Andra Rotaru: Tribar

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Andra Rotaru: Tribar

Rotaru-Tribar

INTERMÉZZO. MOCKINGBIRD

sie versammeln sich von Zeit zu Zeit. du siehst sie mit ihren Händen durch den Sand gehen, in dem Kerzen für Lebende und Tote stecken. sie wenden ihn um.

dann ihre dünnen Stimmen, die Hände, die gegen die Erde hauen. jedes Kind trägt ein anderes Kind unterm Arm. der ruckartige Rhythmus, in dem die nackten Füße in die Rippen des anderen schlagen. eine menschliche Pyramide, in kleinem Maßstab.

wie ich dich trage und du dich wie ein Abgrundvogel ausstreckst, wir können über Kreuz liegen, ein kleinerer über einem größeren, ein Schwarm lernt fortdauernd migrieren.

Hush, little baby, don’t say a word.
Mama’s gonna buy you a mockingbird
And if that mockingbird won’t sing,
Mama’s gonna buy you a diamond ring

And if that diamond ring turns brass,
Mama’s gonna buy you a looking glass.
And if that looking glass gets broke,
Mama’s gonna buy you a billy goat.

die Glückseligkeit im Zusammenspiel mit dem Geruch von Holzbänken und des Alkohols, mit dem sie vollgesogen sind

diese kitschigen Geier, ihre angemalten Augen.

*

was heißt es, sich zu verlieben

die Zellen lassen ihr Gedächtnis wiederaufleben, etwas vor langer Zeit Erlerntes
es taucht jetzt wieder auf. die Liebe ist genauso leer, bevor sie eine wird

Lord I’m one, Lord I’m two, Lord I’m three, Lord I’m four
Lord I’m 500 miles away from home

Thoughts: what you think

wenn es nichts mehr gibt, das weitergeht,
und wenn es nichts zu trennen gibt, improvisieren wir ein Mittelfeld,
in dem wir uns ausruhen können. dieser neue rudimentäre Ort
ohne jegliche Bindeglieder, um die Teile miteinander zu verknüpfen
keiner anderen Welt. der Leib lernt sich ausruhen,
nicht einmal das Geräusch des Zur-Ruhe-Kommens gibt es.

Physical sensations: what you feel

ich lerne Gefühle auseinanderhalten. ihre Energie,
ein Konglomerat,
das Unbehagen des einen und die Euphorie des anderen

Behaviors: what you do

um nicht nachzudenken. um nicht wahrzunehmen. um einen Ort
wiederaufzusuchen, an dem es mir einmal gut ging.
ein vorübergehendes Zur-Ruhe-Kommen.
die schwachen Muskeln des Leibes. die rudimentäre Skizze dieses Ortes.
ein Skript für mich und ein Skript für ihn

*

ich habe niemals einen so jungen und dabei so erschöpften Leib gesehen,
und du, mit wem von uns beiden wirst du
heimgehen?

ich habe meinen Leib niemals vor mir hergetragen, als sei er ein Kind gewesen,
ich habe ihn niemals als Freund betrachtet.

die Freude in diesem verlassenen Land,
in dem die Erinnerungen vorübergehen. in dem nichts
an etwas haften bleibt, in dem keine Fingerabdrücke hinterlassen werden,

bin ich

 

 

 

 

Der Gedichtband Tribar

überrascht. Sein Ausgangspunkt ist ein geometrisches Konzept, ein  (Nicht-) Dreieck, welches als Form existiert, aber unmöglich ist, wie wir auf der ersten Seite erfahren: „incorrect connections between quite normal elements“. Es handelt sich, um genauer zu sein, um eine Experimentalpoesie mit allerart unerwarteten Verknüpfungen, die Leser*innen unmöglich antizipieren können. Denn sie verwirrt, und zwar aus guten Gründen. Andra Rotarus Poesie ist nicht mehr und nicht weniger eine Zusammenführung von Gegenständen, Räumen, Körpern, eine Mischung aus konkret und abstrakt, eine Montage albtraumhafter Visionen, welche mehr zum Irrealen neigen. Trotz des Fragmentarischen, der ungewöhnlichen Sätze und des imagistischen Einfallsreichtums gelingt es Tribar, mehr als nur experimentell zu sein, denn, wie Svetlana Cârstean (…) bemerkt, zwischen den Zeilen ist „die Stimme eines Kindes, welche in einem fort um Wärme und Berührung wimmert“, zu vernehmen. So wird die Komplexität der inneren Regungen des Seins beispielhaft dargestellt durch die sprachliche Choreografie und das Zusammenspiel der technischen Verfahren. (Ioana Boștenaru, Revista Vatra)

Elif Verlag, Klappentext, 2022

 

Beitrag zu diesem Buch:

Ortwin-Rainer Bonfert: Fantastische Realität – Andra Rotaru: TRIBAR – Rezension
diespiegelungen.wordpress.com, 27.1.2022

 

 

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Andra Rotaru liest am 15.5.2014 in Bukarest zur Nationalen Poesie-Buchmesse.

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