Wolf Biermann: Zu John Donnes Gedicht „Holy Sonnet XIV“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu John Donnes Gedicht „Holy Sonnet XIV“. –

 

 

 

 

JOHN DONNE

Holy Sonnet XIV

Batter my heart, three person’d God; for, you
As yet but knocke, breathe, shine, and seeke to mend;
That I may rise, and stand, o’erthrow mee, and bend
Your force, to breake, blowe, burn and make me new,

I, like an usurpt towne, to another due,
Labour to admit you, but Oh, to no end,
Reason your viceroy in mee, mee should defend,
But is captiv’d, and proves weake or untrue,

Yet dearely I love you, and would be loved faine,
But am betroth’d unto your enemie:
Divorce mee, untie, or breake that knot againe,

Take mee to you, imprison mee, for I
Except you enthrall mee, never shall be free,
Nor ever chast, except you ravish mee.

 

HOLY SONNET XIV

Mit deinem Rammbock brich mein Herz, Gott mach mir Qual
Dreifältiger Sanfter du! Poch nicht nur sachte an
Um mich zu bessern, aufzurichten. Nein! Geh ran!
Zerschmettre! Brenne! So erschaffe mich noch mal

Wie ‘ne berannte Stadt in fremder Hand bin ich
Hingeben möchte ich mich dir – doch schaff ich’s nicht!
Dein Vize, die Vernunft, verfinstert mich mit Licht
In mir ist sie befangen, kneift, läßt mich im Stich

Von Herzen lieb ich dich und bitt: Lieb du auch mich
Verkuppelt wurd ich an dein’ Feind. Ich bin bereit
Entbinde mich, los! lös den Knoten! So komm ich

Zu dir. Ja, unterwirf mich, wie nur du es kannst
Du mußt mich fesseln, anders werd ich nie befreit
Keusch bin ich erst, wenn du mich lustvoll übermannst

 

John Donne lebte in London von 1572 bis 1631, eine halbe Generation nach Shakespeare. Er war der erste und wichtigste Vertreter der „Metaphysical Poets“, was soviel heißt wie „Gehirnweber“. In meiner Sprache: ein „Gedachte-Dichter“. Dieses Spottwort hat er gewiß nicht selbst in die Welt gesetzt. Zugleich war John Donne aber auch der berühmteste anglikanische Oberhirte und Prediger seiner Zeit. An der St. Paul’s Cathedral predigte er für König Karl I. Aber als Poet wurde John Donne sogar von seinen frommen Feinden bewundert.
In seinem Sonett „Holy Sonnet XIV“ kämpft ein aufgeklärter Mensch mit den Waffen der Vernunft gegen seinen Glaubensverlust, den er durch die Macht der Vernunft erleidet. Er will in seiner Gewissensnot – wenn es anders nicht geht – von Gott gefesselt und zerbrochen werden, um seine Unschuld zu behalten:

Aus tiefster Not des Wissens schrei ich zu Dir!

In diesen 14 Zeilen vibriert eine heikel aufgeladene Frömmigkeit. Inbrünstiges Gebet als Brunst? Die Glaubenswächter der Inquisition würden schreien: blasphemische Pornographie!
Man könnte es so sehen: Das Sonett schildert die Situation eines geistlichen Ehebruchs. Der Christenmensch John Donne sieht sich als ein dem Herrn, dem Gott, versprochener Mensch, der fremdgeht mit der neumodischen Renaissance-Göttin Vernunft. Der Verzweifelte bittet allen Ernstes Gott, ihn zu unterwerfen.
Ich gebrauchte in meiner Nachdichtung – und gewiß nicht um des Reimes willen – das altmodische Wort „übermannen“. Und fügte das Wort „blutig“ hinzu, denn „ravishment“, wie es im Original steht, heißt auf deutsch: Entführung, Schändung, Raub, Vergewaltigung, aber auch – Entzücken und sogar: Verzückung.
Es ist wahr: Wir finden in dem Sonett sexuelle Metaphern wie „Take mee to you“ (Nimm mich) oder „Labour to admit you“ (labour: Mühe – aber auch Wehen – dich einzulassen). Daneben stehen militärische Metaphern:

bend your force, to breake, blowe, burn

 

(sammle deine Kraft, um zu zerbrechen, zu blasen/stürmen, zu verbrennen).

Diese unterschiedlichen Vergleichungen lagern so perfekt übereinander, daß sie schließlich ein und dasselbe werden.

I, like an usurpt towne, to another due,
Labour to admit you

 

(Wie eine belagerte Stadt, die einem anderen tributpflichtig/fällig ist, mühe ich mich, dich einzulassen).

Das Gedicht gipfelt in einer naiven, schlichten und gar nicht gekünstelten Herzensfrömmigkeit. Die anrührendste Zeile – und auch die unpoetischste – ist:

Yet dearely I love you and would be loved faine

 

(Ich liebe dich sehr und möchte zurückgeliebt werden).

Diese Zeile wirkt in ihrer Schlichtheit nur so tief durch die raffinierte Umgebung. Durch diese erotische Raffinesse erreicht Donne mit diesem Sonett das Niveau und die Wucht der Psalmen.
Meine Frau Pamela, mit der ich über das Gedicht ein bißchen herumstritt, sagte: So etwas würde eine Frau nie und nimmer sagen:

Du mußt mich fesseln, anders werd’ ich nie befreit. Keusch bin ich erst, wenn du mich lustvoll übermannst.

Stimmt. Aber daß Gott der Mann ist und daß bei den Christen dann die Kirche bzw. bei den Juden Israel die Rolle der Frau einnimmt, ist die gängige Lesart für das zärtliche und stellenweise explizit erotische „Schönste aller Lieder“, das Hohelied Salomons.
Und das Flehen in Donnes Gedicht „so erschaffe mich nochmal“ erinnert an die Offenbarung Johannis. Da wird die Stadt Jerusalem als noch einmal neu erschaffen geschildert und erscheint als die himmlisch geschmückte Braut Gottes.

So wie Donne über die Grenzen der Gläubigkeit im Kampf mit der Vernunft nachdachte, dachte der gut hundert Jahre nach Donnes Tod geborene Maler Francisco de Goya über die Grenzen der Vernunft nach. 1799 veröffentlichte er sein berühmt gewordenes Bild El sueño de la razón. Mir – so viel Freiheit muß sein – gefällt mehr noch als das viel beachtete Endprodukt eine Vorstudie zu dieser Radierung. Goya zeigt auch da einen schlafenden Mann, sitzend und zusammengesunken an einem Tisch gebeugt. Den Kopf hart auf die Tischplatte gebettet, vor dem Kopf seine Hände: gefaltet. Und über ihm Gesichter. Nein, es sind seine Gesichter, die da alptraumhaft aufsteigen. Ein Pferdekopf, ein Menschenkopf im Schreckensschrei, unmittelbar über dem Schlafenden. Über dem Schreischädel ein Antlitz aus Schmerz und Lächeln – und darüber der hölderlinige Kopf eines mitleidenden Betrachters. Quer dazu ein Kopf eines skeptischen Beobachters, darüber ein fassungsloser Glotzer, Nase an Nase mit dem Pferdekopf. Eine Fledermaus mit aufgerissenen Flügeln und spitzen Zitzen. Ein mächtiger Hundekopf mit heraushängender Zunge. Jeder mißversteht so gut er irgend kann. Ich glaube, Goya schuf dieses Bild im Glauben an seine Hoffnung, er hoffte auf erlösende Macht der Vernunft.

El sueño de razón produce monstruos.

Auf gut deutsch heißt das:

Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor.

Wie raffiniert aber der Doppelsinn von „sueño“: Es bedeutet „Traum“ und gleichzeitig „Schlaf“. So bedeutet dieser Titel nicht nur „der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor“, sondern könnte auch so verstanden sein: „der Traum von der Vernunft“ – als der neumodischen Weltreligion –, auch sie „gebiert Ungeheuer“. Ist Goyas Satz Spott gegen den Mythos von der Vernunft? Gegen die spinnerte Vernünftelei? Oder bedeutet „der Traum von der Vernunft“ etwa einen Übergang von den aufklärerischen Verheißungen der Vernunft in die Höllen der Moderne? Wir alle wurden seit der Aufklärung mit der schwachbrüstigen Hoffnung auf die sanfte Gewalt der Vernunft gesäugt. Das Dumme ist nur: Wenn wir den Mund zu voll nahmen mit dem leeren Wort „Vernunft“, dann meinten wir immer unsere eigene Vernunft – eine andere hatten wir ja nicht. Und das ist unser ewiges Dilemma.
Auch wenn ich nie an irgendeinen Gott glaubte – die vernunftgebeutelte Gewissensnot des Gläubigen John Donne ist mir vertraut. Der vernunftsfanatische Traum von der Allmacht der Vernunft, sie brachte Goyas Ungeheuer hervor. Menschen meiner Art zitterten in der Stalinzeit vor ihrem Abfall vom Glauben. Die Vernunft in uns nährte den Zweifel an der Partei, die eben nicht immer recht haben konnte, wie es im Lied von Louis Fürnberg heißt:

Die Partei, die Partei, die hat immer recht!

Wir zweifelten – erst zaghaft, dann wütiger – auch an Marx. Marx war gewiß kein Marxist. Seine Lebensmaxime lautete:

An allem zweifeln!

An sich selbst aber zweifelte er kaum. Und wir Nachgeborenen widersprechen noch radikaler: Auch an der Zweifelei ist zu zweifeln.
Erst nach Donnes Tod erschien sein geschichtstheoretisches Buch, in dem ausgerechnet dieser christliche Prediger den Suizid verteidigt. Seine Apologie des Selbstmordes gipfelt in der ketzerischen Vermutung, Christus habe Selbstmord begangen. Mag sein, der Nazarener Jesus floh in den Tod, zumindest indirekt, damit „die Schrift sich erfüllet“. Das bezeugen seine Jünger: Gottes Sohn hatte sich in die Gewalt der Mörder begeben und keinen Versuch gemacht, sein Leben zu retten. „Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“, so tönte er.
Diesen Kelch tranken unter Stalin auch Millionen kommunistische Ketzer, marxistische Zweifler, humane Widersprecher in den Zeiten des rotgetünchten Terrors. Deshalb geht es uns nahe, darum wohl erschüttert uns diese fremde Gewissensnot des John Donne. Und insofern ist dieses 450 Jahre alte Sonett nicht raus aus unserer, sondern es ist von dieser Welt.

Wolf Biermann, aus Wolf Biermann: Mensch Gott!, Suhrkamp Verlag, 2021

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