24. Februar

»Freiheit!« – Millionen wollen sie und brüllen nach ihr in Tunesien, Ägypten, Gaza, Bahrain, Iran und anderswo. Befreiung wovon? Von Repressionen aller Art, von Zensur, Überlieferung, Willkür, Vorurteilen, Ungleichheit. Freiheit wozu und wohin? Die ersten großen Befreiungsakte in Kairo (wie früher schon im Irak) waren Plünderungen, war die Zerstörung … war der Raub von nationalen Kulturgütern aus öffentlichen Sammlungen. Freiheit gegen Ungleichheit! Die muslimischen Brüder wollen mehr Freiheit, um mehr Gleichheit im Sinn des Korans und der Scharia durchzusetzen, die demokratischen Kräfte wollen sich befreien zur Gleichheit mit dem Westen, suchen das Wohl im Supermarkt und das Heil in der Macdonaldisierung, wollen mehr Spaß und mehr Geld und garantierten Urlaub haben. Was ja alles berechtigt ist. Was auch alles zu haben ist … zu haben um den geringen Preis einer Gleichheit, die wiederum nichts anderes ist als Unfreiheit. Freiheit lässt sich … Freiheit kann … Freiheit gewinnt nur in der Ungleichheit ihren Sinn, dort, wo eine Vielzahl von Differenzen und damit eine Vielzahl von Entscheidungs- und Wahlmöglichkeiten bestehen. Freiheit bewährt sich nicht im Entweder-oder, nur im Sowohl-als-auch. – Mit Joseph Roth bin ich nun zum zweiten Mal durch, habe alle Romane und die großen Erzählungen wiedergelesen. Das grandiose Finale bot unlängst der ›Radetzkymarsch‹. Die Erfahrung … das Abenteuer des Wiederlesens gerät mir immer wieder zur Schwelgerei, weil ich mich den Texten aus reinem Interesse und aus reinem Vergnügen zuwenden kann … weil ich nicht darüber schreiben, sie also auch nicht auf bestimmte Vorgaben hin abfragen und prüfen muss. Solches Lesen hat eine besondere Qualität und bringt weit mehr Lust- und Erkenntnisgewinn als die forschende oder kritische Lektüre, bei der bekanntlich alles ausgeblendet wird, was aktuell nicht von Interesse ist. Hier ist nun alles von Interesse, und nichts ist nicht der Rede wert. Eine Schwierigkeit bei Roth ergibt sich daraus, dass die selben Örtlichkeiten und das selbe Personal beziehungsweise die selben Orts- und Personennamen in mehreren Werken wiederkehren – mit ein Grund dafür, dass man … dass ich die Plots beim Memorieren gelegentlich durcheinanderbringe. Allerdings wird mir gleichzeitig auch das Schwinden der Erinnerungskraft bewusst. Von komplexeren Erzählungen wie der ›Beichte eines Mörders‹ oder ›Die 1002. Nacht‹ bleiben mir eher gewisse Beschreibungsdetails im Gedächtnis (Physiognomien, Gegenstände, Interieurs) als der Gesamtzusammenhang der jeweiligen Geschichte oder einzelne Episoden daraus. Der positive Effekt dieses Defizits besteht darin, dass die Lektüre als solche … dass die jeweils aktuelle Lektüre eben dadurch an Intensität gewinnt. Auf das Lesen selbst, und nicht mehr bloß auf das Gelesene kommt’s mir heute vor allen Dingen an. – Unsere Tagung hat diesmal in einer Schwarzwaldklinik stattgefunden, war gut besucht, ist grade abgeschlossen worden, und sehr viele Leute – Referenten, Zuhörer, Dolmetscherinnen, Licht- und Tontechniker – eilen nun, alle gleichzeitig, zu der provinziellen Bahnhaltestelle, wo auf Schmalspur ein Nostalgiezug wartet … eine mattschwarz aufpolierte Dampflok vor drei oder vier Waggons alten Stils, mit offenen Abteilen, geblümten Brokatpolstern, wunderschönen Messingarmaturen usf. Gleich beim Einsteigen wird mir klar, dass bereits sämtliche Sitzplätze belegt sind, und mehr als das – ich sehe, dass viele Passagiere zwischen den Sitzbänken kauern, auf den Knien herumrutschen, teilweise hocken oder liegen sie in grotesker Verrenkung aufeinander. Eins der Abteile ist freilich von einem einzigen Fahrgast besetzt, der sich breit hingeflegelt hat, die Beine ausstreckt, die eingegipsten und von einem Gestell gestützten Arme weit ausbreitet. Der Mann lacht aus seiner Rücklage zu mir hoch und sagt triumphierend: Reserviert! Also versuche ich mich auf einem Stehplatz zwischen Dutzenden von Schuhen und Knieen aufrecht zu halten, während die Bahn mit Stampfen und Pfeifen lostuckert und sehr langsam an Fahrt gewinnt. In Holderen muss ich umsteigen, um nach Freiburg zu kommen, kenne mich hier jedoch überhaupt nicht aus, muss unbedingt den letzten Zug erreichen, gehe zum Infodesk, um mich nach den nächsten Anschlüssen zu erkundigen. Eine attraktive rothaarige Dame in unattraktiver Schürze hört sich meine Frage an, kommt sogleich hinterm Schalter hervor, führt mich zu einem der abgewetzten Fauteuils und beginnt umstandslos mit der Untersuchung. Ich soll mich untenrum freimachen … und sie betastet mit geübten Griffen meine Leisten, wiegt in den hohlen Händen mein Geschlecht, setzt ohne Vorwarnung mit einer blitzschnellen eleganten Geste …

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