A Boy’s Will (1913) und North of Boston (1914). Als er 1915 achtunddreißigjährig in die Staaten zurückkehrte, war ihm bereits der Ruf als bedeutender Dichter vorausgeeilt, auf den er in der Folgezeit aufbauen konnte. Von der Öffentlichkeit unbemerkt, war er längst auf dem Weg zu seinem eigenen Stil. Er war sich dessen bewusst und stolz darauf. Das als programmatisch zu verstehende Eingangsgedicht jenes Bandes, „Into My Own“, dessen Wurzeln bis in sein zwanzigstes Lebensjahr zurückreichen, scheint geradezu vor Selbstsicherheit zu strotzen. Selbstbewusstsein war in seinen jungen Jahren zwar eher äußere Attitüde, doch mit zunehmender Zahl der öffentlichen Auftritte festigte sich Frosts Selbstvertrauen, aus der Attitüde wurde ein Charakterzug. Er lernte, die Spannung bei Lesungen und Vorträgen zu genießen, und die Form der Kommunikation, die er schließlich am meisten schätzte, waren Gesprächsrunden mit seinen Studenten. Mit ihnen debattierte er oft bis in die späte Nacht, die Teilnehmer hingen an seinen Lippen, und Frost sprach über Gott und die Welt.
Frost, dem in der ersten Lebenshälfte weder literarischer noch kommerzieller Erfolg beschieden war, gewann später beides in einem Maße, wie es wohl keinem anderen Dichter im zwanzigsten Jahrhundert zuteilwurde. Ihm wurde viermal die höchste literarische Auszeichnung der USA, der Pulitzerpreis in der Sparte „Dichtung“, zuerkannt. 31-mal wurde er für den Literaturnobelpreis nominiert – allerdings erhielt er ihn nie. 1961 bat ihn John F. Kennedy, zu seiner Amtseinführung ein Gedicht vorzutragen, und begründete damit eine – mit Unterbrechungen – bis heute gepflegte Tradition.
Anlässlich Frosts 85. Geburtstags, gefeiert im Waldorf Astoria in New York mit vielen hochkarätigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, hielt der Literaturkritiker Lionel Trilling die Festrede, und sie wurde zu einer der originellsten, umstrittensten und bis heute meistzitierten Würdigungen des Dichters Robert Frost. Trilling bescheinigte Frosts Dichtung „die Darstellung der schrecklichen Realitäten des Lebens auf eine neue Art und Weise“ und fügte hinzu:

Für mich ist Robert Frost ein furchterregender Dichter.

Und in der Tat sind Gedichte wie „Fire and Ice“, „The Most of It“, „Design“ oder „Desert Places auf ihre je eigene Art bewegend, gnadenlos und bestürzend.
Den äußeren Höhepunkt seiner Karriere als Dichter erreichte Frost im November 1962, nur wenige Monate vor seinem Tod, als er an der Universität von Detroit einen weiteren seiner unzähligen Honorary Degrees entgegennahm. Frost hielt seinen Vortrag vor dem größten Auditorium, vor dem er je gesprochen hatte: Zehntausend Zuhörer jubelten dem greisen Dichter zu.
Als Robert Frost im Januar 1963 im Alter von beinahe 89 Jahren starb, war er längst zu einem nationalen Denkmal geworden. Er war ein Dichterfürst der Vereinigten Staaten von Amerika, vom Volk geliebt, von der Kritik – meistens – hochgelobt und durch seine Gedichte zu beträchtlichem Wohlstand gelangt. Eine heute kaum noch vorstellbare Situation, weder in den USA noch in Europa noch irgendwo sonst auf der Welt. Frost hatte früh an sich geglaubt, und dass ihm schließlich, wenn auch relativ spät, der Durchbruch gelang, festigte ohne Zweifel sein Weltbild, nach dem der eigene Wille und die eigene Beharrlichkeit Wunder bewirken können. Insofern war Frost ein lebendes Beispiel für die Realisierung des American Dream.

 

Gesellschaft und Politik
Ein selten – eigentlich nur in Frosts späteren Gedichten – angesprochener Motivkreis waren die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse seines Landes. Zwar war er kein politischer Mensch im üblichen Sinn, doch kam er in hohem Alter sehr nahe an die „große Politik“ heran: Er reiste 1954 im Regierungsauftrag nach Brasilien, 1957 nach England und Irland, 1958 wurde er Consultant in Poetry to the Library of Congress. Wie sehr er sich auf politischem Feld für kompetent hielt, zeigt eine Pressekonferenz, die er im Dezember 1958 gab. Er wolle sich nicht um ein Amt bewerben, sagte er, aber er wolle Politiker sein. Der Höhepunkt dieses quasi-politischen Engagements war sicher die Reise in die Sowjetunion im Jahr 1962, wo er als inoffizieller Abgesandter John F. Kennedys – im Alter von achtundachtzig Jahren und geschwächt durch die Reise – am Krankenbett mit Nikita Chruschtschow die Weltlage erörterte. Frost sah in der Rivalität der beiden Supermächte so etwas wie einen edlen Wettstreit der Systeme, bei dem am Ende der Bessere gewinnen sollte – wobei er nicht verhehlte, dass er den Westen als kommenden Sieger sah. Überdies hatte er die Vorstellung, dass sich der westliche Kapitalismus Schritt für Schritt einer sozialistischen Gesellschaft annähern könnte, während im Gegenzug der Sozialismus sich demokratischer und menschlicher zeigen würde – „Wandel durch Annäherung“ gewissermaßen.
Es ist nicht zu übersehen, dass Frost bei der Beurteilung der politischen Gegebenheiten uninformiert und naiv war. Chruschtschow, den er nach seiner Rückkehr einen „großartigen Menschen“ nannte, bereitete genau in der Zeit dieses Besuchs die Stationierung von Atomwaffen auf Kuba vor. Die Kubakrise, nur einen Monat später, gilt bis heute als die gefährlichste Situation im Kalten Krieg. Kay Morrison, Frosts enge Freundin seiner späten Jahre, beurteilte ihn so:

Während er eine persönliche Chance für seiner Ansicht nach edle Zwecke nutzte, erkannte er nicht, dass er zumindest teilweise von Menschen ausgenutzt wurde, die andere Ziele verfolgten. Wie kraftvoll oder verletzlich diese Charakterzüge auch gewesen sein mögen, die Russlandreise stellte in seinen letzten Jahren die größte Entfaltung von Elementen in ihm dar, die manchmal als provinziell, chauvinistisch oder engstirnig-konservativ angesehen wurden.

 

Frosts Themen

Natur
Fragt man nach den hauptsächlichen Themen, mit denen sich Frost in seinem Werk beschäftigte, mag manchem als Erstes die Natur in den Sinn kommen, schließlich beschwört ein großer Teil seiner Gedichte Naturszenen herauf: Bäume, Blumen, Tiere, das bäuerliche Leben, darüber hinaus auch geologische Gegebenheiten, Wettererscheinungen, Himmelskörper oder die Naturgesetze. Man hat ihn aus diesem Grund zu seiner Zeit gerne als Natur- und Heimatdichter von Neuengland gesehen – aber nichts könnte falscher sein. Das naturhafte Setting dient Frost nur als Sprungbrett, um auf eine andere, höhere, oft spirituelle Ebene zu gelangen. Überzeugt, dass die Schöpfung dem Menschen gleichgültig gegenüberstehe, der Mensch jedoch aus innerem Antrieb Beziehungen verschiedener Art zu ihr suche, ist ihm die Schilderung von Naturelementen oder -vorgängen nie Selbstzweck. Stattdessen beschreibt er unser Echo darauf, meist auf distanziert-kritische Weise, oder sie geraten ihm zum Gleichnis für eine bestimmte Erkenntnis, deren Formulierung oft den Abschluss des jeweiligen Gedichts bildet.
Möglicherweise machte gerade dieser Rahmen, den er vielen seiner Gedichte gab, die große Popularität Frosts aus. Die Gedichte funktionierten – und funktionieren bis heute – eben auch an der Oberfläche. Tiefer liegende Schichten aber bergen Schätze, die oft nicht gesehen wurden.

Liebe
In Frosts Leben gab es nur zwei Liebesbeziehungen. Die erste war Elinor White, eine Klassenkameradin, in die er sich schon zu Highschoolzeiten verliebte. Er war 21, sie 22 Jahre alt, als sie 1895 heirateten, und die Ehe endete mit dem Tod Elinors im Jahr 1938. Trotz großer gegenseitiger Liebe und reichen Kindersegens kam es aber immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten.
In beinahe allen Liebesgedichten ist Elinor die angesprochene Person, und sie zeigen die vielfältigen Facetten der Beziehung zu ihr auf. Dazu gehören das jahrelange Werben um sie und das Wechselspiel von stürmischen Emotionen und Liebesleid. Dabei scheute Frost sich auch nicht, sexuelle Anspielungen einzufügen, wenn auch in angemessener Maskierung. Weitere Gedichte entsprangen den beglückenden gemeinsamen Erlebnissen.
Ganz anders und viel loser war die Beziehung zu Kay Morrison. Sie war die Frau eines Freundes und wurde nach Elinors Tod Frosts Sekretärin. 1938 machte er ihr einen Heiratsantrag, den sie aber ablehnte. Dennoch unterstützte sie ihn weiter, und sowohl sie als auch ihr Mann blieben ihm bis ans Lebensende in Freundschaft verbunden.

Tod
Bereits mit elf Jahren wurde Frost Halbwaise. Der Dichter Edward Thomas, den er als eine Art Bruder im Geiste betrachtete, fiel im Ersten Weltkrieg. Er verlor vier seiner sechs Kinder, eine weitere Tochter beschloss, ebenso wie seine Schwester, ihr Leben in einer psychiatrischen Anstalt. Die letzten 25 Jahre seines Lebens war Frost Witwer, und wer fast neunzig Jahre alt wird, sieht viele gute Freunde ins Grab sinken. Wie man an seinen Gedichten ablesen kann, entwickelte er eine pragmatische Haltung zum Sterben, die wohl auch aus seiner Beobachtung der Naturvorgänge und des Niedergangs der bäuerlichen Kultur im Neuengland der Jahrhundertwende resultierte, siehe etwa das Gedicht „The Need of Being Versed in Country Things“. Eine Dramatisierung oder Heroisierung des Todes ist in Frosts Werk dagegen nicht auszumachen, eher macht er sich über Todesangst lustig, wie etwa in „Provide, Provide“.

Religion
Ein weiteres und wesentliches Motiv, das in Frosts Werk immer wieder eine Rolle spielt – und das er regelmäßig in Gesprächen, bei Lesungen und in Vorträgen anschnitt –, war die Religion. Obwohl ein Kind des gottesfürchtigen – um nicht zu sagen: bigotten – Amerikas (nicht nur) des 19. Jahrhunderts, fühlte er sich von Anfang an stark von philosophischen und wissenschaftlichen Strömungen angezogen, die Zugänge zur Spiritualität jenseits der kirchlichen Lehren boten. Denn dass die Welt aus mehr als Materie besteht, daran zweifelte Frost zu keinem Zeitpunkt. In jungen Jahren befasste er sich mit den einflussreichen Schriften von William James und George Santayana sowie den umwälzenden Lehren von Charles Darwin.
Elinor hatte sich zur Atheistin erklärt, nachdem ihr Erstgeborener mit drei Jahren an einer Infektion gestorben war. Für Frost bedeutete der Glaube an einen persönlichen Gott ein lebenslanges, teilweise verzweifeltes Ringen. Erschütterndes Beispiel dafür ist das Gedicht „To Prayer I Think I Go“, das er zu Lebzeiten nicht veröffentlichte. Zunächst durch seine Mutter stark beeinflusst vom Protestantismus Swedenborgscher Ausrichtung, festigten sich im Laufe seines Lebens in ihm eigene Vorstellungen vom Verhältnis von Geist und Materie. Nicht zuletzt der intensive Gedankenaustausch mit Freunden wie dem Rabbiner Victor Reichert führten zu einem eigenen, unabhängigen Gottes- und Weltbild. Die Frucht dieser Zwiegespräche zeigt sich unter anderem in den beiden Theaterstücken aus den vierziger Jahren, A Masque of Reason und A Masque of Mercy. Sie greifen (zum Teil mit rabenschwarzem Humor) biblische Themen auf und lassen unter der Oberfläche Frosts Getriebenheit ahnen, verursacht durch seine immerwährende Suche nach Gott und den Drang, ein unverstehbares Schicksal verstehen zu wollen. In seinen Gedichten ist dies gut nachzuvollziehen. Hinzu kommen Fragen nach der Beziehung Gottes zum Bösen, nach der Vereinbarkeit von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen mit dem christlichen Weltbild und nach den Erkenntnismöglichkeiten des Menschen überhaupt. Ihren Niederschlag finden diese Thematiken in Gedichten wie „Design“, „Accidentally on Purpose“ oder „For Once, Then, Something“.

Arbeit
Bevor Frost von seiner Dichtkunst leben konnte, war er gezwungen, mit Unterricht an Schulen und Hochschulen sowie bäuerlicher Arbeit seine wachsende Familie zu ernähren. Zweimal war eine eigene Geflügelfarm die Lebensart für die Frosts. Die dabei gemachten Erfahrungen und die Begegnungen mit den bodenständigen Menschen auf dem Lande, vor allem ihrer Sprache, boten ihm unerschöpfliches Material für Reflexionen und deren Illustrierung in Gedichten. Es ging ihm nicht nur um die Darstellung der Arbeit selbst, sondern auch um die Frage, wie sie getan sein muss, damit sie einen Nutzen hat, nicht zuletzt für den Arbeitenden selbst. Der Wert der Arbeit an sich erscheint unter anderem in dem frühen Gedicht „Mowing“. Und ob Arbeit überhaupt einen Wert hat oder haben sollte, wird in dem humorvollen „Gathering Leaves“ abgehandelt. Des Weiteren bearbeitet Frost die sozialen Aspekte der Arbeitswelt, wie die Verteilung von Arbeit und das Gemeinschaftsstiftende an ihr.

Einsamkeit
Depressionen und Suizidgedanken waren Frosts lebenslange schattenhafte Begleiter. Allzu Intimes aber wollte er nicht ungefiltert in die Öffentlichkeit entlassen (wie er es in „The Fear of God“ thematisierte). Aus seinen Briefen an engste Freunde wie Louis Untermeyer, John Bartlett oder Edward Thomas aber spricht eine gut verborgene existenzielle Angst, auch vor dem Absturz in psychische Abgründe, wie er sie in seiner Familie vor Augen hatte.
Auch die quasi alltägliche Einsamkeit, wie sie fast jeder Mensch kennenlernt, ist Frosts Thema, nur selten aber wagt er die seelische Verlassenheit in ihrem ganzen Ausmaß in seinen Gedichten zu präsentieren. Düstere, teilweise erschreckende Beispiele hierfür sind etwa „Bereft“ oder „Desert Places“. Mit solchen zutiefst persönlichen Gedichten schließt sich der Kreis zu den Themen Tod und Religion.

Meine Betrachtung der Themen- und Gedankenwelt des Dichters Robert Frost möchte ich mit einem Zitat aus dem Buch The Road Not Taken des New Yorker Kritikers David Orr schließen:

Sollten wir seine Popularität in Frage stellen, die im Widerspruch zu seiner enormen Gelehrsamkeit und seinen technischen Leistungen zu stehen scheint? Sollten wir seine Aufrichtigkeit in Frage stellen, die so zweifelhaft erscheint, wenn man die verächtlichen Briefe liest, die er über seine Kollegen und sogar seine Freunde schrieb? Sollten wir uns Sorgen machen, dass er uns zu sehr ähnelt – oder nicht genug?

 

Vielleicht ist es besser, sich Frost als einen Dichter vorzustellen, der uns auffordert, solche Fragen zu stellen. Es spielt keine Rolle, ob der ‚echte‘ Frost höflich oder bedrohlich ist, denn es geht einfach darum, uns zum Nachdenken über ‚Echtheit‘, über Authentizität und darüber zu veranlassen, was es bedeuten würde, wirklich aufrichtig zu sein. In diesem Sinne stellt uns Frost immer an den Anfang seines berühmtesten Gedichts:

 

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood…

 

Der Moment am Scheideweg ist der Moment, in dem alle Alternativen gleich wahrscheinlich sind. Wir haben uns nicht bewegt, wir haben nicht gewählt, wir haben nicht gesündigt. Und natürlich geht man an den Scheideweg, um dem Teufel zu begegnen, dem Engel, der auch ein Monster ist. Man geht an den Scheideweg, um Amerika zu finden, das freie Land, das aus der Sklaverei geboren wurde. Man geht zum Scheideweg, um Robert Frost zu treffen.

 

Zur vorliegenden Ausgabe der Gedichte
Nun liegen die Gedichte von Robert Frost in einer neuen Nachdichtung vor. Ingeborg Schimonskis Ausgangspunkt war ihre Unzufriedenheit mit den vorliegenden Übersetzungen ins Deutsche. So machte sie sich selbst an die herausfordernde Aufgabe und übertrug in mehr als fünfzehnjähriger Arbeit Robert Frosts gesamtes veröffentlichtes Werk. Etwa ein Drittel davon stellt sie in diesem Band vor. Dabei ist zu würdigen, wie sehr die Arbeit des Übersetzens eines Autors, der nicht mehr am Leben ist, eine einsame Angelegenheit ist. Die stumme Zwiesprache mit ihm bleibt nur noch in einer Richtung möglich, die Fragen, die unweigerlich auftauchen, können nie mehr beantwortet werden. Hier heißt es, auf sich selbst gestellt, tief in die Gedanken- und Gefühlswelt des Autors, so wie sie allein aus seinen Werken spricht, einzutauchen. Es heißt, den Versuch zu unternehmen, den ursprünglichen Empfindungen und Intentionen nachzuspüren und in der eigenen Sprache die angemessenen Äquivalente aufzufinden, ganz so, als ob Ingeborg Schimonski Robert Frost widerlegen wollte, der sagte, Poesie sei das, was beim Übersetzen verloren gehe.

Werner Friedl, Münstertal und Antignano, Januar 2026, Nachwort

 

 

Robert Frost

ist der berühmteste und meistzitierte amerikanische Dichter des 20. Jahrhunderts, bisher in Deutschland allerdings wenig bekannt. Er erhielt vier Pulitzerpreise für seine Gedichtbände und trug bei der Amtseinführung von John F. Kennedy eines seiner Werke vor.
Die Gedichte Robert Frosts zeichnen sich durch eine klare, scheinbar schlichte Sprache aus. Es geht um anschauliche, vertraute Dinge, aber zugleich immer um die großen Fragen des menschlichen Lebens: um Liebe, Freiheit, Tod, menschliche Nähe, Sinn. Mit dieser Ausgabe liegt nun die bisher umfangreichste Sammlung von Robert Frosts Gedichten auf Deutsch vor – herausgegeben und übersetzt von Ingeborg Schimonski und mit einem Nachwort von Werner Friedl. Enthalten sind außerdem erläuternde Kommentare zu jedem Gedicht.

Regenbrecht Verlag, Klappentext, 2026

 

 

 

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