Christa Ebert: Zu Ossips Mandelstams Gedicht „War niemands Zeitgenosse, wars in keiner Weise,…“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Ossip Mandelstams Gedicht „War niemands Zeitgenosse, wars in keiner Weise,…“ aus dem Band Ossip Mandelstam: Gedichte. –

 

 

 

 

OSSIP MANDELSTAM

War niemands Zeitgenosse, wars in keiner Weise,
solch Ehre ist zu hoch für mich.
Ein Greul, wer da so heißt, wie sie mich heißen,
das war ein andrer, war nicht ich.

Zwei Schlummeräpfel nennt die Zeit ihr eigen,
ihr Herrschermund ist lehmig-schön.
Doch wird er sich der welken Hand entgegenneigen
des Sohns, der altert, im Vergehn.

Mit ihr, der Zeit, hob ich empor die Lider,
die schmerzenden, das Schlummerapfelpaar,
und sie, die Ströme, sie erzähltens wieder:
Wie Menschenzwist entbrannte, Jahr um Jahr.

Übersetzung Paul Celan

 

Osip Mandel’štam: War niemands Zeitgenosse

Der da so nachdrücklich die Zeitgenossenschaft verweigert, verstrickte sich doch tief in sein „wölfisches Jahrhundert“ – es diktierte ihm in den dreißiger Jahren die Verse, und es vernichtete ihn physisch, in Stalins Lagern.
Osip Mandel’štam (1891-1938) war als Dichter stets unterwegs, in der Sprache und in den Zeiten. Er ist einer der größten russischen Poeten dieses Jahrhunderts und gehörte zu den Begründern des Akmeismus. Die Vertreter dieser um 1910 aus der Kritik am russischen Symbolismus entstandenen poetischen Richtung gingen andere Wege als die des kurze Zeit später aufkommenden Futurismus.
Zwar verbindet beide Bewegungen die Hinwendung zum „Wort als solchem“, die Betonung des Eigenwerts der Sprache, doch ging es den Akmeisten nicht um Zerstörung der Semantik, sondern um eine genauere Bezeichnung der Dinge – um ihre ,Akme‘ (griech. Höhepunkt, Gipfel, Reife). Nicht auf Neubildung von Wörtern komme es an, vielmehr auf eine neue, unerwartete Art ihrer Begegnung und ihres Spiels miteinander (Poesie solle Natur nicht nacherzählen, sondern durchspielen, postuliert Mandel’štam 1933 im Essay „Gespräch über Dante“). Das griechische Wort zeigt aber noch anderes an: Wiederbesinnung auf klassische Formen und Orientierung an der Weltkultur, der man sich zugehörig fühlte und mit der man über Zeiten und Räume hinweg verkehrte. Zeitgenossenschaft war so verstanden nicht eine Frage der Chronologie, sondern der Geistesverwandtschaft. Diese Integration in die europäische Kultur vollzog sich bei den Akmeisten – neben Mandel’štam vor allem Nikolaj Gumilëv (1886-1921), Anna Achmatova (eigtl. Gorenko; 1889-1966), Sergej Gorodeckij (1884-1967) – auf unterschiedliche Weise. Mandel’štams klassisches Ideal war der Hellenismus, wobei er einen ,heroischen‘ und einen ,häuslich-heimischen‘ unterschied. Ihn interessierte der ,häusliche‘ Hellenismus, den er in der russischen Sprache bewahrt fand. Im Essay „O prirode slova“ (dt. „Über die Natur des Wortes“) charakterisierte er ihn wie folgt:

Hellenismus, das ist der Kochtopf die Ofengabel, der Krug Milch, das ist Gerät, Geschirr, die Umgebung des Leibs… Hellenismus, das heißt, der Mensch umgibt sich mit Gerät anstatt mit gleichgültigen Gegenständen, verwandelt die Gegenstände in Gerät, vermenschlicht die ihn umgebende Welt, wärmt sie mit seiner feinen teleologischen Wärme. (In: Ossip Mandelstam: Der Hufeisenfinder. Leipzig: Reclam 1975)

Diese Körperlichkeit beherrscht die Bildwelt und führt zu jener überraschenden, häufig schwer entschlüsselbaren Metaphorik seiner Lyrik.
Unterschiedliche Ausprägungen erfuhr in den verschiedenen Schaffensphasen das stetig wiederkehrende Thema Mandel’štams – das Verhältnis des Dichters zur Zeit.
War niemands Zeitgenosse markiert in diesem Zusammenhang eine Umbruchphase. Die von überzeitlicher Klassizität geprägte akmeistische Poetik seiner frühen Dichtung trifft hier zusammen mit dem Thema der Jahrhundert- und Zeitenwende, das seine Lyrik seit den zwanziger Jahren zunehmend beherrscht.
Das Gedicht handelt davon, wie Zeit durch Dichtung in Überzeitlichkeit verwandelt wird. Es weist eine klar gegliederte Komposition auf: sechs gleichartig gebaute vierzeilige Strophen; durchgängige Verwendung des jambischen Versmaßes (der in der französischen Lyrik bevorzugte klassische sechshebige Alexandriner, im Wechsel mit dem vierhebigen Jambus der russischen Klassik); regelmäßiger Kreuzreim. Das architektonische Ebenmaß des Gedichts unterstreicht das Thema: Ewigkeit und Vollkommenheit der Kunst abzuheben von der unvollkommenen, weil vergänglichen Zeit.
Die Strophen selbst markieren auch Sinngrenzen, jede erhält eine gewisse Autonomie und ist zugleich Teil eines Zusammenhanges, des Diskurses über das Verhältnis von Dichtung (Kunst) und Zeit. Dieser Diskurs ist gewissermaßen in der Form eines dialektischen Dreischrittes (These – Antithese – Synthese) gehalten.
Die erste Strophe setzt mit der These ein: „War niemands Zeitgenosse“, behauptet also die Entgegensetzung von Dichter und Zeit, die mittleren vier Strophen enthalten die Antithese, die den Dichter eben doch in die Zeit stellt, sogar eine Identität zwischen ihnen herstellt: „Mit ihr, der Zeit, hob ich empor die Lider“, und die letzte Strophe bringt dann die Synthese, die spannungsvolle Aufhebung der Zeit im Widerschein, den sie im Auge des Dichters hinterläßt.
Schlüsselmetaphern sind die im Russischen durch Assonanz verbundenen Wörter ,vek‘ [Zeit, Jahrhundert] und ,veki‘ [Augenlider]. Das Spiel mit ihnen zieht sich durch das gesamte Gedicht.
In der ersten Strophe entwirft der Dichter seinen idealen Standort. Der Zeitbezug ist hier noch nicht mit ,vek‘, sondern mit ,sovremennik“ [Zeitgenosse] ausgedrückt. Die Negation – „Net, nikogda, ničej â byl sovremennik“ (im Original viel kategorischer als in Celans Nachdichtung) – läßt die Sehnsucht des Dichters anklingen, sich nicht in die Gefangenschaft seiner Zeit begeben zu wollen, sondern sich, gemäß dem akmeistischen Kulturideal, frei in ihr zu bewegen. Verneint wird aber noch mehr – nicht nur (wie in der Moderne üblich) der eigene Name „soimennik“ [der Gleichnamige], sondern die eigene Identität.
Mandel’štam hatte mit der Revolution die Hoffnung auf einen Biographienwechsel verbunden, die Ersetzung der persönlichen Dichterbiographie als eines Themas von Poesie durch Šum vremeni [Rauschen der Zeit]- so der Titel einer Prosasammlung von 1925 – angestrebt, dem der Dichter seine Stimme leihen wollte. Damit ist die Antithese bereits angedeutet: Zunächst präzisiert das lyrische Ich sein Verständnis von Zeit: Entworfen wird das Bild einer konkreten, gleichsam biologischen Gestalt. Von den menschlichen Attributen, mit der die Zeit ausgestattet wird, Hand, Mund, Augen, sind vor allem die schlafenden Augen: „Dva sonnych âbloka“ – „Zwei Schlummeräpfel“, wesentlich. Die Vergleiche mit einem alternden, verfallenden Körper betonen das Sterben der Zeit, genauer gesagt – des Jahrhunderts. Mandel’štam spielt hier mit der Doppelbedeutung des russischen Wortes ,vek‘ Zeit und Jahrhundert, die es im Deutschen nicht gibt und die vom Nachdichter Paul Celan, dem es eher um existentielle Grundsituationen ging, gewiß bewußt ausgespart wird.
Das Thema des Jahrhundertumbruchs als einer Zeitenwende spielt in den zwanziger Jahren, der Entstehungszeit des Gedichts, für Mandel’štam eine wichtige Rolle. Bereits 1922 hatte er in dem Aufsatz „Devâtnadcatyj vek“ (dt. Das neunzehnte Jahrhundert) den Jahrhundertwechsel als Zeitenwechsel thematisiert. Deutlich gibt er dem Zeitalter der Rationalität (18. Jahrhundert) gegenüber dem Zeitalter des bürgerlichen Individualismus (19. Jahrhundert) den Vorzug. Letzteres wird als „gewaltiges Zyklopenauge“ bezeichnet, dessen Erkenntnisfähigkeit zwar enorm gewesen sei, das aber „Nichts. außer der Sehkraft, einer leeren, gierigen“ aufzuweisen habe (in Ossip Mandelstam: Proza. Ann Abor: Ardis 1983).
In der dritten Strophe begibt sich das lyrische Ich in diese Jahrhundert-Zeit: „Â s vekom podnimal boleznennye veki“ [Ich hob mit dem Jahrhundert die kranken Lider] – auch hier übersetzt Celan: „Mit ihr, der Zeit […]“. Der Moment wird fixiert, wo der Dichter bewußt in die Zeit, sein Jahrhundert eintritt, seine Geschichtlichkeit erkennt und die Last, die es zu tragen hat, begreift: Das Öffnen der Augenlider deutet sowohl auf das Erwachen des Dichters als auch auf das des Jahrhunderts.
Der erste Rausch der Zeit, der vor 100 Jahren zu Ende ging („končalsâ veka pervyj chmel’“), weist auf den Dekabristenaufstand, jene Adelsrevolution im Dezember 1825, die für einen kurzen historischen Augenblick die Hoffnung auf Befreiung von Autokratie und Leibeigenschaft, auf Erwachen aus dem Schlaf des Jahrhunderts weckte. Doch der Aufstand wurde niedergeschlagen, die Anführer gehenkt oder lebenslänglich nach Sibirien verbannt.
Das Bild von Schlaf und Erwachen hat zweifellos die Wahl jenes Accessoirs von Häuslichkeit bestimmt, das Mandel’štam hier plötzlich ins Spiel bringt – das Faltbett: leicht zusammenklappbar, aber eben zu leicht für den träge dahingestreckten Körper Rußland. Dieses -leichte Bette bleibt also als Vermächtnis für das neu erwachte Jahrhundert, auch wenn es sich für dieses, der „Welten Rasselschritt“, ebenfalls als zu leicht erweist. Doch der Dichter nimmt das neue Jahrhundert an, so unvollkommen es sich auch zeigt: „Davaijte s vekom vekovat’“ – „So laßt uns zeiten mit der Zeit“.
Die letzte Strophe kündigt das Sterben auch dieses Jahrhunderts an, man kann es aber auch, wie in Paul Celans Nachdichtung, in der allgemeinen Dimension belassen und als das Sterben von Zeit überhaupt auffassen. Evoziert werden Räume der Häuslichkeit: Stuben, Zelte, in denen das Jahrhundert dahingeht, bleiben werden die schlafenden Augen. Diese sind nun aber in einer äußerst feinsinnigen, komplizierten Metaphorik mit Attributen des menschlichen Auges versehen – Schlummerapfelpaar, auf hörnerner Oblate (= Augäpfel, auf einer Hornhaut sitzend) – und somit als die Augen des Dichters deutbar. in dem die Zeit (das Jahrhundert) weiterleben wird, aufbewahrt für das Gedächtnis. Damit ist der Bezug zur Ausgangsthese hergestellt: Nicht um Isolierung von, sondern, im Gegenteil, um Versenkung in Zeit und Geschichte geht es, um Verschmelzung, wobei Zeit und Geschichte durch die Kunst aus ihrer chronologischen Begrenztheit herausgehoben werden.

Christa Ebert, aus: Peter Geist, Walfried Hartinger u.a. (Hrsg.): Vom Umgang mit Lyrik der Moderne, Volk und Wissen Verlag, 1992

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