Bernd Wagner: Poesiealbum 345

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Bernd Wagner: Poesiealbum 345

Wagner/Leibner-Poesiealbum 345

BEFEHLE DER NACHT

Enthebe dich dieser verkalkten Wand
und verlasse deinen Schatten
mit gebrochener Hand.

Verwerfe den gepunkteten Ball
in wolkenweiße Seligkeit
und hoffe nicht auf seinen Fall.

Belagere nicht das schwarze Loch
des Gewissens. Zieh ab!
Es warten schwerere Sünden noch.

Entzäume die Pferde deiner Wortlust
und laß sie munter traben.
Das Ziel? Es sei dir nicht bewußt.

Verwirre des Schicksalsfadens Gespinst.
Frag nicht nach seinem Ende.
Nicht, was du verlierst und was du gewinnst.

Befolge die Befehle der Nacht
und überlaß dich ihrem Gewitter.
Sonst wirst du bestraft mit ewiger Wacht.

 

 

Stimmen zum Autor

Der Mann, dies vorab, ist eine Entdeckung. Bernd Wagner kann an seinem eigenen An-Spruch gemessen werden. Denn daß er „ein Mensch“ ist, „von der trotzigen, der zweibeinigen Sorte“, das glauben wir ihm nicht nur. Das hat er bewiesen.
Ulrich Schacht

Es sind sperrig-widerständige Gedichte. Wenn sie verquer sind, wirken sie doch eher wie das Gegenteil von poetischer Verbohrtheit und Einseitigkeit. Sie wissen, was sie wollen und sagen es oft. (nie: zu oft. Man kann nicht oft genug Widerstand leisten.)
Karl Krolow

Die Verse lösen die Seele aus den Krallen. Die Angst vereist, sie flieht vor der weißen Taube Hoffnung. Das Gedicht entsteht aus innerer Not, es ist einem Befreiungsakt gleichzusetzen… Die Angst, das Grausame, das Böse wird konkret benannt, es wird gesagt, wie Hoffnung, Freude, Liebe in der Lebenswirklichkeit erscheinen.
Elise Guignard

Die Schroffheit seiner frühen Gedichte ist dem Erinnern seines Lebens im geteilten und vereinigten Berlin gewichen, das in dem philanthropischen Misanthropen die schlafenden Hunde starker Gefühle weckt.
Richard Pietraß

Was bei all dem aber wohl das Berührendste ist und seine Gedichte aus der Masse des konventionellen Kulturpessimismus heraushebt, ist die Abwesenheit jeglicher selbstgerecht statischer Attitüde.
Marko Martin

Gedicht und Welt gehen ein versöhnliches Verhältnis ein im Wissen, daß Sprache beiden zugrunde liegt, Sprache beide umfängt.
Alexander von Bormann

Wagner war und ist immun gegen ideologische Heilsversprechen, wie auch gegen die neumodische Ostalgie.
Hans Christoph Buch

 

Bernd Wagner

Der Ostberliner Lyriker stand als Mitunterzeichner des Protestes gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976 und als Mitherausgeber der illegalen Literatur-Zeitschrift Mikado unter Stasi-Beobachtung; auch nach seiner Ausbürgerung war ein Poesiealbum nicht genehm. –
Er ist ein Dichter der leisen Töne; Kindheit und Jugend sind Goldminen der Literatur – Wagner schreibt diese Tradition fort und schildert u.a. den Alltag in der DDR, wie er die Gesinnungslumperei der Wendezeit kritisiert.

Ankündigung in Matthias Buth: Poesiealbum 344, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, 2019

Poesiealbum 345

Wagner erlöst sein Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung vom beschaulichen, eigentlich geliebten brandenburgischen Dorfschullehrerdasein zum freiberuflichen Schriftstellerleben in der literarisch agilen „Hauptstadt“, aber schließlich zum erzwungenen Wohnortwechsel von Ost- nach Westberlin. – Der passionierte Stadtgänger wirkt in seiner Lyrik als poetischer Zeitchronist – und ist mit empfindsamen Versen voll urbaner Aufmerksamkeit ebenso subversiv wie originell; weil er kein Mitfahrer im Karussel der Stipendien und Literaturpreise ist, wirkt seine Lyrik als listiger Einspruch gegen den ästhetischen Leerlauf der gängigen Amnesie.

MärkischerVerlag Wilhelmshort, Klappentext, 2019

 

Beiträge zu diesem Buch:

Tomas Gärtner: Mit kräftiger, aber barmherziger Sprache
Dresdner Neueste Nachrichten, 26.6.2019

angezettelt, Heft 2/2019

Tomas Gärtner: Zwischen Jubel und Schmerz
Dresdner Neueste Nachrichten, 14.10.2019

 

Andernorts

– Bernd Wagners Grenzgänge. –

Wenn die Schriftsteller der DDR nach der Wende eine „Literatur ohne Land“1 schufen, wie der Sammelband von Janine Ludwig und Mirjam Meuser am Beispiel unterschiedlicher Autorinnen und Autoren der DDR nahelegt, so ist bei den Autoren, die das Land vor der Wende verließen, zu fragen, ob und wie sich das bei dieser Gruppe verhielt. An der Entwicklung des 1948 geborenen Bernd Wagner2 soll im Folgenden dieser Frage nachgegangen werden. Bei ihm, wie bei anderen vor der Wende ausgebürgerten oder ausgewanderten ehemaligen DDR-SchriftstellerInnen ist die Bezeichnung „DDR-Autor“ ja nur mit Einschränkungen zutreffend. In die vom Band Literatur ohne Land? vorgeschlagenen Kategorien und Positionen lässt sich Wagner nur teilweise einordnen. Auch wenn man sich mit der Formel hilft, dass es sich bei ihm um einen Autor aus der DDR handelt, wird man Unterschiede etwa zu Christa Wolf, Heiner Müller oder Volker Braun benennen müssen. Vergleicht man die Genannten miteinander im Hinblick auf ihre Repräsentationsfunktion, so ist von unterschiedlichen Einstellungen und Haltungen zur DDR, zum Sozialismus in der DDR und zum Sozialismus schlechthin auszugehen. Um nicht bei unfruchtbaren Verallgemeinerungen stehenzubleiben, sind individuelle Schreib- und Lebensbedingungen zu berücksichtigen. Daher soll zunächst auf die besondere Autorenposition Bernd Wagners vor und nach der Wende eingegangen werden, um dann zu ausgewählten Textbeschreibungen zu kommen. In dieser Studie wird, dies als notwendige Einschränkung, vor allem den Räumen in Leben und Werk nachgegangen.
Im sächsischen Wurzen als Sohn eines Hufschmieds aufgewachsen, gehört Wagner zur Generation der „Hineingeborenen“.3 Er steht mit seinem Geburtsjahr an der Schwelle von der zweiten zur dritten Generation von Autoren, die Ludwig und Meuser in ihrer Studie zur DDR-Literatur,4 ausgehend von Wolfgang Emmerichs Standpunkten, konstatierten. Bernd Wagners Lehrerstudium in den Fächern Deutsch und Kunsterziehung, das er in Erfurt zwischen 1966 und 1970 absolvierte, spricht oberflächlich betrachtet für eine „auf der Linie“ liegende DDR-Schriftstellerbiographie. Die staatstragende Tätigkeit als Lehrer ist jedoch in einer konfliktgeladenen Spannung zu sehen und zu beurteilen. War er bereits im Studium auf die Durchsetzung der gültigen Lehrpläne verwiesen worden, so musste und wollte sich der um seine Selbstbestimmung ringende Berufsanfänger in seiner Unterrichtspraxis von diesen Verpflichtungen lösen. In Wagners autobiographisch angelegten Schriften, wie zum Beispiel dem nach 1989/90 verfassten Die Wut im Koffer, geht er auf diesen Widerspruch ein:

Wie ihr euch denken könnt, […] war ich als Lehrer eine Katastrophe, eine Zumutung, ein gemeiner Tiefschlag in die Magengrube jeder, nicht nur der sozialistischen Pädagogik.5

In der Zeit von 1970 bis 1976 wurde er als Lehrer nach Schmachtenhagen bei Oranienburg beordert und musste in dieser Zeit auch seinen anderthalbjährigen Grundwehrdienst bei Potsdam absolvieren.
Die Gegend um Schmachtenhagen wird in Wagners Erinnerungen plastisch beschrieben und in ihrer Charakteristik überaus zutreffend erfasst. Die Nähe zu Berlin legt beim Unkundigen vielleicht den Eindruck des Großstädtischen, Zivilisierten oder auch Kultivierten nahe. Das, was Wagner seine Leser entdecken lässt, ist das ganze Gegenteil: wuchernde Wälder, Wildnis, tote Gleise, wütende Beharrungskämpfe und Unangepasstheit der Bewohner. Wenn Bernd Wagner nun diese preußische Landschaft mit ihrem geschichtlichen Hintergrund der Kriegs- und Nachkriegszeit beschreibt und wenn er darin das allgegenwärtige und doch irgendwie verschwundene KZ Sachsenhausen verortet, bekommt diese Gegend fast mythischen Charakter. Wolfgang Hilbig hat in seiner Erzählung Alte Abdeckerei6 eine ähnliche Landschaft in Thüringen unter den Namen „Germania II“ gestellt und ein, wie Adolf Endler bemerkte, „Endbuch“7 verfasst sowie darin eine „gnadenlos poetische Höllenmaschinerie“8 entworfen. Wagners Landschaft seiner Lehrerzeit tendiert auch in diese Richtung. Sie wird metaphernreich als eine Bastardgegend vorgeführt und ist in mehrfacher Hinsicht ein paradigmatischer Ort:

Die brandenburgische Mark ist das aus der Art geschlagene Kind unter den deutschen Landschaften, einzelgängerisch versponnen, mit Sand zwischen den Zehen, widerspenstig, schwer erziehbar. Mit ihr schiebt sich der slawische Osten nach Deutschland herein, schweigsam und völlig unaggressiv, aber dennoch eindeutige Wildnis.9

Militaristischen Ordnungsbegehren unterstellt, begradigt, gedrillt und gleichzeitig überwuchert und unterspült, so wird dieser preußische Landstrich aus Wagners Sicht zu einer Schule eigener Prägung. Dieser Landschaft auf andere Weise angepasst ist auch Wagners damaliger Schuldirektor, der über „Wanderziele des Kreises Oranienburg promoviert hatte“.10 Auf den Klassenausflügen kommt, der Junglehrer regelmäßig mit seinem Vorgesetzten Kartographen in Konflikt:

Wir ignorierten seine Karteikarten und Fahrpläne und fuhren immer nur ein Stück außer Sichtweite der Schule, bogen dann in den Wald ab, warfen unsere Räder hin und streunten durch die Gegend.11

Der Wald, dieses „Heer von Bäumen“, das in militärischem Ordnungssinn von schnurgeraden Wegen durchschnitten wurde, ist auf Wagners Schulwanderungen vom Dröhnen der Panzer überwölbt, so dass der Eindruck eines ständigen Feldlagers sich verbreitet:

In Schmachtenhagen war dieses Heer im Kriegszustand bzw. in einem Zustand, von dem man nicht wusste, war es noch Krieg, war es Waffenstillstand, Übung oder nur eine Gefechtspause. Auf alle Fälle war es ein Zustand der Bereitschaft. Wie sonst mit Eicheln und Bucheckern war der Waldboden mit leeren Patronenhülsen übersät. Die Schützenmulden konnten ebenso gut von Soldaten der Roten Armee wie der Deutschen Wehrmacht oder der Nationalen Volksarmee gegraben worden sein. Und wie nach Abbruch von Wallensteins Lager war der Wald gespickt von Abfällen.12

Die Truppenübungsplätze, die weiträumigen Sperrgebiete, die eigentlich der Begehung entzogen sind, bilden Orte, die nicht mehr der Natur zugehören und einer friedlichen Kulturisation gleichermaßen verweigert sind. Die Ortschaften sind also in sich disparat geschichtet und nicht mehr säuberlich auseinanderzuhalten. Insofern bewegt sich Wagner, wie seine Rückblicke verraten, auf einem Gelände, das für ihn einen einmaligen konkret-historischen Charakter zunehmend verloren hat. Aufschlussreich ist dies durchaus deshalb, weil gerade die Trennung in die sozialhistorischen Formationen seinerzeit den Grundzug der sozialistischen Ideologie bildete. Es war, zumal für einen Lehrer, dementsprechend vom Klassenstandpunkt aus eine ablehnende Haltung einzunehmen, wenn die Wehrmacht den Wald zerpflügte, jedoch die Zustimmung zur Zerstörung gefordert, wenn die NVA oder die Rote Armee dieses taten, da sie ja einer Befreiungsmission dienten. Wagners Beobachtungen setzen diese „klassenmäßige Sicht“ auf den Wald außer Kraft. Er versucht dem Hybrid der geschichtlichen Ablagerungen anders gerecht zu werden. Er vermischt die Zeiten und verlagert die Heerzüge sowie die militärischen Unterwerfungen des Waldes in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück, erinnert an die davor hegenden Auseinandersetzungen zwischen Germanen und Slawen und setzt darüber hinausgehend bereits in der Zeit der Völkerwanderungen für seinen poetischen Ort eine dominante Spannung zwischen Natur und Kultur an. Charakteristisch für ihn, den enthusiastischen Fußgänger, ist es, dass er statt der Unterrichtung seiner Klassen über vom Lehrplan verordnete Stoffe mit seinen Schülern auf ausgedehnte Wanderungen auswich und so die Lehrpläne und deren Vorgaben „unterlief“.
In abgewandelter Form ist das „Ausweichen“ und „Unterlaufen“ auch auf dem literarischen Gebiet die dominante Verhaltensweise des DDR-Autors Bernd Wagner gegenüber dem konventionellen Kanon und den an ihn gestellten kulturpolitischen Erwartungen. Er bevorzugt eine Bewegungsweise, die die vorgefertigten Wege verlässt und auf ein anderes Erfahren in einem eben noch nicht völlig kartographierten Gelände abhebt. Dass Wagner in diesem Zusammenhang auch das Durchwaten von Flüssen13 hervorhebt, unterstreicht seine Variabilität. Um auch dies schon als eine generelle Struktur in seiner Autorposition festzuhalten: das Variieren, das Erkunden, das Anders-Denken, -Sagen und -Machen, was zu einem innovativen Schreiben führt, all das ist dem Schriftsteller Bernd Wagner durchgängig auch über die Wechsel der Systeme und Ordnungen zuzuordnen. Wie in der Wut im Koffer zu erleben ist, verhandelt Wagner in diesen Aufzeichnungen Biographisches mit kultur- und sozialgeschichtlichem Material, das über die individuelle Geschichte hinausgeht. Weist die „Wut“ im Titel noch auf eine kritische Abrechnung mit dem Leben in der DDR hin, so geht Wagner doch in seinen kalamazonischen Reden14 über das Selbstbildnis und auch die Wendewut hinaus, entwirft darin eine kleine Geschichte der DDR, die seine Geschichte auch ist.
Bernd Wagner gehört zu den wenigen seiner Generation, die, so mag es scheinen, relativ leicht in den Status des anerkannten freischaffenden Autors kamen. Ab den 1970er-Jahren veröffentlicht er Gedichte und Erzählungen. Er ist in Anthologien vertreten und legt ein erstes Theaterstück vor. Man kann ohne weiteres davon sprechen, dass er sich damals in den für ihn noch nicht festliegenden literarischen Gattungen versucht und dass es sich um eine Phase des Ausprobierens handelt, in der er sukzessive seine eigene Stimme und Handschrift entwickelt. Er veröffentlicht während seiner Lehrertätigkeit in Schmachtenhagen die ersten eigenständigen Bücher und lebt ab Mitte/Ende der 1970er-Jahre freischaffend als Schriftsteller in Berlin. Mit Hilfe seiner Mentorin Sarah Kirsch wird er für DDR-Verhältnisse erstaunlich früh (1973) in den Schriftstellerverband aufgenommen. Dennoch dauert der Wechsel vom Lehrerdasein bis zum anerkannten freischaffenden Autor vier Jahre. Nur über Umwege, u.a. die Arbeit als Maurer, gelingt ihm das. Man muss daran erinnern, dass mit der Kandidatur und der Aufnahme in den Verband ein bedeutender Schritt auf dem Weg zum selbstbestimmten Künstlerleben getan war. Der Ausstieg aus dem Lehrerberuf und der Volksbildung, dem in der DDR zusätzlich „eingehegten“ Reich der selbstherrlichen Margot Honecker, war an sich schon eine bedeutende Hürde, die gewöhnlich ohne Blessuren nicht zu passieren war. Wichtig war aber auch, dass man mit der Verbandsmitgliedschaft dem seit 1968 bestehenden Paragrafen 249 des Strafgesetzbuches der DDR, betreffend sogenanntes „asoziales Verhalten“, entronnen war. Viele junge Menschen, die mit der staatlich gelenkten Berufswahl nicht übereinstimmten, hatten mit den ihnen zugewiesenen Arbeitsplätzen Identitätsprobleme. Der Paragraf 249 bedrohte sie mit Gefängnisstrafen bis zu 2 Jahren, wenn sie sich der „Arbeitskräftelenkung“ entzogen.15 Wagners Weg in den Status des freischaffenden Schriftstellers war auf jeden Fall aus der Rückschau betrachtet eine elegante Form der Entfesselung aus staatlicher Bevormundung. Maurerlehre mit Abitur, Lehrerstudium und -beruf, freischaffender (Nachwuchs-)Autor – das entsprach im Selbstverständnis des herrschenden DDR-Diskurses den („Kader“-)Voraussetzungen für eine sozialistische Künstlerpersönlichkeit im hohen Maße. Mit Erzählungen und Gedichten wurde er beim Aufbau-Verlag in der Reihe Edition Neue Texte an einem auflagenstarken und weithin sichtbaren Platz in die DDR-Literatur eingeführt. Es erschienen in rascher Folge ab 1976 Bände mit Erzählungen (Das Treffen, G. in B.), ein Gedichtband (Zweite Erkenntnis), eine Herausgabe mit Dorfgeschichten (Der Pechbrenner), ein Bühnenstück (Das Hemd des Glücklichen) und Kinderbücher (Robbi Blanks und Theo Holzschuhs Meerfahrt, Das Neue Lumpengesindel). Bis zur Publikation seines Bandes Reise im Kopf 1984 scheint alles offenbar auf eine in die DDR wohl integrierte Künstlerkarriere hinzuweisen.
Dennoch überdecken die erreichten Stationen die inneren Zerreißproben, denen Wagner ausgesetzt war. Geäußert haben sich diese zunächst überraschend in der Zugehörigkeit Wagners zu den Erstunterzeichnern der Biermann-Petition, die 1976 eine tiefgreifende Zäsur in der kulturellen Entwicklung der DDR darstellte. Es ist anzunehmen, dass die schäbige Vertreibung von Sarah Kirsch auch tiefe Spuren in Wagners Denken und Empfinden hinterließ. Angesichts seiner Texte zu den damals einsetzenden Selbstbeschreibungen der DDR-Literaturentwicklung sind die Verwerfungen von heute aus nicht zu übersehen. Nimmt man die „Vorgangsfiguren“, die Dieter Schlenstedt für die Literatur der DDR seinerzeit als Paradigmen entwarf, zum Maßstab, so passte der damals 30-jährige Autor nicht in die DDR-Literatur. Schlenstedts Wirkungsästhetische Analysen16 kategorisierten über die Grenzen der Gattungen hinweg die Literatur in sogenannte „Vorgangsfiguren“, die bspw. in den Prozessgestalten „Ankunft“ und „Bewährung“ paradigmatische Geschichten von Menschen erzählten, die in den Sozialismus fanden und ihn mit Engagement zu gestalten trachteten. Auch mit den Vorgangsfiguren „Herausfall aus der Welt der Gewöhnungen“ oder „Befragung eigener Geschichte“, mit denen Schlenstedt die damals jüngsten Prosa-Texte charakterisierte, könnte man Bernd Wagners Werke nur unzureichend kennzeichnen. In Schlenstedts Analyse tauchten dementsprechend Bernd Wagner und andere Vertreter der „Hineingeborenen“ genaugenommen gar nicht auf. Volker Braun und Ulrich Plenzdorf waren lange die Platzhalter der „Jungen“, die der Generation der Etablierten (Fühmann, Hacks, Kant, Müller, Noll, Sakowski, Wolf usw.) folgten. Um die Differenz zwischen den Generationen plausibel zu erklären, ist die Selbstverortung des Autors als Vertreter einer littérature engagée17 heranzuziehen.
Das Problem engagierter Literatur bzw. des engagierten Autors ist schon frühzeitig im Werk Wagners fokussiert worden und taucht als Schreibimpuls wie als Schreibhemmung gleichermaßen auf. So ist diese Problematik im 1978 erschienenen Gedicht mit dem Text „Büchner“ in eine unübersehbare Paradoxie gegossen:

Geht durchs Gebirg.
Der Kopf streift den Himmel.
Und die Notwendigkeit etwas zu tun.
Und die Unmöglichkeit etwas zu tun.
Und die Unmöglichkeit nichts zu tun.18

Mit der lakonischen Anapher sind alle utopischen Aufbrüche und Anfänge in eine Leere verwiesen, die das „Tun“ sinnlos erscheinen lässt. Bemerkenswert ist, dass dieser Text, der bekanntlich Büchners Lenz-Novelle paraphrasiert, den Autor Büchner mit den Attributen seiner Mittelpunktsfigur Lenz ausstattet, ihn porträtiert und sich mit ihm identifiziert. Die Linie, die Wagner über Büchner zu Lenz spannt, bindet damit drei Autoren in eine inhaltliche Fragestellung zusammen. Büchner, ein in der DDR zum „aktiven Erbe“ gezählter, weil revolutionärer Autor, wird im Zwiespalt einer verweigerten „Ankunft“ erfasst. Seine Ortlosigkeit wird mit dem im Gebirg wandernden Lenz überblendet, der wiederum seine Unangepasstheit und Andersartigkeit auf Büchner zurückwirft. Wenn man noch einmal auf Schlenstedts „Herausfall aus der Welt der Gewöhnungen“ zurückgreifen will, dann ist dieser sich im „Gebirg“ bewegende Büchner im Begriff, aus der Welt überhaupt herauszufallen. Es darf an dieser Stelle auf Brechts Sentenz von den aktuellen Schwierigkeiten des Lebens und Schreibens 1949, im Gründungsjahr der DDR, erinnert werden:

Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns
Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.
19

Brechts Metaphorik erfasste in den „Mühen der Gebirge“ die Machtergreifung und den sozialökonomischen Umwandlungsprozess der proletarischen Revolution im östlichen Teil Deutschlands. Sein Verweis auf die neuen Mühen, die in den möglicherweise nicht mehr so anstrengend zu durchquerenden Ebenen liegen, sah die Revolution an der Basis der Gesellschaft bereits als abgeschlossen an. Die Umgestaltung des Überbaus bereitete nun Schwierigkeiten neuer und ungekannter Art. Die Pluralform der „Mühen“ verweist dabei auf eine gewisse Zählebigkeit und Ungleichzeitigkeit dieser Prozesse. Wagners Projektion des revolutionären Büchner in die Gestalt des am Rande des Wahnsinns laborierenden Lenz, der sich zudem noch inmitten des Gebirgs befindet, verändert die Terminologie und die Metaphorik Brechts. Dessen Leitgedanke der Weltveränderung wird durchaus aufgegriffen, sie ist aber nicht (mehr) in eine schwere Hauptphase (Gebirge) und eine leichtere Nachfolgephase (Ebenen) unterschieden. Hier ist, so suggeriert das Gedicht dem Leser, noch „etwas“ zu tun und zugleich „nichts“ mehr möglich. Die Bewegung des im Gebirge Gehenden erinnert stark an die Paradoxie des „gefrorenen Sturms“20 – dies wiederum eine konstante Denkfigur im Werk Heiner Müllers, der den Geschichtsthesen Walter Benjamins ein poetisches Bild zu geben versuchte. Bewertet man diese paradoxe Situation des Willens zur Veränderung bei gleichzeitiger Tatverhinderung, so ist die Formel der littérature engagée ausgehöhlt, entleert und nicht mehr in ihrem ureigenen Sinn wirksam zu nennen. Dennoch und ohne Zweifel ist das der DDR-Wirklichkeit verbundene Schreiben Wagners sozialkritisch. Er nimmt Stellung zu Fragen des menschlichen Zusammenlebens, vermeidet es aber, diese Stellungnahmen in einem vorherrschenden Ideologem aufgehen zu lassen. Hier verweigert er sich den ausgetretenen Gemeinplätzen, hier sucht er schreibend nach neuen Möglichkeiten des sozial verantwortlichen Denkens, Schreibens und Lebens.
Auch im Text „Die Gedichte des Wahnsinnigen“ – gemeint sind die späten Texte Hölderlins – werden die poetischen Gebilde als „schön“, „klar“, „vollendet“ und zugleich als „kalt“, „sinnlos“ und „servil“ definiert.21 Sie führen eher zur Schizophrenie. Bekanntlich gab sich der späte, als wahnsinnig geltende Hölderlin selbst u. a. den Namen „Scardanelli“ und vollzog damit eine Identitätsveränderung. Genau darauf weist Wagners Gedicht hin. In seinem Erzählband G. in B.22 von 1979 wird dieser Zusammenhang zum zentralen Sujet. Es werden darin u. a. Adalbert Stifter, Gottfried Kellers Figur das Meretleins oder Christian Dietrich Grabbe mit ihren Identitäts- und Schaffensproblemen ringend porträtiert. Büchner, Lenz, Hölderlin, Grabbe, Stifter sind aus Wagners Perspektive ähnlichen Anfechtungen ausgesetzt, die ihr Tun, also ihr auf Veränderung gerichtetes Schreiben, in einem grundsätzlichen Sinne zweifelhaft werden lassen. Der Band G. in B., der drei Erzählungen und eine Studie über (ausgerechnet) Adalbert Stifter umfasst, wurde in der Edition Neue Texte veröffentlicht. Eingeleitet wurde der Band mit einer Erzählung unter dem für die DDR-Öffentlichkeit vielbezüglichen Titel „Die Flucht“, die einer Defoe’schen Beschreibung des verpesteten London aus dem Jahre 1665 nachgebildet ist. „Die Erzählungen vom Meretlein“, die nach Gottfried Keller geschrieben wurden, nehmen einen der Hauptzeugen des Realismus sozusagen beim Wort und zeigen, wie ein autistisches (?) Kind, das vom Pfarrer als vom Teufel besessen stigmatisiert wurde, durch einen Maler als dessen Modell wieder in seiner menschlichen Qualität entdeckt wird. Das Duell zwischen Pfarrer und Maler könnte man als einen Kampf zwischen Ideologen und Künstler verstehen. Durch den Tod des Mädchens wird dieser Kampf zwar nicht entschieden, es sind aber ein Kunstwerk als Bild und als Text diese Erzählung entstanden, die von der Singularität dieses berührenden Menschenschicksals zeugen. Mit der Abqualifizierung des Ideologen trifft sich Wagners Haltung mit der These von der Auflehnung gegen das Parteilichkeitsgebot, von dem in Literatur ohne Land?23 zutreffend die Rede war.
Die dritte Erzählung ist wiederum einer Künstlerfigur gewidmet. G. in B. – Grabbe in Berlin. So wie der aus der Provinz Wurzen stammende Wagner, entriss sich Grabbe seinerzeit der kulturellen Öde von Detmold. Allerdings zeigt Wagner an der Leidensgeschichte Grabbes, wie tief unverstanden, ausgestoßen und isoliert dieser Vorgänger seine Projekte begraben musste. Ein ähnlicher Vorgang zeichnete sich damals für den Autor Wagner noch nicht wirklich ab, er nahm in diesem Text aber bestimmte Konstellationen der 1980er-Jahre, die ihn dann zur Ausreise zwangen, vorweg.

Grabbe fand sich am Fuß eines hohen Hauses, wo ihm der Wind das Gesicht zerschnitt. Er wollte nach Hause, aber er kannte den Weg nicht.24

Während bspw. Christa Wolf oder Franz Fühmann ab der Mitte der 1970er-Jahre und speziell nach der Biermann-Ausweisung in der wiedergewonnenen Romantik ihren (Nicht-)Ort fanden, hatte die nichtoffizielle Literatur und Kunst in den verfallenen Mietskasernen des Prenzlauer Bergs den ihr entsprechenden Existenzraum gefunden, der den eigenen, authentischen Ruinen und Ruinierungen am ehesten entsprach. Dass die Szene als „Prenzlauer Berg“ am Ende der DDR durch u.a. Daniela Dahn fast noch hoffähig gemacht wurde, zählt zu den ironischen Brechungen der DDR-Geschichte. In der Periode, in der Bernd Wagner den Berg bewohnte, ist von einer Eingemeindung und Rückgewinnung verfemter DDR-Autoren noch keine Rede. Der „Berg“ vereinte im Übrigen mit u.a. Erich Arendt und Adolf Endler gleich drei Generationen von Autoren, die nicht zu den Repräsentanten der DDR-Literatur gezählt wurden. Der Ausschluss von Endler, Schlesinger und anderen aus dem Schriftstellerverband unterstreicht diese Sicht überdeutlich.
Mit Stifter ist in der abschließenden Studie ein Dichter geschildert, der von der 1848er-Revolution – auch diese wurde zur lebendigen Tradition des DDR-Sozialismus gezählt – zutiefst verunsichert und bedroht ist. Dass sich Stifter in der Idylle seine Werte gegenüber einer feindseligen Umwelt restaurierte und mit einem Erziehungskonzept dem Wunder in den Dingen auf die Spur zu kommen suchte, mochte in der Kunst aufgehen, in der Wirklichkeit scheiterte er. Wagner weist mit dem Selbstmord der Juliane Mohaupt, dem Objekt der Stifter’schen Erziehung, auf diesen Widerspruch nachdrücklich hin.
Schaut man noch einmal zum Vergleich auf die etablierte DDR-Literatur bis zum Beginn der 1980er-Jahre, so ist bei Wagners Figuren der Tod nicht ausgeschlossen. Er nimmt aber nicht die gleiche provokative, zum engagierten Handeln im Sozialismus mobilisierende Funktion an wie noch in den Figurationen etwa bei Erwin Strittmatter (Ole Bienkopp), Hartmut Lange (Marski), Horst Salomon (Ein Lorbaß), Christa Wolf (Nachdenken über Christa T.), bis zu Plenzdorfs (Die neuen Leiden des jungen W.). Die tödlichen Perspektiven bei Wagners Figuren fordern zu nichts auf, sie fungieren nicht im ideologischen Sinn als Impulsgeber oder Transmissionsriemen für die Parteiarbeit. Sie stehen als deutliche Warnsignale für jene, die zwischen den Zeilen zu lesen verstehen. Die Leser-Anrede des Erzählers in Strittmatters Ole Bienkopp, „Genossen“, wäre für Wagners Erzähler undenkbar. Ein neues Profil, das etwa eine neue Vorgangsfigur produzierte, ist in Wagners Generation nicht erschaffen worden. Eine gemeinsame Charakterisierung, die seine Generation künstlerisch kennzeichnete, ist programmatisch von den Akteuren verworfen worden. Etwas Anderes als die in der sozialistischen Öffentlichkeit und deren Kulturpolitik geförderten Stimmen galt es auszubilden. Das ließ sich schwer in eine verallgemeinerbare Position oder in die Merkmale einer Generation auflösen.
Immerhin gab es aber in Wagners Anfängen eine klare, einem Kollektiv zuzuschlagende Subjektposition zu beobachten, die sich allerdings schon deutlich von den bereits etablierten der sozialistisch-realistischen Schreibweise abhob. Das „Wir“ der 1950/60er-Jahre, das bis zu Volker Brauns Gedichten hin einen langen Atem besaß, ist sein: deutlich von dem „Wir“, das in Wagners frühen Texten auftritt, unterschieden:

Uns ist kein Retter geboren.
Der Heiland ist uns abhanden gekommen.
Der Bart ist tot. Wir
frieren an den Hals
.25

Ziemlich schräg, sprachlich und inhaltlich provokant, selbstbewusst und eigen findet hier ein junger Autor seine Sprache. „Hineingeboren“ in ein Land, dessen Nationalität durch die nationalsozialistische Vergangenheit wie durch den im Kalten Krieg ausgebildeten westdeutschen Anspruch auf Alleinvertretung problematisch war, griffen alte und neue soziale Bänder nicht mehr selbstverständlich. Zu dem im Wagner’schen Text gebrauchten „Wir“ sind solche Autoren wie Stefan Schütz (*1944), Thomas Brasch (*1945) oder auch Andreas Reimann (*1946) zu zählen. Obwohl diese Generation vom 2. Weltkrieg nur noch mittelbar beeinflusst war, bildeten sich bei ihnen starke antiautoritäre wie antimilitaristische Positionen aus. Das Engagement gegen den Vietnam-Krieg oder auch der Protest gegen die Niederschlagung der Unidad Popular in Chile verband sie mit der westlichen 68er-Generation. Das Abwürgen des Prager Frühlings bedeutete wiederum für sie eine unerträgliche Schande, die den Sozialismus als politisches Leitbild desavouierte. Nach der Biermann-Ausweisung werden linke Impulse bei ihnen schwächer, politische Standpunkte fragwürdiger, eine diffuse Protesthaltung sucht nach einer eigenen Sprache.
In diese Suche nach einer eigenen Sprache sind auch Wagners Bemühungen um seine Prosa einzubetten. Es ging ihm um ein Schreiben, das sowohl Poetiken der Romantik wie des Realismus verwarf. Eine starke Leitlinie orientiert sich scheinbar einzig am fatalistisch-rebellischen Büchner. In der Prosa findet er insbesondere zu einer Poetik des Traumes, auf die hin sein letztes in der DDR offiziell publiziertes Werk Reise im Kopf von 1984 ausgerichtet ist. Hier geht es Wagner darum, das Unbewusste, das individuell Einzigartige, das, was in der Bundesrepublik als „Neue Subjektivität“ beschrieben wurde, in seinem historischen Gewordensein zur Sprache zu bringen. Eigen-artige Geschichten und andersartige Standpunkte über die Geschichte sind es, die Wagner hier entwirft. Sie suchen in der offiziellen DDR-Literatur ihresgleichen. Am ehesten könnten die Prosafragmente, mit denen Heiner Müller seine Dramatik durchsetzte, dem nahe kommen. Auch in ihnen spielen wie in der Wagnerischen Prosa postrevolutionäre Impulse eine beherrschende Rolle.
Im „Traum“, einem Teilbereich der Reise im Kopf heißt es eingangs:

Unsere Lage war verzweifelt, aber nicht ausweglos.26

In der Erzählung sind verschiedenste Ortschaften und Zeitebenen ineinander verwoben. Im freien Umgang mit Raum- und Zeitelementen der Prosa löst sich Wagner zunehmend von etablierten Mustern. Seine Aufmerksamkeit gilt sowohl einer ästhetischen wie auch einer sozialen Innovation, die er in die Texte der Reise im Kopf implantiert. Im „Traum“, aber auch in „Halbschlaf“ bzw. „Novellen“ als den beiden weiteren Teilen des Buches, ist eine erkennbare Handlung nicht zu greifen. Die Frage der Situierung des Erzählerstandortes ist offen gehalten. Es bleibt unklar, ob man sich in Dresden, W. (vielleicht wie Wurzen?), Frankreich, Moskau oder anderen Ortschaften befindet. Es handelt sich um keine „wirklichen“, in der Realität wiedererkennbaren Topoi. Die referentielle Bindung ist in den Signalen des Textes gelockert. In einer lediglich vorstellbaren, heute nur noch irrealen Leserposition, die die durch die Mauer eingeschränkte Weitsicht noch einmal rekonstruierte, ist der tief verwurzelte Traum von der Freiheit als deren Absenz noch einmal erlebbar. Der Ausbruch aus dem staatlich verordneten Kollektiv in eine selbst gewählte Sozietät verlief im „Traum“ über die Isolation und widerstand auf diese Weise den um sich greifenden Vergesellschaftungen. Die Insel, „die ich als Teneriffa bezeichnete, in Wirklichkeit aber Taiwan war“,27 entspricht einem Friedhofsgelände und damit einer Heterotopie im Foucault’schen Sinne. Es ist dementsprechend auch nicht verwunderlich, dass die Machthaber das Trümmerfeld von Dresden nach 1945 in einem Erklärungsakt zur barocken Kunststadt umdeuteten und dass das gesellschaftliche Gemeinwesen von einem gealterten Mann „mit in Stein gehauenen Zügen, der das Leben der Insel in seiner Hand hielt“,28 beherrscht wird. Neben dem äußeren Irrsinn ist für den internen Widersinn auch gesorgt: Ein junger Arbeitsloser wird dazu gezwungen, darauf zu achten, dass „das Wasser richtig fließt“.29 Man erinnert sich, dass in Kafkas „Strafkolonie“ ein ähnlich widersinniger Befehl dem späteren Delinquenten erteilt wurde und dass auch dort die Insel von einem alten Kommandanten beherrscht wird. Die mit dem Absurden spielenden Szenen, die durch Schnitte unverbunden bleiben und der Alogik sowie der imaginären Ebene des Traumes nahe kommen, bilden eine Provokation gegen landläufige Vorstellungen von Wirklichkeit und den wissenschaftlich begründeten Begriff vom „real existierenden Sozialismus“. Zweifellos sind in Wagners letzter Veröffentlichung in der offiziellen DDR-Literatur die Absetzbewegungen aus der verordneten Welt des Sozialistischen Realismus am deutlichsten vorangetrieben worden.
Die folgende Phase, die den Übergang von der offiziellen Literatur in die nichtlegitimierte Samisdat-Öffentlichkeit vollzog, bereitete den Abschied von der DDR und ihrer Literatur vor. Womöglich war dem Autor dies seinerzeit noch nicht in vollem Umfang bewusst. Wagner arbeitete zwischen 1983 und 1987 an dem Projekt Mikado oder Der Kaiser ist nackt,30Selbstverlegte Literatur in der DDR. Darmstadt 1988 einer Untergrundzeitschrift, die neben ihm auch von Uwe Kolbe und Lothar Trolle geleitet wurde. Während Kolbe für die Lyrik und Trolle für die Dramatik zuständig war, kümmerte Wagner sich vornehmlich um die Prosa. Eine ausführliche Würdigung kann an dieser Stelle nicht vorgenommen werden; laut Alexander von Bormann handelte es sich um das wichtigste subversive „Alternativunterfangen“31DDR“, In: Neue Zürcher Zeitung vom 2.2.1989 in der DDR. Die Hefte erschienen in einer Auflage von 100 Stück in Form von Druckgrafiken und waren damit noch nicht bei staatlichen Stellen genehmigungspflichtig. Das änderte aber nichts daran, dass die Herausgeber und Beiträger einer sehr aufmerksamen Kontrolle seitens der Stasi unterworfen waren.
Im nach der Wende erschienenen Rückblick Die Wut im Koffer. Kalamazonische Reden 1–11 (1991/93) gibt Wagner später Einblicke in das lächerliche Geheimdienstgeschehen um Mikado. Doch ist der Band nicht als Generalabrechnung mit den Stasi-Überwachern zu verstehen. Vielmehr findet lediglich in den letzten beiden der elf Reden eine sarkastische Darstellung von Stasikarrieren statt, die u.a. in dem IHM „Ofenhaken“ seine skurrile Gestalt findet. Verurteilen durch Verlachen könnte man als die Strategie des Autors in diesen Reden herauslesen. Generell wird in der Wut im Koffer die Welt der Kalamazonier und der Panamazonier einander gegenübergestellt. Ein nach Westberlin ausgereister ehemaliger DDR-Schriftsteller, der in vielen Details die Züge seines Autors trägt, hält seinen Zuhörern, den Kreuzberger Spatzen, freimütig-aufklärerische Reden, von denen er annimmt, dass sie keinen wirklich interessieren. Nur noch die Kreuzberger Sperlinge können die Angst und auch die Wut verstehen, die den Redner befällt, nachdem das Westberliner Inseldasein ein für allemal durch die deutsche Einheit beendet wurde. Lesbar werden so auch die Resignation und der Skrupel gegenüber der neuen Einheit, die aus der Perspektive der ausgereisten Ex-DDR-Bürger immer wieder mitvollzogen werden sollte – eine Perspektive, die weder den autochthonen Westdeutschen noch den dagebliebenen Ossis möglich ist. Der Exilstatus, der ihnen durch die deutsche Einheit genommen wurde, war ja für viele der Ausgereisten ein wichtiger Teil ihrer Identität. Hier ergibt sich auch der wieder auf andere Art eingenommene Status des Ortlosen bei Wagner.
Sind die Kalamazonischen Reden damit aus der Position einer besonderen Minderheit verfasst, so sind sie auch für die weitere Öffentlichkeit nur mit Schwierigkeiten und besonderen Anstrengungen zu rezipieren. Im heute oberflächlich eingeebneten Status eines einheitlichen deutschen Staates sind die Differenzen zwischen Ost und West zwar noch bestehend, aber in zunehmendem Maße verwischt. Um es ganz kurz zu formulieren, herrschen im Hinblick auf die Einheit der Lebensverhältnisse eher Wünsche, Schwindel und Selbstbetrug. Aus der Sicht der Westdeutschen ist das Thema DDR-Vergangenheit zu Klischees geronnen und ziemlich erledigt. Die DDR-Bevölkerung auf der anderen Seite hat heute, 20 Jahre nach der Wende, wenig Lust über alte Fragen zu nachzudenken, für die sich in ihrer Lebenspraxis längst Antworten einfanden. Es geht dabei um nichts weniger als um die Sinnfragen des jeweiligen Lebens, die man sich freilich mit „Auto“, „Haus“, „Vermögen“ nur notdürftig beantwortet hat. Wagner reflektiert diese Haltungen, die für ihn ein erneuter Anlass sind, seine Wut und seinen Spott aus dem Koffer zu lassen. Gerade die Fragen der Identitäts- und Standpunktbildung, die in der Gruppe der ehemals Ausgereisten (ein brauchbarer Terminus ist immer noch nicht parat) teilweise zu viel Skepsis, ja auch zu einem grundlegenden Pessimismus, wie etwa bei Günter Kunert führten, beschäftigen den Redner. Sich selbst sieht der Autor Bernd Wagner damals, am Beginn der Ernüchterung über die Wende, als Teil einer Masse und trotz aller Differenzen meint er von sich:

[I]ch [kann] über den Pöbel nicht die Nase rümpfen. Ich selbst bin Pöbel, Arschloch, Sperling. Wer glaubt, in diesem Jahrhundert noch etwas anderes als Teil der Masse sein zu können, hat sich das falsche Zeitalter ausgesucht […].32

Es scheint, als entgleiten in Wagners Sicht die neuzeitlichen Positionen eines selbstverantwortlichen Subjekts und einer originären Persönlichkeit. Wagner zeigt aber auch die Osmose der modernen pluralen Identitäten an, die sich trotz und gerade gegen die ,Vermassung‘ nunmehr selbst zu formulieren suchen.
Nicht zuletzt ist dies an seinem voluminösen Wenderoman Paradies (1997) zu erkennen. Hier ist ein Aufbruch einer Berlinerin, die aus dem thüringischen Eisenberg stammt, in die Freiheit nach dem Mauerfall und der deutschen Einheit begleitet. Eine Reise in den Westen, in ein Land also, in dem es immer Bananen gibt, wie der Einband des Buches ankündigt, ist heute keine Sensation mehr. Das damals Besondere dieser Empfindungen und Entdeckungen ist einer alltäglichen Selbstverständlichkeit gewichen, so dass die Novität des Ganzen auch nur noch in einem Rollenspiel rezipierbar ist. Dieses Spiel benötigt die Differenz von Ost und West und die Zeitmauer zwischen den Systemen als Erfahrungsgrundlage. Dass sich die Protagonistin schließlich in ein sagenhaftes Griechenland fortbewegt hat, steht für die Fluchtposition, die Wagners Figurationen anhaftet.
Im weiteren Schaffen Wagners nach 1989 soll hier lediglich auf den Berliner Szeneroman Club Oblomow (1999) und auf die Reiseromane Wie ich nach Chihuahua kam (2003) sowie Hel (2005) summarisch verwiesen werden.33 Die wichtigste Veränderung für das Schreiben nach der Wende erkenne ich im Format der Texte sowie im Gattungswechsel zum Roman hin, der eine Tendenz zum Sachbuch aufweist. Diese Abwendung von den kurzen Prosaformen ist möglicherweise den veränderten Buchmarktbedingungen geschuldet. So kommt es, dass Wagner nicht mehr mit der Veröffentlichung von experimentellen Formen der Prosa hervorgetreten ist. In den Romanen nach der Wende – auch darin bleibt sich Bernd Wagner treu – werden Lebensmöglichkeiten in fremden Räumen erkundet, Grenzen des Normierten überschritten und Welten aus der spezifischen Wagner’schen Erfahrung bewertet, die auf Einzigartigkeit, Besonderheit und Lebensqualität setzt. Eine weitere, erstaunliche Genreverschiebung ist es, dass sich Wagner in den letzten Jahren wieder dem Gedicht zugewandt hat. „Es fließt wieder“, wie der Autor im Gespräch mit dem Verfasser bekannte. Die Sammlung mit dem Titel Den Berliner Blinden34 kündet von einer bemerkenswerten Verschiebung: Die Gedichte sind weniger in eine bestimmte rezeptions- und wirkungsästhetische Richtung zentriert als das noch bei den Gedichtbänden der 1970er-Jahre der Fall war. Der demonstrative Gestus zum Leser hin, die Verführung, zwischen den Zeilen zu lesen, ist geschwunden zugunsten einer konzentrierten Beobachtung, die unversehens Erinnerung und Erfahrung hervorbringt. Vor allem Berliner Topographie, aber auch die Reisen Wagners bieten in den Texten Anlässe, in die (eigene) Geschichte zurückzublicken. Es lässt sich in der Sammlung eine Textgruppe beobachten, die ich mit dem Begriff der Installation beschreibe. Es sind dies elliptische Feststellungen, die kommentarlos ineinander gestellt sind und einander gegenseitig semantisch aufladen. Der elegische Ton ist unüberhörbar und auch das Thema der Liebe kehrt wieder. Die selbstkritische Wertung: „außerdem reimt sich der ganze Scheiß“ lässt ein souveränes Lachen über die poetische Anstrengung erkennen.
Eine dritte Feststellung zur Veränderung von Wagners Schreiben nach der Wende betrifft den Charakter von Stellungnahmen zu politischen und sozialen Fragen der Gegenwart, die Wagner nun bevorzugt in Radiobeiträgen und in Zeitungsartikeln publiziert. Das hat ganz sicher mit den veränderten Öffentlichkeitsstrukturen zu tun: Das, was in der DDR fehlte: Pressefreiheit, kann nun selbstverständlich genutzt werden.
Damit ist nicht gesagt, dass in Wagners poetischen Texten eine Entpolitisierung zu beobachten wäre. Wagner hat nach wie vor ein sehr genaues Gespür für Elend, Armut und Depraviertheit menschlicher Verhältnisse, und sein Schreiben ist immer deutlicher gerichtet auf die Demaskierung und Verurteilung solcher Denk- und Verhaltensweisen, die das Übel in den menschlichen Lagen mit wie auch immer gearteten Ideologemen beschönigen, bemänteln und beschwichtigen wollen. Während das politische Thema in der DDR zwischen Engagement und ostentativer Verweigerung sowie dem Schreiben unter den Bedingungen der Zensur für Bernd Wagner schließlich nicht mehr zu verantworten war, ist das soziale und politische Engagement nach der Wende entschieden und unverblümt formuliert. Hinzuzufügen ist, dass Wagners Texte sich einer oberflächlichen Instrumentalisierung verweigern und auf ihrem Kunstcharakter bestehen.
Das Thema „Armut in Würde“ nimmt in Wagners Arbeit einen herausragenden Platz ein. Es ist im Hinblick auf den sozialen Impuls, ein lebbares Leben für viele zu ermöglichen, die wichtigste Position. Hier kann von einer Kontinuität im Werk über Ausreise und Wende hinweg bis in die jüngste Gegenwart mit Fug und Recht gesprochen werden. In Wagners Bestseller aus dem Jahre 2008. Berlin für Arme. Ein Stadtführer für Lebenskünstler,35 ist die Synthese gelungen, die Außenseiterposition der auf Fördergelder angewiesenen Künstler-Stipendiaten und der ebenso auf Fremdhilfe angewiesenen Hartz-IV-Bezieher in ihren Interessen zusammenzuführen und ein humorvolles. aufrechtes, würdevolles intelligentes Leben zu organisieren. Die Rede vom neuen Prekariat, die kurzzeitig durchs deutsche Feuilleton ging, traf auf dieses Sachbuch, und es erhielt eine weitaus größere mediale Aufmerksamkeit als alle bisherigen Werke Wagners – ein Glücksfall. Da Berlin für Arme mit einem Internetblog36 vernetzt ist, zeigt dieses Format eine neue Seite des ehemaligen Lehrers Bernd Wagner, der mit seiner Lebensweisheit humorvolle und gütige Ratschläge in einer von der Ortlosigkeit bedrohten Welt gibt. Sowohl die Ursachen, die zu diesem Dialog mit dem Leser führen, wie auch der Gattungswechsel, der ein neues Sachgebiet medial eröffnete, sind bemerkenswert. Eine Literatur, die sich tagesaktuellen Vorgängen vorbehaltlos nähert, die im Zeitalter von Finanzkrise und Milliardenvernichtung nach der kleinen Münze fragt, in der letztlich wieder alles bezahlt wird, die auf sich selbst in ihrem Eigensinn besteht und auf eine vornehme Art die Defizite schonungslos benennt, verlässt die angestammten Plätze und sucht nach Orten, die Bewegung auch noch weiterhin ermöglichen. Eine solche Literatur schreibt Bernd Wagner. Eine solche Literatur hat zweifellos ihr Land noch vor sich, auch wenn es das aus einer intellektuellen Bewegung erst erbaut.

Hans-Christian Stillmark, aus Mirjam Meuser, Janine Ludwig (Hrsg.): Literatur ohne Land? Schreibstrategien einer DDR-Literatur im vereinten Deutschland Band II, fwpf, 2014

 

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