Cyrus Atabay: Zu Thomas Braschs Gedicht „Lied“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Thomas Braschs Gedicht „Lied“ aus dem Band Thomas Brasch: Kargo. 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen. –

 

 

 

 

THOMAS BRASCH

Lied

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

 

Der Nicht-Mitmacher

Der Hungerkünstler Franz Kafkas, befragt, warum er denn nicht anders könne als hungern, antwortete:

Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt.

Weiterhin zur Rede gestellt, hätte er sagen können: Ich stehe für niemand anders als für mich. In sein Tagebuch hätte er die Selbstkritik eintragen können, daß er sich noch immer nicht engagiert hat. Erzähl uns aus deinem Leben: Ich kam, hätte er sagen können, aus einem Land, wo der Wind durch verstaatlichte Hirne fegt, in eine Welt aus Beton, aus einer Kälte in eine andere Kälte. Soll ich mich hier heimisch fühlen? Ich will fort von diesem alten Kontinent, aus diesem kleinen geteilten, erschöpften Deutschland, unter offene Himmel, ich sehe einen endlos weiten Strand mit weißen, der Freude hingegebenen Völkern. Oder halluziniere ich?
Thomas Brasch, geboren 1945, gehört einer Generation an, die man die „geschichtslose“ genannt hat; genauer müßte es heißen: „geschichtsverweigernde“, denn sie bietet ihre ganze Kraft auf, der Geschichte zu entkommen. Die Erfahrung der Verstümmelung des Menschen durch die Manipulationsmaschine der Menschenwelt führt zu einer gegenläufigen Kraft: die Spuren verwischen, sich ausradieren, wieder ein leeres Blatt sein, das nicht mehr beschrieben wird, nicht von den Anweisungen der Revolution, nicht von der führenden Klasse.
Dieses Gedicht (aus dem Zyklus „Der Papiertiger“), das Thomas Brasch ein Lied nennt, schwankt zwischen Ratlosigkeit und Hoffnung. Es ist ein paradoxer Zustand: jene, die man liebt, will man nicht verlassen, aber wie kann man noch atmen und leben in diesem System? Bleibt mir vom Hals mit eurer „neuen Ordnung“, was soll aus mir werden, wenn ich mich nicht bei euch aufhänge? Jede Zeile in diesem Lied wird gebrochen und widerrufen durch ein „aber“, das sich nicht begnügt. Aus dem anfänglichen Zaudern wird schon in der zweiten Zeile Trotz, der sich zur Entschlossenheit steigert.
Es ist ein kalter Stern, auf dem wir um die Sonne fliegen, kein Ort des Lebens und des Sterbens. In der letzten Zeile dieser Strophe sind endlich die Gegensätze versöhnt. Dieses „Bleiben“ ist wie ein ausgeworfener Anker in eine Zukunft, die die Reinheit einer verlorenen Vergangenheit reflektiert: Où sont les neiges d’antan?

Cyrus Atabay, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts, Insel Verlag, 2000

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