Antonio Skármeta: Zu Pablo Nerudas Gedicht „Dein Lachen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Pablo Nerudas Gedicht „Dein Lachen“ aus dem Band Pablo Neruda: Liebesgedichte. –

 

 

 

 

PABLO NERUDA

Dein Lachen 

Nimm mir das Brot weg, wenn du
es willst, nimm mir die Luft weg,
aber lass mir dein Lachen.

Lass mir die Rosenblüte,
den Spritzstrahl, den du versprühst,
dieses Wasser, das plötzlich
aufschießt in deiner Freude,
die jähe Pflanzenwoge,
in der du selbst zur Welt kommst.

Mein Kampf ist hart, und manchmal
komme ich heim mit müden
Augen, weil ich die Welt
gesehn, die sich nicht ändert,
doch kaum trete ich ein,
steigt dein Lachen zum Himmel,
sucht nach mir und erschließt mir
alle Türen des Lebens.

Meine Liebe, auch in der
dunkelsten Stunde lass dein
Lachen aufsprühn, und siehst du
plötzlich mein Blut als Pfütze
auf den Steinen der Straße,
so lache, denn dein Lachen
wird meinen Händen wie ein
frisch erglänzendes Schwert sein.

Und am herbstlichen Meer
soll deines Lachens Sturzflut
gischtend himmelwärts steigen,
und im Frühling, du Liebe,
wünsche ich mir dein Lachen
als Blüte, lang erwartet,
blaue Blume, die Rose
meines klingenden Landes.

Lache über die Nacht,
über den Tag, den Mund,
lache über die krummen
Gassen unserer Insel,
lache über den Burschen,
den Tolpatsch, der dich liebt,
aber wenn ich die Augen
öffne, wenn ich sie schließe,
wenn meine Schritte fortgehn,
wenn sie dann wiederkommen,
nimm mir das Brot, die Luft,
nimm mir das Licht, den Frühling,
aber niemals dein Lachen,
denn sonst würde ich sterben.

 

Die fröhlichsten und ausgeglichensten Arbeiten

des Dichters sind Die Verse des Kapitäns.
Er ist fürs Erste der peinigenden Leere entkommen, der Verzagtheit seiner sentimentalen und metaphysischen Verse, und das Exil gibt ihm die Kraft, zu kämpfen und zu lieben.
Matilde ist die univoke Muse.
Es ist kein Zufall, dass in diesem Text in Bezug auf den Autor das Wort „Bursche“ auftaucht. In klugen Volksweisen wurde diese Situation oft besungen: die Liebe, die sich dem Tod entgegenstellt und wie ein Hexenbalsam die Zeit zurückdreht. Sinatra in „You make me feel so young“. Aznavour in „Quién“: „Ich bin doppelt so alt wie du, doch ergebe ich mich gern…“
Hatte es zuvor eine absichtsvolle „Ode an die Freude“ gegeben, so ist jetzt das Lachen das Kommunikationsmittel schlechthin. In Büchern wie Extravaganzenbrevier oder Das gelbe Herz sollte sich Don Pablo über sein eigenes Pathos lustig machen und den langweiligen Bedenkenträgern, die mit Totengräberaugen seine Gedichte untersuchen, kräftig eins auf die Ohren geben.
Das Lachen soll zu jeder Jahreszeit erklingen, selbst in den Gefahren des politischen Kampfes, und nichts darf es vertreiben. Neruda wusste sich sein Glück zu schmieden, und getreu dem Plan des Lebens ist es die Gefährtin, die allen Dingen Atem einhaucht, sodass diese, wie in seinen Anfangswerken, erfüllt sind von der Seele des Dichters.
Neruda schmettert ein hohes H.
Verspielt, verliebt, wandlungsfähig.
Ein Gedicht zum Tanzen, bevor aufs Neue die Tränen rinnen.

Antonio Skármeta, aus Antonio Skármeta: Mein Freund Neruda, Piper Verlag, 2011

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