Antonio Skármeta: Zu Pablo Nerudas Gedicht „Lichttier“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Pablo Nerudas Gedicht „Lichttier“ aus dem Band Pablo Neruda: Das lyrische Werk – Band 3. –

 

 

 

PABLO NERUDA

Lichttier

In diesem einsamkeitslos Grenzenlosen bin ich
ein Lichttier, in die Enge getrieben
von seinen Fehlern und seinem Laubwerk:
Weit reicht der Urwald: hier wimmeln
meinesgleichen, weichen zurück oder schachern,
indes ich meiner Wege gehe, mir zur Seite,
zur Eskorte, wen die Zeit mir zuteilt:
Wellen des Meeres, nächtige Sterne.

Wenig ist er, weit ist er, knapp und ist alles.
Weil meine Augen so viele Augen geschaut
und mein Mund zu oft ward geküsst,
weil er so oft den Rauch geschluckt
längst verschollener Züge
auf Bahnhöfen, alt und gnadenlos,
so oft den Staub unaufhörlicher Buchläden,
ist der Mensch, bin ich Sterblicher, müde geworden,
müde der Augen, der Küsse, des Rauchs, der Strecken,
der Bücher, undurchdringlicher noch als die Erde.

Und heute hört er, tief im Wald verirrt,
seinen Gegner rascheln und flieht,
nicht vor den anderen, nein, vor sich selber,
vor den ausufernden Gesprächen,
dem Menschenchor, der mit uns gesungen,
und dem Sinngehalt des Lebens.

Denn ein einzig Mal, denn ein Laut, denn eine
Silbe oder das Hinströmen einer Stille
oder der Welle unbegrabenes Rauschen
stellen der Wahrheit mich gegenüber Aug in Auge,
und sonst ist nichts mehr zu enträtseln,
nichts sonst zu besprechen – das war alles:
Des Urwalds Pforten haben sich geschlossen,
die Sonne entrollt das Laub auf ihrer Kreisbahn,
der Mond geht auf wie eine weiße Frucht,
und es richtet der Mensch sich ein in seinem Schicksal.

 

Ein weiteres großes Herbstgedicht

im jahreszeitlichen und metaphysischen Doppelsinn. Es beginnt, expressiv und geistreich, mit einer Zweideutigkeit, deren Auflösung jedoch schon in der Überschrift steht. Geht es um ein in die Enge getriebenes Tier des Lichts oder ein Tier aus Licht?
Ich glaube, wir haben es hier mit einem wahren Lichttier zu tun, das seine Lebensbilanz zieht und längst mit sicherem Gespür zwischen dem nichtssagenden, harmlosen Menschenchor ringsum und dem Geheimnis der Einsamkeit zu unterscheiden vermag, das die große Pause herbeisehnt, um sich selbst zu verstehen und sich ins eigene Innere zurückzuziehen.
Die Ermattung des Dichters ist kosmisch und historisch, sie verleitet ihn, sich fallen zu lassen, sich hinabzustürzen in jenes Leuchten, das dem bunten Schauspiel des Lebens ein Gesicht gegeben und die Welt aus ihrer Routine gerissen hatte, auf dass sie im erhabenen Licht der Poesie erglänze. Sein Geist, das Lichttier, sieht keinen Ausweg mehr.
Der Feind sind jetzt „die anderen“. Gemeint ist vor allem wohl der drohende Belagerungszustand, der im Staatsstreich und einer Soldateninvasion in Nerudas Schlafzimmer gipfeln sollte, während dieser fast besinnungslos im Bett lag.
Wahrheit und Mythos dieser dramatischen Tage, über die es weder regelmäßige noch verlässliche Informationen gibt, sind nur schwer auseinanderzuhalten. Zu dem Soldaten, der, tief beeindruckt, dem Dichterfürsten von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, um Erlaubnis für eine Hausdurchsuchung in Isla Negra bat, soll Neruda gesagt haben: „Ja, suchen Sie nur, hier gibt es nämlich etwas ganz Gefährliches.“ „Was denn?“, soll der Soldat gefragt haben, worauf der Nobelpreisträger erwiderte: „Poesie.“
Wenn es nicht wahr ist, ist es gut ausgedacht.
Die Stunde des Schweigens, die Neruda mit so vielen großen zeitgenössischen Dichtern verbindet, ist angebrochen. Saint-John Perse: „Je mehr Einwohner ein Land hat, desto größer ist das Schweigen.“ Der Chilene Jorge Teillier: „… denn letzten Endes ist das Poesie: ein Lüftchen, das sich zwischen den Lippen regt.“
Doch sind wir uns wohl einig, dass nicht jedes Schweigen dasselbe Nichts bedeutet. Es ist nicht dasselbe – auch wenn Manrique mit seinem egalitären Stachel darauf abzielt –, ob die ausdruckslose Masse verstummt oder der Dichter. Ich muss immer an das Lied von Harry Nilsson aus dem Film Asphalt-Cowboy denken: „Everybody is talking at me, I can’t hear a word they’re saying, only the echoes of my mind.“
Der Mensch stimmt sich ein auf den Rhythmus der Natur. Ende.

Antonio Skármeta, aus Antonio Skármeta: Mein Freund Neruda, Piper Verlag, 2011

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