28. Mai

Der Mai macht sich davon, er hat wenig Licht und wenig Lachen gebracht. Auch der heutige Tag beginnt in kühlem Dunst, obwohl er doch auch die hohe Zeit des Jahrs ankündigen könnte – mit linder Luft, erhebender Wärme, hellen Abenden. Die Erderwärmung lässt zumindest in diesem Gefilde auf sich warten. Nun steht der Juni an, und der hat hier auch schon mal – vor drei, vier Jahren – mit Schnee aufgetrumpft. – Nachts mit starken Schmerzen, der linke Arm tut weh bis in die Achselhöhle und über die Schulter hinunter zur OP-Narbe. Verdacht auf Thrombose? Ohne auch nur eine Stunde geschlafen zu haben, erwache ich gegen vier Uhr früh, fühle mich schwer krank, Stirn und Nase sind verstopft, ich habe Atemnot, Schluckbeschwerden, Kopfweh, bin überlaufen von kaltem Schweiß. Ich kann mich kaum rühren, stemme mich dennoch aus dem Bett, schlucke ein Antifieber- und Antischmerzmittel, taste mich zurück, finde lange keine passende Lage zum Weiterschlafen, der Kopf expandiert, scheint nach allen Seiten platzen zu wollen. Ich überlege, soll ich nochmals aufstehn und in der Wohnung herumstapfen, bis mich der Schlaf, falls überhaupt, wieder einholt? Aber ich muss dann plötzlich eingeschlafen sein, nehme teil an einer Klassenzusammenkunft in einem Interieur der 1960er Jahre, mit Wohnwänden, flauschigen Teppichen, Keramikvasen, Wechselrahmen mit Tierbildern usf. Auch Franziska (oder Susanna?) ist da, sie zeigt mit gerecktem Fingerchen auf mich: Naja, der Herr Bauch! Ich seh an mir herab, trage ein enges grünes T-Shirt mit Schnürverschluss, und tatsächlich wölbt sich überm Gurt ein schwangerer Bauch, der mich in der Runde bei all den altbekannten Leuten offenbar sympathisch erscheinen lässt. Beim Aufwachen keinerlei Schmerz mehr, keine Behinderungen. – Ich bin immer wieder erstaunt bei zweisprachigen Textausgaben, dass – und wie stark – das Schriftbild unterschiedlicher Sprachen differiert, nicht allein nach dem Textvolumen, sondern nach dem visuellen Eindruck. Eine Doppelseite Latein/Deutsch zum Beispiel lässt den Unterschied zwischen den Sprachen auf der Schriftebene deutlich hervortreten, noch bevor man mit dem Lesen beginnt, und der Unterschied ist fast so augenfällig wie bei Sprachen mit unterschiedlichen Alphabeten, etwa Griechisch/Kyrillisch. Aber auch Polnisch/Französisch oder Bulgarisch/Serbisch weisen innerhalb des gleichen Alphabettypus deutliche Unterschiede auf, sei’s auch bloß im Gesamteindruck der Textseite, der von deren Grauwert bestimmt ist. Doch wie bildet sich dieser Grauwert heraus? Welches sind seine Komponenten? Welche Rolle spielt die durchschnittliche Wortlänge im jeweiligen Text? Die dadurch bedingte Anzahl der Leerstellen? Und was an dieser merkwürdigen Beobachtung ist überhaupt relevant? Und wofür? – Erdbeben in der Emilia Romagna, fast anderthalb Tausend Kirchen, Kapellen, Palazzi aus dem 14. bis 17. Jahrhundert sind ganz oder teilweise zerstört, Fabriken, Straßenzüge, Schulen, Spitäler eingestürzt, dazu vierzehn Tote – was zählt hier als Schaden? Was ist versichert? Die Toten können nicht zurückgeholt, die Ruinen nicht wieder aufgebaut werden, wie sollte man die Verluste an Natur und Kultur beziffern? Oder gar bewerten! Doch was soll’s – in Kürze wird diese furchtbare Katastrophe vollkommen vergessen sein und allein die Sache derer bleiben, die unmittelbar von ihr betroffen sind. Wir Außenstehende wissen Bescheid, doch welche Verwendung sollten wir für solches Wissen haben? Gegen Hilflosigkeit und Mitleid und Verzweiflung kann nur Gleichgültigkeit helfen, doch auch die nützt – gleichsam als Imprägnierung – einzig uns, und nicht den Betroffenen. Wir überleben in dem Maß, wie wir verdrängen. Wie denn anders? Es gibt von allem zu viel – Hunger, Geld, Schmerz, Glück, Unglück, Hass, Spaß, Korruption, Sponsoring, Verschuldung, Gewinn, Sonne, Fortschritt, Aberglaube, Geilheit, Ungerechtigkeit, verschmutzte Luft, verseuchtes Wasser, verstrahlte Erde, Plastiktüten, Kriegsmaterial, Kriegsgewinne, Kriegsverluste, Sportrekorde, Fehldiagnosen, Schrottfahrzeuge … – »Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.« Geblieben ist von dieser Notiz Theodor Wiesengrund Adornos der viel und meist falsch zitierte Satz, nach Auschwitz könne (solle, dürfe, werde) kein Gedicht mehr geschrieben werden. Einerseits also das historisch dokumentierte Faktum Auschwitz, anderseits die pauschalisierende Behauptung, wonach »heute« (aber morgen?), kein »Gedicht« mehr zu »schreiben« sei – keine Gedicht, das ist hier kollektiv gemeint: keine Gedichte, keine Lyrik. Das Diktum war schon am Tag seiner Verkündigung überholt. Gleichwohl wird es bis »heute« unablässig zitiert, als hätte es irgendeine Aktualität bewahrt. Die Intention Adornos wird dadurch in ihr Gegenteil verkehrt; wenn er den Horror von Auschwitz in seiner Unsäglichkeit herausstellen wollte, dadurch, dass er ihm gleichsam die Dichtung opfert, so bedeutet die trivialisierende Kolportage doch nichts anderes, als dass Auschwitz der Vergessenheit überlassen wird: Unsägliches ist nur in der Dichtung adäquat zu fassen und über die Zeit hinaus zu bewahren, und wo es Dichtung nicht mehr gibt oder geben soll, bleibt das Johlen, das Verhallen.

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