Rolf Haufs: Tanzstunde auf See

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Rolf Haufs: Tanzstunde auf See

Haufs-Tanzstunde auf See

MAUL UND BLITZ
oder der Versuch , Herrn Gregor L.
auf den Punkt zu bringen

He Hüpfer hör! Ein Lyrikkryp
Umarmt den Bauch. Der. Vollgefüllt
Mit Wörtern Spiel. Bläh
Nicht herum. Kraweel
Die Last hol über. Speckfisch
Rhein ist sein Revier.

Leier Loreley die Jedenküsserin
in Brei und Butter und ein
Nett Geschwätz. Das habt ihr nun
Davon daß Rappenglück & Hundgeburt
Als Maul und Blitz euch Verse rupfen
Hüpf weiter jetzt und übers Ziel hinaus.

 

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Schon immer faszinierten Rolf Haufs’ Gedichte

durch Vielfalt im Ton und in der Form. Ob Naturgedicht oder Popballade – Hauf will stets die eigene Gegenwart durch Sprache sichtbar machen. In seinem neuen Band mischt sich die Erinnerung an Gelebtes auf teils elegische, oft aber sarkastische und ironische Weise mit der Erfahrung von Alter, Krankheit und Tod.

Lyrik Kabinett, Ankündigung

 

Melancholie & Übermut

– Freund(schaft)liche Überlegungen aus Anlass der Tanzstunde auf See von Rolf Haufs. –

Wir heute hier über was sollen wir reden
Über Angst über Schmerzen
Über den Schnee der früh kam
In diesem Jahr.

Eine gute Frage. Nachzulesen in Juniabschied, dem vielleicht erfolgreichsten Gedichtband von Rolf Haufs aus dem Jahre 1984. Die politische Aufregung der sechziger und siebziger Jahre hatte sich gelegt. Die vermeintlichen Kämpfe und die tatsächlichen Auseinandersetzungen waren Geschichte geworden. Auch die „Literaturproduzenten“ blickten nicht länger betroffen beiseite, wenn sie das Wort „Dichter“ hörten. Doch eine mächtige Resignation ließ sich nicht verleugnen. Deshalb war es eine gute Frage, damals. Und, nicht minder: Für uns. Heute. Hier.

Rolf Haufs war damals ein Dichter, er ist es bis heute geblieben. Ein Bote aus vergangener Zeit, der mitten in unserer Gegenwart steht. Einer, der mit leiser Stimme, aber vernehmlich spricht. Kein Prophet, sondern ein Zeitgenosse, der mit historischem Bewusstsein in die Zukunft blickt. Bei ihm gibt es kein Raunen, seine Gedichte sind nie dunkel gewesen, aber immer rätselhaft geblieben.
Versteckt hat er sich nie. Doch immer das Scheinwerferlicht gemieden. Er hat sich zu Wort gemeldet, vernehmbar, aber mit leiser Stimme. Er hat den Geist der Zeit erfasst, aber nie dem Zeitgeist nachgegeben. Er hat sich nie angepasst, eher Mut bewiesen, als andere mit dem Strom geschwommen sind. Er ist Beobachter geblieben. Knapp, präzise, auf engstem Raum, mit der poetischen Genauigkeit, die auch die Zwischentöne erfasst. Er hat ein Leben lang geschrieben. Doch sein Werk ist schmal geblieben. Seine Bücher, zusammengenommen, erreichen vielleicht gerade einmal den Umfang von Jonathan Franzens Roman Freiheit. Dafür enthalten sie ein Vielfaches an (verdichteter) Erfahrung.
Deshalb ist Rolf Haufs, der Dichter, auch hoch dekoriert worden. Kaum einer der renommierten Literaturpreise, die zwischen Bremen und Staufen im Breisgau vergeben werden, den er nicht erhalten hätte. Anders als den sowjetischen Generälen, die ihre Orden und Ehrenzeichen, an die Brust geheftet, protzend ausstellten, ist ihm Stolz und sogar Eitelkeit fremd geblieben.
Der Dichter Haufs hat über lange Jahre immer auch Prosa und Erzählungen geschrieben, Das Dorf S. und andere Geschichten (1968), Der Linkshänder oder Schicksal ist ein hartes Wort (1970), bis hin zu dem Band Selbst Bild von 1988. Während damals andere „Dekrete“ ab- und die Welt verloren gegeben haben, wollte er, nur scheinbar bescheiden, „möglichst kurz den Nachtwind“ beschreiben, der lau durchs Fenster wehte, und dabei aber, jenseits der Deklarationen, etwas zur Sprache bringen, was sich den flotten Sprüchen und schnellem Zugriff notwendig entzieht.
Doch der Lyriker kam immer stärke durch. Bemerkenswert dabei: Seine Gedichte schreiben – in einem emphatischen Verständnis – Geschichte, und zwar genau in jener Form, die durch Walter Benjamins berühmten Engel der Geschichte bezeichnet wird. In der Koinzidenz von Schrecken und Hoffnung. Der Trümmerberg, auf den Haufs zurückblickt, wurde mit dem Wiederaufbau der deutschen Städte nach dem Zweiten Weltkrieg keineswegs beseitigt. Die Zerstörung, deren Zeuge er – als Kind – geworden ist, hat in allen seinen Gedichtbänden bis hin zum jüngsten, der Tanzstunde auf See von 2010, mehr als nur Spuren hinterlassen.

Rolf Haufs wurde am 31. Dezember 1935 in Düsseldorf geboren (ein bisschen hört man das, am stärksten am Telefon, auch heute noch durch). Am letzten Tag des letzten Jahres ist er 75 Jahre alt geworden. Seit über fünfzig Jahren, seit 1960, lebt er in Berlin. Rheinischer Humor und Berliner Witz verbinden sich in vielen seiner Verse zu bizarren Bildern:

In meiner Wohnung staut sich die Hitze
Sie legt sich nieder und wiehert.

Diese ironische Distanz, auch zu sich selbst, hellt den dunklen Grundton seiner oft melancholisch gefärbten Dichtung immer wieder deutlich auf.
Über Jahrzehnte leitete Rolf Haufs die Literaturredaktion des SFB. Er setzte dort, so lange es ihm möglich war, ein kompromisslos literarisches Programm durch, ohne Event-Charakter, und verschaffte seinen (schreibenden) Kollegen damit nicht nur Öffentlichkeit, sondern auch ordentliche Honorare.
Zusammen mit Nicolas Born hat er in den siebziger Jahren, als sich die „Dichtung“ unter der (nicht nur studentischen) Jugend keines guten Rufs erfreut, das Wort „Dichter“ war eher als Schimpfwort gebräuchlich, den Alltag für die Lyrik erschlossen und damit dem Gedicht etwas von der Geltung zurückgegeben, die es in den politischen Kämpfen zu verlieren schien. Damals machte Haufs durchaus Schule, aber, wie es seine Art geblieben ist, kein Aufhebens.
Die poetische Genauigkeit, die ihn auszeichnet, verdankt sich einem bewussten Verzicht. Haufs will seine Gedichte freihalten von Effekten, Pointen, ebenso von Meinungen, Botschaften, Informationen. Er sucht mit den „verlorenen Wörtern“ die Bilder, in denen sich unsere Erfahrung eingeschrieben hat. Er meidet öffentliche Gespräche und Interviews, verweigert Erklärungen, meint, dass der Autor hinter seinem Werk zu verschwinden habe.
Das mag richtig sein. Nur das Ich, das seinen Lesern entgegentritt, mit seinen Wunden und Narben, mit seinen Empfindungen und Erfahrungen, seinen Verletzungen, seinen seltenen Jubelrufen und seinen häufigen Schmerzensschreien, dieses Ich hat ersichtlich etwas mit einem Autor zu tun, der auch seine Biographie als Stoff nutzt, aber allen Stoff stets einer oft einfach scheinenden, dabei genau kalkulierten Form unterwirft.

„Damit nix“ heißt eines seiner Gedichte (Aus: Ebene der Fluß, 2002; ausgezeichnet mit dem Peter-Huchel-Preis 2003):

Darum zu Tode. Im Fallen
Nur so. Sekundenschnell im Rausch. Nachts
Umstellt von grinsenden Kerlen
In Wahrheit tropfe ich aus
Meine Zeit. Meine schöne Bescherung
Nix zu tun damit. Ich hätte Lust auf
Menschen. Hör immer mir selber zu
Danach Ruhe. Vor Eis vor Luft
Dem Glanz der Sterne eins auswischen
Die süßen Mätzchen allesamt durchspielt
Ich bin dabei
Wenn es heißt. Kein Wasser. Doch
Immerzu die Teilung der Meere.

(Man könnte, als Anregung gesagt, von diesem Gedicht aus versuchen, eine Art von negativer Theologie zu entwickeln.)

Immer wieder kommen Erinnerungen durch. Bilder aus der Kindheit, oft auch Bilder des Krieges, der seine Kindheit prägte:

Brandroter Himmel über den Steinen
Schrie dass die Seele
Beschädigt lebenslang…

Die Zerstörung seiner Welt, der er damals zusehen musste, und die er, damals, natürlich nicht begreifen konnte, hat sich unauslöschlich seinem Gedächtnis eingebrannt. „Als die Bilder in unseren Köpfen waren, hatten wir die Wörter verloren.“ – Wörter, die er später, oft mühsam, wieder gesucht hat, um die Verletzungen zu beschreiben. Das lyrische Ich wird zum Subjekt. Die persönliche Erfahrung wird durchlässig. Der individuelle Fall zum allgemeinen.
In einer Geschichte aus dem Erzählungsband Das Dorf S. und andere Geschichten, „Ordnung-muß-sein -wo-kämen-wir-denn-sonst-hin“, erzählt er von einem Herrn Klöppel, mit dem es auch kein gutes Ende nahm.

Als Frieda ihm die Milch über den Kopf goß, war es Klöppel zuviel. Er schlug zu. Nicht sehr fest, sonst hätte sie es kaum überlebt. Immerhin, Frieda fiel über den blank gescheuerten Küchentisch, scherte die Arme aus, zappelte mit den dicken, blauen Waden und schrie, dass es einen erbarmen konnte. Untermieter Blankfuß, dem Klöppel schon immer mißtraut hatte, holte auch gleich die Polizei. Ordnung muß sein, sagte sich Blankfuß, und hier war etwas nicht in Ordnung.

Solche Meldungen, wie sie in unseren Zeitungen unter der Rubrik „Vermischtes“ erscheinen, haben bereits Kleist den Stoff geliefert, aus dem er seine Anekdoten formte. In diesen Geschichten trifft sich Haufs übrigens (wie ich jetzt, leicht verblüfft, gesehen habe) mit Reinhard Lettau, der, zur gleichen Zeit, ähnliche Geschichten schrieb. Ebenso lapidar. Auf andere Weise ebenso böse.
Daran zeigt sich nicht nur der zeitgebundene Kontext. Auch Haufs hat von Kleist über Kafka bis zu, sagen wir, Francis Ponge und Thomas Bernhard, die Moderne absorbiert. Er hat, aber anders als Lettau, der Dichtung gleichsam die Treue gehalten. Er hat sich gesperrt gegen eine voreilige eben nur äußerliche Politisierung. Er hat, kurz gesagt, im Ästhetischen das Politische erkannt. Er konnte, ohne seine politischen Ansprüche aufzugeben, scheinbar privat, seine Gedichte schreiben, während sich Lettau damals dem „täglichen Faschismus“ verschrieb und damit an die Zeit gebunden blieb.

Rolf Haufs hat mit seinem Band Die Geschwindigkeit eines einzigen Tages, der 1976 erschienen ist, Furore gemacht. Seine Gedichte haben den Alltag für die Lyrik erschlossen, orientiert an einer Devise von Walter Höllerer, in einem Gedicht habe alles Platz. Am bekanntesten wurde, Anfang der achtziger Jahre, seine Sammlung Juniabschied. Seine Gedichte, auch und gerade die neuen im Band Tanzstunde auf See, lassen stets ihre autobiographische Grundierung erkennen, dazu oft auch einen surrealistischen Einschlag:

Nebel kommt, sagt Sandburg
Auf Katzenfüßen…

Bei Haufs wird das Leben zur Literatur und das Ich zu einem Spiegel, in dem sich die gegenwärtige Welt reflektiert. Manchmal sogar in einem – allerdings nur scheinbar – unmittelbaren Verständnis. Wenn er zum Beispiel seine Freundin einfach auf die Straße schickt: „Kerstin Hensel läuft über die Schönhauser Allee“, dann wird auch in solchen Versen der Stoff, die private Begebenheit transformiert. Frau Hensel erkundigt sich nach der „Jahreszeit“, die „Leutelachen über „französische Dessous“, trinken „einen Kaffee“ und die Allee öffnet sich zu einem (kleinen) Universum.

Der neue Band ist als Tryptichon aufgebaut, drei Bilderfolgen, die sich allerdings an keiner Chronologie orientieren und auch nicht thematisch gegliedert sind, nur immer wieder drei Grundmotive anklingen lassen.
Kranken(haus)geschichten:

Es riecht komisch sind es die verwesten Körperteile oder
Kommt der Geruch aus der Küche
Der Zivi sagt da müssen wir durch…

Kindheits- und Jugenderinnerungen:

Während draußen die Artillerie
Ihre Zielrohre einstellte fiel Jesus
Von der Wand er verlor ein Bein
Das die Familie in stundenlanger Bastelarbeit
Aus Wachs und mit Kleber
Wieder anpappen wollte
Doch Jesus wehrte sich…

Bilder gegenwärtiger Erfahrung:

Sind wir in Kapstadt oder noch in
Wilmersdorf Bald knallen die Kastanien
Leute aus Afrika fegen Laub
Langsam damit die Arbeit nicht ausgeht…

Und immer wieder die alten Bilder des Rheinlands aus seiner Kindheit und Jugend.

Als Junge reiste ich mit dem Personenzug
Ich sah mit großem Entzücken auf eine Landschaft
Die die meine war
Die Züge waren oft überfüllt
So dass ich
Auf dem Trittbrett überlebte…

Geblieben ist auch etwas von dem (bei ihm melancholisch getränkten) Frohsinn, den man Rheinländern nachsagt, zumindest in Form des allerdings oft schwarzen Humors:

Andererseits stinken Sie nicht
Wir geben uns große Mühe sie zu waschen…

Haufs wuchs in einer Zeit auf, die noch vom 19. Jahrhundert geprägt war:

Meine Großmutter hatte zwölf weibliche Geschwister.

Er erlebte als Kind die letzten Nazi-Jahre, den Krieg, die Zerstörung, das Elend, der Jugendliche dann den Wiederaufbau, die Restauration der fünfziger Jahre:

Dampfende Lokomotiven damals
Begann das sogenannte Leben…

Er kennt, wie kaum ein anderer, die literarische Tradition, aber er hält sich an den Alltag, seine persönlichen Erfahrungen. Die Tiefe seiner Gedichte erschließt sich von der Oberfläche her.

***

Der Dichter ist nun alt geworden. Und gewiss nicht mehr so richtig gesund. Nur lamentiert er nicht. Im Gegenteil, soweit Gebrechen überhaupt erwähnt werden, nicht nur Krankenhausgeschichten, werden sie ironisch gebrochen. Etwa in dem Gedicht „Arktisch“ aus dem Band Tanzstunde auf See, 2010. Es beginnt mit den Versen:

Unser Bedarf an Passionsmusiken ist
Gedeckt. Die Kaffeemaschine surrt
Sirup eine Prise Salz
Das einzige Indiz

 

Jetzt sollen wir den Kasper machen
Ostereier. Bunte Hemden. Wir suchen
Die Herztabletten…

Ein, ersichtlich, spätes Gedicht, das doch wieder auf Haufs frühe, vor knapp dreißig Jahren gestellte Frage zurückverweist:

Wir heute hier über was sollen wir reden…?

So hatte er gefragt, damals. Und wir heute hier könnten deshalb noch über ein Telefongespräch reden, das er, Rolf Haufs, Mitte der achtziger Jahre, mit seinem damaligen Verleger zu führen versucht hatte. Sein Gedichtband Juniabschied war einige Monate zuvor bei Rowohlt erschienen und hatte gerade eine Auflage erreicht, die für Gedichtbände schon ans Wunderbare grenzte.

Haufs: „Guten Tag, hier ist Rolf Haufs. Könnte ich bitte mal Herrn Wegner sprechen?“

Rowohlt: „Wer ist da bitte?“
Haufs: „Haufs! Rolf Haufs!“
Rowohlt: „Rollaufs?“

Haufs: „Rolf Haufs!“ (Sagte er ein wenig lauter und noch immer deutlich.)
Rowohlt: „Können Sie das vielleicht mal buchstabieren?“
Haufs: „Ich bin Autor des Verlags! Rolf (hier machte er eine kleine Pause) Haufs!“
Rowohlt: „Entschuldigung. Wer bitte?“
Haufs: „Nein! Ich werde Ihnen das nicht buchstabieren.“

(Haufs hängte ein. Und wechselte in der Folge, auch deshalb, aus Hamburg nach München, zum Hanser Verlag, dorthin, wo man die Autoren kennt.)

Ich frage mich, warum mir, seit damals, seit über dreißig Jahren diese Geschichte im Gedächtnis geblieben ist. Eine plausible Erklärung habe ich bisher zwar nicht gefunden, nur weiß ich jetzt wenigstens, worüber „wir heute hier“ reden sollen, nämlich: über den Dichter Rolf Haufs und über sein Werk.

Martin Lüdke, die horen, Heft 241, 1. Quartal 2011

Weinen hilft nicht mehr

– Zur Krankheit kommt die Entwürdigung: Rolf Haufs schickt Lyrik aus dem Krankenhaus. –

„Dieser Text ist verschwunden.“

„Geboren bin ich im Evangelischen Krankenhaus in Bilk“ – so, im Ton eines üblichen Curriculum Vitae, könnte Rolf Haufs’ Lebenslauf beginnen. Tatsächlich aber handelt es sich bei dieser Mitteilung um den Vers eines Gedichts, das den Titel „Die Stadt Düsseldorf hat mir nichts zu sagen“ trägt. Bilk ist ein Stadtteil Düsseldorfs, der Geburtsstadt Haufs’. Düsseldorf, nicht Bilk, hätte man deshalb in seinem Lebenslauf eigentlich zu erwarten, und das Evangelische Krankenhaus, wo die Entbindung stattfand, passt schon gar nicht in eine professionelle Vita. Vollends deutlich wird der Abstand zu dem konventionellen Gebrauchstext eines formgerechten Lebenslaufs durch die Bemerkung: „Getauft hat mich Pastor Beckmann der Bekenner“, das heißt: ein Mitglied der Bekennenden Kirche.
Mit sparsamsten Mitteln schreibt Haufs hier mit seiner Lebensgeschichte zugleich Zeitgeschichte. Sie reicht zurück bis in die Zeit des Nationalsozialismus: Haufs wurde 1935 geboren, er erlebte die Nachkriegszeit in Rheydt und ging noch vor dem Mauerbau in die geteilte Stadt Berlin. Dort begann seine berufliche und literarische Laufbahn als Literaturredakteur des Senders Freies Berlin. Er wurde mit seinen ersten Gedichtbänden aus den frühen sechziger Jahren, Straße nach Kohlhasenbrück und Sonntage in Moabit, zu einem Berliner Autor, der seine rheinländischen Wurzeln nie vergessen hat. Die lakonische, bildkräftige, aber sachliche Sprache seiner Gedichte brachte ihm viel Anerkennung ein. Mit seinen weiteren Gedichtbänden hat Rolf Haufs den Ruf als herausragend gewissenhafter und kunsterfahrener Lyriker immer wieder bestätigt.
Der neue Band des nun Fünfundsiebzigjährigen setzt ein mit Gedichten aus dem Krankenhaus. Ob und in welchem Ausmaß Haufs’ erschreckende Krankenberichte auf tatsächlichen eigenen Erlebnissen beruhen, muss man nicht wissen, um doch ihre überpersönliche Eindringlichkeit zu erfahren. „Nicht flennen. Singen“ – ein flapsiger Ratschlag für Leute, die leiden und sich dabei angeblich selbst bemitleiden, erteilt von den Besuchern eines Patienten im Krankenhaus. Sie können das Gejammere des Kranken nicht mehr hören und wollen sich davon durch wohlfeile, aber leichtfertige Lehren befreien; denn wem ist auf dem Krankenlager schon nach Singen zumute!
Das Gedicht „Tulpen aus Teheran“, das diese Krankenhaus-Szene entwirft, besitzt, wie viele von Haufs’ Gedichten, einen doppelten Boden: Einerseits hat es für die pflichtschuldigen, aber unsensiblen Besucher mit ihren billigen Tulpen und ihrem Drang, sich möglichst schnell wieder dem „deutschen TV“ hinzugeben, nur satirische Kritik übrig, die auch ihre Lehre „Nicht flennen. Singen“ einbezieht. Andererseits aber enthält genau diese Lehre das poetische Programm des Dichters Rolf Haufs: Es geht ihm in den Spital-Gedichten nicht um wehleidige biographische Gefühlsäußerungen, sondern um variationsreiche Artikulationen des „Singens“, gerade in existentiellen Notlagen.
Jedes Pathos ist dem Sänger zuwider, jeder hohe Ton ein Greuel. Wenn ein Gedicht zu ernst oder zu bitter zu werden droht, streut er einen munteren Zynismus, eine Prise Selbstironie ein, und mitunter muss es auch eine Albernheit oder ein Kalauer tun. Da wird dann aus Mönchengladbach das öde „Mönchenblabbach“ und das festlich-militärische Tschingderassabum um das schnöde Pinkepinke zu „Pinkerassapinkerassabum“ ergänzt.
Mit seinem höchstpersönlichen „Ich“ geht der Patient sparsam um. „Wir“, sagt er, „halten den Kopf hin“. Oder: „Zurechtgestutzt zeigen wir / Was noch geht.“ „Wir“ sind die Patienten, und die Klinik ist die kranke Welt, darin ihnen übel mitgespielt wird von dem Pflegepersonal, den Zivis, den Therapeuten und ganz besonders von den Ärzten: Ihr „Freundliches Grinsen lässt uns / Auf Heilung hoffen. Dabei haben sie uns / Längst abgeschrieben“. „Wir alle / Haben sie fitgespritzt mit unseren Groschen“, sie „sehen zu und schalten Anzeigen / In renommierten Blättern“, und „Im Winter lassen sie es sich gutgehen / Auf wohlpräparierten Pisten“. Nicht immer gerät der Krankenhaus-Erfahrungsbericht so unverhüllt zur direkten Attacke. Meist begnügt sich Haufs mit resignierendem Galgenhumor und zynischen Endzeitscherzen, wenn er von dem „abgeschnittenen Bein“, von den Rollstühlen und Bettpfannen, der verunreinigten Bettwäsche, von den kühl diagnostizierenden Neurologen und den lächerlichen Reha-Maßnahmen spricht. Zur Krankheit kommt die Entwürdigung, und die späten Späße des Patienten lassen sich durchaus als eine Art Notwehr gegen den drohenden Verlust seiner Würde verstehen. „Sie tragen den Keim mit Würde wie das BVK“ (Bundesverdienstkreuz), wird ihm von den Ärzten bescheinigt. Aber „insgeheim denken sie doch / Was gehen mich die Greise an / Hatten sie nicht ein schönes Leben“ – so heißt es in einem der sechs numerierten Gedichte aus der Klinikwelt von Berlin-Kladow.
„Jetzt erst recht. Wir lassen sie / Tanzen“ – mit diesem trotzigen Motto setzt das Gedicht ein, das dem Mittelteil des Buches seinen Titel „Puppentanzen“ gegeben hat. Hier stehen die anspielungsreichen Gedichte zu allerlei Gelegenheiten und Personen: „Kerstin Hensel läuft über die Schönhauser Allee“, der Berliner Jurist Herwig Roggemann und der wohlbeleibte Schriftstellerkollege Gregor Laschen werden beglückwünscht. Sehr hochgemut klingen auch diese Gelegenheitsgedichte nicht. Vergeblichkeit und Vergänglichkeit breiten sich aus:

Mach weiter so
Die Lebenden flüstern dich in die Erde.

Erst am Schluss des Bandes bricht dann doch unverhohlen autobiographische Nostalgie durch: Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit, an die Liebesversuche des Pubertierenden, an das Maisbrot und die überfüllten Personenzüge der Notzeit, an den in einem „Gipsverband steckenden Körper“ (gleich zweimal), an kurze Hosen und Reibekuchen, ans Fußballspielen, an den Vater, an die Großmutter mit ihrer riesigen Familie.

Großmutter sagte „Mein Jung wat is los wat haste nur“ 
Und schenkte mir eine Reichsmark
Ich kaufte mir so schnell es ging ein Eis an der Ecke
Wo noch heute die Menschen schlecken man sagt
Schöneres gibt es nicht.

Wulf Segebrecht, Frankfurter Allegmeine Zeitung, 22.9.2011

Innere Landschaft, entworfen mit sinnlicher Eleganz

– Rolf Haufs Gedichtband zeichnet sich durch eine filigrane Choreografie aus. Abseits von Walzerschritt und Polonaise tanzt sich das Ich in den Grauzonen menschlichen Daseins den Blick „frei auf hoffentlich / Paar freie Jahre / Im Rettungsring“. –

Rolf Haufs (geb. 1935) Gedichtband Tanzstunde auf See mutet wie ein Triptychon an. In drei Teilen, versehen mit den Überschriften „Du meine Seele singe“, „Puppentanzen“ und „War für ihren Krieg nicht geeignet“, werden zeitlich weit auseinanderliegende Ereignisse thematisiert, die sich gegenseitig kommentieren. Um das im Titel angestimmte und im Mittelteil ausgeführte Thema des Tanzes erschließen zu können – wo es im widerständigen Duktus heißt: „Jetzt erst recht. Wir lassen sie / Tanzen: König Kaspar Krokodil“ – empfiehlt es sich, mit einer Lektüre der flankierenden Teile zu beginnen.
Im ersten Teil regieren Krankheit, Schmerz und der Todesgedanke das lyrische Sprechen, das wie so oft bei Haufs ein narratives Gerüst aufweist. Therapeuten und Ärzte scheinen die Geschicke des lyrischen Ich zu lenken. „Zugeknöpft“ und mit „desinfizierten Händen“ probt das medizinische Personal die „Revolution“, derweil ein „Zivi“ das Krankenbett zur Operation schiebt und gefühlte Jahre später verkündet: „Es ist überstanden“ – fragt sich nur für wen. Ganz nebenbei offenbart ein Megakeim seinen miesen Charakter und verabschiedet sich vom Patienten mit dem Satz: „Es war schön bei dir“.
Haufs poetische Kommentare klingen sarkastisch und melancholisch, niemals jedoch endgestimmt. Mitunter wird die Tonlage zum „arktischen Groll“. Vor allem dann, wenn die vermeintlich Gesunden die Kranken wieder einmal in die Erde „flüstern“, wie es im Gedicht „Ein für allemal“ heißt.
Ein starker Sog geht von den Texten im dritten Teil aus. Mit sinnlicher Eleganz wird eine innere Landschaft entworfen, auf die kein Fremder Zugriff hat. Fest eingekapselt im lyrischen Ich erzählt diese Seelenlandschaft von der Pubertät und dem Sündenfall, vom Stadtwald, wo die Kriegstoten geordnet liegen und – in autobiografischer Referenz – von der Erinnerung an die Geburtsstadt Düsseldorf, die durch die Stimme der Großmutter präsent ist. Krieg und Nachkrieg bestimmen das Geschehen in diesem Teil, das durch die Perspektive des Heranwachsenden gefiltert wird und doch von einem älteren Alter Ego konterkariert erscheint. In klaren Konturen und mit sprachlicher Leichtigkeit kreist Haufs das Chaos der Zeit im Gedicht „Schiller und Goethe“ ein. Während der Krieg tobt, fällt die Jesusfigur von der Wand und verliert ein Bein. Alle Versuche, das Bein wieder anzukleben, scheitern. Der versehrte Jesus wird zum Sinnbild einer Epoche, in der sich Amputationen in physischer und verborgener Weise vollziehen. Lakonisch heißt es:

Dann gaben wir auf.
Wir versteckten Jesus hinter den Werken
Von Schiller und Goethe

Carola Wiemers, Deutschlandradio Kultur, 27.12.2010

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Peter Engel: Klinisch genau und sprachlich durchgefeilt
fixpoetry.com, 12.4.2012

Andreas Wirthensohn: Späte Tanzstunden
tageszeitung, 16.11.2010

 

 

FRISTENLÖSUNG
Für Rolf Haufs

Schröpfköpfe allerorten
Sie schnalzen und schmatzen
Dein Blut, dein Blut.
Spannwälte und Bader
Statuieren Hexempel.
Was bange währt
Kommt in den Sud.

Blutspiegel, Mietspiegel
Welch Vetterleuchten
In der beugenden Mansarde.
Aufs angstgedüngte Lager geworfen
Lazarus, der Lingobarde.

Charon, de Blockwart
Holt aus und holt über.
Die Hunde bellen im Souterrain.
In die Decke bohrt sich
Der eiserne Besen.
Gift bringt den Schlaf.
À demain, à demain.

Richard Pietraß

 

Erich Jooß: Wiedergelesen – Folge 29: Die Gedichte von Rolf Haufs oder wie das Leben verrinnt

Klassiker der Gegenwartslyrik: Rolf Haufs – Am 3.4.2012 stellt die Literaturwerkstatt Berlin in der Reihe Klassiker der Gegenwartslyrik den Dichter Rolf Haufs vor. Mit Wulf Segebrecht sprach er über sein Werk.

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Jürgen Becker, Günter Grass, Walter Höllerer, Michael Krüger, Günter Kunert, Peter Rühmkorf, Hans Joachim Schädlich: Rolf Haufs zum Sechzigsten
Sprache im technischen Zeitalter, Heft 137, März 1996

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Michael Braun: „Der Planet friert. Still!“
Badische Zeitung, 30.12.2005.
Auch in: Neue Zürcher Zeitung, 31.12.2005/1.1.2006

Martin Lüdke: Immer größer werdende Entfernung
Frankfurter Rundschau, 31.12.2005

Nico Bleutge: Vertikale Poesie
Süddeutsche Zeitung, 31.12.2005/1.1.2006

Richard Pietraß: Im Glashaus
Der Tagesspiegel, 31.12.2005/1.1.2006

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Martin Lüdke: Nebel kommt auf Katzenfüßen
Frankfurter Rundschau, 30.12.2010

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + IZAKLGKalliope
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde OhlbaumBrigitte Friedrich Autorenfotos + deutsche FOTOTHEKGalerie Foto GezettIMAGOKeystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Rolf Haufs: FAZ ✝ Süddeutsche ZeitungDer Tagesspiegel

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Rolf Haufs

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