22. Mai

aaaaaBleibt kein Du
aaaaaund kein Hauch sonst wenn eine
aaaaaNacht wie Wir hereinbricht von unten.
– Kurz nach vier Uhr – mitten in der Stille, mitten im Dunkel – bin ich aufgewacht, nicht aus einem bösen Traum, bloß aus dem Schlaf. Keine Müdigkeit, keine Unruhe, kein Schmerz; nur die Vorahnung einer Migräneattacke … das leichte, kaum merkliche Gefühl, als zeichnete mir jemand (wer denn sonst?) die Schädelnähte nach – ein Kitzelkurs von der linken Schläfe über den Scheitel und hinunter zum Nacken. Keine Lust zu lesen oder im TV durch die Pornokanäle zu zappen, kein Antrieb zum Schreiben. Also mache ich mich barfuß auf den Weg durch die Wohnung, die auf der Süd- und auf der Ostseite ganz wenig indirektes Licht von den Straßenlaternen bekommt. Barfuß über Eichenplanken und Tonplatten, dabei immer wieder anstoßend an Stuhlbeinen, Tischkanten, Bücherstapeln, dennoch eine Runde nach der andern drehend auf einer in sich selbst verschlungenen Strecke, die der liegenden Acht gleicht. Und so fort während fast einer Stunde. Dann noch einmal zu Bett und durchgeschlafen bis neun. Die Baguettes beim Bäcker sind schon ausverkauft. – Gegen Mittag stapfe ich bergwärts zum Wald, der steinige Weg hat sich unter dem strömenden Regen in ein vielfach verzweigtes Rinnsal verwandelt, aus dem steilen Abhang rechter Hand steigt in zähen Fetzen der Wärmedunst. Tatsächlich ist im Wald noch die Wärme von gestern gestaut, die Luft unangenehm feucht und schwer wie in einem Treibhaus, der Schweiß tropft mir aus dem Nackenhaar in den hochgestellten Kragen der Jacke. Plötzlich fühle ich akuten Zuckermangel, fast wird mir schwindlig, ich lege mich rücklings auf ein Stapel von entrindeten Baumstämmen, lasse mir Schweiß und Regen übers Gesicht, über die Hände laufen. – Im Sonntagsmagazin der NZZ kommt ein Bericht über ein titelloses anonymes Buchwerk aus dem 15. Jahrhundert (ehemals Privatbesitz Rudolfs II., heute Beinecke Library), das auf zweihundertsechsunddreißig Seiten einhundertsiebzigtausend Schriftzeichen und dazu unzählige Illustrationen in sich schließt. Die Geheimschrift ist bis heute nicht entziffert, der Autor nicht eruiert, die Illustrationen (pflanzenartige, tierartige, menschenartige Fantasiegestalten) lassen sich auf keine bekannte Wirklichkeit beziehen. Das Buch insgesamt bleibt auch nach zahlreichen Deutungsversuchen unverständlich – ist es ein Rezeptbuch? eine Enzyklopädie? ein Traumbuch? eine Hexenfibel? Die Tatsache, dass es in der Handschrift keine einzige Korrektur gibt, keine Löschung, keine Überschreibung, keine Durchstreichung, wirft zusätzliche Fragen auf. Klar ist aber, dass dieses Buch, wäre es als Rezept- oder Gebetbuch bestimmbar, bestenfalls noch als Rarität von Interesse wäre – seine Unverständlichkeit ist Voraussetzung … ist geradezu Garant für seine Geltung, seinen Wert, das Interesse, das man nach wie vor dafür aufbringen kann, es ist ein Buch, in dem … aus dem jedes Detail spricht, solang es nicht »verstanden« ist. – Das gibt es auch – dass man eine Szene so oft gesehen, eine Melodie so oft gehört hat, dass man sie nicht mehr ertragen kann. Dazu zählen für mich diverse Opernmomente bei Wolfgang Amadeus Mozart, zum Beispiel die szenische und musikalische Engführung von Papageno/Papagena und Tamino/Pamina. Dennoch hat mich Krys nun dazu gebracht … mich dafür gewonnen, mit ihr zusammen auf 3sat die Neuinszenierung der ›Zauberflöte‹ unter Simon Rattle anzusehen und mitzuhören. Hören und Sehen sind mir allerdings, wie befürchtet, schon bald abhanden gekommen; statt dessen habe ich mir während der Aufführung einige Gedanken über die Namen der Protagonisten gemacht – wie sie aufeinander bezogen, miteinander vertauscht, ineinander verschränkt werden. Manche Namen und Figuren stehen – nicht anders als Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Vernunft und Fantasie – in einer konträren Paar- und Wechselbeziehung, werden also zugleich parallelisiert und konfrontiert. Die Paarigkeit – Doppel, Duo, Duett – wird in den Namen der Protagonisten lautlich vorgeformt. Viele Doppelgängerfiguren tragen – in unterschiedlichsten künstlerischen Medien und unabhängig von ihrer sprachlichen Heimat – gleich oder ähnlich klingende Eigennamen, deren analoge Lautgestalt (etwa bei Gogol – Dobtschinskij/Bobtschinskij oder im deutschen Volksmund Hinze/Kunze, Krethi/Plethi usf.) wiederum in einem Analogieverhältnis zu ihren Trägern stehen. Dass diese Analogie auch dann funktionieren kann, wenn die Doppelgänger gerade nicht harmonisch aufeinander eingestellt, sondern als Gegensatzpaare oder Schizofiguren konzipiert sind, wäre durch manch ein prominentes Beispiel zu belegen. Der bei Robert Louis Stevenson als fingiertes Double auftretende Dr. Jekyll/Mr. Hyde – in Wirklichkeit eine Spaltfigur – trägt wohl zwei ganz unterschiedlich klingende Namen, die die Spaltung zu bestätigen scheinen, doch werden Einheitlichkeit und Identität der Person Jekyll/Hide auf symbolischer Ebene dadurch wieder hergestellt, dass der Name »Hyde« zugleich die exakte homophone Entsprechung zum englischen Verbum »(to) hide« (verbergen) bildet, wodurch das fatal-ingeniöse Versteckspiel des Dr. Jekyll (homophon zu »(to) kill«, töten) lautlich gewissermaßen programmiert und, darüber hinaus, auf subtile Weise enthüllt wird, bevor die Lösung auf der Erzählebene geklärt ist. Jekyll/Hide wird dadurch indirekt – allein über den homophonen Wortklang – als eine Person erkennbar gemacht, die verbirgt, dass sie ein Mörder ist. So weit ins Symbolische geht Emmanuel Schikaneder, Mozarts Librettoverfasser, mit seinem Papageno nicht – der muss sich, obwohl auch er (»halb Mensch, halb Vogel«) als ein Doppelmonstrum konzipiert ist, mit einem einzigen Namen begnügen. Die Paar- oder Doublebeziehung ist zutiefst durch den Automatismus von Aktion/Reaktion geprägt. Die Befreiung daraus kann nur dann gelingen, wenn das Paar beziehungsweise die Doppelgänger ihrerseits verdoppelt werden und über Kreuz neue Konstellationen eingehen. Usf. Ich gebe zu, dass man sich durch die ›Zauberflöte‹ auch zu andern, gewichtigeren Überlegungen animieren lassen könnte, doch mir genügt für diesmal die Anregung, über Eigennamen und Namengebung einerseits, über Paarigkeit und Spaltung anderseits nachzudenken – auch wenn ich beim Nachdenken … auch wenn ich vor lauter Nachdenken von der Oper weder etwas gesehn, noch gehört habe. Krys wird mir über die Inszenierung berichten, sie war – ganz Aug und Ohr – dabei.

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