24. Mai

Habe gestern die Übersetzung von Schestow abgeschlossen (bleibt das Nachwort), muss nun noch diverse Zitate verifizieren, einzelne Stellen kommentieren, alles sehr aufwendig, da Schestow mit Fremdtexten sehr sorglos verfährt und seine Exzerpte (besonders, wenn er sie selbst übersetzt) den eigenen Überlegungen anpasst. Insgesamt eine Kärrnerarbeit, auf die man sich … auf die ich mich nicht allzu oft einlassen sollte: Es gäbe so manches Eigene noch zu tun. Derweil warte ich auf den Lektoratsbericht zu Potocki, bin trotz positiven externen Rückmeldungen (von mitlesenden Kollegen) weiterhin skeptisch. Zwar weiß ich, dass mir mit dem Text etwas Ungewöhnliches gelungen ist, bin mir aber keineswegs sicher, ob Ungewöhnliches dieser Art überhaupt noch gefragt ist – überhaupt noch? Überhaupt schon? Frühere Bücher von mir – ich denke an ›Leben Lamberts‹, an ›Literatur und Aviatik‹, an die Gedichtbände ›Unzeit‹ oder ›Echtzeit‹ – sind leider tatsächlich vor ihrer Zeit erschienen, blieben bei Kritik und Publikum weitgehend unerkannt, wurden aber vielfach referenzlos abgekupfert. Allzu oft hat mich mein Vorsprung ins Hintertreffen gebracht, als dass ich nun meinen Potocki zuversichtlich auf den Weg bringen könnte. Ändern kann ich nichts mehr, auch habe ich keinerlei Einflussmöglichkeiten im Literaturbetrieb. Rezensenten und Juroren tun sich schwer mit meinen Sachen, weil sie immer schon verstanden haben möchten, bevor sie sich ans Lesen machen – was heute bei den meisten Neuerscheinungen im Prosabereich durchaus möglich ist, was bei mir aber nicht gelingen kann, da ich nicht die Verständigung mit dem Leser suche, sondern voraussetze (mir jedenfalls wünsche), dass der Leser über meinem Text – ob erzählt oder gedichtet – sein eigenes Verständnis entwickelt und damit einen Sinn gewinnt, für den ich als Autor nicht zuständig bin und schon gar nicht garantieren kann. – Ich denke nun schon an ein nächstes Projekt, das ich aus meinen Tagebüchern entwickeln, nicht aber chronologisch anlegen will, sondern in mehreren (fünf? sechs?) Jahresschichten, die den gesamten Kalender vom ersten Januar bis zum 31. Dezember parallel durchlaufen. Das heißt – jedem der dreihundertfünf- oder dreihundertsechsundsechzig Jahrestage sind meine Aufzeichnungen aus den vergangenen fünf, sechs Jahren zugeordnet. Unter dem heutigen Datum des 24. Mai stünden also auch die Eintragungen vom gleichen Kalendertag in den Jahren 2012 bis 2008 oder 2007. Der Text bekäme dadurch, obwohl kalendarisch organisiert, eine zeitliche Tiefenschärfe von mehreren Jahren, würde also an einem einzigen Tag ganz unterschiedliche, vielleicht widersprüchliche Geschehnisse und Befindlichkeiten festhalten, die ansonsten auf der progressiven geschichtlichen Achse weit verstreut wären. Die Parallelisierung der Jahre an jeweils einem Tag wird zu unerwarteten Kontrastbildungen führen und kann dadurch auch triviale Einzelheiten in spannungsvollen Zusammenhängen aufscheinen lassen. An einem und demselben Tag kann folglich die Sonne brennen und kalter Regen fallen, kann es stürmen und windstill sein, kann ich in München Sarah Nemtsov und in Genf meine französische Übersetzerin treffen, kann ich stundenlang Schestow übersetzen und gleichzeitig Jean Paul lesen, kann ich mit Grippe das Bett hüten und mit Krys eine Vernissage besuchen usf. Der Text wird sich, absatzlos durchgeschrieben wie auf dem Notebook oder im Notizbuch, zusammensetzen aus beiläufigen Notizen, aus Entwürfen zu größeren Arbeiten, aus Traumprotokollen, Erlebnis- und Lektüreberichten, Erinnerungen, Exzerpten, Gedichten und Gedichtentwürfen, Glossen zum Tagesgeschehen usf. Nachdem ich in den vergangenen zehn, zwölf Jahren sowohl in essayistischen wie in lyrischen Texten konsequent auf den Einsatz der ersten Person Einzahl verzichtet habe, geht es mir nun in diesem Fall gerade darum, die Möglichkeiten der Ichposition, der Ichperspektive, des Ichsagens in allen Registern zu erproben, vor allem im Hinblick auf die Durchsetzung von Authentizität einerseits, auf die Inszenierung von Fiktionalität anderseits. Ansatzweise und entsprechend unsystematisch habe ich ein vergleichbares Interesse auch schon in ›Haupts Werk Das Leben‹ oder in ›Freie Hand‹ praktiziert, ohne aber den realen Zeitverlauf mit einzubeziehen. Auch stelle ich mir diesmal – im Rückblick auf große Unternehmungen wie Henri-Frédéric Amiels ›Tagebuch‹ oder ›Die Spielregel‹ von Michel Leiris – ein umfangreiches Textkonvolut vor, das zum Durchlesen einlädt und das beim Durchlesen eine epische Allüre gewinnt, die den Fragmentcharakter und die thematische Diversität der Aufzeichnungen zu einem »Werkganzen« synthetisiert. Einst hatte ich doch aber notiert: »Wer ›ich‹ sagt, hat mit sich gebrochen.« Klar, dass ich eher am Bruch als am Ich interessiert bin. – Musik hören – am besten, am liebsten im Dunkeln, unabgelenkt durch visuelle Eindrücke und Fremdgeräusche. Die Begeisterung mancher Musikliebhaber für Musik live … für Konzertbesuche oder TV-Übertragungen kann ich nicht teilen – das Wippen, Nicken, Fuchteln, sich Beugen, sich Wiegen, sich Recken der Musiker kommt mir lächerlich vor, und es irritiert, weil es einerseits vom rein musikalischen Geschehen ablenkt und weil es anderseits das Musizieren gegenüber der Musik zu stark hervortreten lässt. Am schlimmsten empfinde ich dieses Phänomen bei der Oper – hier wird die Musik zum Überbau und muss der Gravitation der Realien gehorchen: Kulissen, Requisiten, Kostüme, die Stereotypie der Gesten, die konvulsive Körpersprache – alles steht, finde ich, der Musik als solcher entgegen, entwertet sie zum klingenden Kommentar dessen, was im Libretto steht und auf der Bühne geschieht. Da lobe ich mir meine CDs, den Kopfhörer, den Sessel im halbdunklen Zimmer. – Wessen Leben ist egal. Lage und Werke kommen im künstlichen
aaaaaNebel klarer an den Tag. Dort – also jetzt – wird auch Gewesenes
aaaaanie nicht gewesen sein. Zu kriegen aber kaum und weiß der Gro-
aaaaader Große Bruder wie zu verlieren. Denn alles – Sowohl wie
aaaaaAuch – gehört zu dieser viel zu langen Kurzgeschichte die aus
aaaaalauter vergessenen Namen besteht. Namen besteht. Von Zoar
aaaaabis Amen und Ach. Dachte man doch was keiner sich merkt
aaaaaist immer nichts wert. Kehrt’s dann im Rückspiegel wieder – oder
aaaaain einem andern Gesicht – ist es verloren ans Glück. Ein Klick
aaaaaund das Verlorene bleibt gespeichert im Futurum Zwei. Futurum
aaaaaZwei. Denn men are only known in memory und kehren von dort
aaaaanie zurück. Sind gegenwärtig in der Vorvergangenheit wo kein
aaaaaAlphabet beginnt und niemand heißt und nichts Eins
aaaaaist. Eins ist – könnte man sagen – alles andere und das andere ist aber
aaaaadas was fehlt. Soviel zum Grundsätzlichen. Das worauf es ankommt
aaaaaist das Unbedarfte. Der Zufallstreffer. Das Stolpern. Der fatale Ver-
aaaaaVersprecher. Der Zusammenprall naja der Weltkulturen. Der Clinch
aaaaader leeren Versprechen von gestern. Der Stern am heutigen Himmel.
aaaaaDer Ewigkeitskern im hiesigen Wort. All you don’t want. Derweil das
aaaaaGewünschte immer schön dagewesen ist und aber nicht bemerkt und
aaaaanie gebraucht. Auch der Ost von heute früh – nur ein Hauch – hätte
aaaaagut sein können für den Sturm der morgen das Wesentliche schleift.
– Bei der Augenärztin wegen des ständig tränenden Auges rechts. Mögliche Diagnosen: Allergie; Entzündung; verstopfter Tränenkanal. Allergie kommt nicht in Frage, da ja nur das eine der beiden Augen betroffen ist; Entzündung, Verstopfung können rasch ausgeschlossen werden. Was bleibt? Diagnose: Das Auge tränt, weil es zu trocken ist und deshalb zu viel Flüssigkeit produziert, also braucht’s gegen das Überfließen Zufuhr von Tropfen – Symptombekämpfung durch Symptomförderung? – Gestern mit Krys in Solothurn zur Verleihung der Schillerpreise; langwierige Feier – Laudationes, Grußadressen, Lesungen – im vollbesetzten Landhaus. Die aktuelle Schweizer Literatur, zumindest die deutschsprachige, scheint (so gut wie) vollzählig vertreten zu sein. Bin erstaunt darüber, dass sich Dutzende von schreibenden Kollegen freiwillig zu einer solchen Veranstaltung bemühen, um zu sehen und gesehen zu werden im Dunstbereich von Schriftsteller-, Verleger-, Buchhändlervereinigungen, BAK und Pro Helvetia. Peter Bichsel, geehrt für sein Lebenswerk und als Hauptpreisträger heftig beklatscht, bezaubert das Publikum mit einer rührenden Geschichte über den Human touch zwischen Literat und Leser – ein deutscher Liebhaber des Großschriftstellers Vladimir Nabokov verbringt während Jahren seinen Urlaub auf einem Campingplatz bei Montreux, um sich tagsüber in der Hotelhalle des Grand Palace einzurichten und dort auf das Auftauchen Nabokovs zu warten. Erst im siebten Jahr geschieht es, dass der Weltberühmte an dem inständig Wartenden »vorbeigeht«, und das war’s denn auch – das ganze Glück des Lesers, den Autor leibhaftig »erlebt« zu haben. Bei Bichsel läuft die Geschichte darauf hinaus, dass Nabokov den unscheinbaren Mann in der Lounge, an dem er scheinbar achtlos vorübergeht, wohl doch als einen Fan erkannt hat und ihn als »seinen allerbesten Leser überhaupt« in Erinnerung behält. Das ist die Apotheose des Unbedarften, das ist die Kolportage des althergebrachten literarischen Klischees, wonach es bei fiktionalen Texten stets um den realen Autor geht, was zu dessen naiver Verwechslung mit dem Erzähler oder gar dem Helden führt. Eine allzu bequeme … eine bedenkliche Lektion. – Morgen kommt Krys aus ihrem Wiener Workshop (bei Schwendter) zurück; sie wird am Flughafen in Zürich die Bahn nach Yverdon nehmen, wo ich sie kurz nach Mittag abholen will. Danach absolvieren wir wohl die gewohnte Einkaufstour durch die Altstadt, verbringen – so hoffe ich – den späteren Nachmittag in meinem Garten, gegen Abend wollen wir gemeinsam kochen. Bis dann muss ich meine Korrekturen für Matthes & Seitz abgeschlossen haben, sollte die Bilder für einen eigenen Fotoband zusammenstellen und mit Theo Leuthold ein gestalterisches Konzept dazu entwerfen, für die NZZ steht ein Weekendessay über vergessene Autoren der frühen Sowjetliteratur an (Waginow, Krshishanowskij, Petrow u. a.) – ein kaum einzuhaltendes Programm. – Vormittagstour nach Orbe – zum Schuhmacher (Gürtel um drei Löcher kürzen; neue Sohlen für die halbhohen Gartenschuhe), zum Uhrmacher (Ventura Watch einstellen lassen), zum Copyshop (zwei Texte aus meiner ›Steinlese‹ auf Halbkarton kopieren lassen – als Geburtstagsgabe für Hans-Jost Frey); dazu die Einkäufe auf dem Wochenmarkt (Spezialbrote aus L’Isle, Käse und Honig aus Vaulion, Tischwein aus Arnex). – Aufzeichnungen von Ulrich Schacht bei MSB – rund ein Vierteljahrhundert umfassend, mehrheitlich bestehend aus Kommentaren zu Kommentaren (Presse, TV usf.), fast ausschließlich politisch angelegt, literarisches Interesse nur dort, wo auch politisch Relevantes abzurufen ist. Alles auf hohem stilistischem Niveau, leicht démodé, mit ausgeprägter didaktischer Tendenz, stark fixiert auf deutsche Fragen und Interessen, geprägt vom eigenen Opfergang durch die späten Jahre der DDR – eine souveräne, vorwiegend behauptende Prosa ohne Argumentations- und Erwägungsrhetorik. Der Autor ist sich seiner Sache so sicher, dass er Meinungen als Überzeugungen, wenn nicht als Wahrheiten glaubhaft macht. Über sein eigenes Schreiben gibt Schacht kaum etwas zu lesen. Vereinzelt rückt er starke Naturskizzen in der Art von Prosagedichten ein. Schnee ist seine Leitmetapher, widerspricht aber letztlich seinem aufklärerischen Moralismus. Ich kann den Texten über weite Strecken zustimmen. Dass ich an keiner Stelle irritiert bin … dass kein Widerspruch aufkommt, empfinde ich bei dieser engagierten Essayistik als Defizit. Irgendetwas fehlt dann eben doch. Der schmutzige Daumen. Aber nicht das Fehlende ist der Fehler. Der Fehler ist, dass hier des Guten zu viel geboten wird. Wär’s bloß öfter so! – Was ist das Faszinosum der Doppelgängerei? Zweimal ein Gleiches gleichzeitig vor sich zu haben, genügt dafür nicht – was sollte daran von Interesse sein? Man wird allenfalls nach Differenzen Ausschau halten, weil zweimal der Selbe ja eigentlich nicht sein kann … nicht sein können. Doch darüber hinaus? Redundanzen, Pleonasmen provozieren nicht Spannung, sondern Ungeduld, vielleicht auch Ärger. Anders beim Spiegel – das Spiegelbild zeigt wohl ein Gleiches, zeigt es aber seitenverkehrt: Narziss verliebt sich in sich selbst als einen Andern, ohne die standortbedingte Verfremdung zu erkennen; er kann sich im stehenden Wasser wohl in seiner Schönheit betrachten, nicht aber so sich sehen, wie alle andern, die nicht er sind, es können. Doppelung und Spaltung sind im Double auf paradoxale Weise gleichermaßen präsent. Wenn ich mir die zahllosen Doppelgängerkonstellationen, die sich in den europäischen Mythen und Literaturen herausgebildet haben, unterm Gesichtspunkt ihrer wechselseitigen Funktion vor Augen führe, erkenne ich die folgenden Varianten: 1) gleiche beziehungsweise ungleiche Geschwister, wozu als modellhafter Sonderfall die Zwillingspaare gehören; 2) gleiche beziehungsweise ungleiche Freunde oder Freundinnen; 3) doppelgängerische Widersacher; 4) doppelgängerische (»symbiotische«) Paarbildungen Mann/Frau, Mutter/Sohn, Vater/Tochter, Herr/Knecht usf.; 5) Schizo- beziehungsweise Zwitterfiguren als Folge von Persönlichkeitsspaltung; 6) fiktionale Doppelgängerkonstellationen wie Schatten-, Spiegel-, Traumgestalten. Das Double von Körper und Schatten ist in diesem Zusammenhang ein besonders interessanter Sonderfall, obwohl es als Alltagsphänomen ständig präsent ist und auch in den Künsten als Motiv oftmals wiederkehrt. Körper und Schatten bilden ein zugleich ähnliches und unähnliches Paar. Die offenkundigste Differenz besteht darin, dass der Schatten grundsätzlich flächenhaft, der Körper aber dreidimensional ist. Dazu kommt, dass sich der Schatten je nach Lichteinfall und Lichtintensität merklich verändern kann, dennoch aber in der Regel eine erkennbar ähnliche Kontur aufweist wie die zu ihm gehörige Person. Schwerer oder gar nicht erkennbar ist die Ähnlichkeit (und damit die visuelle Doppelung) zur Mittagszeit, wenn der Schatten besonders kurz und entsprechend verzerrt ist.

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