– Zu Mohammed bin Rashid Al Maktoums Gedicht „Der Löwen Kampfesmut“ aus dem Band Mohammed bin Rashid Al Maktoumser: In der Wüste findet nur der Kluge den Weg. –
MOHAMMED BIN RASHID AL MAKTOUM
Der Löwen Kampfesmut1
Ich sah im Auge des Löwen die Grazie der Antilope, ganz nah,
Und in den Augen der Antilope sah ich der Löwen Kampfesmut.
Seht ihr das Prasseln der Flammen, das in meinem Herzen geschah?
Kein Mensch wird je wieder löschen die lodernde Glut.
Weh über den Mann, den sich eine nachtzarte Wimper zum Opfer ausersah!
Sie nimmt seine Brust ins Visier, und trifft ihn dort, wo die Halskette ruht.
Wer wird einen Liebenden tadeln, den, ehe er sich’s versah,
Eine schlanke Gazelle in Fesseln zu legen geruht?
Süß schmeckte die bittere, schmeckte die giftige Koloquinte mir da,
Als sie mir die Lasten von Hartherzigkeit und Verneinung der Liebe auflud.
Was soll ein Liebeskranker tun, dem man sagte: „Die Heilung ist nah:
Sie liegt in zwei Brüsten, zwei Lippen, zwei Wangen, so rot wie Blut?“
Mit lauter Stimme rief ich, mit einer Stimme, welche beinah
Das All erfüllte, all seine grenzenlose Flut,
Ich, zu dem dein sich wendendes Traumbild sich kaum noch umsah,
– Nicht einmal dein nächtliches Traumbild behandelt mich gut! –:
„Oh Hoffnung des Lebens, oh Ziel meiner Wünsche, so sage mir Ja:
Wie kann ich entkommen aus dieser grimmigen Fesseln Wut?
Ah! Meine Sehnsucht! Ah, dass du fortgehst! Und wiederum: Ah!
Wie ich dich liebe, auch wenn deine Härte so wehe mir tut!
Aus dem Arabischen von Claudia Ott
Musikalisch, doch in fremden Klängen
– Anmerkung zum Gedicht „Fatk al-usūd – Der Löwen Kampfesmut“. –
Wie eine kleine Sinfonie klingt das Lied von den Löwen und der Antilope, die wir in dem dramatischen Moment beobachten, in dem sich ihre Abbilder in den Augen des jeweiligen Gegners spiegeln. Die klar strukturierte Komposition der zehn Doppelverse mit ihrem Schwerpunkt auf den Reimen am Vers- und Halbversende wirkt im hohen Maße musikalisch.
Musikalisch, doch in fremden Klängen. Denn der arabische Reim klingt anders. In der klassischen arabischen Poetik handelt es sich immer um einen sogenannten „Monoreim“: Sämtliche Verse des Gedichts enden auf derselben Reimsilbe. Da klassische arabische Gedichte (Kassiden, arab. qasīda) aus Halbversen aufgebaut sind und am Ende des eröffnenden Halbverses ebenfalls der Monoreim steht, erhalten wir das Reimschema a – a – b – a – c – a – d – a – e – a etc. Die Nabati-Dichtung, in deren Tradition der vorliegende Gedichtband steht, geht jedoch noch einen Schritt weiter: zum doppelten Monoreim nach dem Schema a – b – a – b – a – b – a – b etc.: Alle ersten Halbverse enden auf einer festen Reimsilbe, die zweiten Halbverse auf einer anderen, ebenfalls invariablen Reimsilbe. In unserem Fall enden die Halbverse auf der Reimsilbe -āh, die Versenden reimen auf -ūd. Die ersten und letzten Verse lauten im arabischen Original (Transkription soweit möglich an die klassisch arabische Konvention angenähert):
Vers 1, 1. Halbvers šuft fī ‘ayn al-asad ḍu ‘f al-mahāh
Vers 1, 2. Halbvers wa-šuft fī ‘uyūn al-mahāh fatk al-usūd
Vers 2, 1. Halbvers wa-‘tarā qalbī l-mutayyam mā ‘tarāh
Vers 2, 2. Halbvers narū šawqin mā li-sā ‘irihā ḫumūd
Vers 10, 1. Halbvers āh min šawqī wa-min haǧrik wa-āh
Vers 10, 2. Halbvers min hawāk wa-min ǧafāk wa-min al-ǧuhūd
Aufgrund der morphologischen Besonderheiten der arabischen Sprache kommen Reime im Arabischen erheblich einfacher zustande als im Deutschen. Arabische Reime markieren einen Text auf leichtfüßigere, grazilere Art und Weise, als das ein deutscher Reim vermag. Schon der einfache arabische Monoreim ist deshalb im Deutschen schwer nachzuahmen. Der doppelte arabische Monoreim ist ohne Kompromisse bezüglich der Lesbarkeit und Verständlichkeit des Inhalts nicht zu erreichen. Dennoch erscheinen diese Kompromisse tragbar, wenn an dieser Stelle einmal der Versuch unternommen wird, die Klanglichkeit des arabischen Reims im Deutschen hör- und erlebbar zu machen.
Inhaltlich folgt das Gedicht „Der Löwen Kampfesmut“ der bilder- und metaphernreichen Motivik der altarabischen Beduinendichtung. Ein zentrales Motiv aus dieser poetischen Umgebung ist die bittere Koloquinte (arab. ‘alqam). Die Koloquinte (Citrullus colocynthis) ist eine Kürbisfrucht, die in der trockenen Wüste der arabischen Halbinsel wächst. Fruchtfleisch und Samen bzw. Kerne der Koloquinte sind hochgiftig und schmecken äußerst bitter. Seit der frühesten arabischen Dichtung drücken Dichter die Härte vergeblicher Liebe mit dem bitteren Geschmack der Koloquinte aus: Der verlassene, unglücklich Verliebte, hat das Gefühl, Koloquintenkerne zu essen, wie es schon der vorislamische Dichter Imru’ al-Qais (gest. um 550) im vierten Vers seiner berühmten „Mu ‘allaqa“ beschreibt:
Dort bei den Akazien stand ich morgens, als sie gereist
Als kaute ich Koloquintenkerne der bittren Sort’
Oder mit den Worten des umayyadenzeitlichen Dichters Dschamil (gest. um 700):
Gleich als hätt’ ich Gift getrunken, war es mir am Tage
da ihr Zug in Gang sich setzte von des Treibers Schlage.
(dt. von Friedrich Rückert)
Die idealisierte Lebenswelt dieser Motive ist die des Beduinentums auf der arabischen Halbinsel. Es ist gewissermaßen ein arabisches Arkadien. Hier leben Gazelle, Löwe und Antilope, in unserem Fall die arabische Oryx (Oryx leucoryx, arab. mahāh), die mit ihrer markanten Gesichtszeichnung und ihrer Grazie als Symbol für die weibliche Schönheit schlechthin steht. Zu dieser Welt gehören auch Jagdnetz und Liebespfeil, gehört die Augenwimper, dunkel wie die Nacht und zart wie die Liebe selbst, die sich ein Opfer sucht und dieses mit ihrem Pfeil trifft. Nun ist der arme Liebende zu bedauern, der zum Opfer einer Gazelle geworden ist. All dies sind Bilder, Metaphern und Topoi, die aus der altarabischen Liebesdichtung wohlbekannt sind. Sie werden in unserem Gedicht in eine eigenwillige neue Komposition gebracht.
Mit seinen Gedichten steht Mohammed bin Rashid Al Maktoum in der Tradition der arabischen Nabati-Dichtung, in der sich klassische Themen und Formen unter enormem Einfluss mündlicher Kompositionstechniken mit den Beduinendialekten der arabischen Halbinsel verbinden.
Claudia Ott, September 2008
aus Mohammed bin Rashid Al Maktoum: In der Wüste findet nur der Kluge den Weg, Edition Lyrik Kabinett, 2008








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