26. Mai

Der unansehnliche Morgen entwickelt sich zu … schlägt um in einen frühlingshaft strahlenden Tag mit rasch ansteigender Temperatur, die wie aus schwarzem Filz ausgeschnittnen oder … oder wie aus Ruß und Rauch gepressten Wolkenfetzen lösen sich ziemlich plötzlich auf, scheinen wegzuschmelzen in der nun fast schon sommerlichen Wärme. Der wundersame Witterungswandel ist wohl, abgesehen von dem leichten Kater (nach zu viel Weißwein gestern Abend) und vom nachwirkenden Schlafmangel, der Auslöser meines jetzigen gravierenden Migräneanfalls, diesmal im Verein mit akuten Durchfällen und Rückenschmerzen – ein »Verein«, der sich bei mir in schweren Fällen (leider also oft genug) einstellt. Diesmal wird die Attacke schlagartig – während draußen der idyllische spätherbstliche Ausnahmezustand herrscht – so unerträglich, dass ich nicht mehr liegen, nicht mehr sitzen, nicht mehr nachdenken, nicht mehr klagen kann. Ich verabreiche mir einen Cocktail aus Dafalgan, Ponstan, Codein, Dicetel, etwas später – noch keine Linderung zu spüren – gebe … nehme ich Opiumtinktur dazu. Gehe in der lichtdurchfluteten Wohnung mit gesenktem Kopf auf und ab, hin und her und immer am Rand des gerade noch Aushaltbaren, bleibe manchmal gegenüber der nun sinkenden Sonne stehn, lasse mich blenden, möchte nie wieder was andres sehn als diese Helle, nichts andres als nichts. Und plötzlich ist’s vorbei. Alles nur gewesen. Der Schmerz weicht einer Klarheit, einer jähen sinnlichen Aufnahmebereitschaft, ja…ach, einem Glück, das ich nur … das mir nur nach solch extremer Schmerzerfahrung zufällt. Verdient wodurch? Verdient wozu? Und übrigens reicht dieses Glück immer nur für ein paar Schritte, nie bis zur nächsten Krise. Und diese kommt schon mit dem nächsten Wetter- oder Stimmungsumschwung. Also früh genug. – Das Tagebuch von Witold Gombrowicz ist ein weitgehend fiktionales Werk, nach Stil und Intonation (und auch thematisch) kaum von seinen Romanen zu unterscheiden – ein fingiertes Tagebuch, als dessen literarischer Held der Autor selbst vorgeschoben wird. Im Übrigen ein Tagebuch, das ohne Daten auskommt – vermerkt sind nur die Jahre; die Tage werden benannt (Montag, Dienstag usf.), nicht aber gezählt. Der Erzählcharakter des Tagebuchs tritt umso stärker hervor, als Gombrowicz fast durchgehend in der Vergangenheitsform berichtet, also bereits Geschehenes und nicht aktuell Geschehendes rapportiert. Dass es ihm gleichwohl über tausend Seiten hin gelingt, eine prekäre Authentizität aufrecht zu erhalten, ist bemerkenswert … ist das eigentlich Bemerkenswerte an diesem falschen (gefälschten) Lebensdokument. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass Gombrowicz das Falsche nicht nur zu seinem hauptsächlichen Thema macht (Verkleidung, Täuschung, Grimasse usf.), sondern die Fälschung auch als literarisches Verfahren praktiziert. Daraus entwickelt sich … daraus entwickelt er ein monströses Textmonument seiner selbst, in dem sich Eitelkeit, Ruhmsucht, Neid, Verachtung, Überhebung, aber auch Selbsterniedrigung auf tragikomische Weise zur Erhabenheit steigern. – Bilden Originaltext und Übersetzung ein doppelgängerisches Paar? Ist der übersetzte Text ein Schatten … ein Echo … ein Remake des Originals? Im Normalfall bietet die Übersetzung auf der Aussageebene des Texts eine Analogie zum Original, lässt aber dessen Lautgestalt völlig außer Acht. Lautlich gibt es zwischen dem deutschen »Wald« und dem französischen »forêt« keinerlei Ähnlichkeit, sehr wohl indes zwischen »Wald« und »wood«, aber auch zwischen »forêt«, dem englischen »forest« sowie dem deutschen »Forst«. Die phonetische Paarigkeit muss von der semantischen klar unterschieden und auch in sich differenziert werden – sie reicht vom exakten Gleichklang bis zu vager Ähnlichkeit. Russisch »mors« (Fruchtsaft) ist homophon zu lateinisch »mors« (Tod); englisch »I« (ich) oder »eye« (Aug) stimmt lautlich genau mit dem deutschen »Ei« überein, ohne dass es deswegen (oder auch dessen ungeachtet) die geringste bedeutungsmäßige Entsprechung zwischen den drei Begriffen gäbe. Beispiele dieser Art sind sowohl innerhalb wie auch zwischen den unterschiedlichsten Sprachen in großer Zahl namhaft zu machen. – Ich füge hier, zur Ergänzung und Erhellung, meine Lektürenotizen zu Alain Robbe-Grillets letztem Roman ›Die Wiederholung‹ ein, dessen französische Originalausgabe 2001 unter dem Titel ›La reprise‹ erschienen ist. In diesem Buch wimmelt es geradezu von Doppelgängern aller Art, nicht zuletzt von solchen, die als (unübersetzbare) Lautphänomene oder Klanggestalten auftreten und auch nur als solche Bestand haben. Die hier auf die Spitze getriebene sprachinterne Doppelgängerei beginnt mit dem Werktitel, der für das im Text angewandte Wortpaarungsverfahren als programmatisch gelten kann. »La reprise«, ein schlichtes Wort mit allerdings großer Bedeutungsvielfalt, steht zunächst für »Wiederholung« und deutet in der Tat an, dass in dem späten Roman zahlreiche Themen und Motive aus früheren Werken wiederholt, das heißt erneut aufgegriffen und ausgeführt werden. Das Titelwort bezeichnet aber außerdem so unterschiedliche Vorgänge und Gesten wie »Neubeginn« oder »Nachvollzug«, »Zurücknahme« oder »Aufschwung« u. a. m. Durch die Wiederholung wird ein Gleiches immer wieder als ein Anderes vergegenwärtigt, und eben dadurch, dass es wiederholt wird, gewinnt es – nach Kierkegaards ›Wiederholung‹, der das Motto zu ›La reprise‹ entnommen ist – die Qualität einer »Erinnerung in vorwärtiger Richtung«. Der zentrale Erzählimpuls geht nicht vom Icherzähler als handelnder oder sprechender Person aus, sondern von dessen Namen, genauer: von der Lautgestalt seines Namens, der ständig variiert und als reiche Assoziationsquelle genutzt wird: »Henri Robin«, Klangmaske und damit lautlicher Doppelgänger des Autors Alain Robbe, ist auch »H. R .« (in französischer Aussprache »Asch-Er«, also Ascher), tritt als geheimdienstlicher Kundschafter unter diversen Pseudonymen auf, trägt u. a. auch den Zwillingsnamen »Markus« und »Walther von Brücke« (d. i. »Dupont« – du pont = von der Brücke – in Robbe-Grillets früherem Roman ›Les gommes‹), ist mit einer Geliebten namens Joëlle Kast (Doppelgängerassoziation: Jokaste) zugange und findet sich unvermittelt in der Rolle des Ödipus wieder. Lautliche Doppelgängereien dieser und ähnlicher Art finden sich in der ›Wiederholung‹ zuhauf, sie bleiben im Wesentlichen auf Personen- und Ortsnamen beschränkt, lassen beim Leser, trotz ihrer Fülle und klanglichen Variationsbreite, mehr und mehr die Einsicht aufkommen, dass Robbe-Grillets zahlreiches Romanpersonal letztlich doch nur aus einem Paar, nämlich dem (einen) Erzähler und seiner (einen) Geliebten, die nur eben unter verschiedensten, lautlich subtil aufeinander bezogenen Namen ein kaum entwirrbares Handlungsgeflecht – wie Spinnen ihr Netz! – aus sich hervorbringen … Literarisch, sprachlich, klanglich realisierte Paarigkeit! Mit Rückgriff auf den Dichter und Dichtungstheoretiker Gerard Manley Hopkins ließe sich vielleicht sagen, dass überhaupt »alles Formale« an literarischen Texten auf »das Prinzip des Parallelismus« zurückzuführen sei – die Metapher, die Parabel, die Parodie ebenso wie die Alliteration, die Assonanz oder der Reim. Dichterische Verfahren wären dann wohl durchweg als doppelgängerische Prozesse zu begreifen. Doch nicht bloß in der Kunstliteratur sind solche formalen Paarbildungen von grundlegender Bedeutung, auch in der Alltagssprache – auf der gesamten Bandbreite zwischen Kalauer, Liebesgeflüster und Werbespruch – haben sie ihre bestimmende, ihre unverzichtbare Präsenz.

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