17. April

Weiter bei René Girard (Romantik, Titanismus) – das bestechende trianguläre Konzept von Mediator, Subjekt, Objekt wird anhand zahlreicher literarischer Texte durchgetestet und belegt (Stendhal, Cervantes, Dostojewskij, Proust usf.), doch wird immer deutlicher, dass das alles mit Literatur als Kunst wenig zu schaffen hat; dass die Fallbeispiele durchaus auch der Wirklichkeit entnommen sein könnten. Insofern wird Girard der Literatur nicht gerecht, sie ist für ihn bloß Lieferant passender Beispiele, er sucht sie ab nach dem, was er für seine Theoriebildung und deren Fundierung braucht – er beutet die Texte aus und bringt sie damit recht eigentlich zum Verschwinden. Bei Michail Bachtin geht es ähnlich zu; auch hier wird die Literarität der Literatur missachtet, literarische Texte werden als Zeugnisse, als Dokumente, als Beispielgeber für ein theoretisches Konzept verwendet – von daher erklärt sich Bachtins primäres Interesse am Roman und sein eklatantes Desinteresse an der Poesie. Dazu kommt, dass der weithin akzeptierte Bachtinsche Begriff der Polyphonie durchaus verfehlt ist – es gibt bei Dostojewskij keine »Stimmenvielfalt«, es gibt eine Meinungsvielfalt, es gibt Gedankenvielfalt, Glaubensvielfalt, Fehlervielfalt usf., mithin eine Vielzahl von Ideologien und Ideologemen, und dafür wäre »Polylog« als Bezeichnung passender. Die »Polyphonie« – verstanden im Wortsinn – wäre viel produktiver auf Autoren wie Nikolaj Lesskow, Herman Melville oder Gustave Flaubert anzuwenden, die aber bei Bachtin keine Beachtung finden. – Endlose Irrfahrt durch Tiefgaragen und über Autobahnen! Ich schlingere in meinem dröhnenden Cabriolet durch Straßencafés und Supermärkte, stoße dabei Tische, Kinder, Einkaufswagen um, provoziere wütende, aber auch mitleidige Kommentare, verfahre mich (mit Eleonore Frey und Kurt Dopfer im offenen Fond) auf dem Weg zum nahegelegenen Bahnhof über die Grenze nach Franken oder Frankreich, kurve durch eine öde weiträumige Industrielandschaft zwischen gewaltigen Türmen und Hallen. Mit Widerwillen nehme ich an der Jahresfeier meiner Universität teil, stehe auf dem frisch asphaltierten Exerzierplatz in Reih und Glied mit meinen uniformierten Kollegen. Die Festansprache soll Zamboni (oder Hirshman?) halten, doch Jurgos Laederach beansprucht den wichtigen Auftritt für sich, stellt sich vor dem gereckten Lehrkörper auf, trägt aus einem zerflatternden Taschenbuch einen schnellen, völlig unverständlichen Text vor und findet damit, bin überrascht, allgemeines Gefallen. Ich fühle mich mal wieder völlig verkannt, muss mir eingestehn, dass ich selbst als Geheimtipp untauglich bin. Doch inzwischen sind die Frauen am Zug – Journalistinnen, Professorengattinnen, Sanitäterinnen, Moderatorinnen, Kuratorinnen, Parlamentarierinnen haben sich zusammengerauft, strecken ihre behandschuhten Fäustchen in die Luft, stimmen die Hymne an, brechen plötzlich in Gelächter aus und heben als wimmelnde formlose Wolke ins Gefilde ab. – Ich habe von Ludwig Hohl lange nichts gelesen, nichts seit vielen Jahren. Irgendwann war ich seiner Erzählungen und Notizen (die ich einst ungemein geschätzt hatte) überdrüssig, stieß mich an seinem sturen Arbeitsethos und der hölzernen Sprache, mit der er dieses Ethos wie auch sich selbst als dessen Verkünder und erster Adept durchsetzen wollte – plötzlich war mir das alles zu gut schweizerisch, zu kleinkariert, kam mir vor wie geschnitztes Heimatwerk aus dem Glarner Hinterland. Nun stieß ich gestern bei Klio Books am Zürcher Centralplatz auf einen schmalen Band, der mir bisher entgangen war und den ich auch gar nicht eigens gesucht hätte, einen Band aus dem nun schon sehr fernen Jahr 1990, der unterm Titel ›Und eine neue Erde‹ Hohls frühe Prosa versammelt, zumeist Gelegenheitsarbeiten, die in Zeitungen und Zeitschriften erschienen waren. Für drei Franken erstand ich das Buch und … und kam nun unerwartet auf diesen Autor zurück und auch auf das Interesse, das ich einst für seine Gedanken- und Schreibarbeit hatte. Denn nebst Beiläufigem, flüchtig Verfasstem gibt es hier ein paar Texte, mit denen sich der zwanzig-, dreißigjährige Hohl als hochkarätiger Poet zu erkennen gibt. Das gilt vor allem für seine strichsicheren Skizzen vom Meer, knappe Prosastücke, in denen sich scharfe Beobachtung und präzise Reflexion mit freier Imagination ebenso unkompliziert wie produktiv verbinden – dichterische Erzählkunst, die thematisch und stilistisch manches vorwegnimmt, was man später von Albert Camus zu lesen bekommen wird. Meisterlich: Die Beschreibung der von einem Sturm aufgewühlten brüllenden See und der darauffolgenden Wildstille; eindrücklich aber auch, was sich der Autor dazu denkt und wie er’s, integriert in die deskriptiven Passagen, zur Sprache bringt, wie er festhält, was »mehr als das Meer« ist. Der Sturm: »Das Meer dröhnt und dröhnt und der heftige Platzregen des Wellenwurfs rauscht auf die Felsen der Küste nieder, schwächer bald und bald stärker, während das Meer einem ein Fortissimo entgegen orgelt, von dem es dann doch wieder ablässt, um wie in sich selber zu knurren – und dann erhebt es doch wieder lauter sein Gebrüll, als ob es ein stolzes Tier sei, das nur zürnt und schlägt, ohne von Meinungen zu wissen und ohne Reflexionen.« – Die Windstille danach: »Jede Erinnerung an den Sturm ist aus dem hellen Felsenlande gewichen. Das Meer gleicht einem hellblauen Spiegel, der nicht die Härte des Glases besäße und keinerlei Begrenzung. Nirgends gewahrt man ein Glitzern drin, das Ganze ist nur ein Glanz. Und wiederum meint der Mensch, der vor dieser unbegreiflich hellen Herrlichkeit steht, es sei immer so gewesen und es dauere ewig.« – Das schlichte Fazit daraus: »Wir verlangen vieles und sind jederzeit allein und sind viele. – Aber es gibt nur ein Meer.« Fast so etwas wie ein Gottesbeweis. – Das Reale ist nichts anderes und nicht weniger als meine enttäuschte Erwartung. Doch bei wem liegt die Täuschung? – Je vertrauter mir die Wege werden, die ich täglich hier abschreite, desto mehr lässt naturgemäss die Aufmerksamkeit für die unmittelbare Umgebung nach. Es kommt vor (so heute wieder), dass ich vom Waldgang zurückkehre, ohne unterwegs irgendetwas wahrgenommen zu haben, außer vielleicht der Kälte, der Hitze, der Windstärke. Der Grund dafür ist, dass ich die Strecke tatsächlich in einer Art von Automatismus begehe, was mich dazu befreit, mich völlig den Gedanken zu überlassen. Gedanken! Das sind spontane Einfälle, Reminiszenzen, Vergleiche, Verpflichtungen usf. Während fünfzig von sechzig Gehminuten bin ich also eigentlich anderswo, bewege mich in parallelen, ständig wechselnden Welten mit völlig andern räumlichen und zeitlichen Koordinaten. Befinde mich – gleichzeitig – in meiner Lebenszeit und in einer unmessbaren Traumzeit. Chronologie und lineare Progression werden so unterlaufen, werden aufgebrochen ins Unversicherbare. Um Tagträume handelt es sich bei meiner sprunghaften Gedankenarbeit nicht, und dennoch bietet sich der Vergleich mit gewöhnlichen Träumen an – auch im Schlaf bewege ich mich auf zwei voneinander abgehobenen Zeitebenen, wobei hier die Lebenszeit (verschlafen, verträumt) unbewusst bleibt, die Traumzeit aber, abgekoppelt von Uhr und Kalender, ihre eigenen Sprünge macht, die ich auch konkret miterlebe – als Gehetzter, Wartender, Verlassener. Also kann ich doch auch sagen: So kurz das Leben im Realvollzug auch ist, es ist in jedem Fall und für jeden Menschen sehr viel länger, eben weil es überboten und angereichert wird durch parallele Zeitläufte, die ebenso intensiv erfahren werden wie die wirkliche Lebenszeit. Voraussetzung dafür, dass diese Parallelität ungleicher Zeiterfahrung möglich wird, ist die strikte (von sich aus sich vollziehende) Trennung zwischen Bewusstsein und Unbewusstem. Das Unbewusste hat als »mögliche Welt« seinen eigenen Realitätsstatus – es ist real, weil es so erlebt wird. Der gepanzerte VW-Käfer, der heute Nacht – im Traum – an mir vorbeibrauste, ist im Diesseits des Traums, also in der sogenannten Wirklichkeit nicht vorzufinden; doch es gibt ihn … es gibt ihn ausschließlich für mich, niemand sonst hat ihn wahrgenommen, für mich (der ihn träumt! oder dem er träumt?) ist er ganz und gar konkret, ich kann ihn so exakt beschreiben, als hätte ich ihn hier auf der Straße gesehen: Modell aus den mittleren 1950er Jahren, jedoch in vergrößerter Ausführung; Karosserie aus rostrotem Wellblech, das Heck ausgebaut und geradegestellt wie bei einem Kombi; zwei dicke Auspuffrohre mit entsprechender Lärmentwicklung; der Motor laut brummend, aber stockend; als Relief in die Tür (Fahrerseite) eingelassen das Sowjetwappen mit Hammer und Sichel, umrahmt von einem Blechkranz; das Nummernschild BS 120056 ist seitlich unterhalb der Tür am Fahrgestell angebracht. Der Wagen fährt tuckernd in eine Haarnadelkurve, den Fahrer kann ich nicht erkennen. Doch wie … womit sollte ich beweisen, dass diese Szene für mich vollkommen real ist, dass ich selbst ein Teil von ihr gewesen bin und mich an sie erinnere, als hätte sie in der diesseitigen Wirklichkeit stattgefunden? Den Beweis braucht’s nicht, jedermann kann ein Gleiches erfahren und von sich berichten. Nur überlegt sich kaum jemand, dass er – in Wirklichkeit! – als Fünfzigjähriger bereits soviel Zeit verlebt hat wie ein Siebziger, ein Achtziger. – Die Literatur wird bis in zehn Jahren aus dem Buch verschwunden sein – es wird nur noch, einerseits, E-Books für die Meisten geben und anderseits bibliophile Editionen für die Wenigen. Darin dürften sich Optimisten und Pessimisten einig sein. Ich zähle mich in diesem Fall zu den optimistischen Pessimisten: Ja, wäre es doch so! – Nochmals winterliche Kälte, sogar ein wenig Schnee liegt in der Luft. Doch die Vögel trillern weiter, als wäre dies ein gewöhnlicher 16. April. Den Waldgang lasse ich heute aus, fahre statt dessen zum Einkaufen nach Orbe; meine Liste ist lang – nebst Lebensmitteln für die laufende Woche brauche ich Briefumschläge B5, Entkalkungsmittel, Araldit, Alcacyl, Putzschwämme, eine Granaraspel, einen Sparschäler (hab den alten versehentlich weggeworfen), Tinte, bunte Büroklammern, Duschgel, Kehrichtsäcke, eine Batterie für die Kamera. Blumen für die Posthalterin. – Der Normalverbraucher bei Fjodor Dostojewskij ist kriminell oder verrückt; der gute, wenn auch keineswegs vollkommene Mensch tritt nur als Heiliger oder als Märtyrer in Erscheinung (Myschkin, Dolgorukij, Aleksej Karamasow), erweist sich dann aber doch als ein reduzierter Mensch, der nicht ganz von dieser Welt ist. Ganz von dieser Welt sind die Mörder, Verräter, Ausbeuter, die Huren, die Hysterikerinnen, die Epileptiker, die Alkohol- und Spielsüchtigen – das ganze menschliche Bestiarium führt Dostojewskij in Gestalt der Familie Karamasow (zu deutsch: »Schwarzschmierer«) und ihres verkommenen Anhangs vor. – Der Solothurner Literaturpreis, einer der höchstdotierten im deutschen Sprachgebiet, wird in diesem Jahr an einen »begnadeten Erzähler« verliehen, dessen Qualitäten von der Jury mit Adjektiven wie »virtuos«, »anarchistisch«, »lustvoll«, »absurd«, »witzig«, »leidenschaftlich« und »engagiert« umschrieben werden. Soviel aufs Mal! Doch keine dieser Qualifikationen hat wesentlich mit Literatur etwas zu schaffen, jede ließe sich auch auf einen Kabarettisten, eine Schauspielerin, einen Talkmaster, eine Modeschöpferin übertragen. Wie steht es denn also um die spezifisch literarische Leistung des Preisträgers? Und wie erst um die literarische Kompetenz der Solothurner Jury! – Krys ist zurück aus Kairo von einem Theaterworkshop, sie schenkt mir einen ägyptischen Schal, dazu einen zweiten, schließlich hängt sie mir alle vier, die sie mitgebracht hat, über den Arm. Schals? Schleier? Vierzig Zentimeter breit, einsachtzig lang, fast schon als Vorhang gut! Was soll ich damit? Und ich kann – Krys hat mich reichlich mit CDs und Büchern eingedeckt – auch der ägyptischen Musik, der ägyptischen Literatur nicht viel abgewinnen. Viel interessanter finde ich ihre Berichte »von der Straße« … Berichte über stundenlange Taxifahrten durch die Millionenkapitale, über Kino- und Theaterbesuche, über den Heiratsantrag, den ihr ein Verkehrspolizist mitten auf der Straße macht, über Demonstrationen und Ausschreitungen, über Privatgespräche mit Kollegen vom Workshop, über ihre Erfahrungen bei einem muslimischen Frauenarzt, über eine zufällige Begegnung mit dem ägyptischen Übersetzer von Cendrars und Cingria bei Macdonald’s. Wir plaudern bis nach Mitternacht, und morgen ist noch ein Tag … der arabische Frühling braucht Zeit. – L’égalité/Légalité – zu diesem Gleichklang hätte Jacques Derrida einen Monstervortrag halten, eine Abhandlung oder ein episches Gedicht verfassen können. Aber schon im Deutschen – Gleichheit/Gesetzlichkeit – fällt die Homophonie dahin und damit auch die globale Geltung dessen, was die Sprache hier zu sagen hat. Bei Derridas différence/différance ist der Gleichklang in deutscher Fassung annähernd zu retten: Differenz/Differänz. – Um auf Hohl zurückzukommen: Ich könnte … ich möchte hier eine lange Reihe von Sätzen aus seinen frühen Zeitungstexten (Brotarbeiten) anführen, Sätze, die mich wegen ihrer unverwechselbaren Konstruktion ebenso interessieren, wie sie mich durch ihre ganz selbstverständlich … ganz natürlich wirkende Unverständlichkeit nachdenklich machen. Ich beschränke mich auf ein paar wenige, zufällig herausgegriffene Extrakte (zufällig, weil es deren in diesen Texten so viele gibt), um diese singuläre Qualität zu belegen; um Ludwig Hohls poetisches (poetisch umgesetztes) Denken und die Einzigartigkeit seiner Sätze zu dokumentieren, zu denen es jedenfalls im Kontext der neueren Schweizer Literatur keinen Vergleich gibt, auch nicht bei Robert Walser. Man lese und merke: »Wir können uns nur Hohnlachen denken oder dann ein Wissen von den Dingen, die wir nie wissen.« – »Die Einöde ist vielmal stärker.« – »Da er jedoch freiwillig aus dem Haus gegangen ist, stürzt er nicht.« – »Der Himalaja, der keinen Verstand hat!« – »Ein Ringer, der sich Muskeln gebildet hatte ohne Ernährung – ein großer Krieger mit ärmsten Waffen.« – »Wer dankt dem Falter, der zum Licht flattert und in der heißen Flut einer Kerze ertrinken mag?« – »Dass wir uns nicht aufbäumen dürfen zu einem Gesamtanblick – weil wir vernichtet würden dabei …« Sätze von abgründiger Unbedarftheit, ebenso bedeutungsschwach wie sinnreich, groß und überhaupt nicht artig, dabei vollkommen frei von Kalauereien. – Nach einem beiläufigen Diktum von Anna Achmatowa ist die Poesie der russischen Moderne zur Hauptsache aus der Prosa der russischen Klassik – Gogol, Leskow, Dostojewskij – hervorgegangen. Das ist so hingesagt, eher versuchs- oder vermutungsweise denn mit dem Anspruch der Gültigkeit. Aber es könnte, denke ich, durchaus reizvoll und ergiebig sein, die Vermutung zu überprüfen … zu überprüfen, vielleicht auch zu testen, ob und mit welchem Ergebnis sich einzelne Sätze aus klassischen Erzähltexten zu Gedichten fügen ließen? Aus ›Lenz‹, aus ›Sarrasine‹, aus dem ›Traum eines lächerlichen Menschen‹! Womöglich ist Prosa … ist starke Prosa nichts anderes als rhetorisch sich auslebende Poesie? Was auch ein Hinweis darauf sein könnte, dass die Poesie der Prosa schon immer voraus war.

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