4. Dezember

Die Migräne ist bei mir ein Dauerzustand … sie hält sich wie ein aus weiter Ferne herrührendes Brummen dicht an der Schmerzgrenze, egal ob im Kopf oder im Bauch, und wenn sie ausbricht, bricht sie alle andern Empfindungen, überbietet und untergräbt – gleichzeitig – jedes Begehren, jeden Antrieb, auch jede Vorsicht und Verantwortung. Ich erfahre die Migräne als eine Art … als eine natürliche, wenn auch krankhafte Art der Selbstanästhesierung, von der einzig das Schmerzgefühl ausgenommen bleibt. – Aus der Hand lesen – das war einmal; auf dem Handy lesen – das ist heute die bevorzugte Lektüre. Der warme, von wimmelndem Staub durchwirkte Lichtkegel der Tisch- oder Nachttischlampe, der einst den Blick auf die Buchseiten konzentrierte, ist längst ersetzt durch das bläulich schimmernde Display des Smartphones, das immer zuerst das Gesicht des Lesers erhellt und erst danach den Sinn und Unsinn dessen, was in immateriellen Schriftzeichen dasteht oder vorüberfließt. – Golf! Es gibt kaum eine Sportart, die mich dermaßen langweilt wie das Golfspiel und … aber es gibt auch keine andere, die so viele Analogien zum literarischen, vor allem zum lyrischen Schreiben aufweist. Wie das? Das Golfspiel ist ein Spiel, das man auch im Alleingang, also außerhalb jeder Konkurrenz austragen kann. Wer’s tut, geht von einigen wenigen Vorgaben, Koordinaten und Regeln aus – unebenes Terrain, ungleich verstreute Löcher als Stationsziele, dazu ein Schläger, der nach Maß und Gewicht gewissen Vorschriften entsprechen muss. Der Rest ist Technik, ist Intuition und – Hoffnung; denn anders als beispielsweise beim Billard ist die Bahn der Kugel oder eben des Golfballs kaum zu berechnen. Ich kann noch so präzis, effizient und zielorientiert abschlagen – die Flugbahn wird in jedem Fall von den Wind- und Witterungsverhältnissen ebenso wesentlich mitbestimmt wie nach dem Auftreffen auf der Erde durch die Neigung des Geländes und die Beschaffenheit des Rasens. Entsprechend erfahre ich den dichterischen Schreibprozess: Ich akzeptiere eine Reihe von einschränkenden Vorgaben und Regeln (Textsorte, Strophenform, Metrum, Reim u. ä. m.), stelle mich darauf ein, überlasse mich dann aber verschiedensten Unwägbarkeiten (unerwarteten Assonanzen, unerwarteten literarischen Reminiszenzen, unerwarteten motivischen und metaphorischen Einfällen), die meine Prämissen und die Präzision ihrer Umsetzung stark relativieren. Auch bei noch so präziser Planung und Ausrichtung der Schreibbewegung ist deren Verunklärung, das heißt deren Verzweigung oder gar Umkehrung in den meisten Fällen nicht zu vermeiden. Regel und Zufall, Präzision und Vagheit spielen im Gedicht auf schwer durchschaubare Weise ineinander. Anders als beim Golfspiel kann ich allerdings beim Schreiben das Regelwerk eigens ändern oder mir die Regeln selbst auferlegen. – Über Nacht hat Regen eingesetzt, er rieselt in senkrechten Fäden gleichmäßig auf die vereisten Schneereste herab. Das graue Rieseln vermengt sich mit dem Plätschern und Klatschen des Schmelzwassers, das aus den Dachrinnen und durch die Abflussrohre stürzt. Heute brauche ich für den Waldgang die Gummistiefel. – Nach einer gesamtschweizerischen Volksabstimmung kommt es hierzulande nun zu einem Minarettverbot – alle maßgeblichen Behörden, Institutionen, Gewerkschaften, Kirchen und auch die meisten politischen Parteien haben sich gegen das Verbot ausgesprochen. Der Souverän – das Volk – will es nun anders; und die Initianten der Abstimmung können gleich noch einen Erfolg für sich verbuchen – das »Minarettverbot« ist zum eidgenössischen Unwort des Jahres gekürt worden. Direkte Demokratie kann nicht nur – über die politischen Eliten hinweg – die Mehrheitsmeinung durchsetzen, sie selbst setzt sich als Diktatur der Mehrheit durch. – Wie nannte man sie schon, die Zimmerleute aus Hamburg, die jedes Jahr – stets zu zweit, stets schwarz gekleidet, mit riesigem Schlapphut und Reisesack – in Basels Straßen auftauchten? Meine Mutter war von den großgewachsenen Männern mit ihren weiten flatternden Hosen fasziniert, wies beim Spazieren ungeniert mit dem Finger auf sie, erzählte mir, sie seien »tausend Kilometer zu Fuß« gegangen und kämen in der warmen Jahreszeit hierher »auf die Walz«, um Dachstöcke, Bretterzäune, Jagdhütten, Garagentore, Holztreppen zu reparieren und damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Danach würden sie in den »hohen Norden« zurückwandern, würden »dort oben den endlosen Winter mit ihren Frauen verbringen« usf. Ich glaubte aus Mutters Worten eine kleine Sehnsucht herauszuhören. Aber mich beeindruckten die kraftvollen Gesellen auch so – wie sie schweigend, rauchend, ohne sich umzusehen mit langsamen Schritten am Schulhof vorbeischlenderten. Nur konnte ich mir nicht so recht vorstellen, dass sie Gewaltmärsche absolvieren und im Freien schlafen, da es sich bei ihnen doch um »Zimmerleute« handelte, um Leute also, die eigentlich ins »Zimmer« gehören! Ja, doch, die Schwarzen gefielen mir, beeindruckten mich mit ihrer Unbeirrtheit und der stummen Souveränität, mit der sie auftraten. Eigentlich waren sie nur mit den Helden meiner Jugendbücher vergleichbar, mit Rittern, Kreuzfahrern, Goldgräbern, Kundschaftern, Kampfpiloten, aber auch mit Bösewichten der nobleren Art. – Kurze Aufhellung nachmittags. Ein Schimmer von blödem Blau zwischen hetzenden Wolkenfetzen, die sich aber schon bald wieder zu einer dicken grauen Decke zusammenschließen. Der uralte Apfelbaum im Vorgarten – ein von Efeu dicht umschlungener Krüppel – trieft von dem Wasser, dass aus seiner knorrigen, noch immer vereisten Krone abfließt. Noch mehr Schnee hätte er in diesem Winter wohl nicht mehr getragen; seinen untersten Seitenast haben wir schon im November vorsorglich mit einer Eisenstange abgestützt.

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