1. Dezember

Aufgestanden kurz nach sechs. Die dumpfe Dunkelheit wird merklich aufgehellt durch den jungen überfrorenen Schnee. Ich lege den Meyer auf – seit Tagen meine Ouvertüre in der Früh: Bachs Cellosuiten auf Kontrabass. Asche schaufeln. Einheizen. Kaffee aufgesetzt; zwischendurch rasch zum Bäcker – Baguette mit Mohn. Wie immer das Frühstück mit unausgewählter Lektüre; ich greife nach dem, was daliegt, auf dem Sims, auf der Sitzbank – diesmal Pierre Michon, ›Les Onze‹, das ›Magazine littéraire‹ (Themenschwerpunkte Balzac, Modiano), das Monatsprogramm aus dem Musée Rath, die neue ›Recherche‹. Krys am Telefon: »… dass du aus all dem Zubehör, das du dort um dich hast, vollkommen zu identifizieren wärst!« Könnte sie sich denken! Wünscht sie es sich? »Aber ich fühle mich in diesen Dingen«, gestehe ich ihr, »dahingegangen; also verschieden.« – Eine Stunde hin und her geblättert. Um neun zum Arzt; Eiseninfusion, zwanzig Minuten mit der Infusionssonde in der Ellenbogenbeuge rücklings auf dem Schragen. Zurück nach Hause, wankend, mit Zwischenhalt bei der Post, wo ich die Rechnungen und Zeitungen aus dem Fach hole. Und an die Arbeit! Der Morgen wendet sich nur ganz langsam zum Tag. Es gibt Probleme mit dem Internetzugang. Gegen Mittag schon wieder die Müdigkeit. – Besuch bei Mutter in Burdlef – sie wirkt heiter, ist hellwach, interessiert, gesprächig, findet aber (wie so oft!), sie sei nun – mit sechsundneunzig Jahren – »wirklich alt genug« und sollte doch eigentlich »längst gegangen« sein. – Nachmittags der Anruf von C. L. Hart Nibbrig mit ersten Leseeindrücken zu ›Alias‹; ich hatte ihm das Skript übermittelt, sein weitläufiges, im Detail dennoch präzises Feedback nehme ich gern entgegen – ich kenne und schätze den Freund als ebenso kompetenten wie aufrichtigen Kritiker, bin nun einigermaßen erleichtert, fühle mich bestärkt auf dem noch bevorstehenden Weg zum fertigen Buch. Ich selbst mache als Leser von Rezensionen, von Kunst- und Filmkritiken die wiederkehrende Erfahrung, dass günstig oder gar enthusiastisch besprochene Werke meinen Erwartungen und Ansprüchen nur selten genügen, während mich Mäkeleien und Verrisse oft dazu anregen, mir ein Buch, eine Ausstellung, einen Film genauer anzusehen, was gar nicht so selten auf eine bemerkenswerte Entdeckung hinausläuft. Das Feuilleton hat diesbezüglich jede Verbindlichkeit verloren, statt Argumenten werden in aller Regel Meinungen und Geschmacksurteile vorgetragen, die man problemlos in ihr Gegenteil verkehren könnte. Also selber lesen, hingehen, hinsehen! Nicht sich abbringen lassen davon, mit jeder Vorgabe – Film, Bild, Buch – etwas anzufangen, etwas Eigenes, Eigensinniges. Denn Sinn zu machen … den Sinn zu machen, ist meine Sache, ist auch meine Verantwortung, ist letztlich das Einzige, was im ernsthaften Umgang mit Kunst noch zählt. – Habe mir jüngst mal wieder eine Neuerscheinung von Botho Strauß besorgt, ›Vom Aufenthalt‹, im Feuilleton und darüber hinaus mehrheitlich als kraftloses Alterswerk rubriziert. Strauß mag altertümlich daherkommen, alt oder veraltet ist an diesen Texten aber nichts. Vitalität zeigt und behauptet sich hier in Form einer garstigen Widerständigkeit, in einem besondern, durchweg akuten Harm, der sich bald als Zynismus, bald als Zorn oder Hohn auslebt. Strauß ist ein lyrischer, vielleicht auch bloß ein romantischer Welt- und Menschenverächter, der auf längst verlorenem Posten kraftvoll am Ort tritt und folgenlos in die Luft schlägt. Wer in die Luft schlägt, schlägt meistens daneben. Das scheint Strauß nicht immer klar zu sein; dennoch tut er’s, derweil andere – und die andern sind nie nicht die Mehrheit – risikofrei die gängigen Diskurse bedienen und sich dabei einreden, sie hätten etwas zu sagen. Dagegen Botho Strauß: »Ein letztes Mittel, sich zu unterscheiden! Sich darüber hinwegzutäuschen, wie weit das Untere schon nach oben reicht. Wie absurd es ist, über diese im Stumpfsinn Versumpften noch eine Erwägung anzustellen! Es herrscht in Wahrheit zwischen den Erwägenden und den Versumpften keinerlei Verbindung mehr – es herrscht bloß Kommunikation.« Die Versumpfung im Stumpfsinn drängt sich vordergründig durch die Lautähnlichkeit von »stumpf« und »Sumpf« auf – der Gleichklang beglaubigt die Richtigkeit der Aussage. Stimmt’s? – Krys meldet sich aus Zürich, will gegen Abend bei mir in Romainmôtier sein, morgen nach Genf in die Städtische Galerie, wo zur Zeit ein vergessener Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts gezeigt wird, Barthélemy Menn, eine »echte Entdeckung«, einer, der »die halbe Moderne vorweggenommen hat«, und als Publikumsmagnet stellt die Galerie in ihrem Grafikkabinett gleichzeitig die besten Stücke aus Nordmanns Erotikasammlung aus. Also gut, ich werde Krys um sechs am Bahnhof in Yverdon abholen, und sie wird mir, das hat sie immerhin schon angekündigt, »etwas ganz Schlimmes und Schönes« zu berichten haben. – Als Unwörter des Jahres würde ich – in der Mehrzahlform – »Millionen« und »Milliarden« zu bedenken geben. Millionen und Milliarden gehören zum Leitwortstil von Wirtschaft und Politik. Millionen und Milliarden, nicht selten im zwei-, im dreistelligen Bereich, werden investiert, geschuldet, umgeschuldet, geliehen, verzockt, zurückgehalten, transferiert, benötigt, gefordert, eingesetzt, veruntreut.

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