7. März

Zusammen mit Ulrich Schmid als Moderator und Mascha Schewerkuko als Vorleserin präsentiere ich bei Arina Kowner meine Werkausgabe von Anatol von Steiger. Der Publikumsaufmarsch hält sich in unerheblichen Grenzen, der Verleger Egon Ammann bleibt der Buchpremiere unentschuldigt fern, die Hörerschaft setzt sich aus einer Handvoll älterer Damen zusammen, junge Leute – Studierende, Buchhändler, Kritiker – sind durch ihre Abwesenheit repräsentiert. Dennoch gewinnt die zweisprachige Lesung eine gewisse Intensität, auf dem Podium entwickelt sich ein ergiebiges Gespräch und … aber schon beim nachfolgenden Stehaperitif ist der Dichter wieder vergessen – man redet über die Leipziger Buchpreise, die jüngste Großdemonstration in Moskau, die Machenschaften Wiktor Wechselbergs, die sportlichen Selbstinszenierungen Wladimir Putins, die Kunstkäufe russischer Oligarchen, die russische Mentalität, Julia Timoschenko, Gazprom und Sibneft, den jüngsten Auftritt von Pletnev in der Tonhalle. – Heute im Wartezimmer bei meiner Hausärztin, die mich zu einem Routinecheck erwartet, bleibe ich eine Weile allein mit einem Mann mittleren Alters. Es ist ein unauffälliger Zeitgenosse, der aber auffällig angespannt wirkt, unruhig mal das eine, mal das andere Bein überschlagend, sich zurücklehnend, die Hände hinterm Kopf verschränkend, nun die Beine ausstreckend – der Mann steht auf, geht ein paarmal hin und her, bleibt mit dem Rücken zu mir als graue Silhouette vorm Fenster stehen und sagt plötzlich in höchster Erregung und viel zu laut: »Und ich soll Brustkrebs haben! Schon mal sowas gehört? Ein Mann und Brustkrebs! Eine Unverschämtheit … Und wer hat sich diesen schlechten Witz ausgedacht?« – Für die heutige »Kulturzeit« auf 3sat ist ein Gesprächsbeitrag zur Kulturgeschichte des Busens angekündigt; Titel: »Lust und Frust der Brust«. Reimereien und Kalauer dieser Art sind seit langem gang und gäbe, sie gehören zum geläufigen Sprachdesign der Werbung, des Journalismus, des Straßenprotests und bereits auch des Alltagsjargons. Wie weit liegt die Zeit zurück, da der Reim noch eine Exklusivität der Dichtung war? Brust auf Lust, Herz auf Schmerz! – Abends kommt Krys auf einen Sprung vorbei, sie hat wieder mit dem Rauchen angefangen, trinkt nur noch Grün- oder Weißtee, ich genehmige mir einen Wódka Potocki zu ein paar Krümeln Peccorino sardo, dann lese ich ihr Marina Zwetajewas Requiem auf Rainer Maria Rilke in meiner Übersetzung vor, bin auch diesmal erschüttert von der Gewalt … von der Gewalthaftigkeit einer Liebes- und Abschiedserklärung, die den Tod dichterisch zu überbieten sucht: Schreibst Du weiter –
aaaaaDort? Du bist – ist Vers: bist selber beides
aaaaa– Vers und Du! Wie schreibt es sich am hohen
aaaaaOrt? Kein Tisch für Deinen Arm. Die hohle
aaaaaHand – und keine Stirn.
aaaaaaaaaaaaaaaFür mich – Kassiber!
aaaaaNeue Reime, Rainer, magst Du lieber?
aaaaaReim – das heißt nichts anderes als – wenn nicht
aaaaaNeue Reime – Tod!
aaaaaaaaaaDie Sprache: Kenn ich!
aaaaaNeu der Wohlklang, die Bedeutung – anders.
aaaaa– Nun, auf Wiedersehn! Ob wir einander
aaaaaTreffen, weiß ich nicht, jedoch zusammen
aaaaaSingen – ja! Mit der mir fremden Erde,
aaaaaRainer, mit dem Meer – ich: werde!
– Die Dichterin tritt hier in der Rolle … sie maßt sich hier die Rolle des Sängers Orpheus an, der die tote Geliebte ins Leben, in die Wirklichkeit zurückruft und sie, eben deshalb, endgültig verliert. Doch Marina Zwetajewa behauptet sich in ihrer Hosenrolle siegreich – in ihrem Abgesang bleibt der Verschiedene für immer präsent. Doch Krys findet das zu pathetisch, zu herrisch, zu sehr selbstgewiss. – Zurück in den Jura. Mieses Wetter, blöde Müdigkeit; über Nacht großer Schneefall, schwere Weiße, stetig genährt … stetig gemehrt von feinem Schneefall. Die frühe Aprikosenblust ist üppig eingedeckt mit dieser zweiten Weiße. Im Wald treffe ich auf zwei große alte Kiefern, die quer überm Weg liegen, vom Schnee gefällt.

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