30. November

Ich war heute auf meinem Rundgang ziemlich in Gedanken verloren, nahm außer meinen wechselseitig vorspringenden Schuhspitzen nichts von der Umwelt wahr, hatte plötzlich einen Einfall und dazu auch noch dessen passende sprachliche Formulierung parat, als mich unerwartet im Vorübergehen jemand grüßte und so – mit einem Wort – die gerade eben herangereifte Frucht meines Nachdenkens kappte. Der Gruß hat mich die Idee gekostet. – Gemeinsamer Seitensprung mit Krys. Wir haben im Basler Nobelhotel Des Trois Rois für diese Nacht ein Zimmer mit Sicht auf den Rhein und den Tüllinger Hügel reserviert, sind schon am mittleren Nachmittag eingetroffen, wurden in der Drehtür von uniformierten Lakaien und Grooms mit Verbeugungen und mehrsprachigen Grußformeln empfangen. Wie zu Felix Krulls Zeiten! Weniger nobel sind offensichtlich die Hotelgäste, mehrheitlich wohl neureiche Russen, spießige Chefs mit Escortgirls, Professoren mit ihren Privatdozentinnen, asiatische Touristen mit Digitalcameras, iPads, iPods, Kopfhörern, Ferngläsern – alle scheinen sie direkt aus Heidiland oder aus dem Büro zu kommen, ohne Haltung, ohne Stil, nur daran interessiert, sich erst am Buffet, dann im Bett gütlich zu tun. Nicht anders als wir. Wir setzen uns in den Wintergarten, wo unter Zwergpalmen der Barpianist klimpert; wir beginnen und bleiben beim elsässischen Weißwein, reden über Gott und die Welt und über uns selbst, um die Lächerlichkeit und Peinlichkeit der Situation zu überspielen. Die Dämmerung sinkt rasch herab, der Stress erhöht sich. Im Rhein, der unterhalb des Hotels ruhig vorbeizieht, spiegeln sich die fünf großen goldenen Sterne und die Krone im Namen der Drei Könige. Hätten wir bloß schon das Frühstück hinter uns. – Das ist heute ein seltener, dabei ganz gewöhnlicher Tag. Ein Tag zwangloser Normalität – ohne Hektik, ohne Schmerz und Überdruss, ohne Termine, ohne Langeweile, ohne Migräne, ohne Frustration. Ein Tag unaufwendiger Wellness, ein ereignisloser und dennoch erfüllter Tag. Ein Tag wie wenige sonst. – Von Botho Strauß lese ich seit jeher alles, und all das Gelesene behalte ich auch im Regal. Über Jahre hin haben wir locker und ziemlich unergiebig korrespondiert, jetzt bietet sich die Gelegenheit, den Mann … die Gelegenheit, den Autor kennenzulernen. Die Fahrt zum Gutshof in der Uckermark dauert so lang wie ›Der Fremde‹ von Camus, doch ich hab zusätzlich den ›Billy Budd‹ dabei, den ich noch nie im Originaltext gelesen habe. Prompt verpasse ich über der Lektüre den Zielbahnhof, steige bei der nächstbesten Station aus. Ein zufällig daherfahrender Landwirt bringt mich auf seinem Traktor zurück nach Grünheide. Da sind die beiden Häuschen des Gutshofs aufgestellt, dazwischen gibt’s – es ist weit über Mittag – so etwas wie ein Frühstück mit Milchkaffee … und schon queren wir, Strauß hat mir ein Ersatzpaar seiner Marschschuhe geliehen, die unansehnliche karge Landschaft, kommen an einem Teich vorbei, der privat sei, machen Rast auf dem kleinen Steg – Anlegestelle für das mit echten Kriegsfarben getarnte Kinderschlauchboot –, verbleiben für ein Weilchen in der Hocke, bis Strauß plötzlich, außer sich, aufspringt und laut ausrufend zum Himmel zeigt. Ich seh’s ja auch! Ein tuckerndes Kleinflugzeug versprüht in Form von rasch verwehenden wolkigen Niederschlägen irgendwelche Düng- oder Kampfstoffe, es tuckert und sprüht. Du-da-oben! schreit der Dichter und reckt das struppige Kinn und droht mit nackter Faust, Du-da-du-da-oben-gehörst-du-verdammt-nochmal-a-a-abgeschossen-gehörst-du! Und an mich gewandt (schon etwas leiser): Sowas wie eine Kalaschnikow sollte man haben. Auf dem Rückweg reden wir … redet Strauß über Antisemitismus als Korrektiv rationalistischen Fortschrittsdenkens, über die Winterverpackung subtropischer Bäume im Park von Sanssouci, über das deutsche Feuilleton, das ihn konsequent verkenne, über die singuläre Vorbildlichkeit eines Jürgen Graf von der Wense und des ebenfalls krass unterschätzten Nicolás Gómez Dávila, über Kleinsparer, Schauspielerinnen, Rentner, Egofirmen, über Archaisierung als nachhaltigste Methode der Modernisierung, über das alte Wahre und dass es bei Gott nicht zu retten sei, schließlich und ganz allgemein über all das Verkommene und die viel zu großen Verluste ins All, die wir uns nun wirklich nicht mehr leisten könnten. Nur im Glauben, dass niemand sonst existiert, lebe man ruhig. Ich sehe schon, verstehe auch, dass der Dichter Strauß hier bei sich zu Haus ist, wenn auch nicht mit sich im Reinen. Darauf folgt ein eher prosaischer Abschied. – Eins meiner schlimmsten und peinlichsten Defizite ist der Mangel an Geistesgegenwart, das heißt – an Witz und Treffsicherheit zum unmittelbar gegebenen, stets einmaligen Zeitpunkt. Beides, Witz wie Treffsicherheit, bleibe ich in aller Regel schuldig, mir selbst wie meinem Gegenüber auch. – Wieder Regen, leicht mit Schnee untermischt; einst wäre dies das optimale Kinowetter gewesen; doch wo bleiben die Filme – in den 1960er, 1970er Jahren war ich wöchentlich mehrmals im Kino, heutige, auch höchstprämierte Filme (Haneke, Ozon, Sokurow, Tarantino, Polanski, Sofia Coppola usf.) lassen mich gleichgültig, wenn nicht gelangweilt nach Hause gehn, wo ich mir dann umso lieber zum wiederholten Mal eine DVD mit Filmen von Samuel Beckett oder Jean Eustache oder Agnès Varda ansehe. – Nie ruht ja die Welt
aaaaaund was dazu gehört
aaaaanicht auf dem Buckel der Luft …
aaaaaWas für eine Niederlage
aaaaabei soviel Licht!
– Bin um fünf Uhr früh, noch einigermaßen benommen vom nächtlichen Zusammenstoß mit Krys, aufgestanden, um die Notate der vergangenen Tage abzuschreiben. Doch gerät mir das Abschreiben meistens zum Neuschreiben, weil mir dabei immer noch etwas einfällt, was ich bei der ersten Niederschrift vergessen oder nicht beachtet hatte. – Die Empfehlung, »einmal auch etwas von Volkoff zu lesen«, habe ich aus einem Gespräch mit dem inzwischen verstorbenen Youri Gutsatz in Erinnerung behalten. An der Gare de l’Est kaufte ich mir damals ›Eine etwas verstaubte Geschichte‹, eine schmale Broschüre, ein Stück starker Literatur. Vladimir Volkoff ist, wie mir erst viel später deutlich wurde, ein Autor mit ähnlichem biografischem und erzählerischem Profil wie Romain Gary – Liebhaber von Pseudonymen und Mystifikationen, beschäftigt mit … besessen von Themen, die auch mich seit langem interessieren: Verwechslung, Übersetzung, Doppelung, Verrat, Fälschung, Usurpation, Maskierung, Entführung usf. Ich habe in der Folge allerdings nur einen von Volkoffs zahlreichen Romanen gelesen, ›Le trêtre‹, eine kompilatorische Wortschöpfung aus »traitre« (Verräter) und »prêtre« (Priester), die man deutsch mit »Der Verträter« wiedergeben könnte und die als sprachliches Konstrukt die Thematik des Buchs – das Doppelleben eines Mannes als Priester und Spitzel unter einem despotischen Regime – ingeniös auf den Punkt bringt. Nicht nur mit Gary, auch mit Nabokov teilt Vladimir Volkoff manche Interessen, nur verschwendet er seine Intelligenz und sein offenkundiges Talent in permanentem grafomanischem Exzess. – Wer hat mir diese Ferienwohnung überlassen? Alles liegt hier unordentlich herum, die Wände sind unverputzt, der Mörtel zwischen den Wackersteinen bröckelt, die stillos zusammengewürfelten Möbel ducken sich wie ausgestopfte Tiere in ihren eigenen Schatten, auf allem scheint eine unsichtbare feuchte Hand zu lasten. Im Erker stoße ich auf eine Liegematte mit himbeergrünem Bettzeug, drum herum verstreut oder … oder auch eigens arrangiert finden sich Gegenstände aller Art, darunter eine schwarze Amphore mit vertrockneten und geknickten Rosen, Bücher, Steine, aus Moos geformte Figuren. Es gibt in der Wohnung kein einziges Fenster, das Licht fällt durch einen engen Schacht auf all den Ramsch herunter. Ich nehme mir vor, die Wohnung als gemütlichen Bunker zu nutzen, kontrolliere das Notstromaggregat, die Ventilation, die Öl- und Seifenvorräte, schlage hin und wieder ein Buch auf, komme aber übers Stöbern nicht hinaus. Ich weiß, ich muss, um mich vor dem Happy End zu retten, sofort abreisen, kriege aber meine Sachen nicht mehr zusammen, kann nicht mal meine Schuhe finden, habe auch keinen Schlüssel, um die von außen verriegelte Wohnungstür zu öffnen. Bin also gefangen, vielleicht schon vergessen, vielleicht schon verloren. Vielleicht! – Vielleicht sollte ich dennoch warten, bis jemand kommt, bis Iris wiederkommt? – Über viele Jahre hin ist man im Fernsehen mit den immer gleichen Gesichtern konfrontiert – man beobachtet, wie Sprecher und Sprecherinnen, Moderatoren, Kommentatoren, Reporter, Schauspieler altern und wie dabei ihr Gesicht allmählich zur Maske wird, fülliger, schmaler wird, ledrig und faltig wird, einen flehentlichen Ausdruck annimmt und in diesem Ausdruck zunehmend erstarrt. Blick und Stimme werden stumpf, die Routine wird zur freundlichen Gleichgültigkeit. Doch bis zuletzt quälen sich alle das obligate Lächeln ab und zeigen möglichst viele ihrer matt schimmernden Zähne. Im Spiegel beobachte ich an mir selbst ein Gleiches; einzig die Qual des Lächelns erspare ich mir. – In der NZZ am Sonntag ein Interview mit dem achtzigjährigen Jean-Luc Godard, der mich wie immer frappiert durch seine Selbstgewissheit und Luzidität, seine grimmige Menschen- und Weltverachtung. Nun wird er pflichtgemäß weithin gefeiert, auch in Hollywood, will aber seine Preise nicht mehr abholen, weil er sie als Heuchelgaben durchschaut. Schade nur … eine Tatsache aber, dass manche von Godards jüngeren Filme wie auch seine jüngsten Bücher vieles, fast alles vermissen lassen, was ich an ihm einst so hoch zu schätzen wusste – seine Art, schneidend zu sein … seine Weigerung, schnittig zu sein. – Wach um sieben. Noch ein Novembermorgen, der mir ganz und gar echt vorkommt, weil er so unwahrscheinlich ist … weil er so ungreifbar ist. Der Nebel ist herabgezogen bis auf Augenhöhe, in der feinkörnigen Dunkelheit schweben die grünblauen Lichtblasen der Straßenlaternen; dann – gegen acht Uhr – treten aus dem aufkommenden Dämmergrau ganz langsam die Bäume und Sträucher hervor, flache löchrige Gebilde wie … wie Scherenschnitte. Bis zur vollen Tageshelle ist es noch weit; wer weiß, ob und wann sie heute in Kraft tritt. – Wie das Wort als Satz … als Aussage in Kraft tritt, ist ein interessanter, oft staunenswerter Vorgang, der aber im alltäglichen wie im literarischen Sprachgebrauch so weitgehend automatisiert ist, dass man ihn gemeinhin unbeachtet lässt. Dies betrifft vor allem den Appellcharakter von Eigennamen, Interjektionen, Flüchen und, naturgemäß, Imperativformen aller Art. Seit Jahren sammle ich dazu Beispielmaterial, das ich zu gegebener Zeit für einen größern Essay über Einworttexte nutzen möchte. Dazu würden dann auch Werktitel, Pseudonyme oder – als minimalistisches Schriftbildwerk – die Künstlersignatur gehören. Einen ebenso komplexen wie amüsanten Einworttext gibt es von Jacques Derrida, der einen Essay über Francis Ponge mit »Signéponge« betitelt hat, einem kontaminierenden Neologismus, der sowohl als Überschrift wie als Unterschrift funktioniert. Das Wort – zusammengezogen aus den Elementen »signé« und »Ponge« – steht für die Feststellung: (Dieser Text ist) unterzeichnet von Ponge. – Der kürzeste und tiefste Schatten ist der der Maske. – Der Witterungswechsel über Nacht, dazu der Vollmond … Anlass genug für meine Migräne, sich mal wieder dreist bemerkbar zu machen; sie tut’s, um des Gleichklangs willen, indem sie schmerzhaft zerrt und zehrt, diesmal besonders schlimm im Nacken, im Hinterkopf – erst gegen fünf Uhr früh schlafe ich … mit der kalten nassen Stirn auf dem Kissenrand schlafe ich endlich ein. – Vor dem Küchenfenster weht eine schlaffe, aus Nieselregen und Schneegestöber gewirkte Gardine; wie ein schwarzer Schneeball hockt eine mollige Amsel auf dem Aprikosenzweig, der nackt ins Bild ragt. – Seit Tagen bemühe ich mich … seit Tagen mühe ich mich mit John Potocki ab, die Schreibbewegung stockt, ich weiß schon viel zu viel über den Grafen, als dass ich ihn einfach loslassen … ihn seinem »neuen« Leben überlassen könnte. Wie gern würde ich mich zurücklehnen und den unheldischen Helden auf seinem Schleuderkurs beobachten. Geht nicht. Ich hab ihn nun mal am Gängelband, obwohl ich ihn eigentlich gar nicht führen möchte … obwohl ich noch immer nicht weiß, wohin ich ihn führen soll. Oder soll ich mich – das wär’s vielleicht! – von ihm hinreißen lassen? Tatsache ist, dass mein gefestigtes Erzählkonzept bereits wieder zerfleddert. Muss nochmals genau überlegen, wen ich unter welcher Perspektive was berichten lasse. Denke auch versuchsweise an eine multiple Erzählinstanz, die sich auf der Gegenwartsebene (Computerspiel; biografische Recherchen; fiktive und reale Archivalien) in der ersten Person der Mehrzahl (»wir«) artikuliert, den Protagonisten aber auf der historischen Ebene bald als sprechende Figur (»ich«), bald als besprochene (»er«) vorführt. Als Titel sehe ich nun schlicht »Leben und Werk« (Roman) vor – zu schlicht, um ansprechend zu sein? – Für zwei, drei Stunden in der Stadt, Abklärungen, Besorgungen, Einkäufe machen. Sehe mir in der Straßenbahn, im Warenhaus, im Optikergeschäft, in der Bahnhofpassage die gehetzten und vergrämten Konsumenten an, die in ihrer Mehrheit unentwegt mit ihren Handys und Smartphones und iPods beschäftigt sind – sieht so aus, als hielten die Leute das Zentralorgan ihres Körpers in der Hand, eine Art miniaturisierter Prothese zum Grapschen von Grüßen, Schnäppchen, Schnappschüssen, Terminen, Melodien, Hitlisten, Tagesmenüs, Börsenkursen, Last-minute-Angeboten, Sexkontakten, Katastrophenmeldungen. Der kraushaarige Junge dort drüben fingert so flink – fast blind – an seinem Handy herum, als lauste er einen winzigen Affen. – Gestern mit Krys im Arthouse Movie zu Andrej Swjaginzews ›Jelena‹, seinem viel gerühmten dritten Spielfilm, der mit eindrücklicher Langsamkeit einen allerdings trivialen Sachverhalt vorführt: Eine Zweitehe zwischen alternden Partnern aus gegensätzlichen Sozialdisktrikten – neureicher postsowjetischer Aufsteiger tut sich (warum wohl? wozu?) mit einer dicklichen Rentnerin zusammen, deren Sohn und Enkel außerhalb Moskaus in einem desolaten Plattenbau hausen. Der Sohn ist arbeitsscheu und arbeitslos, die pubertierenden Enkel vergnügen sich grimmig mit Computerspielen, den Lebensunterhalt bestreiten sie aus der Rente ihrer wohlhabend gewordenen Mutter, die alles für sie zu tun bereit ist, auch wenn sie dafür ihren erfolgreichen und angesehenen Mann mit faulen Betrügereien hintergehen und finanziell schädigen muss. Swjaginzews schwerfällig inszenierte Familientragödie soll uns offenkundig die betrügerische Babuschka als Symbolgestalt für Mütterchen Russland plausibel machen, vermag damit aber nur – auf peinlich unbedarfte Weise – zu langweilen. Nach zehn Minuten ist der abendfüllende Streifen insofern ausgelaufen, als man nun bereits absehen, nein, wissen kann, was folgt und wie (und mit welcher Moral) die linear angelegte Geschichte enden wird. Das reichlich unbedarfte Ende wird man sich dann auch noch als Apotheose der russischen Seele gefallen lassen müssen. Nichts für uns. Krys schlägt einen Abstecher in die Vinothek Barriques vor; beim Reden, und Fragen, und Zweifeln vergehn die Stunden, und erst zu Hause wird mir klar, dass wir … dass zumindest ich von dem herben portugiesischen Weißen zu viel getrunken habe. Die Strafe folgt prompt: Kopfschmerz, Sodbrennen, später dann Wadenkrämpfe, die vielleicht andere Ursachen haben, mich aber jedenfalls die halbe Nacht nicht zur Ruhe kommen lassen. Zwischendurch bleibt dennoch Zeit für einen bruchstückhaften Traum. Die noch jugendlich wirkende Frau ist dabei, ihre drei gleichaltrigen Söhne freizulassen, sie sollen in München oder Freising studieren, haben auch schon ihre Schlafsäcke gerollt und ihre Schulzeugnisse eingesteckt. Los! Fort-da mit euch, ja, nein, ich will keinen von euch wieder sehen, bevor ihr nicht, alle, euren Abschluss habt. Ich fahre im Lift mit den drei Jungen ins Erdgeschoss, in den verspiegelten Wänden der Kabine kann ich sie von allen Seiten diskret beobachten. Rosige Bubigesichter, runde Stirn mit hohem schwarzem Haaransatz. Alle tragen sie unregelmäßige knotige Narben unter dem dürftigen Bartflaum. Alle drei brillieren mit grünblauen kristallenen Pupillen, die sie an mir vorbei angestrengt auf den Alarmknopf richten. – Der weit verbreitete postume Respekt für Jacques Derrida ist mir, vor allem mit Blick auf Deutschland, einigermaßen rätselhaft – hier wird er besonders eifrig übersetzt und ebenso hingebungsvoll wie humorlos kommentiert. Ich meinerseits kann Derridas Philosophie … ich kann diese von Genialität und Schwachsinn gleichermaßen imprägnierten Texte streckenweise wie belletristische Reiseprosa anregend finden, kann immer wieder herzlich lachen, mich aber auch zu produktiver Nachdenklichkeit verführen lassen. Mehr nicht. Aber doch um einiges besser als das Gros der deutschen universitären Schul- und TV-Philosophie. Eins der letzten Bücher von Derrida, ›Das Tier, das ich also bin‹, kommt mir passagenweise vor wie eine Prosaübersetzung im Romanformat nach meinem Gedichtzyklus ›Tierleben‹, der freilich zwei, drei Jahre früher erschienen ist und woraus ich hier, parallel zur Derridalektüre, diese Verse extrahiere: Der Ich-Stirn
aaaaaeingeprägt die Sehnsucht
aaaaanach dem Tier. Was
aaaaableibt ist nichts
aaaaaals dieser ausgestopfte
aaaaaBalg mit dem Geschlecht für
aaaaazwei. Mit dem Gesicht
aaaaadas lacht und staubt wenn
aaaaadie Strafe es trifft. Liest ihm wer
aaaaaden leisesten Fluch
aaaaavon den Lippen. Den Namen
aaaaadessen der im Spiegel
aaaaaSchmiere steht und – während
aaaaadas Glas sich beschlägt –
aaaaavergeht. Kalt wie jeder Vergleich. – (»Die Sehnsucht nach
aaaaadem Tier hat ein gefiedertes
aaaaaGeschlecht für zwei
aaaaaim Sinn. Ein
aaaaaOpfer ausgestopft mit Staub
aaaaadas lacht wenn die Strafe
aaaaaes trifft und der Fluch dessen
aaaaader im Spiegel Schmiere steht bis auch er
aaaaa– wie jeder Vergleich – geht und vergeht.«)
– Ich lese Patrice Chéreaus Aufzeichnungen zur Ausstellung ›Visages et corps‹ im Louvre, sehe mir dazu die Illustrationen an, gewinne daraus neue Impulse, auch neue Ideen zur Inszenierung von Potockis belletristischem Leben. Bei Negt/Kluge stoße ich auf eine Notiz zu einer (fiktiven?) Reise Kleists zusammen mit seiner als Offizier uniformierten Schwester an die Westfront; dort ist auch eine Karte des Mittelmeerraums abgedruckt mit der eingezeichneten Rundreisestrecke des Odysseus – die Route ist über weite Strecken mit den Forschungs-, Berufs- und Vergnügungsreisen des Grafen Potocki identisch. – Auch wenn ich Alexander Kluge oder Jean-Luc Godard noch soviel – Befreiung! – verdanke, bin ich doch immer wieder höchst irritiert von der intellektuellen Unverschämtheit, mit der sie, jeder auf seine Weise, vorgefundene Materialien aller Art zusammenzwingen. Vieles davon kommt mir als fahrlässige Bastelei vor, anderes fasziniert und überzeugt mich als brillantes Handwerk. Habe gestern, im Arthouse Movie unerkannt neben Reto Hänny sitzend, einen neuen Film mit dem abgestandenen, offenbar ernst gemeinten Titel ›Socialisme‹ gesehen – Godard schlägt mir damit wieder einmal die Augen auf und setzt sofort auch meine Schreibhand in Bewegung! Wie hier mit Ton und Farbe und Schnitt gearbeitet wird, wie Dokumentarisches und Fiktionales, Gesehenes und Gelesenes enggeführt und im Gleichgewicht gehalten werden, das ist »sensationell« in der eigentlichen Wortbedeutung – erregt Aufsehen, vermittelt Impulse, schärft die Wahrnehmung, regt alle Sinne an, macht Lust, eröffnet Perspektiven. – Über Nacht ist erster Schnee herabgeflockt, als lockere löchrige Weiße hellt er den asphaltgrauen Morgen auf; doch die größten Menschheitsbücher finde ich – der Gedankensprung sei gestattet – nicht bei Platon oder Hegel, sondern bei Machiavelli und Clausewitz. – Wieder mit Potocki zugange; hier folgt der siebte von insgesamt dreizehn bisherigen Anfängen für den Roman: »Ich bin also verrückt. Aber bin ich nun wirklich verr… und aber wer sagt denn, dass ich verrückt bin? Oder ist das (dass ich verrückt bin) bloß die Meinung, die ich von mir habe, bloß ein Wunsch, eine Befürchtung, eine Selbsttäuschung, eine Ausflucht? Ein Fluch? Ich suche, ich haste weiter. Ich hoffe, es gibt eine Antwort. Eine Antwort kann ich nur hier vor Ort finden, indem ich jetzt die richtige Frage stelle … indem ich mich frage, was los ist mit mir, was abgefallen ist von mir, was plötzlich so anders ist bei mir. Wenn ich mich nochmals frage, wie ich in diese verrückte Situation gekommen bin, muss ich allerdings sagen … muss ich bekennen, dass mir das Leben, von dem ich nun gleich in Wort und Bild berichten will, die Augen aufgeschlagen, mich schmerzhaft geblendet, also irgendwie – auf wieder ganz andere Weise – mich sehend gemacht hat …« – Wer nichts zu sagen hat oder nichts sagen will, überlässt die Initiative den Wörtern selbst, der Sprache. Stéphane Mallarmé hat aus dieser Grundannahme seine Poetik und, darüber hinaus, die »selbstwertige« Sprachkunst der Moderne kraftvoll und folgenreich alimentiert. Wenn Mallarmé (und nach ihm namentlich Marina Zwetajewa oder Francis Ponge) die Eigeninitiative der Sprache zur poetischen Intensitätsbildung nutzte, hat der wortreiche Aphatiker Jacques Derrida (und haben mit ihm Dutzende seiner Adepten) das gleiche Prinzip mit gegenteiliger Absicht durchgesetzt – für ihn ist die sprachliche Eigeninitiative zum perpetuum mobile seines Denkens geworden; ihr überlässt er sich und überlässt er auch seine Schreibbewegung, die er mit Recht in manchen seiner ausufernden Schriften als vorläufig bezeichnet: Was er zu schreiben hat, ist das, was wesentlich zu sagen wäre, nicht aber gesagt werden kann. Bei Derrida und den Seinen ersetzt das Sprechen der Sprache das Unaussprechliche. Das Sprechen der Sprache, die Eigeninitiative der Wörter – »Differenz« oder Differänz? – ist nichts anderes als ein anderes Schweigen.

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