29. März

Auftritt beim Arthur-Lourié-Festival in Basel – ich wirke auf Einladung von Stefan Hulliger (Präsident Lourié Society) als Rezitator mit. Lese Gedichte von Anatol von Steiger in meiner Übersetzung, einzelne davon auch im originalen russischen Wortlaut. Auf dem Programm sind nebst Kammer- und Klaviermusik auch Kunst- und Volkslieder von Lourié. Im Publikum erkenne ich mehrere Bekannte aus meiner Basler Studienzeit; Niklaus und Anke von Steiger sind aus Bern angereist, Simonida Simonides aus Lausanne. Krys – overdressed – trägt mit dreister Eleganz ein krähenblaues Businesskostüm, dazu ein helles mädchenhaftes Gesicht, strahlende graugrüne Augen mit – dennoch! – einem Funken von Verwegenheit. Nach der Veranstaltung plaudern wir im Café Kafka kurz noch mit den Musikern, überlegen, ob wir das Literaturkonzert auch anderswo anbieten sollten – im Silser Waldhaus, im Zürcher Rigiblick, in der Roten Fabrik? – Felix = F/Exil! – warum nur hab ich diesen buchstäblichen Zusammenhang zwischen »Glück« und »Exil« bisher nicht bemerkt? Zu einseitig ans Glück gedacht? – Ich bin zu Gast bei Hans Frey, seiner Frau Bea Matt und deren Söhnchen Saumon. Die Familie lebt in einer dunklen, altmodischen, unaufgeräumten Wohnung mit niedrigen Zimmern, die um einen Lichthof herum angeordnet und durch eine Galerie miteinander verbunden sind. Es gibt viele Topfpflanzen im Haus, einige davon schlingen sich um die vertikalen Trägerbalken oder quer durch die gedrechselten Sprossen des Galeriegeländers. Überall sind Bücher, aufgeschlagene Kataloge, Drucksachen, Briefe ausgelegt. Bea Matt zeigt mir ein Telefonbuch, in dem lauter Werktitel von Max Frisch verzeichnet sind. Gerade habe ich Frischs »Buch« gelesen, bin einigermaßen enttäuscht – da! Schau doch, zum Ende hin gibt es immer mehr weiße Stellen, die letzten Seiten sind leer. In Frau Matts voluminösem Katalog ist das Werk nicht aufgeführt, auch bleibt unklar, ob es sich um ein Tagebuch oder eine Erzählung handelt. Die Gesprächsatmosphäre ist unterschwellig gespannt und von Misstrauen geprägt. Hans Frey tritt hin und wieder mit einem beschwichtigenden Einwurf dazwischen, scheint aber kein Interesse an einer Diskussion zu haben. Derweil rennt Saumon an- und aufgeregt durch die Wohnung, jagt seinem Odradek nach, zupft und zerrt an den bis zum Boden herabhängenden Tischtüchern, lutscht an einem Briefbeschwerer, bis er ihm aus Mund und Händen gleitet und über den gescheckten Teppich unter den Sekretär kullert. Der Kleine verkriecht sich zwischen den schweren verstaubten Möbeln, um den Beschwerer zu suchen, erkundet nun aber lieber die unteren Schubladen des Sekretärs, bis Herr Frey unwirsch zum Aufbruch mahnt, Saumon an die Leine nimmt und mit ihm die Wohnung verlässt. Ratlos, wortlos bleibe ich mit meiner Frau zurück und überlege nur noch, ob und wie ich aus diesem Patt jemals wieder herauskomme. – Bei François Jullien lese ich Interessantes über Konfuzius und das chinesische Verständnis von Weisheit – plötzlich habe ich … glaube ich einen mir bisher unbekannten Schlüssel zu meinem eigenen Schreiben in der Hand zu haben. Was Jullien vom konfuzianischen Weisen berichtet, nämlich dass er an keiner Idee hängt, dass er, statt fortzuschreiten, an der Stelle tritt und stets auf das Selbe zurückkommt, ohne darauf zu beharren, hat Geltung auch für mich. Mit dem Denken des chinesischen Weisen stimmt mein poetisches Schreiben insofern überein, als es nicht erklärt, sich nicht erklären lässt und nur zu Nachdenklichkeit Anlass geben kann, nicht zu objektivem Erkenntnisgewinn; es bedient sich keiner vorgefassten Redeweise, keines vorgegebenen Standpunkts, auch keines vorgegebenen Ziels; es ist ein Tun und Lassen des Möglichen, dessen Wirklichkeit das Unmögliche ist. Poesie hält sich alle Wege offen, ungeachtet von Logik, Konvention, Richtigkeit, Nützlichkeit usf., sie sucht den Einklang mit dem Lauf der Dinge, nicht mit der Systematik der Begriffe; bewährt sich am Einzelfall, Ausnahmefall, Sonderfall usf., meidet das Allgemeine oder lässt Besonderes als Allgemeines gelten; nimmt alles in allen Details wahr, um es so betrachten und einwirken zu lassen. Nichts ist für die Poesie … nichts ist für mein poetisches Schreiben von vornherein positiv oder negativ, nichts wird vorab verworfen oder hochgehalten, alles wird durch sie in die Möglichkeitsform versetzt, Reales wie Irreales. Allein über das Mögliche realisiert sich poetisches Denken und Handeln. Unter daoistischen Prämissen gewinnt all mein Geschriebenes (es geht hier einzig um Poesie) unversehens jenes Selbst-Redende, jene Selbst-Verständlichkeit, von der ich sonst so weit entfernt bin – eigentlich müsste ich, so gesehen, ein daoistischer Philosoph sein, der im schriftlichen Sagen jene präzise Vagheit und auch jene vage Präzision erreicht, in der fernöstliche, vor allem zen-buddhistische »Weisheit« adäquat zur Sprache kommt, ohne aber zielgerichtet zur Sprache gebracht zu werden. – Um sechs Uhr in der Früh aufgestanden mit üblen Kopfschmerzen, Tee gebraut (Eisenkraut), Nachrichten gehört, dann hinauf in den Wald. Von Frühling keine Spur, obwohl es gegen sieben bereits taghell ist – es bleibt kalt, düster, feucht wie im späten November. Der Weg ist glitschig, es gibt noch vereinzelte Eisschwielen, ich rutsche aus, rutsche ab, stolpere über die eigenen Füße. In dieser grauen Stille fallen umso mehr die nun häufiger werdenden Singvogelstimmen auf, sie geben nur zaghaft Laut, scheinen aufeinander zu antworten. Ein einziger Specht ist am Klappern, wird nicht müde, seinen Schnabel an der Baumrinde zu erproben. Bin schon dabei, auf halbem Weg umzukehren, weil mir das Schmelzwasser und der dreckige Matsch die Schuhe schwemmen – da bricht plötzlich die Sonne herein, legt ihren grellen Schein schräg zwischen die Stämme und vergittert den Wald mit schmalen, scharf gezeichneten Schatten. Also weiter. Die Schuhe, voller Wasser, quietschen.

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