Alfred Kelletat: Zu Johannes Bobrowskis Gedicht „Ebene“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Johannes Bobrowskis Gedicht „Ebene“ aus dem Band Johannes Bobrowski: Schattenland Ströme. –

 

 

 

 

JOHANNES BOBROWSKI

Ebene

See,
Der See.
Versunken
die Ufer. Unter der Wolke
der Kranich, Weiß, aufleuchtend
der Hirtenvölker
Jahrtausende. Mit dem Wind

kam ich herauf den Berg.
Hier werd ich leben. Ein Jäger
war ich, einfing mich
aber das Gras.
Lehr mich reden, Gras,

lehr mich tot sein und hören,
lange, und reden, Stein,
lehr du mich bleiben, Wasser,
frag mir, und Wind, nicht nach

 

 

„Wo bin ich?“

– Gedanken zur poetischen Topographie Johannes Bobrowskis. –

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her

Eichendorff, „In der Fremde“

Zu schwer drückt die Erinnerung die Schultern.
Ich werd um Irdisches im Paradies noch weinen.

Marina Zwetajewa

Eine Frage überschreibt meine Ausführungen. Sie ist Zitat. Bobrowski hat sie in seiner Dichtung, in Gedichten, Erzählungen und in den Romanen, in dieser oder verwandter Fügung, in auffälliger Häufung gestellt und in spürbarer Dringlichkeit – denn die Frage hat in der Grammatik, in Rhetorik und Poetik eine besondere Qualität, anders als die einfache Aussage. Sie wendet sich direkt an den Hörer oder Leser, einbezieht und fordert ihn, so daß er nicht ausweichen kann, er ist zur Antwort verpflichtet. Umso erstaunlicher mutet die Feststellung an, daß sich die neuere Sprach- und Literaturwissenschaft mit diesem Problem der Frageformen nie genauer beschäftigt, gar eine notwendige Poetik der Fragewörter nie entworfen hat. Das zu tun, ist hier nicht unsere Sache. Doch um zur Schärfung des Gehörs nur eine flüchtige Ahnung von der Tragweite dieses Phänomens zu geben, sei ein wenig aus dem reichen Katalog von Fragefiguren – lauter und leiser, offen und versteckter, hilfreicher, tröstlicher, rettender oder verfänglicher bis verhängnisvoller – erinnert. Ein solcher Katalog könnte vom immer fragend forschenden Sokrates bis zu Parzivals unterlaßner Mitleidsfrage an den Gralskönig reichen:

Owê daz er niht vrâgte dô!

heißt es bei Wolfram – und schließlich bis zu den fragereichsten Autoren unserer Tage, sei’s Samuel Beckett, sei’s Uwe Johnson (im „dritten Buch über Achim“ z.B.) fortgeführt werden. Denn wer fragt und wer wen fragt, was einer fragt und wo, wann, warum, wonach, auf welche Weise und in welcher Absicht – das ergibt eine kaum beschreibliche Reichfalt von Möglichkeiten.
Rufen wir uns einige solcher Situationen aus der Erinnerung herauf. Wie einfach scheinen noch Fragen, mit denen sich der Barockmensch zu vergewissern sucht:

Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen?
Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?

(Hofmannswaldau)

und seinen Verdacht doch in einer schier unerschöpflichen Exempelkette zu beweisen sucht, wie es auch Gryphius im Sonett „Was sind wir Menschen doch?“ tut oder Czepko in seinem großen theatralischen Frageszenarium „Was ist dein Lebenslauf und Tun, o Mensch? Ein Spiel.“ Anders lauten die inständigen Fragen der Liebenden des Hohenliedes, sorgend und preisend zugleich: „Wer ist die, die heraufgeht aus der Wüste,…“ (3.6); „Was ist dein Freund vor andern Freunden…“ (5.9); „Wo ist denn dein Freund hingegangen…“ (6.1); „Wer ist, die hervorbricht wie die Morgenröte…“ (6.10) usf. – Einen recht nuancierten Ausdruck innerer Bewegungen – der Nachdenklichkeit und Besorgnis, von Unruhe und Erwartung – vermögen die kleinen Fragepartikel, in ihrer suggestiven Verbindung von Klang und Bedeutung und oft den Satz eröffnend, zu bewirken, denkt man etwa an Goethische Verse wie „Warum ziehst du mich unwiderstehlich…?“ („An Belinden“) oder „Warum gabst du uns die tiefen Blicke…? Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle…?“ oder Suleikas Gedicht „Was bedeutet die Bewegung? Bringt der Ost mir frohe Kunde?“ oder gar jenes andere der Ungeduld „Und warum sendet / Der Reiterhauptmann / Nicht seine Boten / Von Tag zu Tage?“ Nicht selten verstärken Iterationen, im Verein mit klanglichen Doppelungen, Sperrungen usw., die Eindringlichkeit: wie in Hölderlins „Hälfte des Lebens“ „Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein / Und Schatten der Erde?“ Auffällig häufig wendet Rilke solch Verstärkungen als Amplifikationen des Gedankens wie des Gefühls an. So werden vier der zehn Duineser Elegien mit einer Frage eröffnet – und meist ist es nicht eine einfache Frage nur, sondern eine mehrgliedrige Frageperiode wie in der neunten: „Warum, wenn es angeht, also… –: Warum denn…“ – worauf zunächst ein verneinender Bescheid „Oh, nicht, weil…“ erfolgt, ehe nach dieser steigernden Vorbereitung die Antwort lauten kann: „Aber weil Hiersein viel ist“, dessen dithyrambisch stammelndes Lob dann verkündet wird.
Wie dunkel gefärbt und schwer sind oft die Fragen, wenn sie „Warum?“ einleitet. Zwar gibt es darunter eine Form, die eher tröstlich klingt, weil sich die Besorgnis rasch als grundlos erweist – wie in Paul Gerhardts Choral „Warum sollt ich mich denn grämen?“ mit der Melodie von Ebeling 1666 oder in Hans Carossas Strophe

Warum geben wir uns hin
Jedem eitlen Grauen?
Laßt uns doch mit höchstem Sinn
Dem Gestirn vertrauen…

Oft aber sucht sie nach der Begründung eines letzten Sinns und ist die eigentliche Rätselfrage, und die Antwort des Fragenden offenbart zugleich seine eigne Lebensdeutung. In Goethes kleiner Spruchsammlung Gott, Gemüt und Welt von 1815 heißt es:

Wie? Wann? und Wo? – Die Götter bleiben stumm!
Du halte dich ans Weil und frage nicht Warum?

Im 11. Buch von Dichtung und Wahrheit erläutert er diese antiteleologische These und wendet sie auf die Darstellung seines eignen Lebensganges an:

Das Was liegt in uns, das Wie hängt selten von uns ab, nach dem Warum dürfen wir nicht fragen, und deshalb verweist man uns mit Recht aufs Quia.

Fontane sagt in seinem späten Spruch:

Halte dich still, halte dich stumm
Nur nicht forschen, warum? warum?…
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt

Und der letzte Benn („Nur zwei Dinge“):

Durch so viel Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage…

Natürlich zielen wir mit unsrem Streifzug durch die Fragenlandschaft auf das Wörtchen „Wo?“, das Interrogativ räumlicher, auch zeitlicher Vergewisserung, das aus Abtrennung und Verlust Vergangenem nachfragt: „Wo bist du? trunken dämmert die Seele mir…“ (Hölderlin, „Sonnenuntergang“); des „Wo sind die Stunden / Der süßen Zeit“ (Hofmannswaldau) oder des „Übi sunt, qui ante nos in mundo fuere?“ So klar verständlich und unausweichlich in seiner Wucht und Deutlichkeit es klingt, wenn wir auf den ersten Blättern der Bibel das „Adam, wo bist du?“ und das an Kain gerichtete „Wo ist dein Bruder Abel“ lesen, so gewinnt die Wo-Frage eine sonderbare Unsicherheit, wenn der Frager sie an sich selbst richtet „Wo bin ich?“ Wer kann oder muß so fragen? Wo finden sich solche Fragen? Man meint, Odysseus könnte so fragen, wenn der Zorn des Poseidon ihn abermals an ein fremdes Ufer geworfen hat und er „im zweifelnden Herzen“ sagt: „Weh mir! Zu welchem Volke bin ich nun wieder gekommen! Sinds unmenschliche Räuber und sittenlose Barbaren…“ oder Aeneas, der Flüchtling aus Ilion, an der Küste von Latium, der neuen Heimat; oder der greise Lear im Donner und Blitz auf nächtiger Heide oder die Gestalten der Zauberwelten des Sommernachtstraums oder des Sturms; Kleistische Gestalten, wenn sie aus der Ohnmacht erwachen oder der Prinz von Homburg im Fragentaumel seines „Träum ich? Wach ich? Leb ich? Bin ich bei Sinnen?“ kurz: Menschen in ungewöhnlichen, in außerordentlichen Situationen, Träumende, wenn sie aus dem Traum auffahren, Verzauberte, Schlafwandler, Betäubte, Verirrte, Verwirrte – sie fragen zu Recht „Wo bin ich?“
Prüft man einige beliebig ausgewählte Stellen verschiedenster Autoren, so können sie den vermuteten Ausnahmezustand einer Entrückung oder Verwandlung bestätigen und die kleine Frage geradezu als den Topos für eine solche erweisen. Ein großes Gedicht des Gryphius beginnt mit der Fragestrophe „Wo find ich mich? Ist dies das Feld / In dem die hohe Demut blühet?“ Die zweite Strophe beginnt anaphorisch „Wo find ich mich? Hier sind die Beet’…“ Der Dichter findet sich auf den Kirchhof versetzt, dem die folgende große Predigt gilt („Gedanken über den Kirchhof und Ruhestätte der Verstorbenen“). Georg Heym schreibt im April 1910, zwei Jahre vor seinem Tod in der Havel, das Sonett eines Lebendig-begrabenen:

„Was ist das? Dunkel? Welche schwere Luft?
Wo bin ich?“ Voller Angst die Finger hasten
Auf feuchten Kissen hin und oben tasten
Des Sarges Deckel sie in niedrer Gruft.

„Bin ich begraben? Bin ich nicht erwacht?“
Er stemmt die Schultern an Entsetzens toll.
Umsonst. …

Ins letzte Kapitel des Zauberbergs blendet der Autor in die Abreise Hans Castorps von Davos die Vision seiner Zukunft, des Weltkrieges ein: „Wo sind wir?“ – so beginnt sie – „Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum? Dämmerung, Regen und Schmutz, Brandröte des trüben Himmels, der unaufhörlich von schwerem Donner brüllt…“ usw. – Eine andere freundlichere Vertauschung, zurück in die eigene Kindheit nämlich, nimmt Peter Huchels Gedicht „Caputher Heuweg“ vor. Auch hier bezeichnet das „Wo bin ich?“ den Augenblick, in dem das Jetzt ins Einst, das gegenwärtige Ich ins damalige sanft hinübergleitet:

Wo bin ich? Hier lag einst die Schoberstange.
… Wann war dieser Sommer? Ich weiß es nicht mehr.
Doch fahren sie Grummet…

(Chausseen Chausseen 1963)

Die Beschäftigung mit einigen Texten von Johannes Bobrowski wird uns das Phänomen eines solchen Orts- und Zeitamalgams, dieser enharmonischen Verwechslung von Lebensschichten, den Gestaltentausch im Doppelleben durch weitere Beispiele verdeutlichen und zugleich vielleicht Einsichten in die ihm eignen Bedingungen und Grundzüge seiner Dichtung vermitteln.

(…)

EBENE

See,
Der See.
Versunken
die Ufer. Unter der Wolke
der Kranich, Weiß, aufleuchtend
der Hirtenvölker
Jahrtausende. Mit dem Wind

kam ich herauf den Berg.
Hier werd ich leben. Ein Jäger
war ich, einfing mich
aber das Gras.
Lehr mich reden, Gras,
lehr mich tot sein und hören,
lange, und reden, Stein,
lehr du mich bleiben, Wasser,
frag mir, und Wind, nicht nach

Eine weit grundsätzlichere Ortsbestimmung nimmt der Sprechende dieses Gedichts vor, wie sich erweisen wird. Mit schweren Setzungen in ein-, zwei- und dreisilbigen Versen hebt es an und baut aus einfachen Elementen eine Urlandschaft „See, / Der See. / Versunken / die Ufer.“ Erdgeschichtliche Dimensionen offensichtlich: in unendlicher Ebene ein verlandender See, in langdauernden Prozessen wird aus Wasser, Moor und Sumpf festes Land – es ist erdgeschichtliche Übergangszeit. Unter – vielleicht dunkler, niedriger – Wolke kreisend der Kranich, als Vogel des Sees und solcher Sumpf- und Einsamkeitslandschaften. Damit ist zur Horizontale der Urlandschaft die Vertikale hergestellt. Im weiten Blick über die Ebene aber „Weiß, aufleuchtend / der Hirtenvölker / Jahrtausend“, womit die historische Dimension eingebracht wird: in der Imagination weidender Herden im reinen Weiß, als der Sinnfarbe des Anfänglichen, wird zur Urzeit der Erde die Frühzeit der Menschheitsgeschichte gefügt.
Das letzte Element dieser Jahrtausendlandschaft, der Wind, führt das lyrische Ich herauf, das die mittlere Versgruppe beherrscht. Der Tempuswechsel verrät seine Situation. Hier geschieht etwas an einer Nahtstelle, zwischen Vergangenheit und Zukunft: ich kam herauf – hier werd ich leben. Ich war ein Jäger, einfing mich aber das Gras. Aus der Abfolge Ebene – Hirtenvölker – Jäger, der sich zum ,Hier‘ entschließt, ist zu erkennen, um welchen Menschheitsaugenblick es sich dabei handelt: um jene Zeitwende nämlich, als der Jäger, der bisher dem Wild folgend seine Nahrung suchte, und als die Nomaden, die von Weideplatz zu Weideplatz umherziehenden, sich zur Seßhaftigkeit, zum Wohnen, zum Bleiben entschlossen. Das bedeutet, genau in der Mitte des Gedichts, dieses „Hier werd ich leben“ – damit beginnt eine neue Epoche.
Wir wissen, daß diese große Umwälzung ums Jahr 5000 mit der jüngeren Steinzeit begann, in deren Verlauf der Mensch vom bloßen Nahrungssammler zum Pflanzer, zum Glied einer seßhaften Gemeinde wurde; es ist die Ablösung von Fischer- und Jägerkulturen durch den Ackerbau, die Haltung von Haustieren beginnt, Stein trat an die Stelle von Holz bei Waffen und Gerät – so in Ägypten, Babylonien, Mesopotamien, in Griechenland und auch im Norden Europas, so auch in Sarmatien – eine neue Kulturstufe. Wir wissen auch, daß die Ebene dazu eine günstige Voraussetzung war, wenn man nur an die jetzt in den großen Stromebenen aufblühenden Kulturen, an die Siedlungen der Küstenebenen, aber auch an die aus den innerasiatischen Steppen immer wieder aufbrechenden Völkerstöße (wie die vorderasiatische ,Kulturtrift‘ u.v.a.) denkt.
Dieses Neue, Ungewohnte will gelernt sein; mit einer solchen Didaktik der Seßhaftigkeit beschäftigt sich der dritte Abschnitt des Gedichts. In eindringlicher Diktion werden die Dinge beschworen, dem Neuling, dem Lernling dabei behilflich zu sein, wobei die bisher genannten Naturdinge sehr genau wiederholt werden: Gras und Stein, Wasser und Wind. Sie alle sollen ihn seine neue Existenzform lehren. Diese dreimalige anaphorische Forderung „Lehr mich!“ ist in eine paradoxe Verschränkung gefügt. Das Gras, das wachsende, soll tot sein lehren – denn auch eine neue Art des Totseins beginnt mit der Seßhaftigkeit: die Anfänge eines Totenkults überhaupt nämlich, neue Bestattungsweisen, wie die Prähistoriker Zeiträume und Kulturen nach Grabformen und Grabbeilagen zu unterscheiden vermögen. Stein, der stumme, soll ihn reden lehren, wie die Dinge überhaupt – und zur Rede gehört dann auch das Hören; es mag darüber hinaus auch das Tun des Dichters damit gemeint sein, der die Dinge benennt (wie sie es ihn lehren), der sie beredt macht, auch dies außer Zweifel eine Stufe der Kultur, seit Adam „einem jeglichen… seinen Namen“ gab (Gen. 2, 19, 20). Die flüchtigen Elemente aber, Wasser und Wind, könnten eine Verlockung, eine Gefahr für den eben Befestigten sein. Darum soll auch das eilende Wasser ihn bleiben lehren (oder ist es der verlandende, stagnierende See?) und der flüchtige Wind der Ebenen soll ihm nicht nachfragen. Denn fest steht der Entschluß:

Hier werd ich leben

Es bleibt dem Erklärer über die causa finalis des Gedichts nachzudenken, zu fragen, um was für eine Art Positionsbestimmung und Vergewisserung es sich dabei handelt. Was als Naturbild beginnt, führt den Menschen herauf in einem bestimmten Augenblick seiner Geschichte, der durch die Willensentscheidung zum festen ,Hier!‘ folgenreich bezeichnet ist. Dabei geht es dem Autor gewiß nicht um Vergangenheitsillustration, um Prähistorienmalerei; der Nachdruck des Ich-Tons (das achtmalige Personalpronomen), die klare Unbedingtheit der Tempora „werd ich – war ich – lehr mich“ läßt spüren: hier geht es um eine ,tua res…‘. Es ist ein Denkzeichen, Warnzeichen, Mahnzeichen, welche aufzurichten sein moralischer Sinn, sein Engagement für die Menschen den Dichter immer wieder veranlaßt hat; es ist eine in die Gegenwart gesprochene Erinnerung. Welchen Sinns? Wer unser Generationsschicksal bedenkt – und der Dichter ist unser Zeitgenosse und unser Mund – weiß, daß uns ein ,Zeitalter der Angst‘ zugemessen ist: wer mußte nicht brennende Dörfer, zertrümmerte Städte, geschändete Heiligtümer und verödete Landschaften mit eignen Augen sehn, Gefangenenzüge und Flüchtlingsströme, Lager und Tote … übergenug, Flucht, Umhergetriebenheit und Ausrottung – es ist eine Zeit der Heimatlosigkeit von Millionen Menschen auf der ganzen Erde. Völker werden zerspalten nach Nord und Süd, nach Ost und West, Gemeinsamkeiten zerschnitten und neu definiert durch Breitengrade und Demarkationslinien. Mehr noch – die technischen Möglichkeiten des modernen Weltverkehrs machen uns zu Überall- und Nirgendsmenschen, unsere Füße haften kaum noch auf der Erde, und wir wissen zuweilen nicht mehr, wo wir sind: moderne Nomaden, ortlos schweifend wie Hirtenvölker; und haben uns schließlich angeschickt, die Erde, den Heimatstern, hinter uns zu lassen und in interstellare Räume vorzudringen, eine Heimatlosigkeit höhern Grades scheint für die Menschheit anzubrechen.
Wir lenken zurück zum Beginn: da ist die Frage „Wo bin Ich?“ neu zu stellen, und „Wo kommen wir her?“ und „Wie begann’s?“ sind Hilfsfragen. Nur von ihnen her können wir „Hier“ sagen. An einem Beispiel haben wir die Bedeutung dieser Frage in Bobrowskis Dichtung geprüft. „Ebene“, dies kleine lyrische Gebild, zeigt, in welchen Dimensionen, jenseits aller zeitverhafteter Motivation, außer aller näherer politischer Implikation und abseits aller persönlicher Betroffenheit er die Antwort gedacht hat.
In einem brieflichen Gespräch über seine Gedichte (nicht aber über dieses) hatte ich Bobrowski einen ,Heimatdichter‘ genannt. Er antwortete darauf (am 21. Januar 1963):

Also, ich bin ein Heimatdichter, sagen Sie. Dabei mach ich bloß so ein Schlußpanorama für die zu Ende gehende Epoche der Seßhaftigkeit, welche in Neolithikum bekanntlich anfing, damit die Leute wissen, wie das war.

Wie das war, wie es gewesen ist, auch im alten Sarmatien, das hat Bobrowski uns in seiner Dichtung aufwahrt.

Alfred Kelletat, aus Alfred Kelletat (Hrsg.): Sarmatische Zeit – Erinnerung und Zukunft. Johannes Bobrowski Colloquium 1989, Akademie Sankelmark, 1991

1 Antwort : Alfred Kelletat: Zu Johannes Bobrowskis Gedicht „Ebene“”

  1. lehr mich reden gras, lehr mich tot sein
    und hören…

    was für ein gedicht,,,es ist so eindringlich, es kriecht in die kleinsten
    poren, unter die haut, es bringt die empfindsame seele zum beben

    eine große verehrerin bobrowskis, seiner einzigartigen gedichte
    man nimmt sie ganz behutsam in die offenen lyrischen hände
    und trägt sie ins haus und beim blick aus dem fenster sieht man
    diese große landschaft mit dem fluss und dem himmelsgewölbe
    hoch hoch und man spürt die menschen die gingen und kamen
    und gingen ein jeder mit seiner last und seiner freude und hoffnung
    auf versöhnung und frieden untereinander, unter den völkern

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