Aimé Césaire: Poesiealbum 231

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Aimé Césaire: Poesiealbum 231

Césaire/Sylvester-Poesiealbum 231

FORMULAR AUSZUFÜLLEN VOR ANTRITT
DER REISE DES POLLENS

Wenn es nun in der Wüste
nur einen einzigen Tropfen Wasser gäbe, der tief
aaaaadrunten träumt,
in der Wüste nun gäbe
ein fliegendes Samenkorn, das weit droben träumt,
genug schon,
damit die Waffen rosten, die Steine bersten, die
aaaaaFinsternis bröckelt,
Wüste, Wüste, ich nehme deine Herausforderung an, das
Formular auszufüllen vor Antritt der Reise des Pollens.

Übertragen von Klaus Laabs

 

 

 

Aimé Césaire

Als Aimé Césaire, 1913 auf Martinique geboren, als erster schwarzer Student die Ecole Normale Supérieur in Paris besuchte und mit eigenen Gedichten an die Öffentlichkeit trat, erregten diese nicht nur die Aufmerksamkeit der französischen Surrealisten. Die bildkräftigen, rhythmisch aufrüttelnden und von unmittelbaren Sinneseindrücken lebenden Verse standen hier in literarischer Verwandtschaft. Zugleich auch waren sie wegweisend für eine authentische Dichtung der kolonialen Befreiung. Fern von jeder Karibikromantik tritt die einzigartige Landschaft und in ihr die leidvolle Geschichte der verschleppten Negersklaven ins Bild. Es ist eine Dichtung des Aufbegehrens und des Aufbruchs.

Vorankündigung in Simon Dach: Poesiealbum 230, Verlag Neues Leben, 1986

Césaire

bedient sich seiner Feder, wie Louis Armstrong seiner Trompete. Oder vielleicht mehr noch wie ein Vodú-Gläubiger seiner tam-tam-Trommel. Man muß sich im tam-tam der tanzenden Wörter verlieren, um sich im Kosmos wiederzufinden.
Léopold Sédar Senghor

Seine Dichtkunst ist ein großer pflanzlicher Schrei. Der Schrei, den man an dem Tag vernahm, da ein ganzer Wald großer antillischer Bäume plötzlich anfing, französisch zu reden, und da der edelmütige, der blätterreichste, der männlichste und sinnlichste, der Aime-Césaire-Baum unvermittelt aus der Kolonne seiner Kameraden ausscherte und voranging wie eine schwarze, grüne Fackel, um den Menschen die Geschichte der Welt zu erzählen.
René Depestre

Ein Gedicht Césaires explodiert und kreist über ihm wie eine Rakete, aus der Sonnen schießen, die kreisen und in neue Sonnen zerbersten, ein stetiges Überbieten.
Jean-Paul Satre

Verlag Neues Leben, Klappentext, 1986

 

 

Aimé Césaire und die Négritude 

– Biographie. –

Am 25. Juli 1913 wurde Aimé Césaire in Basse-Pointe, Martinique, geboren und wuchs dort als Sohn eines kleinen Beamten der französischen Kolonialverwaltung auf. 

ein winziges Haus, das in seinen Eingeweiden aus faulem Holz, Dutzenden von Ratten und dem Wirbel meiner sechs Brüder und Schwestern Schutz gibt; ein kleines, grausames Haus, dessen Starrsinn unsere Monatsenden verrückt macht. […] Und meine Mutter, deren Füße, um unseren unermüdlichen Hunger zu stillen treten, treten bei Tag und bei Nacht.1

So beschreibt Césaire die häusliche Situation auf Martinique und reflektiert damit seine Kindheit. Als zweiter von sechs Geschwistern wuchs er in einer Familie auf, die zur Bildungselite der schwarzen Bevölkerung zählte. Sein Großvater, Fernand Césaire, war Lehrer der Sekundarstufe und damit bereits Teil dieser Mittelschicht. Nach seinem frühen Tod gab seine Witwe den Enkeln schon Unterricht, bevor sie zur Schule gingen. So lernte Aimé Césaire schon im Alter von vier Jahren lesen und schreiben.
Obwohl Aimé Césaire schwarz und arm war, gehörten er und seine Familie nicht zu der Landarbeiterschicht, wie die meisten Martinikaner, auf die diese beiden Attribute zutrafen. Es war wohl die, in der Textstelle aus dem oben zitierten Gedicht erkennbare, unermüdliche Anstrengung der Eltern und Großeltern, die Aimé Césaire seinen Werdegang ermöglichten. Neben der Schulausbildung und dem damit verbundenen Umzug nach Fort-de-France, finanzierten sie eine musikalische Grundausbildung. Die Situation, in der Aimé Césaire aufwuchs, war bei weitem nicht privilegiert, trotzdem bot sie die Möglichkeit durch Bildung den sozialen Aufstieg in die Mittelklasse zu schaffen.
Bei Aimé Césaire zuhause wurde Französisch gesprochen. Die kreolische Sprache hatte er schon in den frühen Jahren seiner Kindheit zu Gunsten der französischen Sprache unterdrückt.
Er besuchte das Lycée Schoelcher in Fort-de-France und wurde von seinen Lehrern durchweg als sehr positiv erinnert. Bei seinem Abschluss im Jahr 1931 verdiente er sich in Französisch, Latein, English und Geschichte Auszeichnungen und wurde zum besten Schüler ernannt. Einer seiner Lehrer empfahl Césaire in Paris bei dem Lycée Louis-le-Grand, der Schule zur Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung der Ecole Normale Supérieure. Oft wird beschrieben, dass Aimé Césaire der Abschied 1931 aus Martinique nicht schwer fiel, er die Reise gerne antrat und in seinem Wissensdurst nach neuen Ufern strebte. In den folgenden acht Jahren in Paris sollte er ein Bewusstsein für die eigene (afrikanische) Geschichte, Identität und Herkunft entwickeln. Das Studium war sehr intensiv und trotzdem wurden nebenbei wichtige Freundschaften geschlossen und an der Publikation von zahlreichen Schriften gearbeitet. Die wohl bedeutendste Begegnung für die Entstehungsgeschichte der Négritude war die mit Léon Damas aus Guyana und Leopold Senghor aus dem Senegal. Zusammen arbeiteten sie an der Publikation der Zeitschrift L’Etudiant noir. Bei den Arbeiten an dieser Zeitschrift lernte er auch Suzanne Roussi kennen, die später seine Frau wurde und noch an weiteren Publikationen beteiligt war. Zeitgleich entstanden die ersten Entwürfe des surrealistisch anmutenden Gedichtes „Cahier d’un retour au pays natal“, das ihn zwanzig Jahre später berühmt machte. In der Ecole Normale Supérieure schrieb er sein Diplom über schwarz-amerikanische Poesie und schaffte damit als einer der ersten Schwarzen den Sprung in die französische Bildungselite.2
Im Jahr 1939 wurde das Cahiers bereits fast vollständig veröffentlicht, blieb aber ohne große Resonanz. In diesem „langen Gedicht“ geht es, unter anderem, um die Rückkehr auf das trostlose Martinique, die Schwäche Europas, die Wiederentdeckung Afrikas und die Proklamierung seiner eigenen Rolle als Sprecher der Sprachlosen.
Im gleichen Jahr kehrte er auf Grund des ausbrechenden zweiten Weltkrieges nach Martinique zurück und fing als Lehrer in der Schule an zu arbeiten. Seine schriftstellerischen Ambitionen führte er weiter und publizierte mit einigen Mitstreitern die Zeitschrift Tropiques auf Martinique, die ihn aufgrund der Kritik am Regime fast seinen Beruf als Lehrer kostete,3 und schließlich zensiert und verboten wurde. André Breton landete auf seiner Flucht in die USA auf Martinique und entdeckte durch Zufall die Publikation Césaires. Ein reger Kontakt entstand und etablierte Césaire, auf der Begeisterung von Breton und seiner Position beruhend, in den surrealistischen Kreisen und darüber hinaus. Dieser Bekanntschaft ist die erste vollständige Veröffentlichung des Cahiers mit einem Vorwort von André Breton in größerer Auflage zu verdanken. Trotzdem sollte es bis in die Mitte der 50er Jahre dauern, bis die absolut endgültige Version publiziert wurde und Gelehrte und Kritiker anfingen, sich intensiver mit seinem Werk zu beschäftigen. 1945 wurde Césaire zum Bürgermeister der Hauptstadt Martiniques und in die Nationalversammlung gewählt. Ohne jemals ernsthafte politische Ambitionen gehabt zu haben, wurde er somit zur zentralen politischen Figur auf Martinique. Im folgenden Jahr unterstützte er die Departementalisierung von Guadeloupe und Martinique, die somit als Überseedepartements direkt an Frankreich gebunden wurden.
Ebenfalls in diesem Jahr erschien der Gedichtband Les armes miraculeuses, in dem Césaire sich weiter mit der Négritude und dem Afrikabild beschäftigt und die Zeit der Besatzung im Zweiten Weltkrieg verarbeitet. 1947 war Césaire zusammen mit Alioune Diop, Leopold Senghor, Richard Wright, Albert Camus und Jean-Paul Sartre an der Gründung der Zeitschrift Présence Africaine4 beteiligt. Im folgenden Jahr wurde bereits der nächste Gedichtband Soleil cou coupé veröffentlicht. Im Gegensatz zu Les armes miraculeuses liegt hier nicht mehr der Schatten der Besatzung auf den Worten Césaires, Im Gegenteil, die Sonne als Symbol zieht sich durch das Werk und ist Ausdruck von Optimismus. In der Nationalversammlung und auf einer Reihe von internationalen Friedenskonferenzen engagierte Césaire sich für Martinique und agierte international in der Schwarzen – und Friedensbewegung. Durch die Publikation des Cahiers mit dem Vorwort Bretons, einer Lobpreisung seiner Poesie durch Jean-Paul Sartre sowie einer Kooperation mit Picasso stieg sein Ansehen in den Pariser Kreisen. Diese Phase kann man als den Höhepunkt seiner Karriere bezeichnen, da sie durchweg von politischem und literarischem Erfolg geprägt war.
Doch allzu lange hielt diese Phase nicht an, Probleme bei der legislativen Umsetzung der Departementalisierung, eine Abschwächung des linken Flügels in der Nationalversammlung, gewaltsame Unterdrückung von nationalistischen Ambitionen in Algerien, Madagaskar, der Elfenbeinküste und Indochina, sowie der Ausbruch des Stellvertreterkrieges in Korea führten zu einer Desillusionierung Césaires, Diese Umstände spiegeln sich auch in seinem literarischen Schaffen wieder. 1950 wurde Césaires kürzester Gedichtband Corps perdu veröffentlicht. Der Titel bedeutet soviel wie verlorene Körper und war ein Rückzug vom extrovertiert selbstsicheren Geist von Soleil cou coupé. Bestimmt vom Bild des Vulkans und von einem Gefühl der Isolation durchtränkt, kommt die Enttäuschung Césaires zum Vorschein. Im gleichen Jahr wurde auch der eigentlich als Vortrag verfasste Text „Über den Kolonialismus“ publiziert und lieferte eine harsche Kritik an den immer noch latenten Formen des Rassismus. Auch der mit Hoffnung gefeierte Kommunismus in seiner stalinistischen Ausprägung enttäuschte Césaire und lässt ihn schließlich aus der Französischen Kommunistischen Partei (FKP) mit einem öffentlichen Brief austreten.
Es folgte eine schriftstellerische und politische Umorientierung, die sich in der Gründung einer neuen Partei und dem Wechsel zum Theater manifestierte. Die Beliebtheit von Césaire auf Martinique nahm hingegen nicht ab und seine politische Karriere führte er mit gleich bleibendem Erfolg und der Forderung nach mehr Selbstbestimmung weiter. In den 60er Jahren entstanden seine wichtigsten Theaterstücke, wovon einige weltweit aufgeführt wurden und sich mit schwarzer Geschichte und aktuellen politischen Bezügen auf Afrika beschäftigten. 1966 starb seine Frau Suzanne Césaire auf Martinique. 1976 wurde die erste Gesamtausgabe seiner Werke veröffentlicht. Im Jahr 1982 erschien sein letzter Gedichtband moi, laminaire in dem sich Césaire stilistisch auf sein frühes Schaffen zurückbesinnt. 1993 zog Césaire sich aus der öffentlichen Politik zurück und am 17. April 2008 starb er auf Martinique, kurze Zeit nachdem der internationale Flughafen auf Martinique nach ihm benannt worden war. An seiner Beerdigungsfeier nahmen viele internationale Gäste teil, ein Großteil der französischen Regierung5 und tausende von Martinikanern. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy preiste ihn als „Dichter der Entrechteten“, durfte seine Rede aber auf Geheiß der Familie nicht am Grab des Verstorbenen halten.

Quirin Wildgen, aus Quirin Wildgen: Aimé Césaire zwischen Poesie und Polititk. Identität und Gesellschaft auf Martinique. Peter Lang Verlag, 2010

 

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
Interview
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Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG + Internet Archive +
Kalliope
Porträtgalerie: Keystone-SDA

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