20. April

Zunehmende Galligkeit und körperliches Unbehagen. Das Kreuzbein reißt und reizt, es – das sogenannte Sacrum – ist meine physische Mitte, um die ich mich immer langsamer drehe, weil jede Drehung Schmerz bereitet. Das Sacrum ist, obwohl es doch eigentlich den ganzen obern Teil des Skeletts trägt, kein prominenter Knochen wie das Schlüsselbein oder der Oberschenkelhals, auch macht es nur sehr selten Probleme – dass es gar bricht, wie bei mir vor drei, vier Jahren, kommt so gut wie nie vor. Seither ist es, vom Migräneschädel abgesehen, zu einer verlässlichen Wetterstation geworden, die jeden atmosphärischen Wandel sofort nach oben meldet. – Ich lese wieder Cioran, bin seit vielen Jahren mit ihm beschäftigt, komme stets von neuem auf ihn zurück, habe alle seine Bücher mehrfach gelesen und lese sie weiterhin mit Gewinn, bisweilen auch mit Irritation, Enttäuschung, Unverständnis. Aber immer wieder. Cioran gehört zu den Wenigen, von denen ich vermuten darf, dass sie ähnlich ticken wie ich. Ticken und tricksen. Auch er mag keine Toten beklagen; auch er verabscheut, wenn Babys »gezeigt« werden; auch er fühlt sich hingezogen zu Ländern wie der Mongolei, wo es »mehr Pferde als Menschen« gibt; auch er macht die Erfahrung, dass unsereiner am meisten Lebenszeit im gesellschaftlichen Umgang vergeudet; er weiß, was für ein selbstzerstörerischer Luxus die Aufrichtigkeit ist; er hat begriffen, dass der Zweifel trostreicher ist als jeder Glaube; er fasst sich an den Ellenbogen und träumt vom »Augenblick, da nichts mehr uns gehört«; er mutmaßt, dass die, die sich abwenden von uns, uns verachtend, letztlich in unserm Interesse handeln; und er wünscht sich: »Ach, wäre man doch unbeleidigbar (inhumiliable)!« Enttäuscht war ich dann aber doch darüber, dass auch dieser zynische Eremit sich von einer wohlmeinenden Frau hinter den Kulissen jahrzehntelang hat bekochen und bemuttern lassen, und dass er noch in seinen späten Jahren – der Fall ist durch einen umfangreichen Briefwechsel dokumentiert – eine sehr viel jüngere Dame mit klischeehafter Phrasendrescherei und seniler Wehleidigkeit für sich zu gewinnen hoffte. Damit dementierte er in seiner Lebenspraxis das Image des souveränen Einzelgängers und radikalen Menschenverächters, das er sich in der Öffentlichkeit selbst geschaffen hatte. – Zum dritten Mal in Folge heute ein Hitzetag mit Höchsttemperatur um dreißig Grad, abends dann aber so kühl, dass ich doch wieder einheizen muss, das Feuer lässt sich bei dieser Wetterlage nur schwer entfachen, und wenn es endlich brennt, kann’s im nächsten Augenblick wieder kollabieren. Weiter mit Potocki, mühsame Kleinarbeit, ich darf nicht dran denken, wie viel mir noch fehlt … was da noch kommt. – Unfassbar sind für mich die Berichte von Józef Czapski, für den die ›Suche nach der verlorenen Zeit‹ in sowjetischer Lagerhaft zum großen Trostbuch wurde. Czapski hat seine Mitgefangenen an diesem Buch teilhaben lassen, indem er daraus vorlas und darüber berichtete. Es kann sich dort nur um das Faszinosum einer absoluten … einer leeren Gegenwelt gehandelt haben, die selbst im Krieg von der Realität so weit abgerückt bleibt, dass sie sich aufwendige Gefühle und Bedürfnisse wie Neid oder Neugier leisten kann – ein Faszinosum vielleicht bloß deshalb, weil die Proustsche Unzeit zumindest für Minuten oder vielleicht einmal für eine halbe Stunde die mörderische Lagerwirklichkeit mit zwar falschem, aber realem Glanz zu überstrahlen vermochte. – Alles, was in diesen Breiten »in« ist, kommt von außen – räumlich aus andern Kulturen und Kontinenten, zeitlich aus früheren Epochen. Phänomene wie Piercing, Tattooing, Irokesenfrisur, Yoga, Kabbala, Kamasutra, Schamanismus, Schauerromantik, Halloween, Geheimbündelei, Wikinger- und Keltenverehrung usf. werden kritiklos übernommen, dabei verfälscht und oft missbraucht. Die Postmoderne ist wohl die erste durchweg imitative Kulturepoche der westlichen Welt, mit Prioritäten wie Synkretismus, Exotismus, Relativismus, Plagiarismus, Simulation usf. Was ich in meinem Versuch über die ›Faszination des Fremden‹ bei den Russen recherchiert und als Charakteristikum ihrer Nationalkultur herausgestellt habe, ist bei uns nun ebenfalls erreicht – eine Imitations- und Fakekultur, die dem Verschnitt, dem Schwulst, dem Müll, dem Recyling Vorrang einräumt vor der Unverwechselbarkeit individuellen Kunstschaffens. – Stets wieder die Enttäuschung im Kriminalroman, im TV-Krimi, im Film, wenn sich der Täter als krank, als verrückt herausstellt – erklärlich wohl daraus, dass der gewöhnliche Verbrecher naturgemäß einer von uns Normalverbrauchern ist; dass wir großmehrheitlich virtuelle Verbrecher sind, aus Anstand, Angst oder Feigheit aber nicht zur Tat schreiten. Der Verrückte als Serienkiller oder Attentäter enttäuscht, weil er der Ausnahmefall eines Verbrechers ist und deshalb auch nicht wie alle andern vor Gericht gezogen und bestraft werden kann. – Bin mal wieder kurz in Wien, komme am Barfüsserplatz bei einem Straßenverkäufer vorbei, der an schwankenden Garderobenständern Herrenhosen unterschiedlicher Größen ausgehängt hat. Die Hosen wehen im Pusztawind, ein winziger Tourist – eine Art Knabengreis – nähert sich dem Stand, sieht sich die Ware an, beginnt sofort zu schreien, zu fluchen und … und tritt mit dem Fuß wild gegen die klammen Hosen, die offenbar verkocht worden sind und sich dabei zu unförmigen Schwarten verfestigt haben. In der durchsichtigen Telefonzelle gleich daneben hockt ein schrill gekleideter junger Mann mit silbernen Zacken als Kopfschmuck tief auf der Kloschüssel und müht sich brüllend mit dem Scheißen ab. Tut mir leid, tut mir nicht leid, aber ich muss dringend weiter, irgendwo drüben erwartet mich Schmatz, mit dem ich ein Buchprojekt besprechen soll. Ich laufe quer über die mehrspurige Fahrbahn, werde von allen Seiten angehupt, komme natürlich zu spät, entschuldige mich dafür. Ich bin jetzt halt, sagt Schmatz, ein Publikumsverlag, und fragt, was ich anzubieten habe. Neben ihm steht, sehr gut gekleidet und freundlich lächelnd, Philipp Ledebur, sein Geschäftsführer, und weiter draußen am Ende der Bank wartet ein mir unbekannter Mann darauf, in das Gespräch einbezogen zu werden. Es ist sehr hell, am gegenüberliegenden Schattenhang erkenne ich mein ehemaliges Elternhaus, das mir allerdings völlig fremd vorkommt. Ilma Rakusa kehrt nach langer Abwesenheit zurück, sie bedauert, etwas sehr We-… etwas sehr Wichtiges verpasst oder verloren zu haben. Ich vermute, es geht um ihren Arbeitsplatz oder ihren Mann. Ich fühle mich befreit, berichte ihr von meiner Absicht, Armenisch zu studieren, Polnisch aufzubessern, einen Russischkurs für Fortgeschrittene zu besuchen. »Und aber Türkisch?«, fragt sie. »Ich nehme auch Farsi«, antworte ich.

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