Brigitte Oleschinski: Zu Brigitte Oleschinskis Gedicht „Über“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Brigitte Oleschinskis Gedicht „Über“.

 

 

 

 

 

BRIGITTE OLESCHINSKI

Über

die aus den Fenstern stürzenden Kommas, klein
wie Menschen, keins –

 

Kunst am Bau. Installation eines Textes von Brigitte Oleschinski

 

Darüber keins

„Manhattan…. brennt!“, stammelt er, das Telefon in der Hand, wir stehen im weißen Sonnenlicht vor dem Inselpalast, ein Trüppchen Schriftsteller auf Schulausflug, der See spiegelt blau, er ist aus dem Schatten einer Arkade gekommen mit dieser konfusen, unglaublichen Nachricht, nun telefoniert schon ein anderer, „… ein zweites Flugzeug… jetzt, gerade!!“, die überkippende Stimme aus dem Handy so laut, daß wir sie mithören, hier auf der Inselterrasse, der See spiegelt blau, milde Frühherbsthitze – wie oft wir uns später daran erinnern, an diese ein, zwei Stunden vor den Bildern, das Trüppchen Schriftsteller mit den Telefonen, aus denen sich die Spekulationen überschlagen, das Boot braucht eine Ewigkeit zurück zu den Fernsehern, die, als wir im Tagungshaus ankommen, auf allen Kanälen schon immer dieselben Wiederholungen senden, wir sehen und kommentieren, wie die Medienformate sich einrichten, obwohl es noch immer Jetzt! ist, ein kollektiver Moment, in dem wir uns alle gefangen fühlen, noch immer könnte es so weitergehen, könnten neue Bilder aus den Wiederholungen aufspringen, Tokyo oder Sydney oder Paris oder Frankfurt, aber es sind schon die Medienformate, es ist nicht mehr die Dichte dieser bilderlosen Spanne Zeit, in der wir auf der Insel festsitzen, ein Trüppchen Schriftsteller auf Schulausflug, der See spiegelt und spiegelt blau – später wird darüber so viel geschrieben werden, daß diese Zeitspanne jede eigene Wahrheit verliert und zum Klischee erstarrt, von zahllosen Deutungen überlagert, aus denen sich allmählich eine datierbare, irreversible Verschiebung im weltpolitischen Paradigma ausformt, an der das konzentrierte Interesse zu verlieren mir unausweichlich erscheint – jedenfalls ich verliere es, ich in der Form jenes hartnäckigen Snobismus, der sich dagegen wehrt, Teil eines kollektiven Musters zu sein, indem er sich an das klammert, was ich selbst erlebe, in Echtzeit, leibhaftig, weil ich Empathie einfach nicht zusammenbringen kann mit Medienformaten –
Und doch muß etwas passiert sein in den Stunden danach, als wir alle vor dem Fernseher festhingen, etwas in der Art dessen, was ich schon öfter als winzigen Stich zu beschreiben versucht habe, diesen Stich, mit dem die Arbeit an einem Gedicht beginnt, das Ticken, das Tasten, ein Flimmerhäkchen, das sich einhakt in den inneren Prozeß und eine Schwellung verursacht wie bei einer Infektion, wenn von allen Seiten die weißen Blutkörperchen herbeieilen, um den Fremdkörper zu isolieren – der Stich und dann schon die Abwehrreaktion, die biologischen Bilder verselbständigen sich hier leicht, Halbwissen über die verschiedenen Ebenen des Autoimmunsystems, Wörtlichkeiten, Kurzschlüsse – wie auch immer: das erste Wort, das sich bildet, ist… keins…, zugleich auch eine Bewegungsrichtung von oben nach unten, schwer zu erklären, es ist ein synästhetischer Affekt, der Denken und Wörter mit Raumperspektiven koppelt, nicht so spektakulär wie andere Synästhesien, die Zahlen mit Farben verbinden oder mit Musik, vielleicht ist es nicht mal eine klassische Synästhesie, jedenfalls hat dieses erste… keins… eine Richtung, von oben nach unten, aber der Widerstand ist auch ein ganz simpler, übersichtlicher Gedanke, der sich einer klaren Grammatik bewußt ist: (Dar)überkeins
Keine Bilder, kein Gedicht, darüber eben:… keins – ich erinnere mich, daß ich die Abwärtsbewegung tatsächlich auf dem Bildschirm gesehen habe, ein einziges Mal, daß aber gerade diese Sequenz später nicht wiederholt wurde, nicht einging in den Standardpool von Bildfolgen, die immer wieder dieselben Augenblicke zeigen, den schon beschädigten ersten Turm, die anfliegende zweite Maschine, ihren Einschlag im anderen Tower, das (zeitgeraffte) Einstürzen beider Türme… – noch später erfuhr ich, daß diese Bilder als unpublizierbar eingestuft worden seien, was wahrscheinlich nur ein Gerücht ist, vermutlich ließen sie sich in den Weiten des Netzes mühelos auffischen, wenn ich entschlossen genug danach suchte –
Doch auf den Gedanken, das zu versuchen, bin ich überhaupt nicht gekommen – das Ticken tat seine Arbeit von allein, es übersetzte diese das einzige Mal gesehene Bewegung auf dem Bildschirm beinahe wörtlich, Konsonanten, Assonanz, Zeilenbruch, und machte halt, wo es angefangen hatte:… (dar)über… keins – es machte da halt, in seiner einfachen kleinen Formel, die mir vorkam wie eine glatt aufgegangene Gleichung, und war zu keiner Fortsetzung zu bewegen, selbstzufrieden, könnte ich fast sagen, ein bißchen starrsinnig, wenn das der Anthropomorphisierung nicht doch zuviel wäre, jedenfalls so, als habe es sein eigenes Paradox nicht bemerkt: drei Zeilen nur, aber für ein Nicht-Gedicht doch ziemlich viel Gedicht… –
Vielleicht, weil die Gleichung so glatt aufgeht, bis auf das Paradox natürlich, standen und stehen diese drei Zeilen in dem Hin- und Herfluten anderer Gedichtzeilen, -zellen, -cluster eher einsam herum (wenn ich den inneren Prozeß so nennen will, „Fluten“, „Driften“… – „Wabern“ auch, das also, was die Denkreflexe der einen Art Leser so anzieht, verwandtschaftlich oder neugierig, wenn es um die unscharfe Präzision von komplexen Intuitionen geht, und andere unweigerlich in die Flucht schlägt, weil ihnen Reflexion als etwas Zielgerichtetes, an logische Regeln und Prinzipielles Geknüpftes erscheint) – was ich ihnen achselzuckend zugestand, „Einsames Herumstehen dreier Zeilen“, warum nicht, aber es kann sein, daß ich sie gerade deshalb jetzt zum zweiten Mal in ein anderes Verfahren verschleppe –
Auto®poetische Texte spiegelfechten oft mit dem Verdacht, sie seien nichts als (Selbst-)Interpretationen der Autorin, etwas, das, schlicht gesagt, den Aufwand gar nicht wert wäre, während sie in Wirklichkeit doch, glaubt die Autorin, wenn die Leser nur wollten, als Expeditionen verstanden werden können, als Abenteuerfahrten in die abgelegeneren Zonen der menschlichen Denkprozesse (für die ich, um im Wortfeld des Fechtens zu bleiben, nicht nur hier eine Lanze brechen möchte: wer je einen Quantenphysiker beobachtet hat bei dem vergeblichen Versuch, taugliche Modelle und Metaphern für die Gegenstände seiner mathematischen Erkenntnisse zu finden – oder einen beliebigen anderen Spezialisten aus den sogenannten exakten Wissenschaften –, begreift vielleicht eher, daß sich in ebensolchen Abenteuerfahrten die Extreme wieder berühren, die weit auseinanderliegenden Pole von poetischer und wissenschaftlicher Erkenntnis plötzlich dicht aneinanderrücken; vorausgesetzt, niemand schummelt mittels fahrlässiger Gewißheit oder vorsätzlicher Dunkelheit) –
Drei einsame Zeilen also, verschleppt in eine Versuchsanordnung, die die Leser laut Prospekt „auf eine intertextuelle Reise (schickt): das Gedicht spricht, das Material sagt etwas, der Kommentar erläutert.“ –: Was wäre dann das besagte Material?
Die aus dem Internet zu fischenden Bilder? Blau- oder staubstichig, endlose Fensterreihen übereinander, im oberen Drittel die klaffenden Eintrittswunden, quellender Rauch? – Ich glaube nicht. (Dar)über… keins…, auch wenn es selbst paradox ist, scheint mir doch ein klares Bilderverbot verhängt zu haben. Es ist ein Bild, oder genauer: eine Videosequenz, die das Gedicht in Bewegung gesetzt hat, aber es ist sinnlos, diese Sequenz zu zeigen. So sinnlos, wie ein anderes Bild hier einzusetzen, eins, das im Westberlin der Siebziger als Postkarte kursierte mit der Unterschrift „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt“ – angeblich von Brecht – ein ähnlicher Blaustich, Untersicht in Fensterreihen hinauf, es hängt mit dem Gedicht zusammen, mit diesen drei Zeilen, aber über ein anderes Gelenk –
„Kunst am Bau“, die Vorgabe, daß ein (minimaler) Prozentsatz der Bausumme eines deutschen Bauvorhabens einem begleitenden Kunstwerk zugeschlagen wird, hat in Berlin ein ehrgeizig kuratiertes Projekt auf den Weg gebracht, das zeitgenössische Gedichte auf den Baukörper appliziert – einige in den Boden eingelassen als Lichtplatten, einige aus Neonlettern in verschiedene Winkel des Innenhofs gehängt. Gefragt, welches meiner Gedichte ich mir in diesem Kontext denken könnte, hatte ich sofort die drei einsamen Zeilen im Sinn: nicht, weil sich irgendein Zusammenhang herstellen ließe zu dem Moment auf der Inselterrasse oder dem fiebrigen Fernsehen danach, sondern weil die Erinnerung an die Postkarte mit dem Brecht-Satz sich einstellte, ungefragt. Der Gebäudekomplex hat nicht dieselbe Architektur, er sieht sich eher den postmodernen Fassaden der Neunziger verpflichtet, schräge Winkel, auskragende Erker, aber ich sah mir die Bewohner noch einmal an, nach der offiziellen Führung – die Jugendlichen im Hof, mit ihren Skateboards und Discmans, die Balkonbepflanzungen, die Geschäfte in der billigen kleinen Einkaufsmeile: wie leicht sich an sie die Meßlatte meiner Vorurteile anlegen ließe… –
Das Gedicht, glaube ich, hat diese Vorurteile nicht, es hat seinen Ursprung in einem Moment der Erschütterung, und es spricht von Verletzlichkeit – aber ich lasse es diese Verletzlichkeit in Leuchtbuchstaben in den Raum stellen, über Kopfhöhe, woran sich eine ganz andere Frage anschließt: was geschieht eigentlich mit Worten im Raum? Geschriebenen Worten im Raum… – Worten, nicht Wörtern, um diese im Deutschen mögliche Unterscheidung einzubringen (samt der alten Streitfrage, ob Gedichte aus Wörtern oder aus Worten gemacht werden: aus Wörtern, bei denen mehr die Vielfalt des Materials im Vordergrund steht, oder aus Worten, denen ein semantisches Gewicht zukommt) – sicher, dieses Gedicht oder Nicht-Gedicht hat eine geradezu wörtliche Eigenbewegung, die es auf der Ebene seiner Bedeutung verräumlicht, aber was geschieht tatsächlich mit Worten, die, wenn sie geschrieben sind, mehr werden als bloße Fläche? Die dreidimensional werden, Wort-Dinge, Wort-Skulpturen? – Mir scheint das der wichtigste Unterschied zum gesprochenen Wort zu sein, das sich den Raum als Schall in der Zeit erobert, in der Hörbewegung, während die ältesten Schreibtechniken, das Eingraben in Stein, das Ritzen in Tonplättchen, ein Ding erzeugen: einen eigenen Wortkörper, nicht verknüpft mit dem Körper eines Sprechenden, sondern ein Ding für sich. Das also im Raum hängt, über Kopfhöhe, neonhell – drei einsame Zeilen, die eine räumliche Ausdehnung haben, Höhe, Breite, Tiefe – was sind sie nun?

Groß wie…? Klein wie…? … keins…?

Aus Manfred Enzensperger (Hrsg.): Die Hölderlin Ameisen, DuMont, 2005

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